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Ausgabe:

1936 Nr. 7

Spalte:

131-133

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Papsttum und Päpste gegenüber den modernen Strömungen 1936

Rezensent:

Lerche, Otto

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 7.

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Eine neue Thomasius-Darstellung muß stark theologisch
fundiert sein, wenn sie einen Zweck erfüllen soll.
Bienert wird dieser Forderung gerecht in den ersten
beiden Kapiteln seines zweiten Buches, in denen er das
Verhältnis Thomasius' zur Orthodoxie und zum Pietismus
in seinen Abwandelungen schildert. Auch das vierte
und fünfte Kapitel des dritten Buches gehen auf Theologie
und Glaube bei Christian Thomasius ein. Eine
wesentliche Angelegenheit aber hat B. nicht beachtet:
das ist die Stellung des Hallenser Universitätsführers
im Kampfe der Reformierten gegen die Lutheraner und
umgekehrt. König Friedrich Wilhelm I. hatte durch
seinen Geh. Rat Ilgen bei Thomasius sondieren lassen,
ob er wohl geneigt wäre, über die Wiedervereinigung
im Glauben zwischen den evangelischen Bekenntnissen
ein Gutachten abzugeben, und Pläne zur Durchführung
der Wiedervereinigung der Getrennten entwickeln könne.
Das war 1723, als thomasius bereits längst über die
Glanzzeit seines Lebens hinaus war. Thomasius hat
die Fragen in einem langen Schreiben an Ilgen verneint
und alle Versuche auf dem Gebiete der Wiedervereinigung
im Glauben für zwecklos erklärt. Schon Max
Lehmann hat im ersten Bande seines großen Werkes
„Preußen und die katholische Kirche seit 1640" (1878)
S. 691—695 einige Dokumente in dieser Angelegenheit
veröffentlicht. Der Referent hofft auf diese Angelegenheit
demnächst in aller Ausführlichkeit zurück
zu kommen, um dabei auch die religiöse und
theologische Haltung Thomasius' hinreichend zu
beleuchten. B. behandelt freilich in seinem umfangreichen
, gründlichen Buche den alten Thomasius nur
sehr kurz auf ganz wenig Seiten.

Berlin. Otto Lerche.

S c h m i d 1 i n , Josef: Papstgeschichte der neuesten Zeit. 2. Bd.:

Papsttum u. Päpste gegenüber den modernen Strömungen. Pius IX.
u. Leo XIII. (1846—1903) München: J. Kösel & F. Pustet 1934.
(XXVIII, 610 S. u. 1 Bildn.) gr. 8". RM 22—; Lwd. 27—; Hldr. 30—.

Was wir zur allgemeinen Charakteristik dieses Werkes
zum ersten Bande sagten (Theol. Lit. Ztg. 1934
Nr. 14), das gilt auch durchaus vom zweiten Bande.
„Das Werk zeichnet sich aus durch lebendigen Fluß
der Darstellung, gründliche Verarbeitung von Quellen
und Literatur und — trotz Anhäufung zahlreicher Einzelheiten
und Kleinigkeiten — geschickte Herausarbeitung
kirchengeschichtlicher Höhepunkte von weltgeschichtlicher
Bedeutung." Die Fülle der mitgeteilten
Einzelheiten und Kleinigkeiten ist vielleicht in diesem
Bande noch reichhaltiger und vielseitiger als im ersten
Bande. Diese Fülle aber ist nirgends eine Belastung,
sondern sie trägt alles in allem zur lebendigen Gestaltung
bei.

Hinsichtlich der Quellenbenutzung ist für diesen
Zeitraum mit einer ganz anderen Lage zu rechnen als mit
der im ersten Bande behandelten Zeit. Mit dem Jahre
1846 ist das Vatikanische Archiv nicht mehr der Öffentlichkeit
zugänglich; es war auch Schmidlin für seine
Arbeit verschlossen. Die große vatikanische Aktenpublikation
„Bullarium Romanum" schließt schon mit dem
Jahre 1836. Die Akten Pius' IX. und Leos XIII. liegen
freilich in leicht benutzbaren Sonderpublikationen
vor. Im Übrigen hat Schmidlin in diesem Bande eine
schier unabsehbare Fülle xon Quellenpublikationen herangezogen
und mit sorgfältiger Kritik ausgewertet: fast
jede Zeile des Buches ist in den Anmerkungen quellenmäßig
belegt. Die Auseinandersetzung mit literarischen,
geschichtlichen oder politischen Gegnern ist so gut wie
ganz unterlassen. Das ganze Buch ist solide und, soweit
unter den gegebenen Verhältnissen irgendwie vertretbar
, sachlich-objektiv in geschichtlicher Schau, allerdings
vom Standpunkte des römischen Katholizismus
aus geschrieben. Ganz klar kommt der Standpunkt
Schmidlins heraus in der abschließenden Charakteristik
Leos XIII. Pius IX. war ein Mann so recht nach
dem Herzen Schmidlins, wobei wir uns allerdings dem

Eindruck nicht verschließen können, daß in dem neunten
j Pius, wie ihn Schmidlin abschließend Leo XIII. gegen-
j übergestellt sieht, manche Farbtöne aus dem Porträt
I des zehnten Pius mitschwingen. Wenn wir es ganz
scharf sagen: Pius X. war in deutscher Schau ein
; Zentrumspapst; auch Pius IX. möchte man so sehen:
i Leo XIII. aber war aus einem anderen Holz geschnitzt.
Die Pontifikate Pius' IX. und Leos XIII., die sich
weit über ein halbes Jahrhundert ausdehnen, bilden an
sich einen Höhepunkt in der Geschichte des Papsttumes,
| und die uns am wichtigsten erscheinenden Ereignisse
wie Untergang des Kirchenstaates, Vatikanisches Konzil
und Kulturkampf in Preußen-Deutschland sind in
dieser weitausgreifenden, universalen Darstellung wenn
! auch nicht Randereignisse, so doch nur Strudel in dem
j Gewoge der Auseinandersetzung zwischen Staat und
Kirche. Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche
! ist das Hauptthema dieses Bandes; Ausdehnung der
I Mission, soziale Fragen, katholisches Südamerika usw.
spielen bei all ihrer Bedeutung an sich hier doch nur eine
sekundäre Rolle.

Schmidlin schreibt sein Buch als römisch-katholischer
Priester: wir haben Verständnis dafür, daß er
j diesem Stande und der damit gegebenen Gewissensbindung
eine bestimmte Haltung schuldig ist, die freilich
nirgends in d,er wissenschaftlichen Quellenbewertung
i ein sacrificium intellectus fordert. Aber Schmidlin ist
! Zentrumskatholik, und das verpflichtet ihn zu geschichtlichen
Betrachtungen, die nicht unvoreingenommen sind,
so in der Sozialpolitik Leos XIII., ihren Vorläufern und
Begleiterscheinungen — ein „Pastor Stöcker" wird nur
einmal in einer Anmerkung als von Einfluß auf Wilhelm
II. erwähnt. — Die Spannungen zwischen Bismarck
und Harry Arnim werden mit behaglicher Breite
erwähnt, ebenso die Schwierigkeiten des Kardinals Hohenlohe
, und der „Adhäsionsakt der Antiinfallibilisten"
wird mit einem Prunk gefeiert, der diesem Wortungetüm
kaum gemäß ist.

Sehr wesentlich den Boden für die Beilegung des
Kulturkampfes (S. 455 ff.), die erst unter Wilhelm IL
erfolgte, war die innere Haltung Wilhelms I., der schon
1880 Puttkamer ersuchte, das in Sprache und Form
bedeutsame Entgegenkommen Rom nicht zu übersehen.
Der Verf. hat hier die Mitteilungen aus der Korrespondenz
Wilhelms I. mit Puttkamer (A. v. Puttkamer:
Staatsminister v. Puttkamer. 1928 S. 55 ff., namentlich
114 ff.) nicht berücksichtigt. Auch die bei Puttkamer
ausführlich dargestellte Schlußfeier des Kölner Dombaues
(Okt. 1880) wird von Schm. nicht berührt.

Alle Phasen des Kulturkampfes bieten gewiß zu mancherlei
trüben Vergleichen Anlaß: doppelt angebracht
wäre darum Vorsicht in der Fällung subjektiver Urteile
. Schmidlins Feindseligkeit gegenüber den Altkatholiken
führt ihn dahin, daß er in Jubelstimmung
! das Ende des Kulturkampfes als einen Sieg über die
i Altkatholiken feiert. In der Frage des Septennats (S.
462) ist Schmidlin als zuverlässiger Zentrumsmann fest
auf der Seite derer, die katholischer sind als der Papst.
1 Die törichte Heraushebung einer Konfession neben der
Kirche „Kirche und Konfession" macht Schmidlin
(S. 455) leider mit: Kirche und Konfession sind doch
nicht zwei nebeneinander selbständig bestehende Größen!
Wir haben bei Anzeige des ersten Bandes auf den
; oft unerlaubten Ton hingewiesen, in dem das gelehrte
Werk geschrieben ist. Der zweite Band ist in dieser
Hinsicht nicht ganz so tadelnswert; zudem mag sich
Schmidlin hier und da zu Recht damit entschuldigen,
daß er lediglich die Quellen wortgetreu wiedergibt Oder
übersetzt, und die sind nun einmal in der Auseinandersetzung
Staat und Kirche reich an scharfen Ausdrücken.
Aber über alledem hat sich Schmidlin doch in seinen
Ausdrücken Bismarck gegenüber hier und da vergriffen
. Bismarck ist einfach ein Hetzer, er tobt, wütet,
hetzt, konspiriert, stellt Fallen, haßt abgrundtief usw.
(S. 165, 174, 181 und sonst öfter). Demgemäß müs-