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Ausgabe:

1936 Nr. 5

Spalte:

94-95

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Das Jahr 1934 1936

Rezensent:

Witte, Johannes

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 5.

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gezeichnet und vorgezeichnet" werden. Als geeignetste
Methode wird der sogenannte „katechetische Dreischritt"
empfohlen: Der geistige Inhalt wird vorgelegt, verarbeitet
und auf die Praxis des Zöglings angewendet, oder:
Die Darbietung der Qott-mit-uns-Tatsache; ihre Aneignung
; die Praxis.

Diese Anregungen werden nun angewandt auf die
Einzelstoffe. Das Charakteristische ist dabei die starke
Konzentration auf das Neue Testament, von dem aus
allein in höherem oder geringerem Maße auch alttesta-
meritliche Stoffe in Betracht kommen. Ganz neue Gesichtspunkte
werden in Bezug auf die liturgische Erziehung
gegeben. Sehr hoch wird die Bedeutung des Katechismus
auch für den Unterricht der Gegenwart und
Zukunft eingeschätzt.

Einige Desideria für eine Neuauflage seien genannt:
Wenn das Ziel erreicht werden soll, daß nicht nur die
kirchlichen Katecheten, sondern auch die Religionslehrer
der Schule ein näheres Verhältnis zur Theologie bekommen
(„ein Band umschlinge sie alle: Liebe zur
theologischen Wissenschaft, ja Mitarbeit darin!" S. 44),
so müßten spezielle Fachausdrücke und Fremdwörter
noch stärker ausgemerzt werden wie Gesamt-Skopus,
Teilskopi, Kerygma-Einheit, der alte Bios u. a.

Wenn S. 69 empfohlen wird, der Pfarrer als Katechet
soll sich seine Darbietung erst so zurecht legen,
als wenn sie für Erwachsene bestimmt sei und dann
von dort aus „umschalten für Konfirmanden, Schule
und Kinder", so fragt sich, ob dies objektiv richtig und
als Ratschlag für den Pfarrer zweckmäßig ist. Ob es
wirklich gilt: „Kennt man das erwachsene Volk, so
kennt man auch das junge Volk?" Die Kinderseeleiv
künde ist ja gerade darüber hinaus, den Jugendlichen
nur als „kleinen Erwachsenen" zu sehen. Und der
Pfarrer, der mehr mit Erwachsenen als mit Kindern zu
tun hat, neigt von sich aus bereits stark zu dieser An- >
sieht!

Fraglich erscheint auch, ob die „Substanz des Neuen
Testamentes" wirklich am besten so beschrieben Ist:
„Jesus von Nazareth ist der Christus Gottes für uns"
(S. 26). Der Verfasser geht selbst an vielen Stellen andere
Wege, so S. 27, wo die Lebensformel „im Herrn"
betont und so rein und entschieden wie möglich heraus- [
gearbeitet wird. S. 52 wird von Christus als dem „Mittler
Gottes und der Menschen" gesprochen, und S. 97
heißt es zum 2. Artikel: „Die Darbietung verbreitet sich
über die Messiaserwartung der Juden (Jesus ist der
Christus) und über die Gottessöhne der Heiden (Jesus
ist wirklich der einzige, dem dieser Titel gegeben werden
kann) und über die xuquk-Frage (Jesus der rechtmäßige
Erbe dieses Titels). Jesus, „der Christus Gottes", hat
für deutsche Konfirmanden kaum Klang und Inhalt,
anders dagegen spricht sie an: Jesus unser Mittler,
Jesus mein Herr!

Die Besprechung möchte mit diesen Anmerkungen
und Wünschen aber nicht schließen, sondern mit dem
Bekenntnis und Dank, daß der Rezensent das Buch mit
lebhafter Spannung und großem Gewinn gelesen hat.
Es bietet auf engem Raum sehr viel und sehr Wesentliches
. Die Darstellung ist knapp, plastisch, oft drastisch
und mit einem Anflug von Ironie versehen. Das Buch
selbst ist pädagogisch gut, indem es in festen Formulierungen
gewisse Grundgedanken durch häufige Wiederholungen
einhämmert und einprägt. Nach theoretischen
Erörterungen werden praktische, treffende Beispiele
gegeben. Erfreulich ist, daß hier von einem bewußt
lutherisch-reformatorischen Standpunkt her die gegenwärtige
Lage in unserer Kirche und unserm Volk
nüchtern und doch hoffnungsvoll gesehen und als Aufgabe
hingestellt wird. Wer sich das Buch verschafft,
wird es in weiten Abschnitten mit direktem Gewinn und
in anderen Abschnitten durch die herbeigeführte Auseinandersetzung
mit indirekten Anregungen lesen und
für seine Praxis fruchtbar machen.
Dortmund. Herrn. Werd erm a n n.

Schmidt, Prof. D. Kurt Dietrich: Die Bekenntnisse und grundsätzlichen
Äußerungen zur Kirchenfrage. Oesammelt u. eingeleitet
. Bd. 2: Das Jahr 1934. Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht
1935. (192 S.) gr. 8°. Kart. RM 4.60; geb. 5.60.

Über diesen neuen Band, der so wertvolles Material
über den Kirchenstreit des Jahres 1934 bietet, kann
man, wie über den ersten, der das Jahr 1933 behandelte,
nur berichten, man kann ihn nicht wie andere Bücher
rezensieren. Der Verfasser hat mit großem Fleiß die
wichtigsten Urkunden zusammengestellt. Das ist ein
bedeutsames Verdienst. Denn was sonst in Zeitschriften
und anderen Organen vereinzelt sich findet, das hat
man nun hier zu nützlichem Gebrauch vereinigt. Und
wieder tut es gut, dieses Jahr 1934, das für den Kirchenstreit
einen so tragischen Verlauf genommen hat, an der
Hand dieser Urkunden noch einmal zu erleben. An der
Sammlung selbst ist nichts auszusetzen. Nur kann man
fragen, ob z. B. solche unbedeutenden Dinge wie der Antrag
der D. C. von Dortmund-Wickede an den dortigen
Kirchenvorstand in eine solche Sammlung hineingehören
. Ich will nicht verschweigen, daß ich diesen Antrag
für töricht halte.

In seiner Einleitung hat der Verfasser einen Überblick
gegeben über die kirchliche Entwicklung des Jahres
1934. Er bemüht sich auch hier, sachlich zu sein, ohne
ein Hehl zu machen aus seiner Sympathie für die Bekenntnisfront
. Zu dieser Einleitung möchte ich nun
doch auch ein persönliches Wort sagen. Daß das Vorgehen
der Reichskirchen-Regierung im Laufe dieses Jahres
1934 verhängnisvoll war, das kann man wohl nicht
gut leugnen. Aber das Allertragischste tritt in den Urkunden
dieser Sammlung und auch in der Einleitung
nicht heraus. Das ist dies, daß der Reichsbischof „die
brutalen Methoden", wie Schmidt schreibt, welche man
z.Teil angewandt hat, nicht gebilligt hat! Daß sie trotzdem
geschehen konnten, das brachte dann die unheilvollen
Zustände, welche zur Bildung der vorläufigen Leitung
der Ev. Kirche führten. Auch die Reichsleitung
der D. C. hat das harte Vorgehen nicht gebilligt!
Vielleicht hätte der Reichsbischof und hätten die D. C.
dies laut sagen sollen. Aber da gibt es eben in solchem
Streit Bindungen, die im Wege stehen. Es gibt ja überhaupt
vieles an Hintergründen dieses unseligen
Streites, was in keiner Urkunde steht und doch stark mitwirkt
. Darum bleibt auch solche Sammlung von Urkunden
lückenhaft.

Sehr richtig wird nach meiner Meinung in der Einleitung
ausgeführt, daß die eigentliche Tragik des neuen
Deutschlands in dem im Jahre 1934 immer stärker werdenden
Gegensatz zwischen Christentum und Deutscher
ülaubensbewegung liegt, und daß man leider keinen
Weg sehen kann, wie diese Tragik eine Lösung finden
kann, ohne daß der gesamte Aufbau des neuen Deutschlands
gehemmt wird. Urkunden zu dieser Auseinandersetzung
zwischen Christentum und Deutscher Glaubensbewegung
werden in dem Band leider nicht gegeben.
Nur ganz wenige Zeugnisse sind darüber am Schlul5 hinzugefügt
. Aber vielleicht geht dies über den Rahmen
des Buches hinaus. Es wäre verdienstlich, wenn in
einem eigenen Bande diese Urkunden auch so gesammelt
würden, wie die kirchlichen Urkunden in diesem Bande
gesammelt worden sind.

Trotz seiner Sympathie mit der Bekenntnisfront ist
der Verfasser objektiv genug, um es deutlich zu sagen,
daß, selbst wenn der jetzige Kirchenstreit so oder so
beigelegt wird, die Aufgabe der kirchlichen Einigung
Deutschlands damit nicht gelöst ist, und daß diese Einigung
bei der konfessionellen Zerspaltung des evangelischen
Christentums eine sehr schwierige Sache sein wird.
In dieser Richtung macht große Sorge die Einstellung,
welche aus dem Gutachten der Erlanger Fakultät vom
September 1934 hervorgeht, in welcher gesagt wird,
daß die Union von 1817 „von allen Seiten" als eine
kirchliche Fehlgestaltung beurteilt werde. Ich glaube
nicht, daß dies Urteil der Erlanger Fakultät richtig ist.
Wenn die Lutheraner so eingestellt sind, dann ergeben