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Ausgabe:

1936 Nr. 3

Spalte:

61-62

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schlatter, Adolf

Titel/Untertitel:

Die neue deutsche Art in der Kirche 1936

Rezensent:

Eisenhuth, Heinz Erich

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Seite 1

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 3.

62

die Baptisten „Protestanten höchsten Grades" (S. 129)
seien, so wird man doch von dem Ernst berührt, mit
dem diese große Freikirche das Evangelium Jesu in der
Gegenwart durchsetzen will und mit dem sie an der
„Vertiefung des persönlichen Glaubenslebens" (S. 387)
arbeitet, innerlich überzeugt von der Größe und Bedeutung
der baptistischen Sendung.

3. Eine willkommene Ergänzung unserer Kenntnis
des gegenwärtigen russischen Baptismus und seiner Leidenszeit
unter dem bolschewistischen Regime bildet
Martens' Büchlein: „Taten Gottes im Osten". Voll religiöser
Wärme, schlicht und anspruchslos in seiner äußeren
Form, enthält es einen Bericht über Kämpfe und
Erfolge des Verfassers, über seine Auseinandersetzungen
mit Anhängern der Orthodoxie und des Kommunismus,
sowie über Verfolgungen durch die Agenten der GPU,
denen er immer glücklich entgangen ist.

Wissenschaftlichen Wert beansprucht diese Schrift
nicht, aber sie ist doch von einem gewissen Interesse,
weil sie viele Einzelschilderungen des religiösen Lebens
in Rußland enthält (u. a. ein Gespräch Lenins mit den
Baptisten, S. 41 ff. ein öffentliches Rededuell mit einem
gottlosen Kommunisten, S. 47 ff.). Auch für die Baptisten
ungünstige Dinge werden erzählt (Verfall einer
jungen Gemeinde durch Abfall mehrerer Mitglieder zum
Kommunismus, S. 112, 126, oder durch Übergang zu den
Adventisten, S. 117); und Verf. verschweigt auch nicht,
daß nicht alle Heilungswunder, deren Beschreibung einen
großen Teil des Buches füllt, dauerhaft gewesen sind
(S. 27).

An einer genaueren Darlegung der komplizierten russischen
Verhältnisse auf sektiererischem Gebiete hat Martens
kein Interesse, er wird darüber auch schwerlich genauer
orientiert sein, denn sonst hätte er nicht Oncken
als einen Begründer des Stundismus bezeichnet (S. 122),
was die Baptisten nie behauptet haben (cf. Jos. Lehmann
: Geschichte der deutschen Baptisten II 2, 1922, S.
127—136; H. Luckey: Joh. Gerh. Oncken, 1934, S.
262 f.; Der Wahrheitszeuge, Jahrgang 1934, S. 60). Man
gewinnt den Eindruck, daß Verf. (außer der Gründung
eigener Gemeinden) in stundistischen, oder stundistisch
beeinflußten Kreisen, die bereits feste Bethäu?er besaßen,
gearbeitet und sich dort für einen ernsten Lebenswandel,
Gemeindezucht und die baptistische Taufpraxis energisch
eingesetzt hat (lehrreich die Geschichte vom Baptisten
Horn, S. 93 ff.). Die Gewinnung der orthodoxen Christen
trat demgegenüber in den Hintergrund, wenn sie
auch nicht ganz fehlte. Gelegentliche Zahlenangaben
ermöglichen uns das Gewinnen eines schärferen Bildes.
So wird von einer Stadtgemeinde berichtet, daß sie 1500
Mitglieder zählte (S. 101), so erfahren wir, daß sich nach
einer Erweckungspredigt im Terekgebiet 276 Personen zur
Taufe anmeldeten (S. 73) und gegenüber der GPU in
Moskau wird die Zahl der Baptisten auf 1 100 000 geschätzt
(1926, S. 123).

So unangebracht eine Kritik an diesem Erlebnisbuch
auch wäre, so möchte ich doch darauf hinweisen, daß
die katholische Kirche niemals „eine Bekehrung durch
das Fegefeuer" gelehrt hat (cf. Eugens IV. Bulle „lae-
tentur coeli" vom 6. Juli 1439), wie ihr hier fälschlich
vorgeworfen wird (S. 45). Daß die orthodoxe Kirche
über ganz andere religiöse Kräfte verfügt, als Verf. es
uns glauben lassen möchte (S. 9), zeigt allein schon
Gogols begeisterte Schrift über den erhabenen Sinn der
Liturgie, zeigt aber ebenso gut das Starzentum des 19.
Jahrhunderts, oder das heldenhafte Martyrium so vieler
Kleriker und Laien während der Bolschewistenherrschaft.
Halle a. S. Walther Völker.

Schlatter, Adolf: Die neue deutsche Art in der Kirche.

Bethel: Verlagshandlg. d. Anstalt Bethel 1933. (31 S.) 8°. = Sonder-
dr. d. Monatsblattes „Bet-El". Hrsg. von Th. Schlatter, H. 14.

kart. RM —60.

Diese Schrift nimmt die 1933 oft behandelte Frage
auf nach dem Verhältnis zwischen dem totalen Staat

und der totalen Kirche. Wenn auch inzwischen der Begriff
„Totaler Staat" ausdrücklich aufgegeben wurde, ist
doch selbstverständlich der Wille zur Ganzheit der völkischen
Gemeinschaft geblieben. Nach drei Seiten bin
bestimmt Verf. das Sein der Kirche: sie ist die Gemeinschaft
der Gott Rühmenden, der im Geiste Wandelnden
und der in Freiheit zu einem Leib Verbundenen.
Kirche und Staat sind Kampfgenossen, wenn es gegen
die eigene Begehrlichkeit des Menschen anzugehen gilt
(15). Ein Gegensatz entstünde nur dann, wenn der
Staat sich selber für das „einzig Reale und allein Wertvolle
" hielte (16). Im Grunde handelt es sich bei einer
solchen Selbstüberheblichkeit um eine Gefahr, die auch
i in der Kirche und bei jedem Einzelnen zu bekämpfen
I ist. „Es ist Jesu Werk und Gabe, daß der
Mensch ganz werde; er ist erst ganz, wenn ihn
Gottes Wille regiert. Wir müssen total in der
Kirche leben, um total im Staat zu leben,
und total im Staat leben, um total in der
Kirche zu leben. . . Wer als Christ nicht total im
Staat leben will, muß Mönch werden" (16). Verf.
lehnt die Einwände ab, die der Kirche von dem politischen
Wollen her gemacht werden könnten. Das Rühmen
Gottes steht nicht gegen den Stolz auf die geschichtliche
und natürliche Größe, weil Gott ihr Schöpfer
ist. Das Wandeln im Geist verachtet nicht den Leib
(sehr treffend sind die Worte gegen das römische
Christentum (14)), sondern bewahrt die Gemeinschaft
vor ihrer Auflösung durch die eigensüchtige Gier. Das
Leben in der Freiheit schützt vor der Gleichmachung und
stellt in die persönliche Verantwortung.

In einem zweiten Aufsatz „Die zehn Gebote der
Träger unseres Volkstums" weist Verf. auf die grundlegende
Bedeutung des gemeinsamen Gottglaubens für
die Volkwerdung hin. Ein Volk entsteht nicht allein
durch die Rasse, sondern auch durch die Geschichte.
! „Jede Bildung eines Volkstums ist Religionsgeschichte"
(24). Die zehn Gebote binden an Gott und schützen
dadurch die Gemeinschaft vor der Selbstsucht. Aber
auch sie genügen noch nicht für das Volkstum. Denn
die Gesetze vermögen nicht die Gesinnung zu erzeugen.
Diese Kraft kommt, allein durch Christus.

Diese wertvolle Schrift des hochbetagten Gelehrten,
der die große Stunde unserer Zeit erkannt hat, ist sehr
zu empfehlen. An einigen Punkten ist jedoch eine Kritik
notwendig. Das Urteil des Verf. über die Deutschen
Christen als einer katholisierenden Bewegung ist abzulehnen
(20). Ebenso ist manches Wort, das den jungen
Deutschen zugesprochen wird, aus einer Christlichen Besorgnis
heraus erwachsen, die wir nicht als begründet
ansehen können.
Leipzig. H. E. Eisenhuth.

Ganzheit und Struktur. Festschr.zum 60. Geb. Fei. Kruegers. Hrsg
v. Otto Klemm, Hans Volkelt, Karlfried Graf v. Dürckheim-Montmar-
tin. l.Heft: Wege zur Ganzheitspsychologie, hrsg. v. O. Kl em m.
2. Heft: Seelische Strukturen, hrsg. v. H. Volk elf. 3. Heft: Geistige
Strukturen, hrsg. v. K. Graf v. Dürckheim-Montmartin. Mit einem Verz.
von Fei. Kruegers Werk. München: C. H. Beck 1934. gr. 8°. =
Neue psychol. Studien, 12. Bd., 1/3. Heft.

l.(XII, 214 S., 8 Taf.) RM 12—;' 2. (VII, 134 S.) RM 7—-

3. (VII, 134 S.) RM 7—'.

In dieser Festschrift vereinen sich 26 Forscher der
verschiedensten Gebiete Biologen, Philosophen, Soziologen
, in der Hauptsache Psychologen zur Ehrung des
verdienten Ganzheitsforschers Felix Krügers, des heute
führenden Psychologen auf dem Stuhle Wundts. Nicht
nur seine engeren Schüler bearbeiten psycholooische
Fragen (Gefühl, Wahrnehmung, Denken, Wille, &Zwei-
sprachenproblem usf.), sondern auf eigener Fährte forschende
Gelehrte ehren Krüger, in dem sie aus gleicher
ganzheitlicher Fragestellung heraus von ihrem Gebiet
Beiträge bringen so Jaentsch, Litt, Spranger, Alverdes
Seifert, Weinhandl u. a. Uns interessiert an dieser Stelle
besonders „Ganzheit und Struktur in der Religion" von
Carl Schneider, des Schülers Girgensohns und Krügers

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