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Ausgabe:

1936 Nr. 26

Spalte:

476-477

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Der urchristliche Realismus und die Christenheit in der Gegenwart; 2. Teil 1936

Rezensent:

Wendland, Heinz-Dietrich

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 26.

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durch die Propheten und zuletzt durch den Sohn gesprochen
hat, sondern als Wissen um die Geschichte des
Reiches Gottes, das zu allen Zeiten und bei allen Völkern
Ereignis geworden ist, nicht als Wächterin über
die Reinheit des Worts, damit durch die reine Verkündigung
dieses Worts wahre Kirche werden kann, sondern
als Pfadfinderin einer neuen Religion und einer neuen
Kirche."

In einem besonderen Abschnitt zeigt Schmid, wie
Lagarde das A.T. in seinem Verhältnis zum N.T. sieht.
In einem weiteren, wie er sich zur Reformation und zum
Protestantismus stellt. Lagarde erkennt als Nutzen der
Reformation nur die Befreiung von der römischen Kirche
an, führt diese Befreiung aber nicht auf die religiöse
Kraft der Reformation, sondern mehr auf die Kraft
der germanischen Naturanlage zurück. Im übrigen
ist nach Lagarde die Reformation nur eine Subtraktion
von der katholischen Kirche und läuft
in Subjektivismus — ohne Kirche, ohne Gemeinde*
bewußtsein, ohne Kultus — aus; mit dem Protestantismus
ist es vorbei, die Großen der deutschen
Geistesgeschichte sind von ihm nicht wesentlich beeinflußt
, die Wissenschaft ist mit ihm fertig, das Volk
ist nicht mehr protestantisch. Den Katholizismus lehnte
Lagarde, wie der nächste Abschnitt zeigt, auch ab,
betrachtete ihn aber fast als das geringere Übel. Die
Symbolkraft seines Kultus schätzte er wie die Romantiker
hoch. An dieser Stelle zeigt Schmid, daß Lagarde
recht stark von der Romantik oeeinflußt ist; hier wurzelt
wohl auch seine Hervorhebung der freien Einzelpersönlichkeit
und Volkspersönlichkeit. Den Neukatholizismus
lehnt Lagarde natürlich ab, besonders auch
nach der politischen Seite, glaubt aber, daß er nur durch
eine nationale Religion überwunden werde.

Im Schlußwort fesselt die Deutung des Wesens La-

eardes: Polarität von Sehnsucht nach Einsamkeit und
•rang nach Tätigkeit, von Sehnsucht nach Ewigkeit und
Wirken in der Welt. Das ist Lagardes Glaube: Gott
wirkt in jedem Menschenleben ganz persönlich und will
darin Gestalt gewinnen. Auch die Nation ist ein Gedanke
Gottes. So soll auch die deutsche Nation in
ihrem Wesen wiedergeboren werden. Eine organische
Verbindung von Evangelium und Deutschtum — darauf
läuft die netie Weltanschauung hinaus, vor der, wie
Lagarde vorhersagt, Katholizismus, Protestantismus, Judentum
und Naturalismus das Feld räumen müssen. Die
neue „Weltanschauung" steht also für Lagarde auf
gleicher Ebene wie die bisherigen Religionen und soll
diese verdrängen. Heute sucht man vielfach Religion
und Weltanschauung als zwei verschiedene Größen, die,
recht verstanden, miteinander nicht kollidieren, scharr
zu trennen. Ist das möglich?

Heidelberg._Wilhelm Knevels.

Elias Schrenk. Ein Leben im Kampf um Gott. Erw. Neuausgabe
von ,,Pilgerleben u. Pilgerarbeit". Hrsg. von S. Schrenk.
Stuttgart und Basel: Evang. Missionsverlag 1930. (256 S.) 8°.
Daß dieses Buch jetzt in vierter Auflage und Neuausgabe
erscheinen kann, ist verständlich und zu berußen
. Viele von uns Älteren kennen den Verfasser,
aben unter seiner Kanzel gesessen und haben seine
schlichte, herzandringende Predigt auf sich wirken lassen
. Ungezählten ist er zum dauernden Segen geworden.
Aber die Evangelisation, deren Bahnbrecher S. in
Deutschland war, ist ja auch längst ein Stück Kirchenschichte
der letzten Jahrzehnte des vorigen und der
ersten Jahrzehnte dieses Jahrhunderts.

Interessant ist die Schilderung überall, schon die
Eingangskapitel von Kindheit, Lehrzeit, kaufmännischer
Tätigkeit. Im Baseler Missionshaus empfängt er seine
missionarische Ausbildung; zweimal geht es an die Goldküste
in Westafrika. In der Heimat, wohin er gesundheitshalber
zurückkehren muß, wirkt er zunächst als
Kurprediger in Davos, auf einer längeren Reise in England
sucht man ihn dort festzuhalten, aber er geht
nach Frankfurt/Main als Missionsprediger, steht dann

7 Jahre im Dienst der Evangelischen Gesellschaft in

! Bern, um von 1886 an, zunächst von Marburg, später
von Barmen aus als freier Evangelist, hauptsächlich
im Süden und Westen Deutschlands, aber auch in Ber-

I lin, Hamburg usw. 33 Jahre lang tätig zu sein. 54 Jahre
hat er im Dienst des Evangeliums in Afrika und Europa
gestanden. Mit 70 Jahren geht S. noch nach Rußland
zur Evangelisation und 6 Jahre später zum zweiten Mal.
Es ist nicht nur ein interessantes und im besten

I Sinn erbauliches Lebensbild, das uns hier gegeben wird,
es finden sich in unserem Buch auch wichtige grundsätzliche
Ausführungen zu Evangelisation und Predigt,
Evangelisation und Pfarramt, Evangelisation und Lan-

I deskirche, auch zu allerhand technischen Fragen betr.
Evangelisation; das alles in sehr innerlicher, aber auch

| durchaus nüchterner Weise. Klare Scheidung zwischen
Evangelist und Gemeinschaftspfleger. „Wir müssen Jesus
Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, so
verkündigen, daß uns eine Dienstmagd so gut verstehen
kann wie der gebildete Mann". Ist das nicht
auch das Ideal der Gemeindepredigt? Die letzten
Kapitel stammen von zweien seiner Söhne. Das ganze
Buch wirkt in unaufdringlicher Weise selbst im besten
Sinn evangelistisch.

Halle a. S. Wilhelm U s e n e r.

Arseniew, Nikolaus von: Der urchristliche Realismus und die
Christenheit der Gegenwart. 2. Teil. Kassel: Bärenreiter-Verlag
1935. (75 S.) gr. 8°. RM 2-.
Der erste Teil dieser Schrift (angezeigt Theol. Lit.
Ztg. 1935, Nr. 4, Sp. 76f.) schloß mit der Darstellung

i des neuen Durchbruchs des urchristlichen Realismus
in der deutschen protestantischen Theologie der Gegenwart
und führte einige Parallelerscheinungen im
außerdeutschen Protestantismus an. Der für den zweiten
Teil veränderte Haupttitel „und die Christenheit
der Gegenwart" (die gesperrten Worte sind jetzt hinzugesetzt
) zeigt die Ergänzung des im 1. Teil gegebenen
Überblicks an, der allerdings, wie der Verf. selbst sagt,
eine gewisse Zufälligkeit anhaftet. Das 1. Kap. faßt die
Kirche des Morgenlandes, das 2. die Inkarnationstheolo-
gie des Anglikanismus der Gegenwart, das 3. die
deutsche hochkirchliche Bewegung, das 4. Strömungen
in der katholischen Kirche der Gegenwart (hauptsächlich
die liturgische Bewegung), das 5. endlich die ökumenische
Bewegung (jedoch im Wesentlichen nur die Lau-
sanner Bewegung „Faith and Order") ins Auge. Wie
im ersten Teil wird auch hier der „urchristliche Realismus
" vor allem in dem Verständnis der Kirche als
lebendiger Gegenwart des göttlichen Heilsgeheimnisses
in der Welt, als des Leibes Christi, und in der neuen
Wertung der Sakramente gesehen (in erster Linie des
Abendmahls) die aber beide, Kirche und Sakrament,

I christologisch fundiert sind: in der Christologie der

I Inkarnation und der Auferstehung, in denen der Sieg
des Gottmenschen über den alten Aion real, wenn schon
noch verborgen, begonnen hat. Kirche und Sakrament

| sind Gegenwart und reale Fortsetzung dieser Ereignisse
des Heils. Das Ziel des Sieges Christi ist die Verklärung
und Vergöttlichung der Menschheit nicht nur,
sondern der gesamten Schöpfung, durch sein Leiden
und seinen Tod hindurch, an welchen auch die Kirche
teilnehmen muß, wie uns heute das Geschick der leidenden
und zeugenden russischen Kirche zeigt, das für
A. im Mittelpunkte des religiösen Geschehens unserer
Zeit steht. Dieser „urchristliche . . . schmerzdurchbohrte
Leidens- und Siegesrealismus" (8) bricht sich heute
in den verschiedenen, oben genannten Kirchen und Bewegungen
Bahn. Die Stärke v. Arseniews ist das Empfinden
für die gemeinsamen Züge, für die ökumenische
Communio, die wirksam zu werden beginnt; die Unterschiede
und Gegensätze lehrhafter und theologisch-begrifflicher
Art treten ihm davor zurück. Richtig ist gesellen
, daß es sich bei dem Hervortreten der ökumenischen
Communio in den oben angedeuteten Grundzügen
einer neuen Erfahrung von der Kirche usw. nicht um