Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1936 Nr. 5

Spalte:

92-93

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fendt, Leonhard

Titel/Untertitel:

Katechetik 1936

Rezensent:

Werdermann, Hermann

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

91

Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 5.

92

Was jene vier Untersuchungen Positives enthalten, könnte
, wie Vf. bemerkt, auch in Form eines logischen
Lehrbuchs geboten werden. Aber ihm fehlte der Reiz
des Kampfes der Logik gegen die Unlogik und mit
diesem hat es Freytags Buch zu tun. Er beginnt mit
einer Definition des Irrationalen, zeigt aber, daß es eine
ganze Fülle von Definitionsmöglichkeiten gibt. Der
Begriff ist ein Verneinungsbegriff. Irrational ist, was
nicht rational ist. „Rational" aber ist ein weitschichtiger
Begriff und dementsprechend auch „irrational". Ist rational
= wahr, so ist irrational = falsch. Ist rational
= wahr oder falsch, so ist irrational weder wahr noch
falsch. Ist rational = Denken, so ist irrational = Nieht-
denken (z. B. Gefühl). Ist rational = wirklich, so ist
irrational nichtwirklich. Und damit sind die Definitionsmöglichkeiten
noch nicht erschöpft. Aber bei keiner
kann die Vermutung aufkommen, als würden wir
dabei zu etwas Unlogischem gelangen. Immer verfahren
wir logisch. Das Irrationale ist keinenfalls das Unlogische
im Sinn des Widerlogischen. Trotzdem gibt
es Theorien, welche das behaupten und der Kampf gegen
diese Theorien bildet den Hauptinhalt des Buchs.
Es handelt sich dabei hauptsächlich um zwei Theorien:
die Fiktionstheorie und die Agnostik. Jene ist vertreten
in der Als-ob-Philosophie Vaihingers, vorbereitet hauptsächlich
durch Berkeley, Herbart und Nietzsche. Ihr
Grundgedanke ist, daß auch aus dem Falschen das
Wahre gefolgert werden kann — und nicht bloß kann,
sondern auch muß. Alle unsere Begriffe, die wir in der
Wissenschaft und im Leben verwenden, sind nach Vai-
hinger „Fiktionen", widerspruchsvolle, falsche Begriffe.
Aber wir brauchen sie, um durch sie die Wahrheit zu
erkennen und leben zu können, wobei Vaihinger voraussetzt
, daß die Wahrheit biologischer Art ist: wahr ist
ihm, was zum Leben nützlich ist. Diese Fiktionstheorie
wird von Freytag mit Recht abgelehnt. Das Unlogische
kann nicht Erkenntnismittel der Logik sein. Aus dem
Falschen kann nicht das Wahre gefolgert werden. Dieser
Polemik gegen die Fiktionstheorie geht zur Seite
die Auseinandersetzung mit dem Agnostizismus und dem
ihm nahestehenden neuen Positivismus der mathematisch
-logischen Russellschule. Auch diesen Theorien gegenüber
wird das Recht der echten, widerspruchsfreien
Logik mit überlegenem Scharfsinn verteidigt und daraus
scheint sich zu ergeben, daß das Dilemma, das den Titel
des Buches bildet: „irrational oder rational?" durch Bejahung
des Rationalen entschieden werden muß. Die
Frage ist nur, ob das eine volle Verneinung des Irra^
tionalen bedeutet? Gewiß, das Irrationale im Sinn des
Widersprechenden ist und bleibt verneint. Aber es bleibt
auch die Empfindung zurück, daß das Problem des
Irrationalen mit dieser Verneinung nicht erledigt ist.
Wir müssen aus dem Gebiet des Denkens hinausgehen,
um es zu erfassen. Der Mensch ist nicht bloß ein
denkendes, sondern ein fühlendes und wollendes Wesen
. Im Gefühl insbesondere hat das Irrationale seine
letzte und tiefste Wurzel und hier ist dann der Punkt,
auf dem Freytags rein philosophische Untersuchung
auch die Religion und Theologie wenigstens streift.
Die Frage, wie seine Philosophie zur Theologie sich verhält
, würde eine besondere Untersuchung fordern. Aber
das kann gesagt werden, daß beide nebeneinander Raum
haben und das Irrationale im Sinn des Gefühls das Band
ist, das beide verknüpft. Zugleich ist damit auch deutlich
geworden, warum das Dilemma: irrational oder
rational? nicht restlos für das Rationale entschieden
werden konnte und wie Irrationales immer noch übrig
bleibt. Wäre es dann — diese Frage drängt sich zum
Schluß auf — nicht zweckmäßig gewesen, neben dem
Rationalen und Irrationalen noch einen dritten Begriff
einzuführen, den des Antirationalen? Rational ist die
Vernunft, irrational das, was nicht Vernunft ist, antirational
das, was wider die Vernunft ist. Es wäre dann
nicht nötig, den Begriff des Irrationalen als des Widervernünftigen
von den Fiktionalisten zu übernehmen und
den Doppelsinn des „nicht" und „wider" in der Darstellung
mitzuführen. Man würde das „nicht" und
„wider" von vornherein scheiden und dort von Nicht-
rationalem, hier von Antirationalem reden. Auch für die
Theologie wäre das Verfahren empfehlenswert. Sie könnte
ihre Grundbegriffe als irrational bezeichnen, ohne Gefahr
zu laufen, damit den logischen Widerspruch zu bejahen
. Ihn würde sie durch die Bezeichnung „antirational
" von vornherein ablehnen (s. meine Abhandlung
: „Das Irrationale" Z. Th. K. 1921).
Tübingen. Fr. Traub.

I Fendt, Prof. D. Dr. Leonh.: Katechetik. Einführung in die Grundfragen
des kirchlichen Unterrichts der Gegenwart. Berlin: Alfred
Töpelmann 1935. (VIII, 108 S.) gr. 8°. = Sammig. Töpelmann
Reihe II: Hilfsbücher zum theol. Studium. Bd. 1. RM 2.40 ; geb. 3.50.

Es ist ein begrüßenswerter Gedanke des Verlages,
| den weitverbreiteten umfangreichen Handbüchern der
„Theologie im Abriß" eine neue Reihe kürzerer „Hilfsbücher
zum theologischen Studium" an die Seite zu
stellen. Zwar ist die Gefahr gegeben, daß bloße Tages-
I fragen und Eintagsliteratur in diese Hilfsbücher stark
I hineinspielen. Aber wesentlich größer ist der Gewinn,
I daß nicht erst Jahre vergehen, bis sich neue Bewegungen
und Strebungen literarisch niederschlagen, sondern
j daß auch z. B. auf dem Gebiet der Praktischen Theolo-
i gie die jeweils aktuellen Fragen behandelt werden. Das
j gilt ganz besonders in einer so bewegten Zeit wie der
unsrigen.

Als 1. Band ist die Katechetik erschienen, die
von dem Berliner Praktischen Theologen Fendt bearbeitet
ist. In einem ersten Teil wird „Grundsätzliches"
(S. 1—24) gesagt und zwar: Der kirchliche Unterricht
im Ganzen des Erziehungswerkes, im Verhältnis zur
nationalpolitischen Erziehung, zur evangelischen Pädagogik
. Dann folgt die „Lehre vom Stoff des kirchlichen
Unterrichts (S. 25—44): Der Primat des Stoffes, die
katechetische Differenzierung, die christozentrische Linie.
Der dritte Abschnitt: Die theologische Arbeit an den
Unterrichtseinheiten: Exegese und Meditation (S. 45 bis
55). Der zweite Hauptteil des Buches (S. 56—104) behandelt
: Die katechetische Methode und zwar die Bedeutung
der Methode überhaupt, die Wahl der Methode,
den „katechetischen Dreischritt" und die Einzelfächer
(Bibel, Kirchenlied, Katechismus, liturgischer Unterricht
und Kirchengeschichte).

Der Verfasser macht ernst mit dem völkischen Umbruch
und tritt in eine ernsthafte Aussprache mit der
nationalpolitischen Erziehung ein, vor allem mit E.
Krieck. So würdigt er die Tatsache der Volksgemeinschaft
und ihrer „funktionalen Erziehung", der die „absichtliche
Erziehung" folgt. Er baut seine ganze Katechetik
ein in die Kirche, die er „als christliche Wort- und
Sakraments - Volksgemeinschaft" versteht. Die theologisch
-religiöse Grundhaltung des Buches ist straff neu-
I testamentlich-christozentrisch-reformatorisch. Von diesem
„Lichtkegel der Reformation" aus werden die grund-
| sätzlichen und praktischen Fragen angegriffen und einer
j Lösung entgegengeführt. Mit starker Betonung wird von
dem Katecheten exegetische Arbeit und Meditation gefordert
. Die Eigenart und Bedeutung besteht darin, daß
Erziehung und Unterricht ganz weit gefaßt werden,
I unter Hineinbeziehung von Veranstaltungen für Erwachsene
(Christenlehre und Vorträge für diese!), Konfirmandenunterricht
, Jugendgruppen und Kindergottesdienst
. Um in jeder dieser Stufen das Richtige zu treffen
, muß die katechetisch-psychologische Lage erforscht
werden. Auf diese Rücksicht zu nehmen und mit allen
! Mitteln religiöse Volkskunde und Kinderseelenkunde zu
I treiben, ist „nicht ein Eingriff in Gottes Allmacht, sondern
eine Pflicht der Liebe". Sehr gründlich werden
auch die „Hemmungen" betrachtet, die heute der christ-
l liehen Erziehung entgegenstehen. Diese Hemmungen
i bedeuten keine Unmöglichkeiten, sondern das deutsche
i Volk, die deutsche Jugend hat Jesus Christus auch nötig,
| ja die Stellungnahme zu ihm ist unsere Schicksalsfrage.
! Gottes gnädiges Handeln in Jesus Christus soll „nach-