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Ausgabe:

1936 Nr. 24

Spalte:

441

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ḥulin, Bekhoroth

Titel/Untertitel:

Arakhin 1936

Rezensent:

Duensing, Hugo

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 24.

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kannte Anklage- und Rechtfertigungsszene aus Sacbaria 3
erscheint bei dem Verfasser in einer so starken Zustimmung
erzwingenden Beleuchtung (Seite 180 ff.), daß
man der Folgerung nicht ausweichen kann, daß gerade
die Szene die Autorität des aus dem Exil heimgekehrten
Hohenpriesters und nicht nur seine eigene gegenüber
den im Lande Zurückgebliebenen begründen und
schützen mußte, weil sie in den Augen der im Lande
Zurückgebliebenen als durch das Heidentum, unter dem
sie gelebt hatten, verunreinigt galten. Die Zurückgebliebenen
sind überhaupt nicht als schwach vorzustellen,
sodaß sie sich der Autorität eines Josua sofort unterworfen
hätten. Glänzend ist die Charakteristik der Chronik
und lesenswert die auf Seite 241—244 hinzugefügten
Noten über das Datum und über von Rads Ansicht über
die Chronik. Ausgezeichnet ist die Aufzeigung der Verschiedenheit
des Autors der Chronik in Haltung und
Ziel gegenüber dem Esrabuche. Herabgedrückt wird
durch den Verfasser die Autorität und der Einfluß des
Esra.

Schon diese wenigen Notizen zeigen, daß hier sehr
ernsthafte Darlegungen gegeben werden, mit denen man
sich auseinanderzusetzen hat, eine Auseinandersetzung,
die sich deshalb fruchtbar gestalten kann, weil der Verfasser
seine Aufstellungen ausführlich an der Hand der
Quellen begründet.

Uns Deutschen möchte ich aber in unserer gegenwärtigen
Lage zum Schluß ein Wort des Verfassers nicht
vorenthalten, das er auf Seite IX der Vorrede schreibt
und das seine persönliche Stellung zum A. T. zum Ausdruck
bringt: „The Old Testament is not merely one
of the oldest and most influential religious manuals in
the world: it is also one of the Church's final Standards
for faith and life."
Ooslar am Harz. ...23 Hugo Duensing.

Goldschmidt, Lazarus: Der babylonische Talmud. Neu übertragen
. Hulin (Bekhoroth) 'Arakhin. Berlin: Jüdischer Verlag 1936.
(IV, 762 S.) 8°. sss Der babylon. Talmud. Nach d. ersten zensurfreien
Ausg. ii. Berücksichtigung der neueren Ausgaben u. handschriftl.
Materials neu übertragen. 11. Band. In Subskr. geb. RM 18—.

Auch in diesem Jahre ist die Talmudübersetzung
Goldschmidts durch das Erscheinen eines neuen Bandes
der Vollendung weiter zugeführt worden. Der jetzt
vorliegende XL Band enthält Hulin, den Traktat von
den Profanschlachtungen, Bekhoroth, den von den Erstgeburten
und 'Arakhin, den von den Schätzungen oder,
wie Goldschmidt verdeutscht, von den „Schätzgelübden",
was, wenn man es umdrehte und „Gelübdeschätzungen"
sagte, die Sache ganz gut trifft.

Von diesem Bande ist dasselbe zu sagen, wie von
den früheren. Wenn beispielsweise S. 491 zu Bekhoroth
fol. 13b übersetzt wird: „so sollte er es ansehen und
erst dann an sich ziehen", so würde auch hier die philologisch
schärfere zugleich die klarere Übersetzung gewesen
sein: „er hätte hinsehen und nachher nehmen
müssen". Das Register ließe sich noch ausgestalten.
Auf den 2V2 Oktavseiten stehen dazu noch Stellen
aus den vorangegangenen Bänden. Möchte die Vollendung
des verdienstvollen Werkes in nicht allzulanger
Zeit erfolgen.
Ooslar am Harz. Hugo Duensing.

Reymann, Lic. Heinz: Glaube und Wirtschaft bei Luther.

Gütersloh: C Bertelsmann 1Q34. (116 S.) 8°. Kart. RM 3.20.

Bereits in der über Problem, Aufgabe, Quellen u. ä.
orientierenden Einleitung tritt die Unterscheidung der
theologischen Fragestellung von einer nur wirtschaftshistorischen
oder religionssoziologischen klar hervor, die
dann in dem I. Kap. zu dem Ergebnis hindurchgeführt
wird, daß im Glauben, in der „Gotteserfahrung" im
„Gottesgedanken" (S. 20, 25) allein für Luther die
Lösung des Problems der Wirtschaft liegen könne. Dabei
soll doch in dieser nicht ganz unmißverständlichen
Terminologie( das gilt auch vom Begriff der „Schöpfung
" im Folgenden) die ganze Tiefe und der ganze
Umfang des Luther'schen Sündenverständnisses und
Rechtfertigungsglaubens mitverstanden werden. Die Motive
der Beurteilung der Wirtschaft durch Luther ergeben
sich 1. aus dem Glaubensverständnis der göttlichen
Schöpfung, das zur Bejahung der Wirtschaft als
Notwendigkeit des menschlichen Lebens führt: Sinn der
Wirtschaft ist die Erhaltung des Lebens, der „narung"
und „notturfft" zu dienen (S. 30 f.) —, 2. aus dem Verständnis
der Sünde, das die Kritik der Wirtschaft als
eines Handelns sündiger Menschen zur Folge hat. In
diesen beiden Hauptabschnitten ist die Darstellung durch
methodische Klarheit und ausführliche quellenmäßige
Unterbauung gekennzeichnet. Die Bejahung richtet sich
auf die drei Hauptfunkti onen der Wirtschaft, wie sie
bei L. hervortreten: Besitz, Arbeit, Handel (Güterverkehr
), die Kritik des Glaubens auf die drei Wirtschaftssünden
der Sorge, des Geizes und des Wuchers. Für
die Frage der Einordnung der Wirtschaft in L.'s Lehre
von den „ordines" ist wichtig und sehr treffend die Bemerkung
, daß die Wirtschaft nicht eigentlich als „Ordnung
" zu bezeichnen sei; ihr Sinn sei Dienst an der
Verwirklichung höherer Ordnungen, also habe sie nur
„Beziehungswert" und diene den Ordnungen zur Verwirklichung
ihres Sinnes (S. 55 u. Anm. 1). Dieser Gedanke
Luthers muß auch für die heutige Wirtschafts-
ethik grundlegend sein. Wenn R. deutlich macht, wie
L. die Eigenart der Wirtschaft zu erkennen versuche,
wie er ihrer eigenen, von der menschlichen Vernunft zu
handhabenden Sachlichkeit ihr Recht gebe, so ist doch
mehr als fraglich, ob man diesen Sachverhalt „Eigengesetzlichkeit
" der Wirtschaft nennen darf; denn dieser
Begriff hat seinen Inhalt vom modernen Autonomieprinzip
her empfangen und nicht, wie der Verf. meint, vom
Gedanken der „schöpfungsmäßigen Sonderung" (S. 33
u. Anm. 4). Die Paradoxie, daß die wirtschaftlichen Güter
und Handlungen das eine Mal in fröhlichem Schöp-
ferglauben gesehen werden (Gottes Kreaturen sind nicht
zum Verderben, sondern zum Genießen geschaffen), das
andere Mal als elende, vergängliche Weltsachen, die den
Menschen zum Mammonsdienst verführen, ist zur Grundlage
der ganzen Darstellung gemacht. Der Begriff der
Wirtschaftssünde wird nicht individualistisch gefaßt:
auch die Ordnungen selbst können sündig werden. Leider
ist gerade dieser Gedanke, der ja oft als unlutherisch
bezeichnet worden ist, nicht genügend aus Luther selbst
begründet; der Hinweis auf einzelne von L. genannte
sündige „Stände" kann diese Frage noch nicht entscheiden
(S. 85). — Aus der genannten Paradoxie entsteht
die abschließende, im dritten Hauptabschnitt behandelte
Frage der „Gestaltung": die Liebe tritt in die
sündige Schöpfung ein und überwindet ihren inneren
Widerstreit. Der Zusammenhang von Schöpfung und
Liebe ist fein herausgehoben, doch daß mit dem Wort
„Überwindung" (S. 87) wesentlich zuviel gesagt war,
zeigt sich im Blick auf die eschatologische Grenze des
christlichen Handelns (S. 107 f.). Die Christenheit hat
die Möglichkeit der Verkündigung, wie sie L. selber beispielhaft
geübt; der einzelne Christ hat selber wirtschaftliches
Unrecht zu leiden, zu geben ohne zu fordern,
doch im Dienste der Brüder für diese Recht und Hilfe
zu suchen; die äußere Gestaltung mit dem Ziele des
„gemeinen Nutzens" liegt der Obrigkeit ob, die gegen
Wucher, Preissteigerung und Ausnutzung der wirtschaftlich
Schwachen einzuschreiten hat; sie vollzieht damit
Gottes Willen.

Es wird durch diese sorgfältige Arbeit, die nichts
Wesentliches vermissen läßt, sehr deutlich, wie L.'s theologischer
Ansatz jenseits aller konstruktiven Wirtschaftstheorien
steht, wie er immer ganz nahe am wirklichen
Menschen bleibt und die Erhaltung gottgestifteter
menschlicher Gemeinschaft im Auge hat. Er kennt eine
autonome Wirtschaft sowenig wie eine verchristlichte.

Heidelberg. Heinz-Dietrich Wcndlaud.