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Ausgabe:

1936

Spalte:

88-89

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Basilius Caesariensis, Die aethiopische Anaphora des Heiligen Basilius 1936

Rezensent:

Duensing, Hugo

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 5-

88

Sinn haben und darum aus stilistischen Gründen miteinander
vertauschbar sind, hat sich gezeigt, daß gerade
ihre Mannigfaltigkeit nichts anderes ist, als der notwendige
Ausdruck eines ihnen zugeordneten Sachverhaltes."

— Ein weiteres Kapitel weist die vorpaulinische Formel
ev vön<p als „Ursprung der Christusmetaphysik" des
Paulus nach, da die Formel ,im Gesetz' dieselben 3
Funktionen in sich vereinigt, die als Kennzeichen des
paulinischen ,in Christus' sich in der Formel ,trias' gesondert
darstellten. Eine kurze Übersicht über die Nachwirkung
der paulin. Formel und die Feststellung, daß
die Formel die Grundlagen paulin. Theologie in sich
birgt, beschließt die Arbeit.

Eine Untersuchung, die die bisherigen Lösungsversuche
eines wichtigen Problems so radikal ablehnt, darf
besonderen Anspruch auf Aufmerksamkeit erheben. Ist
doch Sch. der erste, der diese Deutung des Sv Xovxt$
vertritt, wenn man von den Hinweisen Lohmeyers in
dieser Richtung absieht. Das Referat des Buches wurde
darum ausführlicher gehalten, wie auch die Besprechung
desselben ausführlicher werden soll.

Zunächst: Deißmann ging bei der Erklärung der
Formel von der Frage aus: „Wie mußte ein griechisch
redender Leser dieses ev auffassen?" Hält Sch. diese
Frage für so nebensächlich, daß er sie deswegen über-

f;eht? Und ferner: glaubt Sch., daß die Leser der Pau-
usbriefe die Formeln in der Deutung, die er ihnen gibt,
verstanden haben? Ich halte das für ausgeschlossen.

Aber nun weiter: Für Sch. ist es von grundlegender
Bedeutung, daß Paulus nie von einem ev Xp. etvcu spricht.
Der Infinitiv findet sich auch defacto nicht. I. Kor. 1,30
lesen wir jedoch: e| avxov öe üueIc tote ev Xq. It|. —
d. h. aus ihm seid ihr in Jesus Christus. Ich hielt diese
Stelle bisher für eindeutig. Sch. jedoch behauptet, daß
die Formel hier nicht die Christusgemeinschaft der
Gläubigen bezeichnen kann, da das ecrcl hier nicht im
prägnanten Sinn stehe, sondern dem &% afaov zuzuordnen
sei. Ich halte diese Exegese für unmöglich, weil unnatürlich
. Kein Leser konnte das so verstehen. — Daneben
ist Rom. 16, 11 zu stellen „. . . tovc övtac, ev xiipup".
Auch dieser Satz ist m. E. eindeutig so zu verstehen, daß
hier von einem „Sein" der Gläubigen in Christus die
Rede ist. Da diese Fassung des Verses aber die ganze
Deutung der Formel, wie sie Sch. vertritt, in Frage stellen
würde, muß er auch hier das ovra? ,uneigentlich'
auffassen und es dem xomwaa? (Rom. 16,12) nebenordnen
, d. h. er faßt das etvcu hier als „farblosen Ausdruck
" für xojtiüv. Auch das ist unerlaubte Exegese.

— Als dritte Stelle führe ich für ein ev Xq. elvai Rom.
8,1 an. Daß es hier heißt: den in Christus (Seienden)
kann nicht übersehen werden. Auch wenn dieser Vers
rein die Form eines gültigen Urteils trägt (Sch.), so ist
dennoch von der Christusgemeinschaft der Gläubigen in
ihm die Rede. So viel zur Frage des ev Xq. elm. Wir
können hier Sch. in keiner Weise folgen.

Wie steht es nun aber damit, daß die Formelvarianten
einen streng voneinander geschiedenen Sinn haben?
Auch hier kommt es mir nur darauf an, an wenigen
Stellen die Unmöglichkeit dieser Behauptung nachzuwei- I
sen. Ich gehe von drei Briefeingängen des Paulus aus,
die wegen ihres formal gleichen Aufbaus gemeinsam er- |
klärt werden müssen: Kol. 1, 2 ist von den mo-coi döstapol i
ev Xchotö) die Rede I. Kor. 1, 2 von den iiymoLiEvoi ev Xq.
'lroov. Phil. 1, 1 von den Ttävxeq ayioi ev 'h^aov Xqiöto). I
Die Frage, die Sch. also zu beantworten hätte, wäre: |
warum steht Kol. 1,2 Xoiorcp ohne 1-n.aoij. Es ist be- |
dauerlich, daß Sch. diese Frage nicht ausdrücklich stellt. |
Er behandelt Kol. 1,2 ganz getrennt von I. Kor. 1,2 [
und Phil. 1,1. Zu Kol. 1, 2 stellt er aber fest: hier steht ;
dv XQiaxrä 1) weil der Begriff des ,Bruders' einer nähe- I
ren Bestimmung bedarf; 2) weil ev Xq. sich hier nur j
auf jticrtot? ci8. bezieht und nicht auf äyiou;, weil ayio?
bei Paulus überwiegend absolut gebraucht wird; die wei- j
teren Erklärungen Sch.s führe ich nicht an, und verweise |
statt dessen — um die Willkür dieser Exegese darzu- |

legen — nur auf Phil. 1,1 und I. Kor. 1,2, wo &ywi
bzw. riyiaonEvoi, mit ev Xq. 'baov verbunden ist, und
auf Phil. 4, 21, wo vom «yio; ev Xqictxö) 'lraov die Rede
ist. Ferner ist es unklar, warum Sch. gerade hier
(Kol. 1, 2) so unbedingt eine Näherbestimmung für
dSEXcpöc verlangt. Rom. 16, 14 und Kol. 4, 15 z. B. braucht
Paulus eine solche nicht; und an anderer Stelle, Phlm. 16
(wenn wir Phil. 1, 14 als mehrdeutig ausnehmen) steht
dös^cpöi; ev xuqüo. Schon damit ist die Behauptung von
der strengen Unterscheidung der Formelvarianten bei
Paulus sehr unsicher geworden. Sch. geht jedoch an
allen diesen Bedenken vorüber; er teilt seinen Stoff nach
den Formelvarianten ein, und bespricht in jedem Kapitel
nur die entspr. Varianten, die er dann künstlich dem zu
gewinnenden Sinn anpaßt. Das ließe sich an außerordentlich
vielen Stellen belegen. Ich greife nur noch eine
heraus. Auf Seite 133 lesen wir bei Sch., daß Phil. 4, 1
das ott'ixete ev xijQicp eine Aufforderung des Paulus sei,
im „Nichtigkeitsleibe" (3,21) auszuharren; oxrxew ev
xdquo wird also — unter Zuhilfenahme von Phlm. 16
— in ein tmixeiv ev ociqxi verwandelt. Denn nur so paßt
die Stelle in den Zusammenhang des Kapitels bei Sch.
Er übersieht es, daß es methodisch nur möglich ist,
bei der Erklärung des ordnete ev xuotep vom Begriff
ott'ixeiv auszugehen, und daß Phil. 4, 1 (und I. Thess.
3,8) — falls dieser Begriff hier noch nicht klar sein
sollte — nach I. Kor. 16, 13 cmixeTe ev rg nünei zu erklären
ist.

Ich muß es mir versagen, weitere Stellen, die eine
ähnliche gewaltsame Exegese bieten, anzuführen. Das
Wiedergegebene muß genügen. Es ist Sch. nicht gelungen
, das von Deißmann eingeleitete Verständnis der
Formel „in Christus" umzustoßen, weil er in der Exegese
der Einzelstellen methodisch falsch und willkürlich
vorgeht. — Von hier aus muß ich darum auch das
Kapitel über ev vöuxp als „Ursprung der Christusmetaphysik
" des Paulus ablehnen, das mir zudem in seiner
Gedankenführung undurchsichtig geblieben ist; wie man
in der von Paulus 7 Mal gebrauchten Wendung ev v6|xq)
dieselben 3 Funktionen finden soll, „die als Kennzeichen
des paulinischen ,in Christus' sich in der Formel-
trias gesondert darstellten", verstehe ich nicht. — Nur
mit dem Schlußkapitel stimme ich, wenn auch in anderem
Sinn, überein: die Formel ,in Christus' enthält
einen der wesentlichsten Gedanken des Paulus und
muß daher bei unserer Beschäftigung mit der Theologie
des Paulus mit in den Mittelpunkt gestellt werden.
Riga. H. Seesemann.

Eu r in ger, Prof. D. Dr. Sebastian : Die aethiopische Anaphora
des hl. Basilius. Nach 4 Handschr. hrsg., übers, u. m. Bemerken,
vers. Rom: Pont. Institutum Orientalium Studiorum 1934. (S. 137-223)
gr. 8°. = Orientalia Christiana XXXVI, 3.
Vf. will nach S. 145 mit der Herausgabe und Übersetzung
dieser aus der koptischen in die abessinische
Kirche gewanderten Basiliusliturgie seine Arbeiten am
äthiopischen Missale, soweit sie aus Editions- und Übersetzungstätigkeit
bestehen, abgeschlossen haben. Der
äthiopische Text ist aus einer arabischen Vorlage geflossen
, deckt sich aber auch heute noch weithin mit
dem koptisch-arabischen, wie er 1927 noch wieder in
Ain Scherns in Ägypten gedruckt worden ist. Gegen
Ende findet sich in der von Euringer seinem Text zugrunde
gelegten Jerusalemer Hs. eine erheblichere Abweichung
, die aber durch andere Zeugen, die sich der
koptisch - arabischen Vorlage mehr nähern, gemindert
wird. Jedenfalls bringt die Ausgabe inhaltlich keine
Überraschungen. Ihr Wert ist in der Kenntnis der äthiopischen
Form und des noch geübten Gebrauches auf
abessinischem Boden zu suchen. Die Bearbeitung stellt
eine Vorarbeit zu einer kritischen Ausgabe dar, ist im
übrigen sorgfältig, wenn auch einige Mängel vorhanden
sind.

S. 157 unter Nr. 36 übersetzt Euringer 'amtäna mit „Solange". Es
ist aber an der zugrunde liegenden Stelle 1. Kor. 11, 26 Uebersetzung
von ooäxu; und muß durch „Sooft" wiedergegeben werden. S. 203