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Ausgabe:

1936 Nr. 23

Spalte:

422-423

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmidt, Wolfgang

Titel/Untertitel:

Die Pfingstbewegung in Finnland 1936

Rezensent:

Lerche, Otto

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 23.

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nicht im Lichte ihrer Gegner allein gesehen werden darf,
wenn hier und da etwa seine Richtung nicht passen
dürfte. Rupp lehnte mit Sartorius die Landeskirche, die
Konsistorialkirche ab, aber er wollte auf keinen Fall
den Gustav Adolf-Verein — in dem er etwas von der
Kirche, wie er sie sich wünschen mochte, lebendig werden
und Gestalt gewinnen sah: freie Volkskirche —
als Humanitätsgesellschaft geführt sehen, in der etwa
aucli Katholiken oder gar Jiiden den Ton angaben. Von
daher ist es zu begreifen, daß es in Ostpreußen zu
Schwierigkeiten kommen mußte, wo der Gustav Adolf-
Verein existierte, ehe das Konsistorium, ehe der Generalsuperintendent
, ehe die Behörden des Staats zu einer
Vereinsgründung unter autoritärer Führung aufriefen.
Voigdt wie Rupp im liberalen Lager der Kirche, der
Theologie und der Politik stehend, wollten den Gustav
Adolf-Verein nicht als eine Angelegenheit der „Konsistorialkirche
", sondern als eine aus dem Herzen des
Kirchenvolkes kommende Bewegung entwickelt betrachten
. Voigdt hatte bei mehrfachem Kurgebrauch in Karlsbad
und in Teplitz die Not der evangelischen Kirche in
der Unterdrückung gesehen und er wußte aus der
Diaspora seiner ostpreußischen Heimat, wie dringend
notwendig da die Hilfe der ganzen Kirche war.

Aus den hier erstmalig von Brunau gedruckten Briefen
Großmanns und Zimmermanns an Voigdt erfahren
wir mancherlei Neues über die Vorbereitung der berühmten
dritten Hauptversammlung des Gustav Adolf-Vereins
in Göttingen 1844 und der sechsten Hauptversammlung
1847 in Darmstadt — von dem tumultuari-
schen Verlauf der fünften Hauptversammlung 1846 in
Berlin, die zur abschließenden Auseinandersetzung mit
Rupp führte, ist dagegen nicht die Rede. 1847 lehnte
die Hauptversammlung in Darmstadt die Anerkennung
eines „kirchlichen" Gustav Adolf-Vereins in Königsberg
ab: damit war das Verharren der Gustav Adolf-Stiftung
bei der Kirche besiegelt und die Gefahr eines Ab-
gleitens in die Humanitätsduselei der freien Gemeinden
war autoritär beseitigt.

Im Jahre 1819, als der fünfzehnjährige Voigdt in die
Quarta des Rastenburger Gymnasiums eintrat, wurde bei
dem damals 37jährigen Großmann angefragt, ob er wohl
geneigt sein würde, einen Ruf an Stelle des alten J. H. C.
Gräf (gest. 1820) nach Königsberg anzunehmen. Großmann
hat damals trotz bester finanzieller Aussichten
abgelehnt: vor allem, weil er wissenschaftlich noch
freie Hand haben wollte, ehe er sich zu sehr amtlich
bände. So hatte Voigdt als Student in Königsberg
nicht das Glück, unter Großmanns Katheder sitzen zu
können. Er suchte sich mit dem, was ihm in Königsberg
geboten wurde, abzufinden. Aber die beiden Männer fanden
sich nach der ersten Bekanntschaft sofort auf derselben
geistigen Ebene. Zwei Stellen aus den von Brunau
hier gegebenen Briefen sind dafür bezeichnend.
Voigdt, der sich nach Abschluß seiner ersten Mitgliedschaft
im Centraivorstand des Evangelischen Vereins
der Gustav Adolf-Stiftung wegen seines persönlichen
Eintretens für Rupp zu rechtfertigen sucht, schildert da
seine theologische Entwicklung: „Vorzugsweise durch
das Studium de Wettescher Schriften und Schleiermachers
als Theologe, durch Herbarts Vorträge auf
dem philosophischen Gebiet wie durch Lübecks auf dem
klassischen gebildet und durch Dinters pädagogische
Meistergestalt für Volksbildung entflammt, gestaltete
sich meine theologische Denkweise und trägt darum
eben keinen abgeschlossenen Stempel einer theologischen
Schule oder Partei, setzt mich aber der Gefahr der
Verkennung aus, wenn ich das Wahre, das mir in der
einen zur Uberzeugung geworden ist, vertrete und darum
schon als gesunder Parteimann genommen werde und
darum Pietist, auch Rationalist mich habe schelten lassen
müssen und wohl auch schwer diesem Geschick in Zukunft
entgehen werde." (S. 89 f.) Großmann antwortete
im März 1850 in einem Briefe, in dem er Rupp freilich
noch einmal grundsätzlich und zwar sehr scharf ablehnte
, nachdem er aber zuvor Voigdt recht freundlich
seine Zustimmung geäußert hatte: „Die liebenswürdige
Offenheit Ihrer ,Bekenntnisse' freut mich um so mehr,
da namentlich de Wette mein Universitätsfreund von
Jena her und ich sein Respondent bei seiner Habilitar
tionsdisputation war; in seinen Untersuchungen über
das Alter mehrerer Bücher und deren Authentizität
stimme ich, wie Sie denken können, vollkommen überein.
Diese Dinge gehören zu den Außenwerken des Tempels"
—Großmann spricht hier als Freimaurer, also war wohl
auch Voigdt Freimaurer (d. Referent) — „und man
müßte sich geradezu die Augen ausstechen, wenn man
sich eigensinnig darauf stützen wollte, dieselben zu halten
. Desto mehr halte ich mit ihm den Kern des Evan>-
geliums fest und lasse mir weder dessen ideale noch
geschichtliche Wahrheit durch die Sophisten der Gegenwart
rauben. Darin also haben wir beide einen wichtigen
Berührungspunkt . . ." Damit ist der Blick über
das Provinzialkirchengeschichtliche und über das Ver-
eiinsgeschichtliche hinaus erweitert: die kleine biographische
Skizze Brunaus verdient also ernste Beachtung
.

Berlin._Otto Lerch e.

Schmidt, Dr. theol. Wolfgang: Die Pfingstbewegung in Finnland
. Helsingfors: Kirchengesch. Gesellschaft 1935. (256 S.) 8°. =
Suomen kirkkohistor. Seuran. Toim. XXVII.

Es ist außerordentlich dankenswert, daß diese Hel-
singforser theologische Dissertation in deutscher Sprache
erschienen ist: dadurch wird der deutschen theologischen
Wissenschaft ein viel tieferer Einblick in die
kirchlichen Verhältnisse Finnlands ermöglicht als ihn
etwa das Buch von G. Sentzke (Die Kirche Finnlands,
1935) gestattet.

Nach einem gedrängten Überblick über die Pfingstbewegung
überhaupt, ihre unmittelbaren Zusammenhänge
namentlich mit dem Baptismus und Independentismus
jeglicher Art schildert Schmidt aufgrund eines reichen
Quellenmaterials die für eine Entwicklung der Pfingstbewegung
in Finnland besonders günstigen Voraussetzungen
. Das Land der tausend Seen ist auch das
Land der zahlreichen und ununterbrochen sich ablösenden
religiösen Bewegungen. Verschiedene pietistische
Strömungen, die Erweckten, die Beter, die Evangelischen
und die Anhänger von Laestadius graben dem
kirchlichen Leben innerhalb der Landeskirche markante
Züge ein, die auch dem Fremden auffallen, zumal sie
*in der Öffentlichkeit, im Volksleben und in der Staatsgestaltung
nicht ohne Einfluß geblieben sind (vgl. etwa
Franz Rendtorff in Die Evangelische Diaspora Jg. 3/4:
1921/22, auch als Sonderdruck „Suomi Finnland, wie
ich es sah" 1922). Das darf man immerhin gelten
lassen, wenn auch immer wieder ganz deutlich wird,
daß die politische Lappobewegung als solche mit dem
pietistischen Kreise um Paavo Ruotsalainen nur wenige
örtliche und äußerliche Berührungspunkte hat.

Neben die 'innerkirchlichen Gemeinschaften und Kon-
ventikel treten dann ausgesprochene Sekten und außerhalb
der Staatskirche stehende und aus ihrer Gemeinschaft
herausdrängende Freikirchler wie besonders Baptisten
, Methodisten, Heilsarmee, Adventisten u. a. m.
Nach allem was Schmidt schildert und aus seinen Quellen
— den Zeitschriften der Bewegungen vornehmlich —
reichlich belegt, wird die Pfingstbewegung in Finnland
, die in ihren Formen und Äußerungen echtes
Schwärmertum ist — der eigentliche Prophet dieser
Bewegung, die mit seinem Scheitern ihren Auftrieb verlor
, G. M. Olsen-Smidt, ist geradezu eine typische
Nabigestalt —, wesentlich vom englisch-amerikanischen
Baptismus und anderen independistischen Strömungen
angelsächsischen Ursprungs getragen. Sehr bald blieb
der Staatskirche nichts anderes übrig, als gegen dies die
kirchlichen Formen untergrabende Schwärmertum ernstlich
Stellung zu nehmen (Erzbischof Johansson 1912
in der Zeitschrift „Herättäjä"; Schmidt S. 95). Sehr
begreiflich ist, daß der Weltkrieg, der Zerfall des russi-