Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1936 Nr. 24

Spalte:

439-441

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Welch, Adam

Titel/Untertitel:

Post-Exilic Judaism 1936

Rezensent:

Duensing, Hugo

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

439

Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 24.

440

rettet, wird genannt „ein prophetisches Präludium der Rettung der Welt
durch die Leidensgeschichte des Qottesknechtes Israel, die begründet ist
und erfüllt wird durch die Opferung des Einen, von alle» Söhnen Israels
abgelehnten, um dreißig Silberlinge verkauften Bruders, des Christus
Jesus" (S. 194). Bei den Gesetzen wird mit Recht darauf aufmerksam
gemacht, daß sie „in Wahrheit Israel nicht an ein .Oesetz', sondern an
einen persönlichen Willen binden" wollen (S. 239). Hervorragend ist
auch die Auswertung des Bilderverbots (S. 234 f.). In diesem Zusammenhang
ist davon die Rede, daß heute vieles aus den Oesetzen als nicht
„mosaisch" hingestellt werde und daß manche Leute daher von Fälschungen
sprechen zu müssen glauben. „Diese historischen Unterscheidungen
kommen aus-einem Denken, das der biblischen Überlieferung fremd ist;
ebenso die moderne Apologetik, die beweisen will, Mose sei doch der
Verfasser. Wenn auch kein einziges Gebot, so wie wir es lesen, von
Mose gesagt oder geschrieben wäre, so hätten sie doch für biblisches
Denken alle ihren Ursprung in dem Dienst, zu dem Mose als Mittler
des Bundes zwischen dem Herrn und Israel berufen war" (S. 240). Ähnliches
gilt ja auch auf anderen Gebieten alttestamentlicher Literatur; ich
verweise dazu auf meinen Göttinger Vortrag über die „Nachgeschichte
alttestamentlicher Texte" (Werden und Wesen des A.T., S. 110 ff.). Sehr
beachtenswert ist weiterhin das Bild, unter dem auf den messianischen
Charakter der Bileamsprüche hingewiesen wird. „Die Worte . . . zielen . ..
zunächst auf David. . . . Wir sehen aber ebenso klar, daß diese Sprüche
durch David hindurch auf eine fernere Zukunft zielen. Bileam .visiert'
David, er sieht nicht weiter, seine Worte schießen aber über ihn hinaus
auf eine andere Gestalt, die von . . . Bileam aus gesehen so genau hinter
David steht, daß sie durch David für ihren Fernblick eben damit
genau bestimmt wird, daß sie durch ihn verdeckt wird. Das ist der
Messias .Davids Sohn', durch dessen Erscheinung das Königtum Gottes
in Israel und die Unterwerfung der Welt unter Gottes Reich verwirklicht
wird" (S. 288). Es sei dazu an die prachtvolle Behandlung der
Bileamperikope durch Gerhard v. Rad im Deutschen Pfarrerblatt 1936,
S. 52 f., erinnert. — Das Deuteronomium endlich (S. 294 ff.) wird unter die
Überschrift „Die Predigt des Mose" gestellt; denn auch hier gehe es ja letzten
Endes nicht um die Frage, ob der „historische" Mose die Reden
dieses Buches gehalten habe, sondern das Wesentliche sei die „Gleichzeitigkeit
" : „Mose predigt, und wer auf ihn hören will, muß seine Predigt
hören" ; das sei ganz unabhängig von der Möglichkeit, daß die
deuteronomischen Reden vielleicht erst im 7. Jahrhundert veröffentlicht
worden seien.

Die Proben mögen genügen, um am Schluß zu
sagen: es handelt sich hier nicht um eine neue Art von.
„praktischer Auslegung des AT.", der man neben einer
„wissenschaftlichen" Behandlung einen gewissen Raum
gönnen könnte. Sondern wir haben hier den sehr ernst
zu nehmenden und weithin geglückten Versuch, zunächst
einmal die Bücher der Tora — das weitere AT.
wird entsprechend und hoffentlich bald nachfolgen —
in die christliche Theologie mithineinzubeziehen. Damit
ist, das sei noch einmal im Sinne V.s betont, die historisch
-philologische Arbeit am AT. in keiner Weise
angegriffen oder gar abgeschafft! Soweit ich sehe, hat
V.s Buch auf die gegenwärtige Studentengeneration großen
Eindruck gemacht. Das ist auf der einen Seite nur
zu begrüßen; es birgt aber andererseits die Gefahr in
sich, daß die Studenten nun, unbeschwert durch Wissen
um das Historische usw., drauf los theologisieren und
dazu noch meinen, sie täten Gott und seiner Kirche einen
Dienst daran. Die Christologie V.s will nicht einer
wissenschaftlichen Verflachung das Wort reden, sondern
will den Schritt energisch tun, der hier und da
zögernd getan wird und den das Amt der Verkündigung
heute von dem Amt der Lehre fordert: den Schritt von
der i s r ae 1 iti s ch-j ü d i sehen Religionsgeschichte
endlich wieder hin zur alt-testamentlichen
Theolog i.e.
Caldern (Marburg). H. W. Hertzberg.

Welch, Prof. Adam C, D. D.: Post-Exilic Judaism. Edingburgh :
Will. Blackwood & Sons 1935. (XI, 312 S.) 8°.

In diesem Buche sind Untersuchungen zusammen-

gefaßt, welche sich um die Entstehung des jüdischen
iemeinwesens nach dem Exil bewegen. Es enthält
nicht so sehr eine geschichtliche Darstellung der Hergänge
als vielmehr Erörterungen der Quellen, aus denen
sie zu erheben sind, unter erneuter Prüfung derselbein
und, soweit das möglich ist, Feststellung ihrer relativen
Daten. Es sollen die Faktoren erforscht werden, welche

zur Entwicklung des neuen Gemeinwesens beitrugen,
und vor allem die Ideale und Überzeugungen der Menschen
ins Licht gestellt werden, welche die Bewegung
leiteten. Wenn einst das Werk von Cheyne „Jewish
religious life after the exile" es verdiente, in Deutschland
bekannt zu werden, sogar durch eine Übersetzung
ins Deutsche, so verdient das vorliegende Werk es
nicht weniger, wenigstens innerhalb der Gelehrtenwelt
ernstlich beachtet zu werden. Denn seine Erörterungen
verlaufen in engster Berührung und Auseinandersetzung
auch mit der allerneuesten deutschen Literatur über die
nachexilische Zeit, wie sie durch Namen wie Schäder,
von Rad u. a. m. gekennzeichnet ist. Die Auffassungen
des Verfassers weichen an manchen Punkten er-
! heblich ab von der bisherigen Anschauung über die
Entwicklung der Verhältnisse, wie sie während des Exils
in Palästina bestanden und nach dem Exil sich gestalteten
bjs dahin, daß sogar Seite 274 die Einführung
des Priesterkodexs durch Esra erschüttert wird. Die
XIV Kapitel des Buches behandeln folgende Themata:
I. Wie Israel das Exil überlebte. II. Nordisrael nach
dem Fall von Samarien. III. Juda zwischen dem Fall
von Samarien und dem Exil. IV. Juda und Israel während
des Exils. V. Sesbazar und das Edikt des Cyrus.

VI. Von Sesbazar zu Sembabel. VII. Das Datum der
Rückkehr. VIII. Die Reibereien mit Samaria nach Esra.
IX. Der Altar. X. Die Priesterschaft. XL Die Haltung
und das Ziel des Verfassers der Chronik. XII. Die Priester
und die Leviten. XIII. Das Werk Esras. XIV. Das
neue Staatswesen.

Fast zu jedem Thema hat der Verfasser Eigenes
und Eigenartiges zu sagen. Es ist nun nicht möglich,
in eine Erörterung der einzelnen Punkte einzutreten, aber
zur Charakteristik soll doch einiges angeführt werden.
Nach dem Verfasser ist das Deuteronomium fast ganz
ein nordisraelitisches Produkt. Nehemia 9 ist eine nord-
isrealitische Liturgie. Auf die im Lande zurückgebliebenen
Israeliten beziehen sich Psalm 44 und Psalm 80.
Nehemia 10 enthält einen Pakt zwischen den im Lande
zurückgebliebenen Juden und Israeliten. Der Ursprung
der Synagoge ist nicht etwa im Exil, sondern im Lande
selbst zu suchen. Gewisse Teile des Ezechiel, die sich
mit im Tempel getriebenem Götzendienst befassen, sind
in der Zeit Manasses geschrieben wie etwa Kapitel 16.

Sesbazar ist nicht identisch mit Serubabel, sondern ist
ein vom Perserkönig bestellter Babylonier, und die
Hauptrückkehr ist nicht zu seiner Zeit erfolgt, d. h.
j also zur Zeit des Cyrus, sondern zur Zeit des Darius.

Die Liste der heimgekehrten Exulanten in Kapitel 2
i des Esrabuches ist vordatiert. Die Rückkehr (Seite
| 113) war überhaupt nicht notwendig, um den Judaismus
zu beleben, der ohne sie zusammengebrochen wäre,
vielmehr bestand eine von den einheimischen Heiden
sich absondernde Gemeinde aus Juden und Israeliten,
die an der Stelle des alten Altars ihre Opfer nach
wie vor darbrachte. Der berichtete Neubau des Altars
kann nur ein U m bau des alten oder eine Neueinweihung
I gewesen sein. Das Verbot des Konnubiums bezog sich
i garnicht, wie man gemeinhin annimmt, auf die im Land
j Zurückgebliebenen, sondern gerade im Gegenteil auf die
j später Heimgekehrten, die hauptsächlich ja Männer
| waren, und die Untersuchung dieser Sache ging nicht
1 von Esra aus, sondern von den Einheimischen, die ihn
I dazu veranlaßten, unter seinen Leuten 113 Fälle dieser
Art festzustellen. Überhaupt ist das Bestreben, wie der
Autor der Chronik es zeigt, die Restauration des Judentums
den zurückgekehrten Exulanten zuzuschreiben,
I falsch. Die Person des Esra erscheint bei dem Ver-
I fasser auch in anderem Lichte, als in der bisherigen
Forschung darauf liegt. Das Buch Maleachi ist der Periode
vor der Restauration des Tempels zuzuschreiben,
womit der Verfasser seine frühere in Hastings „Dictio-
nary of the Bible" geäußerte Ansicht, die mit der
I anderer Forscher übereinstimmte, zurücknimmt. Die be-