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Ausgabe:

1936 Nr. 1

Spalte:

22-23

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Zwischen Völkern und Kirchen 1936

Rezensent:

Lerche, Otto

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 1.

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will oder sich ganz von ihr löst. Das Amtshandlungsproblem
ist am Ende noch ernster — und schwieriger
als das Predigtproblem.

Nun hat Haack fast zum ersten Mal das Problem
angepackt. Und er packt es an als ein Praktiker aus
mancherlei Erfahrungen des Amtslebens und als ein wissenschaftlich
Geschulter. Er behandelt die Taufe, die
Konfirmation, die Trauung, die Beerdigung und das
Krankenabendmahl. Er gibt bei jeder einzelnen Handlung
zunächst einen sehr lehrreichen, gediegenen geschichtlichen
Überblick, holt dann die Kirchenkunde herzu
, sagt auch das Nötige von der Praxis der römischkatholischen
und griechisch-katholischen Kirche, und behandelt
dann jedesmal die liturgische Gestaltung der j
Feier und besonders die Kasualrede. Eine Fülle von
Stoff und Anregung, aus denen auch ein lang im Amt
stehender Pfarrer viel lernen kann. Vor allem aber gebe
man allen Lehrvikaren dieses Buch in die Hand und
spreche es mit ihnen durch. Auch in Seminaren der
praktischen Theologie muß es seinen Platz haben und
dort zur Besprechung kommen.

H. sieht die Amtshandlungen von der Kirche aus an:
Und Kirche wird ihm nicht durch den amtierenden
Pfarrer repräsentiert sondern durch die Gemeinde. So i
fordert er überall ein Mithandeln der Gemeinde. Sogar
beim Krankenabendmahl, wo er immer ein Paar Freunde
und Nachbaren des Sterbenden als Beteiligte der Feierstunde
dabei haben möchte. Darum legt er den Hauptwert
der Feier auf die liturgische Ausgestaltung, so sehr
er auch betont, daß die Kasualrede wirklich erarbeitet
werden und Wortverküiidigung bleiben muß. Ein liturgisches
Handeln mit feststehender Form soll wo möglich
jede Taufe, Trauung, Beerdigung inmitten der Gemeinde
sein. Alle hochkirchlichen Bestrebungen lehnt H. ab,
auch will er nicht durch die Liturgie das „Objektive"
gegenüber dem Subjektiven der Rede festgehalten wissen
. Denn auch die Kasualrede bleibt objektiv, insofern
als sie das Wort Gottes nur auf den Einzelfall anwendet
. Aber der Gedanke der Gemeinde bewegt H. vor
allem. Taufe ist Aufnahme in die Gemeinde, Konfirmation
Eintritt in die Gemeinde, Trauung die Fürbitte
der Gemeinde für zwei Gemeindeglieder, die sich zur
Ehe zusammenschlössen, Beerdigung letzter Dienst der
Gemeinde an einem ihrer Glieder, Krankenabendmahl
die Feier eines Erkrankten, der zur Gemeinde gehört.
Also keine Familienfeier. Denn Familie ist nicht Gemeinde
. Auch keine Feier im Haus, sondern grundsätzlich
in der Kirche. Also jede Feier Gottesdienst. Mit
genieinsam gesungenem Lied, mit Liturgie und Ansprache
, mit Fürbitte der Gemeinde und Segen. Bei der
Konfirmation ist ja dies alles einfach — und selbstverständlich
. Aber bei den andern Amtshandlungen? Hier
beginnen viele Fragen, die außerhalb der Besprechung
des Buches bleiben müssen, Fragen, die aus der Not der
wirklichen Großstadtgemeinden erwachsen und nicht so
einfach zu beantworten sind. Aber in kleinen Gemeinden
versuche man einmal den Weg zu gehen, den H.
weist. Am Ende erwacht ein neues Gemeindebewußtsein
und erhält die Amtshandlung, die vielfach nur noch
Form ist, Sinn und Inhalt. Ich habe in Bonn versucht
die Taufen möglichst in den Kindergottesdienst zu verlegen
, das Kind in der Kindergemeinde zu taufen und
die Kinder liturgisch an dieser Feier zu beteiligen. Dieser
Versuch, vor Jahren begonnen, ist außerordentlich
geglückt. Ich habe fast keine Haustaufen mehr, auch
selten Kirchentaufen zu anderer Zeit. Die Eltern wünschen
— und zwar aus allen Ständen und Schichten —
die Taufe im Kindergottesdienst und den Kindern ist es
jedesmal eine besondere Feier in ihrem Gottesdienst.
Sollte es bei der Gemeinde der Erwachsenen nicht auch
so werden können? Ist nicht am Ende solch eine Amtshandlung
im Gottesdienst für die „Besucher" grade
— Gemeindebildend? Wird nicht auf dem Friedhof aus
der Masse der Leidtragenden und Mitgehenden Gemeinde
, wenn sie alle singend und betend vor der Gewalt

des Todes und der Herrlichkeit des Erhöhten stehen?
Nur die Trauung macht noch viel Not — und bleibt
Not. Eine kirchliche Trauung der Gegenwart — als Gemeindefeier
. Da wird noch viel, viel Erziehungsarbeit
zu treiben sein. Wenn aber das Ziel richtig ist, muß der
Weg dahin auch einmal gefunden werden.

Eine Fülle von Anregungen gibt H. mit seinem Buch.
Es ist nicht umsonst geschrieben und Kirche und Pfarramt
, Theologen und „Laien" müssen dem Verfasser
danken. Eine kleine Anmerkung noch: am Ende stellt
H. bei einer zweiten Auflage im Kapitel Trauung auch
das Verhalten und die anders geformte kirchl. Trauung
der katholischen Kirche bei konfessionell gemischten
Brautpaaren dar. Das ist sehr wichtig zu wissen.
Bonn. F. Haun.

Zwischen Völkern und Kirchen. Bruno Ocißler zum 60. Geburtstag.

Im Auftr. d. Mitarb. hrsg. v. Hans Beyer, Hans Koch und Carl Schneider.

Leipzig: Sachs. Verlagsges. 1935. (139 S.) gr. 8°. RM 2—.

In diesem Quodlibet von Banalem, Persönlichem,
Problematischem und Wertvollem verdienen zunächst
die Beiträge der Herausgeber Erwähnung: der Königsberger
Vertreter der Kirchengeschichte des Ostens Hans
Koch behandelt die 1925 in dem ukrainisch-unierten
Kloster Krechiw bei Lemberg gefundene ukrainisch-evangelische
Apostolos-Handschrift des 15. Jahrhunderts und
der Neutestamentier Carl Schneider geht mit seinen
Erörterungen „zwischen den Völkern und Kirchen des
Neuen Testaments" an die Grundfragen des Lebens in
der Diaspora. „. . . (es) fällt auf, daß das Neue Testament
damit rechnet, daß Diaspora zur Grundlage des
Menschseins überhaupt gehört. Diaspora ist nichts, das
auf der Erde überwunden werden kann oder soll, sondern
die Existenz alles Gottgewollten ist grundsätzlich
im Voreschatologischen nur in der Form des Diasporaseins
möglich" (S. 137).

Sehr beachtenswert erscheinen uns die Ausführungen
des Rigacr Oberpastors Victor Gruencr über die
„Mehrsprachigkeit im Pfarramt" und ebenso die von
Pfarrer Gerhard May in Cilli (Südslawien), des süd-
steiermärkischen deutschen evangelischen Führers, über
„doppelte Diaspora als Gemeinschaftsordnung". — Prof.
D. Dr. H. W. Beyer-Greifswald, der Historiker des
Gustav Adolf-Vereins, spricht ein Wort über Volkskir-
chentum und Diaspora, mit dem er um der Diaspora
willen sehr davor warnt, eine etwaige endgültige Trennung
von Staat und Kirche leicht zu nehmen. „Es würde
eine nicht abzusehende Erschütterung für das Volksdeutschtum
in der Welt bedeuten, wenn die evangelische
Kirche in der Heimat aufhörte, Volkskirche zu sein.
Dies kann sie aber nur bleiben, wenn sie in einein
wechselseitig bejahenden Verhältnis zum Staat steht.
Wenn der Staat seine Bindungen an die Kirche durchschneidet
, dann hört nicht die Kirche Jesu Christi, aber
die deutsche Volkskirche notwendigerweise auf zu bestehen
" (S. 38). — Pfr. D. Oskar Bruhns, der Schriftführer
des Centraivorstandes des Evangelischen Vereins
der Gustav Adolf-Stiftung, stellt und beantwortet die
Frage: Unter welchen Bedingungen kann eine Gemeinde
von einem anders völkischen Pfarrer bedient werden?
B. berichtet hier eigentlich nur nebenbei in tief ergreifender
Schlichtheit von seinem vielseitigen Amtserleben in
Sibirien, Estland und Dalmatien. Wir führen ein Wort
zur sibirischen Amtstätigkeit an (S. 41): „Bei diesen
typischen Diasporaevangelischen war stets der gemeinsame
evangelische Glaube eine so starke Bindung, daß
die völkische Verschiedenheit, ja selbst sprachliche Mängel
völlig vergessen und überbrückt wurden. Ich wurde
mit gleich offenen Armen von deutschen Bauern, Stadtgemeinden
und Kriegsgefangenen aufgenommen wie von
Esten, mit denen mich die gleiche Heimat verband und
deren Sprache ich von Kind an beherrschte, wie von
evangelischen Russen, deren Sprache ich fließend sprach
von denen mich aber zumindest während des Krieges
meine deutsche Nationalität hätte trennen müssen wie