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Ausgabe:

1936 Nr. 25

Spalte:

453-454

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Oesterley, W. O. E.

Titel/Untertitel:

The Gospel parables in the light of their Jewish background 1936

Rezensent:

Jeremias, Joachim

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 25.

454

Darbietung zur Tat praktischen Christentums aufrufen
möchte. (S. 78). Diesen Dienst kann dieses Buch gut
leisten. Drei Einwände müssen aber erhoben werden:

1. Bei'dem Willen, auf die ursprüngliche Botschaft
Jesu zurückzugehen, ist übersehen, daß wir als historisch
ältesten Tatbestand erheben können, was gerade
der Verf. als Störung des Bildes beseitigen möchte:
das urchristliche Kerygma vom Kreuz. Die symbolische
Auslegung des Kreuzes vermag noch nicht seine einzigartige
Bedeutung für den Vergebungsglauben zu erfassen
(S. 164). (Überhaupt wird an schwierigen Stellen
eine symbolische Auslegung empfohlen, die aber
nicht immer einleuchtend ist (S. 177, 107, 202).
Auch die Erwähnung von Fichte's Auffassung vom
Sterben leitet nicht dazu an, Jesu Sterben im Sinne des
„Für uns" zu verstehen. Verf. beseitigt mit Recht
eine jüdisch verstandene Opfervorstellung. (S. 71, 147).
Aber den tiefen Gehalt des Bildes vom Opferlamm vermag
er nicht positiv zu würdigen, weil er nur vom Gottesglauben
Jesu, nicht aber von seinem Gottsein spricht.

2. Was bei dem Verf. als die ursprüngliche Botschaft
Jesu erscheint, ist die dem Leben zugewandte
Seite seiner Verkündigung. Zu dieser Botschaft gehören
aber auch die Worte über das Ende und über das Sein
bei dem Vater. Ebenso müssen die Worte Erwähnung
finden, die bei Paulus den Hauptinhalt des Evangeliums
darstellen. Hierin ist nämlich zwischen Paulus und den
Darstellungen in den vier Evangelien kein grundsätzlicher
Unterschied. Die ursprüngliche Botschaft wird
bei dem Verf. zu einer neuen Lehre Jesu, statt zu einer
neuen Vertrauensbindung an ihn selber.

3. Aus dem Verzicht auf die geschichtlichen Erwähnungen
ergibt sich ein beträchtlicher Nachteil. Jesu
Botschaft wird zu sehr nur in seinem Wort und viel zu
wenig in seiner ganzen Lebenshaltung dargestellt. Dadurch
vermag das Buch den Leser in kein persönliches
Verhältnis zu dem Menschen Jesus zu bringen, weil
das Persönliche stets durch das Persönliche mitbedingt
ist.

Das Buch hat eine positive Bedeutung, wenn es
zur Veranlassung wird, zum NT. hinzuführen; denn die
Betonung des Tuns allein kann, so wichtig sie ist,
zu einem neuen Gesetz werden, was Jesus mit seiner
Botschaft nicht gewollt hat. Verf. wird gerade dadurch
ein besseres Verständnis für den Inhalt vorbereiten
, den er lediglich als paulinische Auslegung
versteht, der aber auf Jesus selber zurückgeht: für das
Evangelium von der vergebenden Gnade.
Leipzig. H. E. Eisenhut h.

Oester! ey, W. O. E., D.D., Litt. D.: The Qospel parables in
the light of their Jewish background. London: Society for
Promoting Christian Knowledge 1936. (Vitt, 245 S.) 8". 7 s. 6 d.
Man legt dieses Buch enttäuscht aus der Hand.
Nicht deshalb, weil es im Blick auf einen weiteren Leserkreis
zum Teil recht breit geschrieben ist, sondern
weil diese in den Jahren 1915—1919 gehaltenen Vorträge
— trotz gelegentlicher, aber durchaus unzureichender
Bezugnahme auf seither Erschienenes — nicht den
gegenwärtigen Stand der Forschung wiedergeben. Die
tormgeschichtliche Arbeit am Neuen Testament ist ignoriert
; auf Schritt und Tritt wird so unbekümmert aus
dem Zusammenhang der Texte exegesiert, wie man das
vor 20 Jahren tat. Die religionsgeschichtliche Arbeit
der beiden letzten Jahrzehnte ist übergangen, nicht nur
etwa in den Ausführungen über den Menschensohn (S.
33ff.), sondern auch in der Erklärung der einzelnen
Gleichnisse (z. B. fehlt Greßmanns Berliner Akademieabhandlung
über das Gleichnis vom reichen Mann und
armen Lazarus, ABA. 1918, Nr. 7). Und auch in
der Verwertung des spätjüdischen Materials für das
Verständnis der Gleichnisse Jesu sind wir in der Zwischenzeit
einen Schritt weiter gekommen. So wirkt
das Buch wie ein Klang aus vergangenen Tagen. Damit
soll ihm nicht jeder Wert abgesprochen werden; für

| die Behandlung der Gleichnisse im Unterricht wird

J man manches Brauchbare und manchen schönen Ge-

! danken finden.

j Göttingen. Joachim Jeremias.

Andrews, Mary Edith: The Ethical Teachlng of Paul. A Study
in Origin. Chapel Hill: The University of North Carolina Press
1934. (IX, 185 S.). 8°. Geb. $ 2—

Das Buch ist entschieden untheologisch, sowohl in
seinem Programm wie in der Ausführung des Programms
. Die Verfasserin, die Assistant professor of
Religion in dem Goucher College ist, wirft der paulini-
: sehen Forschung vor, sie habe sich zu einseitig für
die Gedanken des Paulus interessiert und ihn als
Theologen betrachtet. Dies sei eine Ungerechtigkeit
sowohl gegen Paulus wie gegen die Theologen. Er sei
ein gefühlsbetonter Prediger, „choosing the way of
emotional appeal", und gar kein Denker (S. 24, vgl.
S. 21, 169 und das Kapitel „Was Paul an intellectual?").
Aber jetzt sei die Zeit für „a more human approach to
the problem of Paul's ethical teaching" gekommen
(S. 4). Damit meint sie eine Behandlung des Problems,
die die Äußerungen des Apostels soziologisch und psychologisch
zu verstehen versucht. Die Forschung soll
den soziologischen Hintergrund der Paulus-Briefe und
die Persönlichkeit des Paulus beleuchten. Diese Forderung
wird derart zugespitzt, daß die Verfasserin verlangt
, die Ideen des Apostels sollen als Rationalisierungsversuche
seiner Handlungen aufgefaßt werden
(S. 37). Seine Handlungen sind das Primäre. Die
ethischen Normen, Motive und Argumentationen sind
sekundär; sie sind „justifications" von seinem „course
of action" oder seinem „judgment" (S. 171). Unter „a
human approach" zu der paulinischen Ethik versteht
die Verfasserin eine psychologistische Interpretation. Und
diese psychologistische Interpretation kann bei ihr deutlich
behavioristische Farben aufzeigen. Immer wieder
wird die Notwendigkeit einer Untersuchung der Handlungen
(behavior) des Paulus betont. Es sei wichtiger,
sein behavior als seine ideas zu studieren (S. 4, 18, 22,
37, 142, 166), die ja nur seine „consequent reflections
on that behavior" sind (S. 22).

Diese Einstellung, die die Verfasserin in etwas gewagter
Weise mit der formgeschichtlichen Methode vergleicht
(S. VII), macht es verständlich, daß wir sehr
wenig von den ethischen Prinzipien und Normen erfahren
. Ein Problem wie Rechtfertigung und Ethik
wird überhaupt nicht behandelt. Probleme wie das „des
paulinischen Imperativs", die in der kontinentalen europäischen
Forschung, vor allem in der deutschen, lebhaft
debattiert werden (siehe z. B. Bultmann und Windisch
in der ZNW. 1924), bleiben außerhalb ihres Gesichtskreises
; über diese Debatte findet man nur eine
ironische andeutende Bemerkung (S. 3). Das Verhältnis
zwischen Sakrament und Ethik wird nicht erörtert, aber
hier erhalten wir jedenfalls einige Andeutungen und Behauptungen
.

Kap. I „An ethical problem: Must Gentiles beoome
Jews to be Christians?" behandelt die Fragen der Heidenmission
, der Stellung zum Gesetz und der ethischen
Normen nach der Abrogation des Gesetzes. Ein Theologe
, der glaubt, daß theologische Probleme vorzugsweise
theologisch zu behandeln sind, darf sich vielleicht
erlauben, diese Ausführungen oberflächlich und
wenig befriedigend zu nennen. Paulus wird als der di-

j plomatische Missionar dargestellt, der einsah, daß man
nicht das Unmögliche von den Heiden verlangen sollte

j (S. 15), aber daß man zu den Gefühlen appellieren
mußte, wenn man sie gewinnen wollte, wie auch die
Propagandisten der Mysterienkulte taten (S. 15, 21, 24,

i 28). Die Voraussetzung der paulinischen Ethik ist der
Geistesbesitz, den sie sich sehr ernotionalistisch denkt.
Darüber liest man einige Stellen, die zu dem Besten im
Büch gehören (S. 24 ff.), aber nicht ganz befriedigen

j können. Kap. II „The personal equation in Corinth: a

I oonflict of Ideals" und III „Community problems in