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Ausgabe:

1936 Nr. 22

Spalte:

399

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Brunstäd, Friedrich

Titel/Untertitel:

Adolf Stoecker 1936

Rezensent:

Meyer, Wilhelm

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399

Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 22.

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einer bürgerlichen Institution herabwürdigen zu lassen,
die nur dazu war, gewisse Höhepunkte des menschlichen
Lebens in bengalische Beleuchtung zu setzen.
Für Eifer, Härte und Kompromißlosigkeit in dieser Hinsicht
ist bezeichnend die geringe Zahl seiner Amtshandlungen
.

Sein ganzer Kampf ist, obwohl er in seinen Predigten
durchaus gegenwartsnahe war, stets ohne jeden
zeitbedingten politischen Einschlag gewesen. Der Bremische
Zeitgenosse Ludwig Mallet sah sich stets in
einer anderen Situation.

Von Rautenbergs vielseitiger kirchlicher Wirksamkeit
zeugen alle, die dem Leben der Kirche irgendwie verbunden
waren, in Hamburg also vornehmlich Wichern und
der Senator Hudtwalcker, Amalie Sieveking und Elise
Averdieck. Rautenbergs kirchlicher Kampf ist schließlich
unser aller Kampf: der Kampf der Kirche Jesu
Christi gegen eine irgendwie völkisch oder ästhetisch
verbrämte Vernunftsreligion. Auch in seiner Haltung zur
Unionsfrage, zu den extremen Konfessionalisten und
zur Einen Kirche ist Rautenberg heute vorbildlich.

In seiner Arbeit verwertet Lehmann neben einer
Fülle gedruckter Schriften — meist Predigten Raiutenbergs
— zahlreiches Aktenmaterial aus dem Hamburgischen
Staatsarchiv und aus Kirchenarchiven. Dies Lebensbild
eines rechten Bekenners in einer bekenntnisfremden
Zeit ist über den Kreis der hamburgischen Kirche
hinaus ein wertvoller Beitrag zur Geschichte der
kirchlichen Kämpfe im 19. Jhdt. überhaupt.

Berlin. Otto Lerche.

Brun Städ, Prof. D. Dr. Friedrich: Adolf Stoecker. Wille und
Schicksal. Berlin: Wichern-Verlag 1935. (168 S.) 8°.

RM 3.60; geb. 4.20.

Dies Stoeckerbuch Brunstäds weicht in gewisser
Hinsicht von der bisher erschienenen Literatur über
Stoecker grundlegend ab. Während von Oertzen und
Braun in der Hauptsache eine Biographie des Gründers
der christlich-sozialen Bewegung bieten, hat sich
Brunstäd zur Aufgabe gemacht, „Wille und Schicksal
", d. h. die treibenden Kräfte und das Ideengut
Stoeckers darzustellen. Mit dieser Aufgabe Brunstäds
ist die Beziehung und die Bedeutung Adolf Stoeckers
für die unmittelbare Gegenwart, für das Ringen und
Kämpfen der evangelischen Kirche im dritten Reich
gegeben. Daß Stoecker nicht einfach als ein Mann der
Kirchengeschichte des IQ. Jahrhunderts zu werten ist,
sondern daß er darüber hinaus zu uns in unseren Tagen
redet, das weist Brunstäd in feiner Weise nach.
Daneben zeichnet sich Brunstäds Buch durch stete Orientierung
am historisch Gewordenen aus, ohne dessen
Verständnis auch Stoecker nicht verstanden werden kann.
Diese beiden Linien, die historische Schulung und die
Bezugnahme und Verweisung auf die konkrete Gegenwart
, sind bei Brunstäd ineinander verwoben (vgl. Vorwort
).

Von diesem methodisch einzig richtigen Ansatzpunkt
werden nacheinander die gerade heute in Frage stehenden
Problemkreise wie „Predigtamt, Theologie und
Kirche" usw. behandelt. Das Kernstück der ganzen
Abhandlung bildet m. E. aber der Abschnitt „Volksordnung
und sozialer Wille, Politik und Arbeiterbewegung
". Fragen wie „Kirche und Staat", „Kirche und
soziale Frage", „Kirche und Judenfrage" usw. werden
hier gestreift und, soweit es im Rahmen des Ganzen
überhaupt möglich ist, behandelt. Im letzten Abschnitt
werden dann die Kräfte aufgezeigt, die schuld sind an
dem Mißlingen der großartigen kirchlichen Reformpläne
Stoeckers.

Die reiche Quellenbenutzung und die schlichte
Sprache des Verfassers machen das Buch in jeder Hinsicht
anregend und lehrreich.

Berlin. Wilhelm Meyer.

Planck, Friedrich: Heinrich Planck. Lebensbild eines schwäbischen
Prälaten. Stuttgart: Ernst Klett Verlag 1933. (560 S.) 8°. Geb. RM 5.80.

Der im Jahre 1932 verst. Prälat Planck war in
Württemberg weithin bekannt und hoch verehrt. Durch
dieses Lebensbild wird seine außergewöhnliche Persönlichkeit
weiteren Kreisen sehr anschaulich und lebendig
nahe gebracht. Die schönen Abbildungen zeigen
die geistvollen und gütigen Züge eines lautereu,

i vom Leid geprägten Menschen, einen Kopf, der an den

; alten Goethe erinnert. In Planck verband sich wahrhaft
priesterliches Wesen mit einem wunderbaren Humor
, „der niemand verletzte und alle erquickte". Er
war der geborene Prediger und Seelsorger, der doch unermüdlich
an seiner eigenen .Ausbildung arbeitete.
Der Lebenslauf ist der des schwäbischen Theologen:

j durch Seminar und Stift ins Vikariat, dann Helfer,
Stadtpfarrer und Dekan in Eßlingen, schließlich Prälat
in Ulm. Das Lebensbild gibt nicht nur einen Einblick
in das kirchliche Leben in Württemberg, sondern
ein Stück deutsche Geschichte, die Planck von der
Reichsgründung' bis zum Weltkrieg und zum Zusammenbruch
mit lebhaftein Anteil miterlebt hat. Er hat
um ein gesundes und frommes Volk gekämpft, ist unerschrocken
gegen alle zersetzenden Mächte angegangen,

j hat mit klarem Blick gegen die Sozialdemokratie gekämpft
; sein Ziel war eine wahre evangelische Volks-
kirche. Neben feindurchdachten, warmherzigen, biblisch
begründeten Predigten sind als geschichtliche Dokumente
für die soziale Arbeit des evangelischen Pfarrers
bedeutsam die Vorträge: „Wie stellt sich das Christentum
zum Kapital?" „Wie stellt sich das Christentum
zur Arbeit?" „Die Mitarbeit der Frau als Erzieherin
an der Zukunft Deutschlands" und das Referat auf
dem 7. Evangelisch Sozialen Kongress zu Stuttgart
1896: „Die soziale Tätigkeit des im Amt stehenden
Geistlichen, ihr Recht und ihre Grenzen". In der Art
seines „Kleinen homiletischen Testamentes" sind noch
weitere Reimsprüche mitgeteilt, die viele Lebenserfahrungen
und Glaubenserkenntnisse in origineller Form
wiedergeben. — Ein Fremdenlegionär aus der Ulmer
Gemeinde, hat in seinem Zimmer in Marokko Plancks
Bild aufgehängt. Auf die Frage, wer das sei, gibt er
zur Antwort: „Ein großer Mann, der so klein war wie
ein Kind".

Tübingen. Ewald Burger.

Heyderich, Wilh.: Die christliche Gewißheitslehre in ihrer
Bedeutung für die systematische Theologie. Gotha: Leopold
Klotz 1935. (73 S.) 8°. RM 2.50.

Wenn man von Rudolf Thiels Luther kommt, ist man
zunächst erstaunt eine Schrift über die „Gewißheitslehre
'' zur Hand zu haben. „Gewißheit" gibt es doch
bei Luther nach Thiel nicht. Das ist ja Melanch-
thonscher Abfall. Aber just hier werden wohl noch
die Verteidiger der lutherschen Gewißheitslehre aufstehen
und Th. verbessern. Jedenfalls ist die Lehre
von der „christlichen Gewißheit" ein Fundamentalsatz
lutherischer Theologie geworden. Gehört aber diese

| Lehre von der Gewißheit in die Dogmatik hinein? Oder
ist am Ende die „christliche Gewißheit" Prolegomenon

j aller Dogmatik? Oder gehört sie nicht in die Apologe-

j tik? Indem dieses: „ich bin gewiß", „wir aber wissen"
sich scharf ablehnt gegen alle andern Weltanschauungen
und Lebensgewißheiten? All diesen Fragen denkt
Fi. in seiner klaren Schrift nach. Er nimmt sich die

j beiden lutherischen Dogmatiker vor, die ihre Dogmatik
Gewißheitslehre nannten. F. H. R. Frank und K.
Heim, analysiert an der Hand von Franks „System der
christlichen Gewißheit" seine Lehre und stellt auf Grund
von Heims Buch „Glaubensgewißheit" und seiner andern
Bücher und Predigten dessen Grundgedanken von Gewißheit
fest. Es geht ihm nicht um eine Kritik der
Beiden. Er will untersuchen, aus welchen Grundgedanken
und -absiebten sie Beide ihre Lehre von der christlichen
Gewißheit aufstellen. Auf Grund eingehender