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Ausgabe:

1936 Nr. 8

Spalte:

149-151

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Blume, Friedrich

Titel/Untertitel:

Die evangelische Kirchenmusik 1936

Rezensent:

Luther, Wilhelm Martin

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 8.

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fremde Umgebung, setzt aber die Vernachlässigung ir-

fendweicher völkischer Bedürfnisse des „Kirchenvol -
es" voraus. Das ist in den letzten Jahren tatsächlich
hie und da anders geworden: grundsätzlich aber hat
sich nichts geändert.

Dem entspricht auch die Entwicklung des Gesangbuches
. Seit dem Beginn der Einheitsibestrebungen des
deutschen Protestantismus haben wir auch Versuche
und Bemühungen um ein Einheitsgesangbuch — Versuche
, die im Deutschen Evangelischen Gesangbuche
in seinen verschiedenen Formen, freilich nicht unumstrittene
, Gestalt gewonnen haben, die aber durch die
mancherlei Kritik nur gefördert werden können. Die
einzelnen Diözesen der katholischen Kirche in Deutschland
haben dagegen alle ihre eigenen Gesang- und Gebetbücher
, deren umfangreiche einheitliche Teile nicht dem
deutschen Bedürfnis, sondern der römischen Ordnung
entsprechen. Ein deutsches Einheitsgesangbuch der römisch
-katholischen Kirche — oder amtliche Vorarbeiten
dazu — gibt es nicht.

Eine Kirche, die ohne Rücksicht auf die Gottesgabe
des Volkstums Jahrhunderte hindurch tatenlos zusah,
wie deutsche Siedler und Kolonisten in Ost und West
und in Übersee mit der Heimat auch die Sprache und
die völkische Bindung aufgaben, hatte bei diesem sie
nicht berührenden Vorgange keine Veranlassung, heimatkirchliche
Gesangbuchtraditionen zu pflegen. Jene
Kirche aber, die ihre auswandernden Glieder mit Gesangbuch
und Bibel in der Sprache der Heimat in alle
Welt hinaus begleitete, hatte von je Verpflichtungen
auf diesem Gebiete. Das ist keineswegs eine konfessionelle
Zuspitzung eines an sich wissenschaftlichen
Problems, sondern sachliche Feststellung der Tatsachen
. Von hier aus betrachtet ist die grundsätzliche
Einleitung des Buches S. 1 —18 unzulänglich und sie
wird überall da zum Widerspruch reizen, wo man über
die Verhältnisse des evangelischen Deutschtums im Auslande
und über die Verhältnisse der doppelten Diaspora
unterrichtet ist. — Es folgt dann S. 18—108 eine Übersicht
des auslanddeutschen Kirchenliedes in Europa und
S. 108—172 desgl. außerhalb von Europa. Grundsätzlich
behandelt F. dann noch einmal allgemeine Probleme
des auslanddeutschen Kirchengesangbuches S.173
bis 228, und es folgen zum Schluß Verzeichnisse von
Liedern in ihren Abwandelungen, Übersetzungen und
dergl., wobei auch das Musikalische zu seinem Rechte
kommt.

Es wäre ein billiges Vergnügen, dem Verfasser eine
Fülle von Versehen, Mißverständnissen und Unrichtigkeiten
hinsichtlich des evangelischen Kirchenliedes und
der Probleme des evangelischen Auslanddeutschtums aufzumutzen
. F. wollte in erster Linie der Sichtung der Probleme
dienen. Er gibt Grundlagen zu einer Topographie
der deutschen Kirchengesangbücher: und dafür wird
ihm jeder dankbar sein, dem an der Auswertung des
reichen hier gesammelten Materials gelegen ist. Aber
es will uns scheinen, daß dies Thema zunächst ausschließlich
von der evangelischen Seite her hätte in Angriff
genommen werden müssen.
Berlin. Otto Lerche.

Blume, Priv.-Doz. Dr. Friedrich : Die evangelische Kirchenmusik
Potsdam : Akad. Verlagsßes. Athenaion (172 S. 4°. 42 Abb., 10 Taf., 43
Notenbeispicle). = Handbuch der Musikwissenschaft.

Mit diesem Werk Blumes ist dem katholischerseits
von Ursprung gelieferten Beitrag eine in sich geschlossene
Behandlung der „Evangelischen Kirchenmusik" zur
Seite gestellt, die mit zu dem Wertvollsten gehört, das
innerhalb des Handbuches geboten wird.

I. Die evangelische Kirchenmusik im
Zeitalter der Reformation.

Zu Beginn des ersten Teiles zeigt Blume klar die
Wurzeln und Grundlinien in der Entwicklung der musica
ecclesiastica auf, die weder „autochthon noch autark"

sei. Im Verfolg dieser Charakterisierung stellt er die
ev. und katholische Kirchenmusik in ihrer grundverschiedenen
Ausrichtung gegenüber und deutet von da
aus die Entwicklungsphasen der folgenden Jahrhunderte
. Als am Anfang stehend wird Luthers persönliche
und theologische Musikanschauung dargelegt und von
seiner Einstellung aus der gesamte Bereich der Reformationsmusik
betrachtet. Dem Kirchenlied widmet der
j Verfasser in der Reihenfolge seiner drei Hauptquellen,
der liturgischen Gesänge der alten Kirche, der Volks-
I lieder und des vorreformatorischen geistlichen Liedes,
i eine umfassende Darstellung. In diesem Zusammen-
I hang ist die Erörterung der „Kontrafaktur" und des
geistlichen und weltlichen Elementes in der Musik besonders
bemerkenswert. Durch die klare Trennung der
Frage nach der Herkunft der Melodien, die nach Blume
für die Reformationszeit sekundäre Bedeutung hat,
von der nach ihrer „Werthaltigkeit" ist die Voraussetzung
für eine gerechte Beurteilung von Luthers persönlichem
Liedschaffen gegeben. Die Versuche katholischer
Hymnologen, die Bedeutung des reformatorischen
Liedbestandes durch den Nachweis der Nichtori-
ginalität abzuschwächen, sind damit hinfällig. Als wertvolle
Quellen für die Überlieferungen der einzelnen Melodien
werden die Gesangbücher, begonnen mit den Einzelblattdrucken
bis zu den späteren großen Sammelwerken
(Spangenberg, Keuchenthai, Lossius), besprochen
. Dem schließt sich in der Behandlung das überkommene
Erbe der altkirchlichen Liturgie, die Messe,
an, aus der Luther vor allem den canon missae gebrochen
hat. Die reformatorische Predigt rückt bei ihm
in den Mittelpunkt und zerstört das Gleichgewicht in
dem liturgischen Ganzen. Mit dem Schlagworte „Sub-
stitutions- und Additionsprinzip" wird die Elastizität
in der liturgischen Praxis gut gekennzeichnet. Das
Urformenproblem ist mit der Annahme befriedigend
gelöst, daß die polymetrische Fassung nachträglich geschaffen
, und daß die Grundgestalt jeder Liedmelodie
ausschließlich „diastematischer Natur" ist. Mit Johann
Walter, dem Urbild des protestantischen Kantoren und
Musikers beginnend, gibt der Verf. eine klare stilgeschichtliche
Einordnung der ref. Liedpolyphonie und
befaßt sich an Hand der „Rawsammlung" mit den
Meistern, die dem Reformationskreise nahestehen. Nach
einer ausgezeichneten Darstellung der kirchlichen Aufführungspraxis
wird der erste und wichtigste Abschnitt
mit einer Behandlung des in dieser Zeit überwiegend
lateinisch-musikalischen Repertoirs und einer Charakterisierung
der veränderten musikalischen Tendenzen am
Ausgange der Reformationszeit beschlossen.

IL Die evangelische Kirchenmusik im
Zeitalter des Konfessionalismus.

1. Die Epoche der Gegenreformation.
Die Kunst der Gegenreformation stellt sich als eine

j „deutende" im Gegensatz zu der „darstellenden" des
j Reformationszeitalters dar. Die im alten Gemeindelied
, gewonnene Einheit zerfällt; eine stärkere Individualisie-
| rung in der musikalischen Gestaltung löst sie ab. Die
I entscheidende Persönlichkeit dieser Epoche ist Lasso,
dessen überwältigender Einfluß in den Werken deutscher
Groß- und Kleinmeister (Eccard, Lechner, Haßler
, Prätorius und die Kantorengeneration um und nach
Dreßler) Niederschlag gefunden hat. Die Motette als
j entscheidende Musizierform ist Ausdruck einer spezifisch
deutschen Entwicklung, die eigentlich erst durch
j den 30 jährigen Krieg unterbrochen wird.

2. Die Epoche der Orthodoxie und der
Mystik.

Das Ereignis des großen Krieges und innerkirchliche
Voraussetzungen führen ein neues Welt- und Gotteserlebnis
(Frömmigkeitsideal) herauf, das im Bereich der
i Kirchenmusik in „sinnfälliger Veränderung" Gestalt gewinnt
. Durch die italienische Invasion und das Studium
deutscher Meister in Italien kommt es in der