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Ausgabe:

1936 Nr. 26

Spalte:

479-480

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Auslanddeutschtum und evangelische Kirche; Jahrbuch 1935 1936

Rezensent:

Usener, Wilhelm

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Seite 1

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479

Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 26.

480

stammung des Menschen überhaupt. Wie kommen seine
Vorfahren, die wie die übrigen Primaten Kletterwesen
waren, dazu, einen auf rechten Gang auszuüben? Das
ist doch nichts anderes als die Frage: Wie kommen die
Vorfahren des Menschen dazu, eine Entwicklungslinie
einzuschlagen, die zum Menschen hinführt? S. sucht
(S. 7) den Grund dafür in Nahrungssorgen: „Wir müssen
uns also den Prähominiden in einer Landschaft denken
, wo der Boden mehr Nahrung gewährte als der
Baum, beziehungsweise zu einer Zeit, wo die Urwälder,
die ihm bislang sein Baumleben gestattet hatten, sich
lichteten." Was besagt das weltanschaulich? Dies, daß
Umweltsverhältnisse der Anlaß dafür sind, daß der
Mensch Mensch wurde. Am Anfang des Nachsinnens
über den Menschen steht also die alte Umweltstheorie,
der man nur dadurch zu entgehen vermag, daß man
die Absolutheit der Entwicklungshypothese durch die
Theorie des Nebeneinander mehrerer Seinskreise ersetzt,
die sämtlich ähnlichen Entwicklungsstrebungen unterworfen
sein können. Aber die hohe Einschätzung der
Umweltsfaktoren in unserm Buch (z. B. auch S. 8/9,
S. 27, S. 36, S. 40ff.) die zum Teil beobacbtungsgemäß
gesichert sein mag, im entscheidenden Ansatz aber ur-
setzungsgemäß bestimmt ist, läßt es nicht zu, daß das
umweltstheoretische Denken grundsätzlich und entscheidend
überwunden wird. Die weltanschauliche Linie, die
durch das Ganze des Seiffertschen Buches hindurchläuft
, entbehrt der Einheitlichkeit, das Denken von Rasse
und Gemeinschaft aus ist vom Ansatzpunkt dauernd
bedroht und ständig von der Frage begleitet, ob auf
der gewählten Grundlage bei völliger Folgerichtigkeit
des Denkens nicht die gegenteiligen Folgerungen sich
ergeben müßten als die, die der Verfasser zieht. Die
weltanschaulichen Probleme, die das Buch stetig durchziehen
und unterbauen, bedürfen einer noch schärferen,
erkenntnisikritisch gesicherteren Durcharbeitung, als sie
der Verfasser zu bieten vermag. Imimerhin ist es ein
Verdienst des Buches, dieses Fragen aufgeworfen zu
haben. In diesem Sinne bietet es dem weltanschaulich
Interessierten reiche Anregungen.

die Verbindung der nordischen lutherischen Kirchen
mit dem Anglicanismus gewachsen ist, so hätte auch gesagt
werden müssen, daß die Ursache ihrer Abwendung
von der deutsch-evangelischen Kirche in dem Eindruck
mitbegründet ist, den das Ausland von der kirchlichen
Entwicklung in Deutschland seit 1933 hat. Wie der
'Verfasser sich kirchliche Außenpolitik denkt, wird anregend
von ihm dargelegt. Ob er mit der Forderung,
daß die Sakramentsfrage besonders dringlich der Kirche
unserer Zeit aufgegeben ist, Recht hat, wird manchem
deutsch-evangelischen Auslandspfarrer im Blick
auf die Zusammensetzung seiner Gemeinde wohl zweifelhaft
sein. Liegt nicht die Gefahr vor, wenn die Notwendigkeit
der Erörterung der Sakramentsfrage so entschieden
betont wird, daß wir hinter das „berühmte Auslanddiasporagesetz
vom 17. 6. 1924", gegen das auf
dem Kirchentag in Bethel nur ganz wenige Überkonfessionelle
stimmten, die sich auch durch D. Ihmel's Ausführungen
nicht belehren ließen, zurückgehen?

Frühere Veröffentlichungen des Jahrbuches führt
Hans-Joachim Dahlem fort in „Die Zwei- und
Mehrsprachigkeit in ihrer Bedeutung und
ihren Folgen für die deutschen Volkskirchen
Ost- und Südeuropas. Unrichtig ist aber,
wenn S. 60 die friesische Sprache als Mundart des Deutschen
bezeichnet wird, sie ist doch, wenigstens auf
den Inseln Amrum, Sylt usw. eine eigene Sprache. Mag
es zunächst dem einen oder anderen fraglich erscheinen,
ob der schöne Aufsatz von Wolf gang Reimann über
Bach, Händel und Schütz gerade in unser Jahrbuch
gehört, so ist doch gewiß richtig, daß hier für
das Auslanddeutschtum besondere Segensquellen sprudeln
, das zeigt uns der folgende Beitrag Franz Xaver
Dreßler, Musik und Kirche bei den Siebenbürger
S achsen (in Hermannstadt 1931 Gründung
eines Bachvereins) mit den Programmen des Kan-
torats der ev. Hauptkirche in Hermannstadt. Bei der
Darstellung des evangel. Auslanddeutschtum
von Karl C. von Loesch und P. Ullrich
mit trefflichen Karten hat das Institut für Grenz- und

Leipzig. Fritz Schulze. ! Auslandstudien in Berlin-Steglitz nach den grundsätzlichen
Erörterungen von Loesch's die eigentliche Darstel-

Auslanddeutschtum und evangel. Kirche. Jahrbuch 1935. Hrsg. , iung gegeben. Ein Spezialgebiet behandelt Fritz
?i Dr-QEornst Schubert- München: Chr. Kaiser. (279 s. m. ] Heinz R e i m e s c h, A u s 1 a nd deut s c htu rn und

6 Zf'er' 8i' • i r i i i «r^K „ i i Rundfunk. Besonders hebe ich noch hervor den dan-

Wieder bringt das Jahrbuch 1935 wertvolle grund- j kenswerten Beitrag des Herausgebers E. Schubert,

satzliche Beitrage zu den einschlägigen Fragen und i auf gründlicher Forschung und Literaturkenntnis z. T.

Schilderungen von den verschiedenen Gebieten deutsch- auf Qmnd von Akten des Geheimen Staatsarchivs be-

evangehscher Arbeit im Ausland Von Neuen Zie- j ruhend, die Fürsorge der Hohenzollern für

Jen" handelt die einfuhrende Arbeit des Leiters des | die evangelische Auslanddiaspora, die auch

kirchlichen Außenamtes Bischof D. Theodor Heck el. ! den im allgemeinen mit dem Gegenstand Vertrauten viel

er nimmt den Begriff kirchliche Außenpolitik auf und Neues bieten wird, ganz besonders aus der Zeit Friedr.

grenzt ihn ab gegen das Diakonat der Kirche, das aus j Wilhelms III. und IV. Die übrigen Arbeiten führen

der Schicksaisgemeinschaft zwischen Mutterkirche und in gewohnter Sachkenntnis auf verschiedene Gebiete des

Glaubensgemeinschaft hervorgeht Die nationalsoz. Er- | Auslanddeutschtums, Memelland, Gotenburg, Slowakei,

hebung in der Heimat hat weithin auf das Ausland- j Vereinigte Staaten, Kanada, Australien.

deutschtum gewirkt und in der kirchlichen Auslandarbeit „ „ c w/-u,„i it

j wi'h ■! • ■ «_«• 1 • i ri i -u Halle a. S. Wilhelm Usencr.

den Willen zu gesamtkirchlicher Gemeinschaftsbildung |__

geweckt. Die Pfarrkonferenzen in aller Welt haben eine j Soeben erschien:

merkliche Belebung erfahren; aber ob es gerecht ist, inj Uhannoicrhoc nonkon

diesem Zusammenhang zu sagen, daß sonst die üb- ! ÜUliailllCiawiCO LSdir*7ll

liehen Pfarrkonferenzen von Standesfragen beherrscht Ein Beitrag zur Erkenntnis der johanneischen Eigenart,

waren? Zum Auslandsdiakonat muß eine kirchliche Aus- Von Lic theol Waither von Loewenich
landspolitik kommen. Aus der Tatsache, daß das Volkstum
den Kristallisationspunkt zu neuer Kirchenbildung

bildet, wird eine neue Form des Handelns der Kirchen 302 ~' V Kart-J; ,
als Ganzheiten gefordert, wozu der Nationalsozialismus
die Voraussetzungen und Bedingungen geschaffen habe;
letzteres wird auf verschiedenen Gebieten nachgewiesen.
Besonders wird die Notwendigkeit geistlicher Leitung
(Bischofsamt) für den Dienst der evangelischen Kirche
im Ausland betont. Wenn bei der Besprechung der
nichtrömischen Kirchengruppen richtig gesagt wird, daß

Dozent an der Universität Erlangen
32 Seiten, 8°. Kart. RM 1.80

Sonderdruck aus .Theologische Blätter" 1936 Nr. 11.

Die vorliegende Schrift ist ein Versuch, die johanneische Frömmigkeit
von der sonst im Neuen Testament erkennbaren charakteristisch
abzuheben. Es ist Pflicht der evangelischen Theologie und Kirche,
diese Eigenart ernster zu nehmen als bisher. Sie wird dann in ihr
den köstlichsten Schatz finden, den die Bibel zu verschenken hat.

J. C. HINRICHS VERLAG / LEIPZIG

Die nächste Nummer der ThLZ erscheint am 2. Januar 1937.

Verantwortlich: Prof. D.W.Bauer in Göttingen, Düstere Eichenweg 14.
Verlag der J. C. Hinrich s'schen Buchhandlung in Leipzig C 1, Scherlstraße 2. — Druckerei Bauer in Marburg.