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Ausgabe:

1936 Nr. 24

Spalte:

435-439

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Das Gesetz 1936

Rezensent:

Hertzberg, Hans Wilhelm

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435

Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 24.

436

Übersetzung und Kommentar befinden sich jeweils
auf derselben Seite; zwischen beiden stehen die textkritischen
Anmerkungen. In Text wie Register trägt jeder
Psalm eine seinen Inhalt charakterisierende Überschrift.
Ein sachliches Register bildet den Abschluß.

Daß stets zunächst einmal an der überlieferten Textform
festgehalten wird, ist durchaus anerkennenswert.
Die Textarbeit als angegebenes eigentliches Anliegen
möchte dem Kommentar im Umkreis seiner Genossen
seinen Eigenwert geben; allerdings muten die entsprechenden
Bemerkungen größtenteils bescheiden an.

Für die Übersetzungsart gebe ich am besten ein
Probestück, die erste Hälfte des Ps. 23.

Jahve ist mein Hirt, nicht leid ich Mangel auf meinen
grasigen Auen.

Er läßt mich lagern an Wassern mit Ruheplätzen,
er erquickt meine Seele.

Er leitet mich auf rechten Bahnen um seines Namens
willen.

Und müßt ich wandern in finsterer Todesschlucht,
ich bangte nicht vor Unheil;

Denn bei mir sind dein Stock und dein Stab, die
machen mich getrost.

Die Erklärungen zu den einzelnen Psalmen sind im
Verhältnis zum Gesamtumfang des Buches vielfach kurz,
inhaltlich meist schlicht. Der Standpunkt ist wohl traditionsgebunden
. „Unzweifelhaft haben wir im Psalter
echte Davidslieder" (S. 5). Die Entscheidungen der Bibelkommission
vom 1. 5. 1910 werden öfters zitiert.
Der Verf. ist aber für vielerlei Fragestellungen aufgeschlossen
. An der Gattungsforschung wird freilich in
der Einleitung starke Kritik geübt. Es erweckt auch den
Anschein, als ob nicht alle angegebene Literatur wirklich
verarbeitet sei; so die Forschungen Mowinckels in den
entsprechenden Partien der Einleitung. Nebenbei gesagt,
durfte diese etwas straffer disponiert sein, wie die obige
Zitierung zeigt; etwa teilend in: Geschichte, Form, Inhalt
, Wert, Bearbeitungen.

Insgesamt stellt der Kommentar den Ertrag reicher
Einzelbeschäftigung in Forschung und Lehrtätigkeit dar,
ein anerkennenswertes Lebenswerk deutschen Gelehrtenfleißes
.

Marburg. Adolf Wendel.

VI scher, Wilhelm: Das Christuszeugnis des Alten Testaments
. I. Band: Das Gesetz. München: Chr. Kaiser 1934. (318 S.)
gr. 8°. RM 5— ; geb. 6.20.

Von der alttestamentlichen Literatur, die nach dem
Kriege erschienen ist, hat wohl kein Buch solch ein
Aufsehen erregt, vor allem über den Kreis der Fachgenossen
hinaus, wie diese Veröffentlichung von V.
Darüber darf auch die Tatsache nicht hinwegtäuschen,
daß sie von manchen Gelehrten gänzlich und von den
meisten teilweise abgelehnt wird. Aber auch derjenige,
der nur eine negative Einstellung aufzubringen vermag,
sollte eines grundsätzlich anerkennen: unsere Wissenschaft
wird hier an etwas erinnert, was sie der Kirche
und der Theologie schuldig geblieben ist. Denn eine
theologische Betrachtung des A.T. gab es nicht mehr.
Merkwürdig! Auf allen Gebieten war die alttestament-
liche Wissenschaft ihrer Schwesterdisziplin, der Erforschung
des N.T., vorangegangen: Quellenkritik, Gattungsforschung
, Literaturgeschichte, Hineinstellung der
Bibel in die religionsgeschichtlichen Phänomene der Umwelt
, Verwendung von Volkskunde, Archäologie, historischer
Geographie, Herausbildung einer entwickelungs-
mäßig aufgebauten Religionsgeschichte — überall machte
das A.T. den Anfang. Die Arbeiten Wellhausens und
Gunkels waren bahnbrechend für das ganze Gebiet der
Theologie, besonders auch des N.T. Nun aber war das
zu Ende. Als das neue, „theologische" Denken in der
theologischen Gesamtwissenschaft aufkam, stand die alt-
testamentliche Wissenschaft zunächst zögernd, ja hilflos
bei Seite. Heute kommt nun, je länger desto mehr,
die Erkenntnis auf: es kann in der alttestamentlichen

Wissenschaft nicht bloß um Quellenforschung, um Li-
| teraturgattungen oder um das Nacherleben vergangener
i Religiositäten gehen. Durch die Herausstellung dieses
alles wird manches, aber nicht das Entscheidende ge-
I tan; vor allem ist damit noch so gut wie nichts ge-
I schehen für die wesentliche Frage, wieso das A.T. in die
| christliche Kirche hineingehört. Hat unsere Disziplin
auf diese Frage nichts anderes zu antworten, als daß
Jesus der Höhepunkt der alttestamentlichen Religions-
geschichte sei (Vischer S. 20), dann hat Harnack mit
I seiner These recht, das A.T. sei als „kanonische Ur-
j künde im Protestantismus" nicht länger zu „konservieren
" (Marcion, S. 248 f.). Zwar ist auf Harnacks
Sätze wie dann auf den Generalangriff, der nach dem
Kriege — nicht erst seit 1933 — von der völkischen Ecke
her gegen das AT. eröffnet worden ist, von alttesta-
mentlicher Seite aus viel Gutes und Richtiges gesagt
I worden. Dennoch traut V. nicht mit Unrecht einer nur
i geschichtlich eingestellten alttestamentlichen Wissen-
; schaft keine Stoßkraft in der apologetischen Situation
l der Gegenwart zu (S. 31). Denn die Angriffe gegen
| das AT. richten sich zwar zum Teil gegen eine — in
der Wissenschaft, weithin auch in der Kirche längst
aufgegebene — Orthodoxie, die das AT. auf einer Ebene
mit dem Neuen sieht, erfolgen andererseits aber auf
Grund der durch die alttestamentliche Wissenschaft
selbst herbeigeführten Relativierung des AT. Gelingt
! es nicht, die theologische Verbindung des AT. mit dem
I NT. in unmittelbarer Klarheit aufzuzeigen — und das
heißt ja nicht, ein paar religiös wertvolle Wahrheiten
I aus Psalmen und Propheten als unverlierbar und groß
hinzustellen —, bleibt die wissenschaftliche Behandlung
| des AT. auf der seit Jahren einzig vorhandenen reli-
j gionsgeschichtlichen Linie stehen, dann ist auch die
| geschickteste Apologetik hier von vornherein zum Scheitern
verurteilt.

Hier wird nun der Versuch einer theologischen Interpretation
des AT. unternommen; und schon, daß er überhaupt
gemacht wird, ist ein Verdienst!

Freilich kann solch ein Versuch nur glücken, wenn
die Arbeit der historischen Wissenschaft nicht negiert,
sondern bejaht wird. Es ist daher von großer Wichtigkeit
, daß V., unter Ablehnung der pneumatischen
Exegese (S. 36), die Ergebnisse der bisherigen alttestamentlichen
Wissenschaft grundsätzlich zu ihrem Recht
i kommen lassen will. Wenn auch eine konservative Gesamthaltung
des Verfassers in Bezug auf Text- und
| Einleitungsfragen nicht zu verkennen ist, so ist V.

doch recht fern von jener Apologetik, die sich fürchtet,
' irgend etwas als „unecht" zu erklären. Er spricht von
j „Mären und Sagen" (S. 47), er ist bemüht, Alts grundlegende
historische Ergebnisse zu verwerten, — man
| merkt dem Buche an, daß hier ein Kenner des AT.

und seiner wissenschaftlichen Behandlung, ein positiver
j Mitarbeiter der alttestamentlichen Wissenschaft, kein
laienhafter Außenseiter zu uns redet. V. legt Wert dar-
I auf, in diesem Sinne zu betonen, daß das Wort „Fleisch"
' ward. Denn der Christus, von dessen Bezeugung das
I Buch spricht, ist ja nicht vom Berge der Verklärung
J in den Himmel gefahren (S. 15), sondern es ist der
Christus Jesus, der Menschgewordene und Gestorbene.
Von dieser Menschwerdung kann die Bibel aber nur
Zeugnis geben, „wenn ihre Schriften aus echten Menschenworten
bestehen", und V. sieht es als bleibendes
Verdienst der historisch-kritischen Forschung an, „den
[ Irrtum der Inspirationslehre... aufgedeckt und das Ge-
j schichtlich-Menschliche der heiligen Schrift gezeigt zu
I haben" (S. 16). Das „Ärgernis der menschlichen Be-
j dingtheit der Bibel" gehört eben für V. zusammen mit
j dem Ärgernis der Fleischwerdung des ewigen Wortes"
I (S. 17).

Wie schon aus dem Ebengesagten hervorgeht, ist
V.s Ausgangspunkt die Tatsache, daß das AT. uns sagt,
was Christus ist, während das NT. uns klar
I machen will, wer es ist (S. 7). So entsprechen die