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Ausgabe:

1936 Nr. 21

Spalte:

372-373

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thilo, Martin

Titel/Untertitel:

Alttestamentliche Bibelkunde 1936

Rezensent:

Beer, Georg

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 21.

372

Bethe, Erich: Ahnenbild und Familiengeschichte bei Römern
und Griechen. München: C. H. Beck 1935. (XIV, 121 S.) 8°.

RM 2.80; geb. 3.80.

Mit diesem Buche liefert die Altertumswissenschaft
zu dem ahnenkundlichen Streben unserer Tage einen
Beitrag, der, ohne auch nur im geringsten auf Augenblickswirkung
eingestellt zu sein, ihre Gegenwartsverbundenheit
im besten Sinne dartut. Bethe führt uns in
seinem schmucken Büchlein in die Genealogie der Griechen
und Römer ein, sei es, daß sie von edlem Wollen
oder falschem Ehrgeiz beherrscht war, und läßt bei
dieser Gegenüberstellung der beiden Völker ihre Verschiedenheit
auch auf diesem Gebiete erkennen. Die
auf wissenschaftlichem Unterbau sich erhebende, gemeinverständliche
Darstellung wird jedem Ahnenforscher
, dem das Altertum etwas bedeutet, als Ergänzung
seiner eigenen Beschäftigung willkommen sein. Sie ist
die Arbeit eines Mannes, der seine Schüler lehrte, es
sei oft leichter, ein Problem zu lösen als es zu stellen.
Diesen Ausgangspunkt wissenschaftlichen Forschens
zeigt auch das vorliegende Werk, wenn sein Verfasser
wohl als erster nach dem Ursprung und Sinn der römischen
Ahnengalerie fragt. Hier eröffnen sich von der
Familienkunde aus mancherlei Einblicke in die römische
Religionsgeschichte, die durch Parallelen aus anderen
Kulturen bestätigt werden. Totenmasken finden sich
nicht bloß bei den Römern; aber während andere Völker
sie dem Toten mitgaben, stellten jene sie im eigenen
Hause auf. Die Annahme Bethes, der Römer habe bei
der primitiven Gleichsetzung von Bild und Wirklichkeit
die Maske oder den Kopf für den ganzen- Menschen
genommen und mit der Aufbewahrung der Maske sich
des Toten und seines Orendas versichern wollen, um
ihn beim Ableben eines Familienmitgliedes für kurze
Zeit gewissermaßen auferstehen und an der Ahnenparade
teilnehmen zu lassen, überzeugt. Die Aufbewahrung
der Maske muß einmal an die Stelle des früheren
Brauchs der Bestattung des ganzen Toten im eigenen
Hause getreten sein, die auch für die Römer, wenngleich
schwach, bezeugt ist, und so stellt sich der römische
Ahnenkult als ein Ausfluß des Glaubens an ein Fortleben
nach dem Tode dar. Es ist nun interessant zu
sehen, wie verschieden die Griechen von den Römern
auf dem Gebiet der Vorfahrenehrung gewesen sind.
Ihnen ist die Ahnengalerie unbekannt, und die Hausbestattung
scheint nur die vorgriechische Bevölkerung vorgenommen
zu haben. Die Furcht vor dem Toten war
wohl größer als die Erwartung seines Segens. Dafür
haben die Griechen in ihren Heroen Gestalten geschaffen
, von denen man Hilfe erhoffte. Auch die Namen-
gebung, die bei den Griechen eine Fülle von Indivi-
dualnamen hervorbrachte, bei den Römern den Nachdruck
auf den Geschlechtsnamen legte, zieht Bethe heran
, um zu zeigen, welches von beiden Völkern den Zusammenhang
des Blutes stärker betonte. Ein Vergleich
der Grabschriften läßt den Wirklichkeitssinn des Römers
gegenüber dem idealisierenden Griechen erkennen,
und wenn der Grieche sein Geschlecht in eine ideale
Vergangenheit zurückführte und an Götter anknüpfte, so
ist bei den Römern erst durch die Hellenisierung die
Ableitung der Julier von Aphrodite erfolgt. Der eine
benutzte zum Aufbau seiner Familiengeschichte die in
Gestalt der Ahnenbilder vorliegenden Urkunden, die
freilich auch der Fälschung ausgesetzt waren, dem anderen
befriedigte ein Dichter das Bedürfnis nach Ahnen.
Das vorletzte Kapitel, das den Gegensatz zwischen dem
griechischen Ritter und dem römischen Patrizier herausarbeitet
, entfernt sich vielleicht von allen am weitesten
von dem eigentlichen Thema und steht mit den
übrigen nur insofern in Zusammenhang, als der Adel
der beiden Völker in erster Linie Träger der Familienüberlieferung
ist. Dagegen lenkt das Schlußkapitel, das
darlegt, warum aus der Familiengeschichte bei den
beiden Völkern keine Geschichtsschreibung entstehen
konnte, noch einmal zu dem eigentlichen Gegenstande

zurück und schließt ihn mit diesem Ausblick in ein anderes
Gebiet ab.

Außer einigen Druckfehlern stört leider besonders eine zweimalige
Verwirrung der Antnerkungsziffern. In Abschnitt 7 gehört Anm. 7 nach
S. 46 zu dem dort abgedruckten Tettichosepigramm, steht aber irrtümlich
S. 47 bei dem Epigramm von Chios, das die Ziffer 9 erhalten muß;
i entsprechend muß das Epigramm aus Acharnai S. 47 die Ziffer 8 erhalten,
: das römische S. 48/9, das fälschlich mit 8 beziffert ist, die Ziffer 10. —
In Abschnitt 8 müssen von S. 72 ab bis zum Ende die Zahlen 19—36
durch 20 — 37 ersetzt werden.

Northeim. G. Breithaupt.

J Heinisch, Prof. Dr. Paul: Das Buch Leviticus, übersetzt und
erklärt. Bonn: P. Hanstein 1935. (XII, 132 S.) gr. 8°. = Die Heilige
Schrift des Alten Testaments, hrsg. v. F. Feldmann u. H. Herkenne,
1. Bd., 3. Abt. RM 4.50; geb. 6—.

Seinem Kommentar zur Genesis (1930) und zum

j Exodus (1934) hat Heinisch nun den Kommentar
zum Leviticus folgen lassen. Das Ganze ist jetzt mehr
zusammengedrängt als früher. Aber im Übrigen reiht
sich das neue Werk den Vorgängern gleichwertig an.

' Denn auch die Übersetzung des Leviticus verdient das
gleiche Lob wie die der Genesis und des Exodus: Sie

l liest sich gut. Wie in der „Genesis" und im „Exodus"
huldigt H. auch im „Leviticus" (laut Vorwort S. V)

, einer gemäßigten Ergänzungshypothese.

Dieser Standpunkt ermöglicht dem Verf. im Levi-

I ticus eine Entwicklung der hier zusammengehäuften
Gesetze anzunehmen und zu unterscheiden: 1. Mosaisches
Gut; 2. Gesetze aus der Zeit vor Salomo;
3. Gesetze aus der Zeit Salomos; 4. Gesetze in der

I Zeit zwischen Salomo und Hiskia und 5. aus der Zeit
des Hiskia. Näher seien 2 Sammlungen von Gesetzen
im Leviticus vereinigt. Die eine = Lev. 1—16 gehe,
abgesehen von späteren Zutaten, auf David, die andre
= Lev. 17—26 auf Hiskia zurück. Beide Sammlun-

| gen seien durch die kultischen Reformen der beiden
Könige veranlaßt. Daß H. mit seiner Quellenkritik
überall bereits das Richtige getroffen habe, mag er
selbst nicht behaupten. Er betont das Hypothetische
seiner Textscheidungen und erhebt für seine Lösung
nur den Anspruch auf eine gewisse Wahrscheinlichkeit
(S. VI). Mag dem sein, wie ihm wolle: Erfreulich ist

I die Feststellung der Tatsache, daß in den katholischen
Kreisen, an die sich das von Feldmann und Herkenne

! herausgegebene Bibelwerk wendet, Mose nicht mehr

I als der Verfasser des Pentateuch bis ins letzte Tüttelchen
in Betracht kommt.

Für die Altersbestimmung der Gesetze des Leviticus
wird eine größere Zeitspanne als von H. angenommen
wird, zur Verfügung zu stellen sein. Die Substanz ein-

| zelner Gesetze z. B für Passa, Sabbat usw. liegt jenseits
der Mosezeit. Das monarchische Hohepriestertum,

I das in Exod. u. Levitic. vorausgesetzt ist, stammt aus
der Frühzeit nach dem Exil. Dann gehören aber die
darauf bezüglichen Gesetze im Ex. u. Lev. dem 6.—4.
Jahrh. an. Wie nach oben, so ist auch nach unten
die Zeitspanne, die H. befürwortet, zu dehnen. Die
Behauptung Hs., daß die vorexilischen Profeten mit

[ ihrer schroffen Ablehnung des Opfers nicht den Kult,
sondern nur seine falsche Einschätzung verwerfen
wollten, begegnet häufig auch, noch bei protestantischen

] Theologen. Für richtig kann ich sie nicht halten. Lassen
sich Zeugnisse dafür vorbringen, daß die opfer-

I feindlichen Profeten wie Arnos, Hosea, Jesaja, Micha

| und Jeremia selbst geopfert haben? Auch H. zieht des
öfteren die religiöse Volkskunde zur Erklärung des
Textes heran, z. B. Lev. 14, 7. Die Literatur für Levit.
ist bis aus der jüngsten Vergangenheit von dem Verf.

j gekannt und benützt.

Heidelberg. Georg Beer.

Thilo, Martin: Alttestamentliche Bibelkunde. Ein Handbuch für
Bibelleser. Mit vielen graphischen Darstellungen und Karten. Stuttgart
: J. F. Steinkopf 1935. (VIII, 488 S.) 8°. RM 6.80; geb. 8.50.

Thilo's A.t.liche Bibelkunde ist das Seitenstück
I zu der in dieser Zeitung 1935 Nr. 21 u. 1936 Nr. 6