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1936 Nr. 23

Spalte:

423-425

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Dictionnaire de spiritualité ascétique et mystique; Fascicule II 1936

Rezensent:

Völker, Walther

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 23.

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sehen Reiches, die Bolschewistenherrschaft usw. das
Schwärmerische, Chiliastische und eschatologisch Ausgerichtete
dieser Bewegung förderten, aber auch den Ablauf
des Ganzen beschleunigten. Für die heutige evangelisch
-lutherische Staatskirche ist diese Bewegung trotz
des Religionsfreiheitsgesetzes von 1923 keine bedeutsame
, sicher keine gefährliche mehr.

Schmidt — und neben ihm Sentzke — sieht die
Krisis in dieser Bewegung wie in den verschiedenen
Erweckungsbewegungen Finnlands überhaupt in einem
besonders hervortretenden Antinomismus. Es will uns
scheinen, als ob dieser aus einer ganz anders gearteten
Umwelt herbeigeholte Begriff hier nicht anzubringen ist.
Wenn auch in der eigentlichen Lehre der verschiedenen
aufeinander folgenden Bewegungen Finnlands, namentlich
in der älteren Laestadianer, eine gewisse anti-
nomistische Tendenz mitzuschwingen scheint, so war
doch die strenge Beobachtung der die Gemeinschaft
tragenden Formen überall bindend. Jedenfalls kam es
so zu keinem echten Antinomismus. Sentzke legt sogar
in seinem angeführten Buche dar, daß die jüngeren
Laestadianer das Gesetz erfüllen (S. 71), während die
älteren Laestadianer das Gesetz wohl für sich ablehnen,
es aber den Kindern der Welt verkündigen, wollen.

Auch bei dem Streit um die Begriffe gerecht, selig
und heilig, der eine immer wiederkehrende Form sektiererischen
Schwärmertums ist, kommt man mit der
gewohnten dogmatischen Gliederung hier nicht aus. Vielfach
erinnern diese Streitereien an die spitzfindigen Auseinandersetzungen
im synergistischen Streit des 16. Jahrhunderts
. Es ist ein Zeichen für die innere, organisch
gewachsene Kraft der finnischen Staatskirche, daß sie
alle diese Bewegungen und Abwegigkeiten ertragen und
überwinden konnte.

Daß heute der angelsächsische Einfluß wie in Skandinavien
so auch in Finnland, in der Staatskirche wie
in den Gemeinschaften und in den independistischen
Gruppen sehr im Wachsen ist, dürfte allgemein bekannt
sein.

Berlin. Otto Lerche.

Dictionnaire de Spiritualit6, ascetique et mystique, doc-
trine et histoire; publie sous la direction de Marcel Viller,
S. J. assist£ de F. Ca va 11 era et J. de Q ui ber t, S. J. avec le
concours d'un grand nombre de collaborateurs. Fascicule II Alle-
mande (Sp iri t ual i t£) — Anglaise (Spi r i t ua 1 i t e). Paris:
Gabriel Beauchesne et ses fils 1933 (T. I, Sp. 321—640) 4°.
Meine grundsätzlichen Ausführungen über die 1.
Lieferung dieses großzügigen Lexikons zur katholischen
Mystik (cf. Th L Z. 1935, Sp. 382—384) haben im allgemeinen
auch für die 2. Lieferung Gültigkeit, nur ist
die Zahl der größeren Artikel hier geringer, und sie
sind z. T. nicht so sorgfältig gearbeitet wie die des
Anfangsheftes. Das trifft besonders auf den Artikel
„Allemande (Spiritualite)" zu (Sp. 321—351), den F.
Vernet-Lyon verfaßt hat. Enttäuschend ist die ganze
Anlage, weil nichts nach großen Gesichtspunkten angeordnet
wirdj weil nirgends klar die Entwicklungs-
linien heraustreten; statt dessen begnügt sich Verf. mit
einer Aufzählung der einzelnen Mystiker, die nach dem
äußeren Merkmal ihrer Ordenszugehörigkeit gruppiert
werden. Statt den Leser in einer Fülle von Namen ertrinken
zu lassen, wäre es weit förderlicher gewesen,
bei den Hauptvertretern wenigstens etwas ausführlicher
zu werden. Aber wie dürftig ist z. B. die nur einige
Reihen umfassende Charakteristik von Goerres (Sp.
344), ganz zu schweigen von der noch dürftigeren eines
F. von Baader, der mit den Worten „esprit tumultueux"
(Sp. 344) doch wirklich nicht abzutun ist. Was aber
diesen Artikel für wissenschaftliches Arbeiten fast unbrauchbar
macht, ist das Literaturverzeichnis, das fehler
- und lückenhaft ist und von großer Flüchtigkeit im
Arbeiten zeugt. Sammlungen, in denen einzelne Arbeiten
erschienen sind, werden in der Regel gar nicht angegeben
, neuere Auflagen weithin nicht berücksichtigt,
verbesserte Ausgaben ignoriert. So wird, um nur einiges

anzuführen, das „Neun-Felsen-Buch" nach der veralteten
Edition von C. Schmidt (1859) zitiert (Sp. 323)
j statt nach der allein maßgeblichen von Ph. Strauch
(1929), dasselbe gilt von der Erwähnung der „Vier
anfangenden Jahre" (C. Schmidt 1852 statt Ph. Strauch
1927; auch A. Chiquot erwähnt nur C. Schmidts Ausgabe
des „Fünf-Mannen-Buches" (Sp. 490), statt Ph.
Strauch 1927). Bei Eckhart weiß Verf. anscheinend
nicht, daß das „Buch von der göttlichen Tröstung"
(ed. Ph. Strauchj bereits in 2. Aufl. (1922) vorliegt;
die „Reden der Unterscheidung" (2 1925) werden über-
! haupt nicht erwähnt. Bei Seuse fehlt die Angabe von
j N. Hellers Ausgabe (1926), bei der „Theologia deutsch"
j hätten die Edition von Mandel (1928) und die Über-
i tragung (mit wertvoller Einleitung) von J. Bernhart
(1920) erwähnt werden können. Auch im allgemeinen
Literaturverzeichnis (Sp. 350) finden sich bedauerliche
Lücken (es fehlen z. B. E. L. Schellenberg: Die deutsche
Mystik 1920; J. Bernhart: Die philosophische Mystik
des Mittelalters 1922; E. Buonaiuti: II misticismo me-
dioevale 1928).

Aber es wäre ungerecht, wollte man nach dieser
einen Probe die ganze Lieferung beurteilen; finden sich
doch in ihr eine Reihe trefflicher und wertvoller Arbeiten
. Ich denke besonders an den Artikel „Alphonse
de Liguori" (Sp. 357—389, von G. Lievin, C.ss.R.), der
mit warmer innerer Anteilnahme geschrieben wirklich
ein lebendiges Bild von diesem Moraltheologen entwirft
, dessen Werk übersichtlich gruppiert, knapp und
eindringlich charakterisiert, durch reichliche Proben im
seinem Gehalte veranschaulicht und alles krönt durch
eine so feinsinnige Skizze seiner „doctrine spirituelle"
(leider sind auch hier in den Literaturangaben Mängel.
Es fehlt die Biographie von K. Kaiser 1928, veraltete
Auflagen werden auch hier bevorzugt: von Reuss, Car-
mina sacra ist bereits eine 2. Aufl. erschienen (1897)
und von Keusch liegt bereits die 2./3. Aufl., 1926 vor).

Gehaltvoll, reich an feinsinnigen Beobachtungen und
geschrieben mit großer Beherrschung des Stoffes ist
der Aufsatz „Arne (Son fond, ses puissances et sa
strueture d'apres les mystiques)". den L. Reypens, S. J.
verfaßt hat (Sp. 433—469) und der zu den wertvollsten
Partien dieser Lieferung gehört. Mit Gewinn liest
man auch „Anges" von J. Duhr, S. J. (Sp. 580—625),
wo ein großes Material übersichtlich und klar entfaltet
wird.

Aber auch die kleineren Artikel sind oft gut gelungen
. Daß ein Kenner der Patristik wie G. Bardy sich
seiner Aufgabe im Artikel „Ambroise" (Sp. 425—428)
vortrefflich entledigt, wird niemanden überraschen. Fern
von einseitiger Überschätzung des Kirchenvaters wird
die Aszetik des Ambrosius in ihrer Abhängigkeit von
Cyprian und in ihrer Selbständigkeit klar herausgearbeitet
und alles peinlichst aus den Quellen belegt. Wer
über „Angele de Foligno" (Sp. 570—571) so gut Bescheid
weiß wie Pater Donooeur, S. J., bringt natürlich
nur das Allerneueste, das uns allein zur Ur e-
stalt ihrer Werke führt. Sehr feinsinnig, tiefes Eindringen
in die mystischen Phänomene verratend, mit behutsamer
Hand die Fäden intimster mystischer Erlebnisse
entwirrend, so erscheint uns A. Saudreau, der
bedeutende Gegenspieler Poulains, S. J., in seinem
kurzen Beitrag: „Angelique (Phenomenes mystiques
d'ordre)" Sp. 573—578.

Die Fülle der Mitarbeiter an einem Lexikon bringt
es immer mit sich, daß nicht alle Artikel das gleiche
hohe Niveau innehalten. Auch bei den kleineren dieser
Lieferung finden sich erhebliche Gradunterschiede. So
ist z. B. der Beitrag „Alvarez (Balthasar)" Sp. 405
bis 406 von E. Hernandez nicht frei von Fehlern,
gleich das Geburtsjahr ist falsch bestimmt (1533, statt
1534), in den Literaturangaben fehlt das Werk von A.
I Astra'in: Historia de la Compania de Jesus en La Asi-
! stencia de Espana II/III. Die Schreibung nichtfranzösischer
Namen läßt manches zu wünschen übrig, nicht