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Ausgabe:

1936 Nr. 24

Spalte:

445-446

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Frenssen, Gustav

Titel/Untertitel:

Der Glaube der Nordmark 1936

Rezensent:

Stelter, Hugo

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Seite 1

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 24.

446

vin, 329) 8°. = Schriften zur Caritaswissenschaft, im Auftrag des Gottes, von seinen aufbauenden Wirkungen, von den
deutschen Caritasverbandes hrsg. von H. Weber, Heinrich Auer, Franz sichtbaren Leistungen der Kirchen, der Innern Mis-
Keiler. Bd. vi. sion, des Caritasverbandes, von der Pflege des Deutsch-
Ausgehend von dem nicht befriedigenden gegenwär- j tums durch die Kirchen im In- und Auslande weiß er
-tigen Stande der Schutzaufsichtseinrichtung, dessen Man- ! nichts zu sagen.

gel Verf. aus der Geschichte dieser Institution — nicht Was er aber ausgezeichnet zu schildern versteht,

nur in Deutschland — erklärt, will dies sehr gründliche, j das ist die Naturverbundenheit seiner Bauern in der

aber doch vielleicht etwas zu breit angelegte Werk j Nordmark. Aber diese Naturverbuindenheit findet sich

der guten, aber vielfach verkannten Sache der Schutz- ; auch anderswo, sie findet sich sogar bei Städtern und

aufsieht dadurch aufhelfen, daß es sie aus der katho- 1 Großstädtern. Und das begrüßen wir mit großer Freude,

lischen Moraltheologie als Pflicht der christlichen Ge- j Aber Fr. merkt selbst, daß dies noch nicht Religion

meinde erweist. Sie ist ihm stellvertretende Erziehungs- | ist, geschweige denn Christentum. Er berichtet von

pflicht der freien Gesellschaft Jugendlichen gegenüber i seinen Gemeindegliedern, wie bei ihnen der christliche

und überhaupt zugleich Liebespflicht und Gerechtigkeits- j Glaube und seine Betätigung neben der Naturverbun-

und Billigkeitspflicht, letzteres um der Mitschuld der denheit einherging. Glaube ist eben etwas ganz anGesellschaft
willen an der Straffälligkeit wie an der
Notwendigkeit des Strafvollzuges, und zwar ist sie Liebespflicht
sowohl im Sinne der Humanitäts- wie der
Caritaspflicht, und „Liebespflichten, die sich schon na-
turrechtliich erweisen lassen, stehen dem karitativ Denkenden
immer doppelt im Kurse". Von den hierbei
schon z. T. angedeuteten Nöten des Strafvollzugs und
des Strafprozesses, aber auch der Anstaltsbehandlung
und nicht minder des freien Lebens für die Gefährdeten
aus umreißt er dann die Aufgaben der Schutzaufsicht
und entwickelt ihr wahres Wesen als „ein seelisch
emporbildendes solidarisch-schöpferisches Verhältnis zwischen
einem sittlich Starken und einem charakterlich
Schwachen zur totalen inneren Reorganisation des letzteren
für die Anforderungen des freien Lebens". Die
aus dieser Vertiefung und Erweiterung des Begriffs sich
ergebenden sittlichen Forderungen können nach der
Unterscheidung katholischer Moraltheologie nur in seltenen
Fällen von der natürlichen, humanitären Liebe,
sondern im Grunde allein von der übernatürlichen Caritas
geleistet werden. Damit wird aber die Schutzaufsicht
zu einer Aufgabe der Kirche. Denn wird die Agape aus
der Hand der Kirche genommen, so ist sie nicht mehr

deres, das fühlen die Leute instinktiv, und deshalb blieben
sie bei ihrem Christentum.

Daß man übrigens den „Glauben der Nordmark"
auch anders als Fr. verstehen kann, beweist die Gegenschrift
holsteinischer Pfarrer, die heute in ihren
Gemeinden im praktischen Amt stehen. Sie hat den
Titel: „Die Nordmark im Glaubenskampf". Eine Antwort
der Kirche an Gustav Frenssen. Herausgegeben
von Johannes Lorentzen. Verlag Missionsbuchhandlung
Breklum. Preis 0,80 RM.
Stettin. Hugo Stelter.

Qörnandt, Werner: Die Kirche in der Krisis. Berlin: Kranzverlag
des Christlichen Zeitschrifteuvereins 1930. (143 S.) 8°.

Kart. RM 2.25; geb. 2.85.
Görnandt bringt hier nicht 7 „Predigten", sondern
7 „Gottesdienste" über die 7 Sendschreiben der Offenbarung
Johannes. Er sieht in der Predigt nur den
„einen" der beiden Brennpunkte in der Ellipse des
evangelischen Gottesdienstes, darum fügt er die Lieder
und die entscheidenden liturgischen Stücke jedesmal hinzu
. Diese Gottesdienste sind nicht nur in der Studierstube
erarbeitet, sondern auch praktisch mit der Ge-
Agape Der Staat dagegen ist zur Mithilfe an der prak- memde gefeiert worden, und weil sie „biblisch gegrun-
SSHS vf,Lrln,h„™ L ^r.int.nnf^rht.o-PrL-.nken, ver- det slnd>. Passen sie auch noch in unsere Zeit hintischen
Verwirklichung des Schutzaufsichtsgedankens ver
pflichtet. — Erfahrung, gute psychologische Beobachtung
und Wärme spricht aus dem ganzen Buche, ohne
daß es irgendwie in falsche Weichlichkeit verfiele. Vielmehr
bemüht es sich, zwischen Gefährdeten und Gefährlichen
deutlich zu unterscheiden, und fordert für letztere
die ganze Strenge des Gesetzes, auch Dauerverwahrung
. Von den für die weitere praktische Ausgestaltung
der Schutzaufsicht gemachten Vorschlägen wird
der der freigesellschaftlichen Interzession allerdings

ein, obwohl wir seit 1930 noch ganz andere Äußerungen
der Krisis erlebt haben.

In dem Sendschreiben spricht nicht der irdische
Jesus, sondern der himmlische Christus; er spricht nicht
zum Einzelnen, sondern zur Gemeinde; er spricht nicht
bloß zu den damaligen Gemeinden, sondern zugleich
zu der heutigen Gemeinde. Er gibt Antwort auf 7
brennende Glaubensfragen, die auch heute, wie immer
die Christenheit bewegen. „Diese Sendschreiben schärfen
kaum von dem, vom Verf. selbst empfundenen Vorwurf es uns unmißverständlich ein, daß Gemeinschaft mit
des Schauspiels" befreit werden können. Im übrigen ^hris™s m , erster Linie bedeutet: ständige „Krisis"
wird aus den praktischen und geschichtlichen Darle- von der Ewigkeit her. - Nur wo Christus immer im
gungen des Buches auch der evangelische Theologe viel ger,c«t f mit seinen Cbristen, wachsen die Ohren
lernen können Im Grundsätzlichen wird freilich evan- m* d?" »Tut Buße! — Die Frage, ob Gott uns

gelische Theologie die nicht über das katholische „Na- wü}> Jf* allerdings unserer menschlichen Zuständigkeit
turrecht" verfügt andere Wege gehen, wenn sie aller- enthoben; dafür aber bleibt als Frage aller Fragen

turrecht" verfügt andere Wege gehen, wenn sie aller- "aiur aoer oieiot als frag

di njauchsagS' wird, daß hier Pflichten des Christen «r ff ?2f W°Ue?'

uncT der christlichen Gemeinde liegen.
Hannover. P- Fleisch.

Görnandts Arbeit ist nicht nur ein Erbauungsbuch
für die Gemeinde, sondern sie bietet auch Anregung für
das praktische Amt und gibt darüber hinaus dem Wissenschaftler
Veranlassung, die eigne Stellungnahme nachzuprüfen
.

Frenssen, Gustav: Der Glaube der Nordmark. 2. Aufl. (6.—10

Tausend).Stuttgart: KarlGutbrod 1936. (145S.).Kart. RM2.40; geb.3.90. j ~ Stettin. Hugo Stelter

Frenssen will das „überlebte" Christentum durch

einen Deutschglauben, hier speziell den „Glauben der Wendel, Dekan Dr. Adolf: Predigten zu nationalen Tagen

Nordmark" ersetzen. Dabei geht der Romandichter mit | und Fragen. Leipzig: wilh. Heims 1936. (75 S.) 8°. RM 1.85.

dem Theologen durch. Während er sich selbst als einen Wir begrüßen es, daß wirklich gehaltene Predigten

Grübler bezeichnet, setzt er den Verstand als einzige i aus einer Dorfgemeinde gedruckt werden. In ihrer sehr

Erkenntnisquelle und einziges Kriterium. Mit den Waf- i klaren Gliederung, meist einfachen Sprache und recht

fen des alten Rationalismus kämpft er gegen ein Zerr- j praktischen Haltung sprechen die hier vorgelegten 10

bild des Christentums, das er sich selbst zurechtgemacht Predigten den Leser an. Aber der Plan der Sammlung hat

hat. Der „krankhafte" Paulus muß wieder herhalten, noch ein besonderes Ziel: sie will das Evangelium in

um das ganze N.T. zu diskreditieren. Die Diener der die konkrete Wirklichkeit hinein verkündigen; das heißt

Kirche scheinen nach Frenssen in den ganzen 19 Jahr- I in das Reich des deutschen Nationalsozialismus hin-

hunderten nichts weiter getan zu haben als auf Ränke ein. „Der evangelische Glaube braucht nichts zu ver-

zu sinnen. Vom Trost und von der Kraft des Wortes | leugnen, auszubrechen oder umzubiegen; er soll aber