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Ausgabe:

1936 Nr. 8

Spalte:

139-141

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hupfeld, Renatus

Titel/Untertitel:

Die Abendmahlsfeier 1936

Rezensent:

Jeremias, Joachim

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 8.

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der Welt, wie sie Nicht-Verzweifeln in der vorhandenen j ringen: 46,41 o/0 auf 18,88%) und vereinzelt sogar noch

Not ist; darin besteht das Liebt in der Finsternis- j mehr. In einer feinsinnigen und fesselnden historischen

Dankenswert ist der kritische Überblick über die | Studie werden — mit klarer Unterscheidung der luth.

eschatologischen Versuche in der Theologie, wenn auch und ref. Einstellung zum Abendmahl — die Ursachen

besonders neue Gesichtspunkte nicht herausspringen. ' des Rückgangs analysiert. Neben den allgemeinen Ur-

Die gegebene Lösung kann aber auch keineswegs als ge- I Sachen (den sozialen Verschiebungen, dem Siegeszug des

glückt angesehen werden. Kann man diese Deutung
überhaupt noch als den von den zeitgeschichtlichen
Bedingtheiten gelösten Inhalt der neutestamentlichen
Eschatologie ausgeben? Dieser Lösungsversuch mutet

Materialismus) werden besonders die speziellen gewürdigt
. Das innere Verhältnis zum Abendmahl hat sich
gewandelt infolge der Lockerung des Gemeindebewußtseins
, der Abnahme des Sündengefühls, des zunehmen-

viel zu individualistisch an und hat schon allen Zusam- j den Unverständnisses für das Sühnwerk Jesu. Und

menhang mit dem N.T. verloren, weil der Reich-Gottes- ! die Abendmahlsfeier weist ernste Mängel auf: sie ist

Glaube völlig aus dem Gesichtskreis verschwunden ist; nicht mehr Gemeindefeier; in der luth. Kirche hat die

damit ist das Zentralstück neutestamentlichen Glaubens ! Beichte ihren Freudencharakter beeinträchtigt und das

aufgegeben. Gewiß hängt Eschatologie auch mit mensch- hat wiederum zur einseitigen Betonung der Sakraments-

lichem Sehnen, mit der Not der Wirklichkeit zusam- mystfk geführt; in der reformierten Kirche wird die

men. Aber wo bleibt die von Gott gewirkte Seite der Feier durch die Anschauung gefährdet, daß nur die

Eschatologie? Christlicher Glaube ist ohne die beson- - „Frommen" als würdige Abendmahlsgäste gelten kön-

dere Offenbarung des mit Jesus hereinbrechenden Rei- ! nen. Freilich sind auch Ansätze eines wiedererwachen-

ches Gottes undenkbar. Verf. geht von der Erkenntnis j den Abendmahlsverständnisses zu buchen. In welcher

aus und bleibt dann einfach bei der allgemeinen Offen- I Richtung hat in dieser Lage die Arbeit zu gehen? H.

barung in der Schöpfungswirklichkeit stehen. Wenn i antwortet: es muß versucht werden, die Fülle des nach

man — was B. wenig beachtet — erkennt, daß nicht ! dem neutestamentlichen Zeugnis im urchristlichen Abend-

nur in der Geist-Lehre des Paulus, sondern schon in I mahl wirksamen Lebens wieder zur Geltung zu bringen,

der Verkündigung Jesu die zukünftige Herrschaft Got- j Unter den auflösenden Faktoren würde ich noch stärker betonen

tes als eine in den Anfängen bereits gegenwärtige an- i den Einfluß des Neurationalismus auf die Theologie und durch sie auf

gesehen wird, SO wird auch heut für den Glauben die I die Pfarramtliche Praxis und die, damit zusammenhängende Unterschät-

Verwirklichung des Reiches Gottes mit Jesu Erscheinen I zu"£ des Sakraments als Grundlage der Kirche.

und den am Christus gemachten Glaubenserfahrungen
anheben, so sehr die Erfüllung immer Zukunftsglaubc
bleiben muß. Dann sind die Wendepunkte in der Weltgeschichte
wie im Einzelleben bis hin zu den größten
Katastrophen nur die Zeichen dafür, daß alle Geschichte
in der eschatologischen Dynamik des Reiches

Dementsprechend folgt als 2. Kapitel: „Der ursprüngliche
Sinn der Abendniahlsfeier" (S. 46—104),
wobei mit „ursprünglicher Sinn" das Abendmahlsverständnis
der urchristlichen Kirche gemeint ist. In sehr
sorgfältig abwägender — freilich eben darum nicht
so flüssig wie das übrige Buch geschriebener — Analyse

Gottes steht, auch wenn die Nähe der Parusie aufge- ! werden die Abendmahlsaussagen des N.T. und der
geben ist. I Didache kritisch untersucht. Jesu letztes Mahl war
Neben diesem Grundsätzlichen wären noch aller- ! kein Passahniahl; die euebaristischen Gebete der Di-
hand Fragezeichen zu Einzelheiten zu setzen. Ist Jesu i dache zeigen keine Bezugnahme auf Jesu Tod; der
Ethik nicht mehr als Bußethik? M. M. n. gibt es j ursprüngliche Lk.-Text (22, 15—18) setzt ein letztes
Ethos für Jesus nur aus der heilbringenden Dynamis Mahl eschatologisch-messianischen Charakters, ebenfalls
der Herrschaft Gottes, die mit ihm hereingebrochen ist. ohne Bezugnahme auf Jesu Tod, voraus; der pauli-
Von da aus ist auch Jesu Ethik keine bloße Interims- j nische Wiederholungsbefehl ist kritisch verdächtig. Aber
ethik und das Verhältnis von paulinischem Ethos zum j nun folgt unerwartet S. 67ff. ein Umbruch: die Leidens-
Ethos Jesu nicht so grundverschieden, wie es B. an- j geschichte als Kulturgeschichte muß einen Sitz im Leben
nimmt. j der Urgerneinde gehabt haben, und das kann nur das
Breslau. Herbert Prei sker. Herrenmahl gewesen sein — und von hier aus wird

die Möglichkeit zurückgewonnen, daß der Wieder-

Hupfeld, Prof. D. Renatus: Die Abendmahlsfeier, ihr ursprüng- ! holungsbefehl doch schon in Jesu Absicht lag und daß
licher Sinn und ihre sinngemäße Gestaltung. Gütersloh: C. Berteis- | doch schon von Anfang an Jesu letztes Mahl von Ein-
mann 1935. (III, 237 S.) gr. 8°. RM 7.50; geb. 9.—. I fluß auf die urcbristliche Abendmahlsfeier war.
Dieses Überaus wertvolle und aus ernster kirch- j wichtig für den Exegeten scheinen mir besonders zwei Beobach-
Iicher Verantwortung heraus geschriebene Buch erscheint i tungen H. s zu sein. l. s. 57: War Jesus für die Jünger der Messias,
zur rechten Zeit. Denn der Strom neuen Lebens und | so müssen schon die täglichen Mahlzeiten Jesu mit den Seinen etwas
neuen kirchlichen Bewußtseins, der im Kampf der Kirche • vom Charakter vorausgenommener messianischer Mahlzeiten gehabt haben,
um ihre Existenz als Kirche Jesu Christi vielerorts Mk. 10, 35 ff., wo die Zebedaiden offenbar bitten, ihre üblichen Tischaufgebrochen
ist, fordert gebieterisch eine neue Be- I P,ätze (vgL ->oh- 13> 23) in der Basileia behalten zu dürfen, bestätigt m.
Sinnung auf das Abendmahl und ernstestes Nachden- I j~: cHerse e'n|eu5nt<jnde Vermutung, die erst voll verständlich niacht, wie

, j "l :„ a__iu. j f i -i m-ii i die Urgerneinde dazu kommt, die tägliche Tischgemeinschaft m t dem

ke.. darüber. Wie das Abendmahl Wieder zum Mittel- Herrn auch nach seinem Tode fortzusetzen (vgl. Dfd. 9-10). 2. S.78f.

punkt des Gemeindelebens werden kann. ! Unter (tö) ocöna (toü) Xoioto« versteht Paulus die Kirche. Der ab-

Da Hupfelds Buch drei Monate nach demjenigen des Referenten weichende Sprachgebrauch 1. Kor. 10, 16; 11,24 (= der Leib Jesu) be-

Ober „Die Abendmahlsworte Jesu" (Göttingen 1935) erscheint, darf der stätigt, daß Paulus die Formulierung>eines Abendmahlsberichtes der Tradi-

Besprechung ein Wort über das Verhältnis der beiden Arbeiten voran- tjon verdankt.

gestellt werden. Beide Arbeiten überschneiden sich kaum, sondern er- I jn manchen neutestamentl. Einzelfragen würde der Vf. wohl heute
gänzen sich, wie mir scheint, aufs beste. Hupfeld geht es in erster etwas vorsichtiger urteilen. Daß die seit Wellhausen (ZNW 7, 1906,
Linie um die kirchliche Abendmahlspraxis, und so weit er ihrer Neuge- s. 182) immer wieder wiederholte These irrig ist, ungesäuertes Brot
staltung den neutestamentlichen Tatbestand zugrundelegt, nimmt er be- könne nicht als ,i0TO? bezeichnet werden, glaube ich an Hand zahlrei-
wußt seinen Ausgang bei der Abendmahlsfeier der Urchristenheit. Meine ; cher Belege gezeigt zu haben (Abendmahlsworte Jesu, 27 ff.); ebenso
Arbeit geht einen Schritt weiter zurück und hat es ausschließlich mit | (e(,d s. 32f.), daß alle Wahrscheinlichkeit dafür spricht, daß zur Zeit
dem letzten Mahl Jesu, dem Wortlaut und der biblisch-theologischen jesi, der Gesamtkelch beim Passahmahl, aber auch sonst beim „Segens-
Deutung der Abendmahlsworte Jesu zu tun. kelch", üblich war. Dem Paulustext 1. Kor. ll,23b-25 den Vorzug vor
H. nimmt als Ausgang (1. Kapitel: Das Problem, , Mk.-Matth zu geben, ist sowohl angesichts der zahlreichen Semitismen
S. 1—45) einen Vergleich der Kommunikantenziffern j des Mk (ebd., S. 65 ff.), als auch angesichts der Unmöglichkeit, das pau-
der Jahre 1862 und 1930 Dieser Vergleich ergibt einen ! Hnische t6 wtto £|iö>v (l. Kor. 11,24) ins Aramäische zurückzuübersetzen,
Rückgang der Ziffern um Vi (z- B. Bayern: 76<y0 auf ! "'cht geraten.

52<>/o), V* (Württemberg: 70,64% auf 36,74%), ja 2/, Jedoch nicht in dieser kritischen Analyse der Quel-

(früh. Königreich Sachsen: 72,44% auf 22,3%; Thü- | len, sondern in der nun folgenden Darstellung der Kern-