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Ausgabe:

1936 Nr. 25

Spalte:

452-453

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schneider, Georg

Titel/Untertitel:

Der Heiland Deutsch 1936

Rezensent:

Eisenhuth, Heinz Erich

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 25.

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alttest. Hochreligion, deren Absolutheitswert etwa in
Ethos, Gottesbild und Messianismus der Propheten, aber
auch in Schöpfungsschau, Psalmen, Gesetzespartien und
Erzählungsstücken erkennbar ist. Es waren diese Hochwerte
, die sich mit deutscher Volksart verbanden, in
der Dichtung und Kunst, auch in der Reformation
Luthers, der das Judentum andererseits ablehnte. Das
Judentum hat das A.T. verloren, das Urchristentum
machte es zu seinem heiligen Buch. So ergibt sich:
„Wir können den Kampf unseres Volkes und seiner
Führer gegen das Judentum als notwendig bejahen,
ohne mit Sorge zu der Bibel des A.T. . . hinüberblicken
zu müssen."

Die Schrift bewegt sich — darauf muß die Beurteilung
vorwiegend weisen — lediglich in der Erfassungsweise
der historisch^kritischen Theologie. An
sich ist das ihr gutes Recht. Es fragt sich nur, ob von
dieser Warte aus alle heute auftauchenden Fragen des
behandelten Gebietes schaubar und beantwortbar sind,
zumal wenn in der Schrift doch der Christ angesprochen
wird, nicht nur der denkende Deutsche. So hätte die
Glaubensfrage zur Geltung kommen können, inwiefern
und wo nun dies historisch und völkisch bedingte Schrifttum
Gottes Wort und für uns bindende Offenbarung ist;
daß Gott dieses so geartete und so geführte Menschentum
zum Träger seiner höchsten vorchristlichen Offenbarung
gemacht hat. Da Minder- und Hochwertiges
innerhalb des A.T., Bedingtes von einst und Bedingtes
von jetzt unterschieden werden, lag die Frage nicht
außerhalb des Themas. Auch abgewertete Patriarchengeschichten
hätten so als Spiegelbilder für dieses Gefäß
der Gottesoffenbarung gewürdigt werden können.

Um der Faßlichkeit für weitere Kreise willen hätte
man dem Schriftchen etwas straffere Gedankenführung
und Gliederung gewünscht.

An Einzelheiten nur Folgendes: Es werden nicht
genügend die Schichtungen innerhalb des A.T. berücksichtigt
, die eben von verschiedenen kulturgeschichtlichen
Epochen Zeugnis geben, so der friedlicheren
Patriarchen- und der kriegerischen Richterzeit, des
Halbnomaden- und des Bauerntums. — Was Ungeschicklichkeit
der Patriarchengestalten heißt, hätte gerade
für Joseph erläutert sein dürfen. — Wohl ist die
Geschichte des Judentums von der Zerstörung Jerusalems
an mit Blut geschrieben. Aber die im Existenzkampf
in der Fremde notwendigerweise ausgebildeten
Charaktereigenschaften allein erklären nicht den vom
Altertum an lebendigen Antisemitismus. Es wäre etwa
das aus dem Bewußtsein um die, anderen überlegene,
eigene Gottesoffenbarung erwachsene religiös-völkische
Selbstgefühl zu nennen gewesen. — Das heutige Judentum
ist in seiner Stellung zum A.T. doch nicht einheitlich
; es hätte mindestens zwischen orthodoxem, liberalem
und religionslosem Judentum unterschieden werden
müssen. — Das Exil hat gerade viele wertvolle
Kräfte verkümmern lassen, andererseits gezeigt, daß die
Anpassungsfähigen, die nicht wieder heimkehren wollten
und überall sich behaupten können, die Ahnen der
späteren internationalen Juden wurden. Vergl. hier auch
die Frage: Nord- und Süd-Reich. —

Es wäre erfreulich, wenn die Voraussetzung des
Verf. (S. 5) der Wirklichkeit entspräche: „Der deutsche
evangelische Christ von heute weiß, daß er von
einer literarhistorischen und religionsgeschichtlichen Betrachtung
dieses Buches ausgehen muß und erst auf
Grund ihrer Ergebnisse die Frage nach dem Absolutheitswert
und Offenbarungswirken in einzelnen Texten
des A.T. erheben und beantworten kann." Der Verf.
meint wohl: „. . . sollte wissen . . ." Schon bisher hat
man das in kirchlichen Laienkreisen weithin eben nicht
gewußt. Die Pfarrerschaft wußte es, aber sie wagte
es größtenteils nicht zu sagen. Heute wird weithin
schon der Theologiestudent zur Geringachtung oder gar
Ablehnung der Fragestellung erzogen. Da ist die Aussicht
auf Aufklärungsarbeit von der Kirche her noch

geringer; geschieht sie aber von außen, dann fast stets
zerstörend. Ich fürchte, man wird auch des Verf.s Schriftchen
als häretisch verdammen! Man denke, daß sich
darin Ausdrücke finden wie: „Schnurren und Anekdoten
"; „ausschließlich kulturgeschichtlichen Wert"; „altorientalische
Volksreligion mit beschränktem, oft finsterem
Gottesbild und einer selbstsüchtigen, nationalistisch-
chauvinistischen Geisteshaltung"; „für solche Texte in
Verteidigungsstellung zu gehen, verlohnt sich nicht" etc.!

Doch es gibt ja auch noch andere Kreise in Theologie
und Kirche; die werden die Schrift zu werten
wissen. Sehen wir einmal davon ab, daß — wie erst
erwähnt — der Verf. sich nur an den verstehen und begreifen
wollenden Menschen wendet, daß er nur den
religionswissenschaftlichen Weg inneralttestamentlichen
und historischen Höhenvergleichs führt, so verdient es
prinzipiell Anerkennung, daß der Verf. mit wissenschaftlicher
Wahrhaftigkeit und Nüchternheit vorgeht, mit
warmem Herzen die Schicksalsstunde seines Volkes miterlebt
und mit Verständnis und Liebe sein A.T. verteidigt
. Er sieht und erwähnt Schwächen; er kennt und
erhebt seine Werte. Diesen ehrlichen Weg im Kampf
für das A.T. zu gehen, ist heute Aufgabe der Theologie
wie der Kirche, dieser letzteren in ihrer Aufklärungsarbeit
in Stadt und Land — wenn sie sie treiben
will! Ich habe selbst diese Art in ihrer Wirkungskraft
in vielen Gemeindevorträgen erprobt. So kann die Schrift
auch Anleitung für den kirchlichen Redner geben.
Marburg. Adolf Wendel.

Schneider, Georg: Der Heiland Deutsch. Eine gegenwartsnahe
Darbietung der Botschaft Jesu. Stuttgart: A. Bonz' Erben. (213 S.)
kl. 8°. kart. RM 2.80; geb. 3.60.

Verf. will mit dieser Arbeit „ein deutsches Bekenntnis
zu Jesu Botschaft abgeben" (S. 29). In einer sehr ausführlichen
Einleitung begründet er Anlaß, Notwendigkeit
und Methode dieser Arbeit. Jesu ursprüngliche Botschaft
muß von vier Störungen befreit werden: von
der Verbindung mit dem AT. und dem priesterlichen
Judentum, von Paulus, von der „theologischen Kunstfigur
des sog. „ganzen biblischen Christus" und von der
konfessionellen Kirchenlehre. Sein Angriff auf die
Kirche geht nicht von politischen Erwägungen, sondern
allein von der Jesusbotschaft aus. Er fordert,
„daß die Kirche sich einzig und allein richte nach dem
Geiste Jesu und den Aufgaben und Bedürfnissen unserer
Zeit, in die uns Gott hineingestellt hat" (S. 19).
Sein Ziel für die erneuerte Kirche im Dritten Reich
ist durch die beiden Brennpunkte bestimmt: Evangelium
und Volk. Deshalb gibt er die Jesusworte in unserer
Sprache wieder, indem er frei, aber sinngebunden übersetzt
. Er läßt die geschichtlichen Rahmenerzählungen
(Jungfrauengeburt und Höllenfahrt), viele Wundergeschichten
und die „synoptische Apokalypse" weg. Es
kommt ihm auf die Worte an, die das lebendige Gottvertrauen
erwecken können. Außerkanonische Jesusworte
werden auch aufgenommen, ohne sie jedoch besonders
kenntlich zu machen (S. 65, 76, 83, 90, 112, 146.)
Kurze Einleitungen weisen auf die Gegenwartsbedeutung
hin oder geben kurze Erklärungen.

Die Botschaft Jesu ist in fünf Abschnitten um das
Bild vom Licht dargestellt. A Der Durchbruch des
Lichts; b Der lichte Tag; C Einbruch der Nacht; D
Das ewige Licht; E Bekenntnis. In dem Hauptabschnitt
B sind Jesu Worte über die Jüngerschaft unter folgenden
Gesichtspunkten wiedergegeben: Die Söhne Gottes; Diener
in der Liebe; Herren in der Freiheit; Könige im
Glauben; Soldaten in der Haltung; Brüder in der Gemeinschaft
.

Das Buch ist keineswegs gegen das AT. oder gegen
Paulus gerichtet. Allerdings genügt die religionsgeschichtliche
Auffassung des AT.'s nicht; auch kann
es in seiner Bedeutung für den christlichen Glauben
nicht mit der Edda gleichgesetzt werden. (S. 14). Paulus
wird sogar besonders erwähnt (S. 52, 88). Es
kommt dem Verf. auf das Entscheidende an, daß diese