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Ausgabe:

1936 Nr. 6

Spalte:

106

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Franz, Günther

Titel/Untertitel:

Der deutsche Bauernkrieg 1936

Rezensent:

Lerche, Otto

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105 Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 6. 106

stantischer Block bildet, daß dadurch weitere Gebiete Franz, Günther: Der deutsche Bauernkrieg. München: R oi-
der Reformation sich erschließen, und daß hier das denbomg 1933. (XIII, 494 s. m. 24 Abb. u. 3 Ktn.) 8°.
lutherische und zwinglische Element in lutherischem RM 17—; geb. 18.50.

Sinn sich zusammenschließen. W. Weischedel unter---Aktenband. Ebda. 1935. (VI, 445 s.) gr. 8°. RM 12-; geb. 14—.

sucht die „Litaneia Germanorum" vom 13. Februar 1521 . Man wird dieser zusammenfassenden Darstellung
und möchte als Verfasser nicht wie Kalkoff Hermann eines Stoffes, dessen Schwierigkeiten mit seiner Auf-
v. d. Busche, sondern eher Hutten ansehen. Das vater- hellung wachsen, nur mit Dankbarkeit gegenüberste-
ländische Moment überwiege das humanistische und hen. Gewiß mag der Orts- und Landeshistoriker im
religiöse in der Litaneia; das spreche eher für Hutten einzelnen Falle hier und da Ergänzungen und Berichais
Busche. Eine stilkritische Vergleichung mit gleich- tigungen anbringen — wo sie dem Verfasser bekannt
zeitigen Schriften beider unterläßt W. als zu weitläufig, j geworden sind, da hat er im Register des Aktenbandes
Er bietet neben dem lateinischen Text eine deutsche , an geeigneten Stellen Korrekturen und Ergänzungen
Übersetzung. Es wäre vielleicht gut gewesen, festzu- '< veranlaßt. Aber die Fülle des Kleinkrams gerade im
stellen, wo sonst in der gleichzeitigen Literatur Hutten Bauernkrieg, in dem die große Linie und der einheit-
der Pylades Luthers heißt (S. 301). Rohrer behan- l'che Gedanke kaum vorhanden, sicher aber von eng
delt auf Grund noch unbenützter Akten des württ. Kult- begrenzten Ereignissen übertönt und überwuchert waren
ministeriums den „Streit um Frdr. Th. Vischer in den , konnte nur schwer in eine Form gebracht werden. Daß'
1840er Jahren". Vischer reizte durch seine beißend geist- G- Franz diese Form gefunden hat, daß es ihm gevolle
Art, besonders in seiner Antrittsvorlesung, die Kir- ; lungen ist, eine geistes-, kriegs- und kulturgeschichtlich
•chenleute und Pietisten, als er den Widerspruch zwischen
der hegelschen Philosophie und der Kirchenlehre nachwies
. Aus dem Nachlaß des f D. Dr. Bossert stammt
der Aufsatz „Rottenburg a. N. und die Herrschaft Hohenberg
am Ausgang des Reformationszeitalters 1540
•bis 1561", eine Schilderung der katholischen Restauration
. G. Bossert jr. veröffentlicht einen Brief von
1539 „zur Reformation in Mühlhausen a. d. E. und Oberlenningen
", aus dem hervorgeht, daß nach Blarers Entlassung
für zwinglisch denkende Pfarrer die Stunde in
Württemberg geschlagen hatte. H. Dietrich schildert
„Pflugfelden im Übergang von der alten Kirche zur
Kirche der Reformation" nach Akten über einen Streit
um das Pfarreinkommen, den das Kloster Bebenhausen
verliert; aber der siegreiche Pfarrer verzichtet auf die
Frucht seines Siegs zu Gunsten des Klosters. D. sucht
den Grund des Verzichts des Pfarrers auf die Pfarrei
in vermutlichen Beziehungen zum Bauernkrieg oder zur
■evangelischen Sache. Doch erscheint es wahrscheinlicher
, daß ihn der Abt mit Tübinger Einkünften abfand
(Vgl. Rauscher, Visitationen S. 228). G. Lenkner gibt
„Beiträge zur Lebensgeschichte einiger fränkischer Pfarrer
des 16. Jhs." und stellt fest, wer von ihnen aus
einem Kloster hervorging. F. Fritz zeichnet ein Lebensbild
eines altwürttembergischen pietistischen Pfarrers
„Gottlieb Seeger (1683—1743), wobei Vorzug und
Mangel des Pietismus kund wird. K. Schornbaum
teilt „zur Geschichte des Konfirmandenunterrichts in
Crailsheim" das erste Crailsheimer Unterrichtsbüchlein

von 1570 mit.

Die „Einführung der Reformation im Amt Homberg
", das einst württembergisch war und heute zu
Baden gehört, behandelt G. Bossert. Sehr dankenswert
ist die auf eingehender Untersuchung der Konsisto-
rial- und Synodalprotokolle von 1651 — 1680 beruhende
Arbeit von F. Fritz über Konsistorium und Synodus
in Württemberg am Vorabend der pietistischen Zeit; redlich
bemühte sich die Kirche um Wiederherstellung
der infolge des 30 j. Kriegs eingegangenen Pfarreien und
sorgte für das gottesdienstliche Leben und die Ausbildung
der Kirchendiener durch Erneuerung von Bibeln,
Summarien, Katechismen, Kompendien, Gesangbüchern
u. a. Scharf ging das Konsistorium vor gegen die Entstellung
der reinen Lehre durch Zensur und Visitation.
Fr. sucht auch der Weiterwirkung Schwenckfelds und
der Wiedertäufer nachzugehen. R. Geiges schildert
„die Auseinandersetzung zwischen Chr. Fr. Ötinger und
Zinzendorf" auf Grund der in Herrnhut liegenden Briefe
Ötingers. Wir lernen die gewissenhafte Art Ötingers
kennen, der auch dem weltlichen Wissen gerecht zu
werden suchte. M. Leube beschreibt „die geistige
Lage im Stift in den Tagen der französischen Revolution
", welche die alte Stiftsordnung völlig entwertete
und neue Wege suchen hieß. Dabei tritt Sendlings Entwicklung
in den Vordergrund.

Horb a. N. G. Bossert.

quellenmäßig sauber unterbaute Grundlage für eine lesbare
und auch reizvolle Darstellung zu finden, zumal
für eine Darstellung, die in ihrem leitenden Gedanken
für sich einnimmt, das ist durchaus anzuerkennen.

Nicht die Reformation hat den Bauernkrieg ausgelöst
. Aber die Bewegungen gingen im geistig-religiösen
wie im sozialpolitischen Räume eine Zeitlang parallel
, sich anregend, befruchtend, abstoßend, fördernd.
Auf die Dauer jedoch war diese Parallele nicht zu
halten, denn der Bauernkrieg, eine hier und da anders
begründete und mit anderen Mitteln sich abwandelnd
vorstoßende Revolte, war nicht vom Evangelium aus
zu führen, und die Reformation war keine Angelegenheit
der Wirtschaft und des Marktes.

Franz behandelt die Unruhen in Flandern, in Nordfrankreich
und in England im 14. Jahrhundert und
kommt dann zur Behandlung des Kampfes um das
alte Recht (John Ball), neben das John Wicliff das
göttliche Recht stellt. Damit hat F. die Plattform gefunden
, von der aus er chronologisch und landschaftlich
die einzelnen Aufstandsbilder aneinanderreiht: der Kampf
um das alte Recht (Schweiz, Oberdeutschland, der arme
Konrad, Salzburg und Innerösterreich) und der Kampf
um das göttliche Recht (Judenverfolgungen, Hans Bö-
heim, Pfeifer von Niklashausen und Bundschuh). Dann
geht F. zur eigentlichen Darstellung der Hauptereignisse
über, die er in Oberdeutschland, Österreich und
Franken verfolgt, die namentlich in Franken, am Main,
am Niederrhein und in Westfalen von einer kleinbürgerlichen
revolutionären Bewegung begleitet werden. Den
Schluß bildet die Katastrophe in Thüringen.

F. zeigt deutlich, daß es überall da zum Bauernkrieg
kommt, wo der moderne Staat sich durchsetzt. In
Bayern, wo der Herzog ein straffes Regiment führt,
kommt es nicht zu Unruhen, und in Norddeutschland,
wo die Entwicklung zum modernen Staat noch nicht
eingesetzt hatte, bleibt es überall ruhig. Die Sieger
des Bauernkrieges waren überall die Mittelgewalten,
die Territorialfürsten — geistlich und weltlich — und
die Städte: dieselben Kräfte und Gewalten, die auch
politisch die Nutznießer der Reformation waren. In
dieser Parallelentwicklung liegt eine gewisse Tragik, die
durch gewaltsame Neubildungen nicht zu beseitigen ist.
Hingewiesen sei an dieser Stelle übrigens auf den Aufsatz
F.'s „Der Reichsgedanke in der deutschen Bauernbewegung
" (Volk im Werden 3: 1935 Heft 6).

Der sehr nützliche Aktenband bringt eine Fülle von
Nachweisungen, Einzelheiten und Erweiterungen, namentlich
auch aus schweizerischen, elsässischen und
österreichischen Archiven, naturgemäß in erster Linie
zu den Ereignissen in Oberdeutschland. Der vorliegende
Abdruck zeigt insbesondre, daß F. den mundartlichen
Schwierigkeiten seiner verschieden sprachlichen
Quellen in hohem Maße gewachsen ist.
Berlin. Otto Lerche.