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1936 Nr. 4

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67

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(ohne Kategorisierung)

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Jahrbuch der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus im ehemaligen und im neuen Österreich; 56. Jhg. 1936

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 4.

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ger als staatskirchlichen Beauftragten, der der paro-
chialen Aufgaben enthoben und so der Gemeinde entfremdet
wurde und sich dem Parochialsystem nicht einfügen
konnte, wenn ihm nicht das Dekanat übertragen
wurde. Nur in Nürnberg hielt sich dies Ornament des
rationalistischen Staatskirchentums; anderwärts ging es
wegen finanzieller Schwierigkeiten in einer Pfarrstelle
unter. Beim Hauptprediger jüngerer Ordnung verbindet
sich das Amt des Kircnenrats mit einer Predigerfunktion
. Eine Parallele hiezu bildet der Predigtauftrag der
Theologieprofessoren (S. 1—20. 65—84). H. Stoll teilt
Briefe W. Löhes von 1846—1897 mit (S. 112—125. 178
bis 184).

Horb a. N. G. Bossert.

Jahrbuch der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus
im ehemaligen und im neuen Österreich. Begründet von
Theodor Haase, Gustav Trautenberger, C. A. Witz = Oberlin, 1889
— 1929 geleitet von Georg Loesche, hrsg. von Karl Völker. 56. Jhg.
Wien und Leipzig, Manz'sche Verlags- und Universitätsbuchhandlung
1935. (184 S.)

Die Verbundenheit des österreichischen Protestantismus
mit dem deutschen Volk zeigt K. Völker in seinem
Aufsatz „Staatsgedanke und Reichsidee in der Geschichte
des österreichischen Protestantismus". Reichsverbundenheit
und Eigenstaatlichkeit bilden das Problem
der deutschen Stämme und Länder. Das Weltimperium
Karls V. mußte scheitern an der Libertät der deutschen
Fürsten, am Protestantismus und am spanischen Nationalstolz
, der einer deutschen Führung sich nie untergeordnet
hätte. Aber auch der Gedanke der Habsburger,
einen katholischen Absolutismus mindestens in Österreich
durchzusetzen, von Ferdinand I. gefaßt, von Maximilian
IL vernachlässigt, unter Ferdinand II. und III. fast ganz
zum Sieg gekommen, mußte dem der Duldung und einer
gewissen Parität seit dem Toleranzpatent weichen. Die
rätselvolle Haltung Maximilians II. verdiente eine nähere
Untersuchung, wie weit Schwenckfelds Einfluß sich unter
ihm in Österreich geltend machte. H. Krim m führt
die Beschreibung der „Agende der niederösterreichischen
Stände vom J. 1571" zu Ende und schildert die katholische
Bekämpfung dieser Agende durch Bayern und die
Bischöfe von Passau und Salzburg, die aber bei Maximilian
II. keinen Erfolg hatten. E. Winkelmann berichtet
„zur Geschichte des Luthertums im untersteiri-
schen Mur- und Draugebiet" über das immer schroffere
Vorgehen der Regierung gegen die Lutherischen nach
Karls II. Tod. P. De die gibt eine Fortsetzung der
„Geschichte des Protestantismus in Olmütz", wie Ol-
mütz 1619/20 zum zweiten Mal evangelisch war, wie
aber bald die Gegenreformation begann. Eine erschütternde
Geschichte, in deren Mittelpunkt ein vom Kaiser
auf päpstliche Anweisung gebrochenes Wort steht! Als
„eine neue Quelle zur Geschichte der Wiedertäufer in
Steiermark" teilt J. Loserth ein Bruchstück aus der
Korrespondenz Ferdinands I. mit dem steiermärkischen
Landeshauptmann Siegmund von Dietrichstein 1528/9
mit.

Horb a. N. G. Bossert.

Calvin, Johannes: Diener am Wort Gottes. Eine Auswahl seiner
Predigten übersetzt von Pfarrer Uc. Erwin M ü 1 h a u p t. Göttingen :
Vandenhoeck & Ruprecht 1934. (189 S.) gr. 8°. = Das Wort d. Reformation
. Neuausgaben zeitgemäßer Schriften d. Reformatoren, Bd. 1.

RM 5.80; geb. 6.80,

Der Vf. hat bereits vor einigen Jahren in seiner Arbeit
„Die Predigt Calvins" (Berlin und Leipzig 1931)
in eindringlicher und förderlicher Weise das Interesse
auf den Prediger Calvin gelenkt. Auf dieser Arbeit baut
die vorliegende Sammlung von 16 Predigten auf. Sie
ist entsprechend der Absicht der Sammlung, die sie eröffnet
(„Das Wort der Reformation", Neuausgaben zeitgemäßer
Schriften der Reformatoren) durch die heutige
Lage der Kirche wesentlich mitbestimmt und soll
weiteren Kreisen dienen. Die Einleitung konnte aus den
angeführten Gründen sehr kurz gehalten werden; sie

bietet gegenüber der größeren Arbeit nichts Neues. Die
Übersetzung sucht sehr geschickt die schwierige Aufgabe
zu lösen, Calvins Französisch in ein lesbares
Deutsch zu übertragen. Das geschieht aber in keiner
Weise auf Kosten des Originals, und dafür muß man

| dankbar sein. Über die Auswahl kann man bei der
großen Zahl der gedruckten und der vorerst unveröffentlichten
Predigten des Reformators natürlich streiten.

I Aber sicher ist, daß auch darin der Vf. seine genaue
Kenntnis des Materials zeigt. So wenig es die Absicht

! des Vf. ist, mit dieser Übersetzung dem Fortschritt der
wissenschaftlichen Erkenntnis unmittelbar zu dienen, so
dankbar muß man sein, daß auf diese Weise auf Grund
eingehender Beschäftigung mit der Sache auch weiteren
Kreisen ein charakteristisches Stück aus dem Schaffen
Calvins näher gebracht wird. Dabei stellen zwei Predigten
(über Ez. 28,2 und Ps. 148) Übersetzungen aus un-

j veröffentlichtem Original dar; die übrigen sind dem CR

i entnommen.

j Göttingen. O.Weber.

i Nebe, Lic. Dr. O. H.: Reine Lehre. Zur Theologie des Niklas von
Amsdorff. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1935. (54 S.) gr. 8°.

RM 2.40.

Die „Reine Lehre" des Nikolaus von Amsdorff ist
die abgekürzte Bezeichnung eines 1558 in Jena erschie-

I nenen Büchleins „Öffentliche Bekentnis der reinen lere

| des Euangelij, Vnd Confutation der itzigen Schweriner".

! Amsdorff verfaßte diese Streitschrift, als das Wormser
Religionsgespräch kurz nach der Eröffnung am 27. September
1557 abgebrochen werden mußte. Wie Kaiser
Karl V. so hatte auch sein Bruder und Nachfolger Ferdinand
ernstlich die Absicht, so viel an ihm lag zur
Überbrückung der konfessionellen Gegensätze in Deutschland
beizutragen, wie das im Augsburger Reichstagsabschied
(§§ 139 und 140) vorgesehen und im Regens-

I burger Reichstagsabschied erneut und energisch festge-

1 legt war (1556). Das Wormser Religionsgespräch, an
dem von katholischer Seite Julius von Pflugk, Michael
Heiding undCanisius sowie von evangelischer Seite neben
Melanchthon als Führer wohl Brenz und Schnepf offiziell
, dazu aber auch Weimarische und Jenaische Theologen
teilnahmen, konnte diesen Ausgleich nicht bringen
, weil die Evangelischen wohl die Erfahrungen, die
sie vor zehn Jahren mit dem Interim gemacht hatten,
nicht gut vergessen haben mochten. Und statt daß sich

} nun die Evangelischen zunächst gegenüber den Katholischen
abgrenzten, suchten sie vorab eine innere Ausrichtung
der eigenen Front und verlangten von dem katholischen
Vorsitzenden des Gesprächs eine Verdammung
des Majorismus, des Adiaphorismus, des Osiandrismus
usw., und überließen dann, als ihnen von Pflugk nicht

j entsprochen werden konnte, erzürnt die Konferenz
ihrem Schicksal (Zum Ganzen vgl. A. Beck: Johann
Friedrich der Mittlere Bd. 1. 1858, S. 294 ff.). Brenz
berichtete darüber seinem Herrn, dem Herzoge Christoph
von Württemberg, daß „der Unseren Spaltung
große Ärgerniß und den Papisten freudig Ju-
biliren bringe; jedoch ist es nichts Neues, soll
auch dem Euangelio ohnnachteilig sein. Der Herr Christus
kennet die Seinen und wird ihm seine Schäflein niemand
aus der Hand reißen". Nikolaus v. Amsdorff aber
saß als geistlicher Berater seines jungen Herrn, des
Herzogs Johann Friedrich IL, in Weimar und überlegte
sich: „DIeweil ich sehe vnnd merke, das die zeit vnd
stunde komen, vnd fahr vnd sorg verhanden ist, das

j wir nach der Weissagung Lutheri, seliger gedechtnis, das

I Euangelium vnter dem schein vnd namen des Euangelij
verlieren, vnd nichts dauon denn die Hülsen behalten
sollen, so ist es vonnöten, das wir vns mit Gottes wort
rüsten, vnd gefasset machen, dem Sathan vnd seinen
schuppen ritterlich zu widerstehen." So legte er sein
öffentliches Bekenntnis der reinen Lehre ab, „Bekennen
derhalben öffentlich, das, wie wir von Anfang bishero
bey der Augsburgischen Confession, jrer Apologia, vnd

' den Schmalkaldischen Articuln geblieben sind, So wollen