Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1936 Nr. 25

Spalte:

456-457

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lennarz, Karl

Titel/Untertitel:

Propstei und Pröpste des St. Peterstifts in Fritzlar 1936

Rezensent:

Lerche, Otto

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

456 Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 25. 45R

Corinth: norms of conduct" behandeln Probleme der J für jeden Text geschieden — 4 vollständige Wortregister,
Korintherbriefe. Die Gegensätze in Korinth werden teil- • die selbst die Wörtchen „et" und bi nicht vergessen

weise gut ausgearbeitet. Was Paulus betrifft, bringen
diese Kapitel Ausführungen über seine Schreibweise,
sein Apostelbewußtsein und sein Auftreten in den schwierigen
Situationen. Die Verfasserin interessiert sich vor
allem für seine Persönlichkeit, aber kann auch einige
Seiten über den pneumatischen Realismus bei Paulus
(S. 64 ff., 77f.) und über die Bedeutung der Eschatolo-
gie für seine Lösung der sexualethischen und sozialethischen
Probleme (S. 79 ff.) schreiben. Was die letzten
Fragen betrifft, ist ein Vergleich mit Epiktet und Seneca
(S. 80 f., 87 f.) lehrreich. Die beiden folgenden Kapitel
„Was Paul an intellectual?" und „Paul the Jew" beschäftigen
sich wieder mit der Persönlichkeit des Apostels
. Die erste Frage wird mit nein beantwortet (S.
134). Der Abstand von Cicero, Seneca, Mark Aurel,
Epiktet und Poseidonios wird gezeigt. Paulus gehört in
den Bereich des hellenistischen Judentums. Die Frage
wird erörtert, was in seiner Persönlichkeit jüdisch und
was hellenistisch ist. Und es zeigt sich hier wie sonst,
daß diese Fragestellung nicht für die Entdeckung
des spezifisch Christlichen besonders günstig ist.

Überhaupt muß man sagen, daß es in diesem Buch
viel an Stringenz und sehr viel an Tiefe fehlt. Es ist
symptomatisch, daß I. Kor. 13 in diesem Buch über die
paulinische Ethik nur flüchtig berührt wird. Die Betrachtungsweise
, die sich mehr für die Persönlichkeit
des Paulus und für psychologische Erklärungsversuche
interessiert als für seine Sache und für ein theologisches
Verständnis der Sache, gehört auch zu einem Stadium in
der Forschung, das in der kontinentalen europäischen
Forschung schon vor langem verlassen ist. Wir glauben,
daß wir die Fragen besser stellen und besser beantworten
können, als hier der Fall ist. Aber vieles in dem
Buch ist lesenswert, so z. B. die Referate der Resultate
der religionsgeschichtlichen Schule und die Vergleiche
mit den Stoikern. Und das ganze Buch ist mit einer
gewissen Eleganz geschrieben, häufig mit ironischen
Bemerkungen gewürzt.
Oslo. Einar Mol 1 and.

Passio Sanctarum Perpetuae et Felicitatis. Vol. I. Textum grae-
cum et latinum ad fidem codicum mss. ed. Cornelius Jeannes Maria
Joseph van Beek. Nymwegen: Dekker & van de Vegt 1936. (166* S.
u. 159S.) gr. 8°. Fl. 6—.

Abgesehen von den neutestamentlichen Schriften hat
wohl noch keine Urkunde der alten Kirche eine derartig
umfangreiche und prächtige Ausgabe erfahren, wie sie
hier dem Martyrium der Perpetua und Felicitas in seinen
verschiedenen Fassungen zuteil geworden ist. Dabei
handelt es sich vorerst nur um einen ersten Band.
Die Fragen der Abhängigkeit, Echtheit, Verfasserschaft,
das Grammatische u. ä. soll erst in einem zweiten Band
ausführlich behandelt werden; hier wird zunächst nur
das Material dafür in breiter Fülle zurecht gelegt, und
zwar für die Passio und die „Acta brevia" fein säuberlich
getrennt, obgleich der Hrsg. mit Recht davon
überzeugt ist, daß diese zweite Fassung des Martyriums
sekundär ist und neben der Passio keinen eigenen Quellenwert
besitzt. Das Literaturverzeichnis umfaßt 15 Seiten
. Dann folgt eine Übersicht über die Handschriften
und eine Untersuchung ihrer Abhängigkeiten für die
Passio, wobei sich ein ziemlich einfaches Stemma ergibt.
Es ist dem Hrsg. erfreulicher Weise geglückt, für den
lateinischen Text mehrere neue Handschriften zu entdecken
und zu verwerten. Der vornehmste, mit „1"
bezifferte Zeuge bleibt aber der Codex von Montecassino
aus dem X./XI. Jhd. Eine Zusammenstellung der altkirchlichen
Testimonia bildet den Schluß der Einleitung, j Papste vorbehaltene Pfründe, deren Verleihung den
Der Text selbst ist zweiseitig gedruckt. Für die Passio I kirchlichen Bedürfnissen des Landes und der Heimatsind
der griechische und lateinische Text, für die Acta kirche überhaupt oft nur allzuwenig Rechnung trug,
zwei verschiedene Fassungen A und B nebeneinander I Die Anfänge des Fritzlarer Stifts zeigen die im
gesetzt. Letztere war bisher noch nicht bekannt, wie '> frühen Mittelalter auf deutschem Boden weitverbreitete
überhaupt für die Acta noch jeder Versuch einer kri- ; Vermischung pfarrlicher, stiftischer und klösterlicher Ele-
tischen Ausgabe fehlte. Zum Schluß folgen — wieder j mente. Aber es ergibt sich aus allen gesicherten Überhaben
. 9 schöne Lichtdrucktafeln tiervorragender Handschriften
sind beigegeben.

Es kann mit Dank festgestellt werden, daß diese
Ausgabe wirklich eine Bereicherung darstellt und, wenn
nicht ganz überraschende Funde gemacht werden, neue
Ausgaben jetzt nicht mehr erforderlich sein werden.
Ein abschließendes Urteil wird erst möglich sein, wenn
der zweite Band Vorliegt. Es ist dringend zu wünschen,
daß der Hrsg. hier bei der Untersuchung der Überlieferungsgeschichte
sich nicht mit der starren Konstatierung
von getrennten Fassungen und gewissen Abhängigkeiten
begnügt, sondern uns, wenn möglich, ein
wirklich lebendiges Bild vom Wachstum und der Entwicklung
dieses volkstümlichen Literaturdenkmals vermittelt
, so wie es Reitzenstein für das Martyrium Cyprians
versucht hat. Denn mag die Passio Perpetuae
ihrem religiösen und künstlerischen Wert nach hoch
über dem Durchschnitt stehen, literaturgeschichtlich gehört
sie doch in die gleiche Gruppe erbaulicher Kleinliteratur
, die ihre eigentümlichen Wachstumsgesetze besessen
hat.

Im Apparat, der den handschriftlichen Stoff manchen guten Vorschlag
und manchen Hinweis bringt, wäre in der Mitteilung älterer
Konjekturen vielleicht etwas mehr zu leisten gewesen, zumal in einer
Ausgabe, die sonst überall so sorgfältig und breit angelegt ist. So fehlt
z. B. S. 18, 5 die Konjektur „instaret" für „staret" von Salonius; S. 30, 7
„canebant" für „cadebant" (Robinson); 36,13 „coniuncti" für „cuniuncto"
(Radermacher). Auch die Annahme von Lücken wird 18,6/7 (unter
Wahl der leichteren Leseart); 22,15; 48,1 stillschweigend aufgegeben.
Göttingen. H. v. Campenhausen.

Lennarz, Dr. Karl: Propstei und Pröpste des St. Peterstifts
in Fritzlar. Anhang: Vom Scholaster und der Stiftsschule zu Fritzlar
. Fulda: Fuldaer Actiendruckerei 1936. (IV, 118 S.) 8°. = Quellen
u. Abhandlgn. z. Gesch. d. Abtei u. d. Diözese Fulda. H. 15. RM 4—.

Der vorliegenden aus dem Nachlaß des Verfassers
durch G. Richter herausgegebenen Arbeit fehlt die
letzte Abrundung und vielseitige Ergänzung, die bei
dem vorhandenen reichen Material durchaus möglich
gewesen wäre. Aber auch die uns hier dargebotenen
Ausschnitte eröffnen aufschlußreiche Einblicke in das
bunte Verfassungsleben der deutschen Kirche des Mittelalters
, so daß die Arbeit über den Kreis der Ortsund
Landesgeschichte hinaus wertvoll ist. In erster
Linie werden die engen Beziehungen zwischen Stift
und Archidiakonat deutlich: dies Thema, das durch die
ganze Arbeit hindurch geht, wird noch einmal nach
jeder Seite hin durchleuchtet in den beiden Exkursen,
die vom Alter des Stiftes St. Peter in Fritzlar — das
sehr bald, nicht erst um die Jahrtausendwende an die
Stelle eines von Bonifatius gegründeten Klosters bene-
diktinischen Charakters getreten sein wird — und von
den Anfängen des Archidiakonats Fritzlar, die in die
nächste Nähe der Aufhebung des Bistums Büraburg,
wenigstens aber in die Zeit nach Ludwig dem Frommen
zurückgeführt werden, handeln.

Der Hauptteil der Arbeit besteht aus den vier Abschnitten
: 1. der Propst als Haupt des Stifts, 2. der
Propst als Archidiakon, 3. die erzbischöflichen Kommissare
und 4. die Inhaber der Propstei. In dem Personenkreise
der Pröpste spiegelt sich die geschichtliche
Entwicklung des Stifts wider, das zunächst in dem engbegrenzten
Kreise der Stadt- und Stiftsumgebung eingebettet
vor der Welt beschützt dalag. Dann wurde der
Fritzlarer Propst residierender Domherr in Mainz, und
dem Dechanten in Fritzlar lag die Verwaltung des Stiftes
allein ob. Im Ausgange des Mittelalters sehen
wir auch in der Fritzlarer Propstei eine vielfach dem