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Ausgabe:

1937 Nr. 10

Spalte:

181-182

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schieder, Theodor

Titel/Untertitel:

Die Kleindeutsche Partei in Bayern in den Kämpfen um die nationale Einheit 1863-1871 1937

Rezensent:

Lerche, Otto

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Seite 1

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181

Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 10.

182

des Verf. der quaestio. S. 25, Z. 5 v. u. ist offenbar das eine ,operantur'
zu streichen. S. 26, Z. 4 ff v. u. muß es heißen : „wenn die Potenzen
Unterschiedenheit erlangen durch die Verschiedenheit ihrer Beziehungen
so folgt daraus, daß weder der int. ag. noch der int. poss. nur eine
einzige Potenz sein kann. S. 35, Z. 15 v. u. ist ,possibilis' statt ,agens'
zu lesen. S. 38, Z. 15 v. u. ist offenbar mit dem lat. Texte (S. 95, Z.
5 v. u.) .leidendes' statt .offenes' Erkennen (intelligere patiens, nicht
Patens) zu lesen. Die der Übersetzung von Schmaus entnommene Verdeutschung
des Augustinuszitates S. 38, Z. 14 f v. u. setzt offenbar einen
von der Baseler Hs. wesentlich abweichenden Text voraus. S. 41, Z. 15 ff
v. o. ist zu übersetzen : „Wohl besteht eine Gemeinsamkeit (näml. zwischen
Gott und der Seele) in der (Tatsache der) Einheit der Wesenheit sowie
in der Unterschiedenheit der Supposita in Gott einerseits und der Potenzen
in den Geschöpfen andererseits, und zwar sowohl in bezug auf
ihren (nüml. der Supposita bezw. Potenzen) Ursprung wie auch auf ihre
Gleichheit". S. 99, Z. 3 ff v.u. ist, wie auch der Herausg. vermutet,
der lateinische Text nicht ganz in Ordnung. Er läßt sich leicht verbessern
, wenn man das ,per' hinter nihil verschiebt und als .praeter'
liest. Der Satz besagt dann: „Beachte, daß diese Behauptung (nüml.
intellectus agens est intellectus per essentiam) hier im ersten Falle nur
sein Sein aussagt, im zweiten und dritten Falle ihn als Tätigkeit meint
usw." Die S. 43, Z. 7 ff v. u. gebotene Übersetzung der Stelle ist
weder sinnvoll noch wird sie dein lat. Texte gerecht. S. 52, Z. 9 v. u.
lies ,agens' statt .possibilis'. S. 58, Z. 8 v. u. lies .Augustin' statt
.Aristoteles'.

Der mittlere Teil der G.schen Schrift (S. 53—84) beschäftigt
sich mit der philosophiegeschichtlichen Bedeutung
der Baseler quaestio. Der Verf. gibt über die in
der quaestio erwähnten Autoren hinaus noch weiteres
wertvolles Material zur Geschichte des Problems in
der Scholastik. Nach ihm besteht die Hauptbedeutung
der quaestio darin, daß sie den thomistischen Standpunkt
befestigt und auf das Seligkeitsproblem angewandt
habe, und daß sie sich ausführlich mit Dietrich von Freiburg
, dem oberdeutschen Mystiker, auseinandersetze.
Dali Thomas in der Frage des int. ag. der Intention
<ies Aristoteles am nächsten komme, wie der Herausgeber
in Übereinstimmung mit dem Verf. der quaestio
meint, ist mehr als zweifelhaft. Clement Webb wird
wohl recht haben, wenn er die vom Aquinaten versuchte
Auslegung des Aristoteles in diesem Punkte auf
apologetische Motive zurückführt (Studies in the History
of Natural Theology, L. 1923, S. 264—273). Die Widerlegung
des Dietrich von Freiburg, die der Verf. der
quaestio als eines seiner Hauptanliegen ansieht, ist auf
der einen Seite charakteristisch für die Schwierigkeit,
in die seit dem Ende des 13. Jh. die augustinischen
Theologen gedanklich und terminologisch durch die Annahme
der aristotelischen Begriffe geraten waren, auf
der anderen Seite aber auch für die Unfähigkeit der
thomistischen Theologen das augustinische Anliegen in
der Seelenlehre zu verstehen. Die Schule des Hl. Thomas
rneint, der Ermöglichungsgrund der Seligkeit bestehe
•n der formalen Analogie zwischen menschlichem Intellekt
und Trinität (vgl. S. 98), während Dietrich lehrt,
daß ohne eine Seinsgemeinsamkeit (einen „Anknüpfungspunkt
") der Mensch nicht an der Seligkeit Gottes teilnehmen
könne.
Bangor, N.Wales. Otto A. Piper.

Schieder, Theodor: Die kleindeutsche Partei in Bayern in
den Kämpfen um die nationale Einheit 1863-1871. München:
C. H. Beck 1936. (VIII, 302 S.) gr. 8°. = Münch. Histor. Abhandlungen
. I. Reihe, 12. H. RM 11.50.

Die oberflächliche historisch-politische Betrachtung
lst geneigt, im bayrischen Räume die Begriffe klein-
deutsch = protestantisch und großdeutsch = katholisch
oder gar — ultramontan zu setzen. Die kirchengeschicht-
jiche Forschung weiß aus einer Fülle von Quellenpubli-
kationen, daß die Verhältnisse, Gegensätze und Gemeinschaften
nicht so einfach und nicht so eindeutig klar
Wareu. Aus dem vorliegenden Buche Schieders wird das
Unaufhörliche Durcheinanderströmen verschiedenster Bestrebungen
und Zielrichtungen in einem personell und
2*itlich verhältnismäßig engen Räume recht deutlich.
pUch kirchengeschichtlich ergeben sich mancherlei wich-
t'ge Einblicke, die freilich das bisherige Bild nicht weltlich
beeinträchtigen.

Zu den ersten Führern der kleindeutschen Partei
in Bayern — der Fortschrittspartei, die weithin den nord-
j deutschen Nationalliberalen entsprach — gehörten in
| dem Franken Brater ein typischer Vertreter des prote-
I stantischen Bildungselements, in dem Erlanger Rechts-
I lehrer Heinrich Marquardsen ein lutherischer Schles-
! wiger und in Konrad v. Hof mann (dessen Vorname
Schieder nicht richtig gibt) ein weit über die Grenzen
des Landes wirkender lutherischer Theologe. Als es
sich um die schleswig-holsteinische Frage handelte
| (1863—65), trat mit Marquardsen auch Konrad v. Hofmann
aus den Bezirken von Kanzel und Katheder hinaus
I in die Arena der Volksversammlungen, wo er neben Bra-
[ ter, Barth, Crämer, Volk und anderen in den Reihen der
kleindeutschen Partei, d. h. der Fortschrittspartei
kämpfte. Aber dieser Kampf der Kleindeutschen wurde
[ Seite an Seite mit den Großdeutschen aufgenommen,
und es ging beiden Parteien um dasselbe Ziel: die Selbständigkeit
der um jeden Preis deutsch zu erhaltenden
Elbherzogtümer. Irgendwelche konfessionellen Momente
spielten dabei weder hüben noch drüben eine Rolle.

Anders wurde die Lage nach der Katastrophe von
! Königgrätz, nach dem Prager Frieden; damals hatte die
großdeutsche Partei den Kernpunkt ihres Programms
verloren und ein neues praktisch-politisches, positives
Ziel, das auch die Volksmasseu mit sich fortriß, war
nicht so leicht zu haben. Erst in den Kämpfen um den
Zollverein, seine weitere Ausgestaltung, das Zollparlament
, und namentlich auch um das Wehrgesetz und die
Heeresorganisation trat der kleindeutschen Partei immer
stärker als unerbittlicher Gegner die wachsende ultramontane
Partei gegenüber, die partikularistisch, klerikal,
kleinbürgerlich, bäuerlich orientiert, merkwürdiger Weise
von Beamten geführt wurde (Ruland, Jörg) und die Parole
,bayrisch ist katholisch, antipreußisch ist gut katholisch
' mit immer stärkerem Erfolge vertrat. Mit drei
Prinzen des königlichen Hauses hat dann in der entscheidenden
Sitzung der Ersten Kammer die ganze Bischofsbank
das schließlich von der großen Mehrheit des unter
Druck gesetzten Hauses angenommene Zollvereinsgesetz
abzulehnen für richtig gehalten (am 31. Okt. 1867; vgl.
Hohenlohe, Denkwürdigkeiten I 277). Während in den
Reihen der kleindeutschen Partei von einem politischen
Protestantismus nicht das geringste zu spüren war, hat
hier der politische Katholizismus erstmalig eine ausschlaggebende
Rolle gespielt, die er bei den Wahlen
zum Zollparlament und beim Sturze Hohenlohes im.ner
kecker weiter spielte. Konrad v. Hofmanm hatte sich
wieder auf das ausschließlich theologisch-kirchliche Gebiet
zurückgezogen, während die katholische Geistlichkeit
aller Grade an dem politischen Spiele wachsenden
Geschmack fand.

Schieder schildert uns die teilweise nur obenhin bekannten
Ereignisse auf dem Wege der Reichsgründung
auf Grund eingehender Quellenstudien in den Archiven
und in den Veröffentlichungen der Parlamente und der
Parteien und namentlich in den Nachlässen der wichtigsten
Parlamentarier. Einen sehr weiten Raum in dem
Buche nimmt die recht geschickte Wiedergabe der entscheidenden
Parlamentsdebatten ein. Mit besonderer
Sorgfalt zeichnet Schieder aus seinen Quellen das
Schwanken der Stimmung Bismarck gegenüber; die fanatische
Ablehnung des preußischen Ministerpräsidenten
durch glühende deutsche Patrioten der kleindeutschen

j Partei wird in erschütternden Beispielen gezeigt (S

I 96f.); aber gegen Habsburg wäre schließlich auch ein
Paktieren mit dem Teufel recht gewesen (S. 103).
Das Buch ist ungeachtet einiger Längen, wo sich der
Verfasser in der Wiedergabe von Parlamentsdebatten all-

I zuweit verliert, sehr wertvoll und aufschlußreich auch
für das Werden der kirchenpolitischen Lage im Bis-

; marckreich.

' Bcrlin- Otto Lerche.

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