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1936 Nr. 20

Spalte:

358-359

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

An unpublished fragment of the fourth gospel in the John Rylands library 1936

Rezensent:

Bauer, Walter

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 20.

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ten, daß die Gesichte die Zeit Domitians betrafen, setzte
sich der Gedanke durch, daß die Zeit des Exils die Tage
Domitians seien, mithin der berühmte Johannes in dieser
Zeit noch gelebt haben müsse.

In Wirklichkeit war der Zebedaide Johannes längst
Märtyrer geworden, und zwar zusammen mit dem Herrnbruder
Jakobus. An den zwei Beinamen des Jakobus
bei Hegesipp merkt man noch, daß eigentlich zwei Märtyrer
vorhanden sind, und dasselbe sieht man — an den
zwei Märtyrerzeugen in Apc. 11! Der das Johannes-
Evangelium schrieb, war der Älteste von II. und III. Johannes
— und dessen Namen wissen wir nicht! Der
Presbyter Johannes des Papias ist der siebente in der
Liste der jerusalemischen Bischöfe bei Eusebius. Sowohl
er als das ganze Gremium jener Ältesten gehören nicht
nach Ephesus — warum sollten diese Zeugen der klassischen
Zeit auf einmal ausgewandert sein? — sondern
nach Jerusalem.

Diese Konstruktion verdient es, kritisch ernst genommen
zu werden. Man kann freilich von vornherein
einige Fragezeichen anbringen. Das Schweigen der Zeugen
über den ephesinischen Johannes erklärt sich zu
einer Zeit, da apostolische Autorität schon viel gilt,
vielleicht doch aus dem Umstand, daß der fragliche
Mann in Ephesus eben kein Apostel war. Was der
Skepsis des Verf. ihren guten Grund gibt, ist natürlich
die Verlegenheit, in der sich jeder befindet, der irgend
ein geschichtliches Bild von dem ephesinischen Johannes
geben soll, daß nicht nur auf den bekannten Legenden
beruht. Aber wenn Bacon sich aus dieser Verlegenheit
hilft, so hat er dafür eine andere, mir nicht minder
groß erscheinende Schwierigkeit geschaffen: sie liegt
in der Frage, wie der in Jerusalem hingerichtete Gali-
läer zu seiner ephesinischen Berühmtheit gelangt sei.
Daß Bacon in einem späteren Kapitel noch den Johannes
, den Sohn der Maria, aus Acta 12 in das Spiel der
Verwechslung einführt, macht die Sache nicht glaubhafter
.

Es sind auch nicht diese, der Personenfrage gewidmeten
Abschnitte, die den Leser am meisten beeindrucken
, sondern die folgenden, die die allgemeine Situation
behandeln. Das Christentum in dem Asia genannten
Teile der kleinasiatisichen Halbinsel ist nicht von Paulus
geschaffen (da Bacon Rom. 16 für ein Schreiben nach
Ephesus hält, kann er hier Andronikos und Junias einführen
!). Das kleinasiatisiche Christentum stammt letztlich
von jenen aus Jerusalem geflüchteten christlichen
„Hellenisten". Diese sind zunächst nach Samarien gegangen
. Und da der Autor des Evangeliums auch ein
hellenistischer Jude war, so erklärt sich aus dieser Herkunft
das Interesse des Evangeliums an Täufern und
Gnostikern. In fesselnder Weise wird in den Kapiteln
VII—XI von Bacon die Situation geschildert, in der sich
das Christentum in Sainaria gegenüber Simon Magus
befand. Hier muß es sich mit denen auseinandersetzen,
die die Weissagung des Täufers von seinem großen
Nachfolger im Interesse von samaritanischen Goeten
deuten. Auch des Paulus Gedankenwelt ist von diesen
Kämpfen berührt, und die johanneis-che Christologie
geht unmittelbar auf sie zurück. Und nicht nur die Christologie
, auch die Topographie des „Johannes" ist an
Samarien interessiert. Hier verwendet B. die These
Kundskis, daß sich in den johanneischen Ortsangaben
diese täuferische und gnostische Nachbarschaft der alten
Gemeinden erkennen lasse, B. betont aber gleichzeitig,
daß alle neueren Funde für die Richtigkeit jener Angaben
zeugen, daß also an eine allegorische oder symbolische
Interpretation solcher topographischen Bemerkungen
noch weniger zu denken sei, als früher. Es ist ein
großes Verdienst von Bacon, hier auf hypothetischem
Wege einmal wieder den Blick gelenkt zu haben auf
jene Nebenströmungen des apostolischen Christentums,
die wir über Paulus und den Synoptikern leicht vergessen
und die wir immer wieder aus ihren geistigen
• Nachwirkungen zu erschließen die Pflicht haben.

Die theologischen Untersuchungen des Buches, die,
| abgesehen von literarischen Exkursen, seinen Schluß bilden
, haben mich weniger befriedigt. Hier werden die
großen Probleme des Johannes-Evangeliums, Christologie
, Werke und Worte Jesu, Erlösung, Leben im wesentlichen
nur auf dem Wege des Vergleichs mit anderen
neutestamentlichen Anschauungen behandelt. So kann
man der originalen Offenbarungsreligion des vierten
Evangeliums nicht gerecht werden. Wohl aber vermag
des Verfassers scharfer Blick und seine Kombinationsgabe
zum rechten Verhältnis bestimmter Stellen und
durchgehender Motive des Evangeliums Wesentliches
' beizutragen; davon wird dann auch das theologische
i Verständnis des Buches erheblichen Gewinn haben. Denn
im allgemeinen macht es sich die Theologie bei der
Interpretation des „Johannes" immer noch zu leicht.
Heidelberg.__Martin Di hei i u s.

An Unpublished Fragment of the Fourth Gospel in the John Rylands
Library edited by C. H. Roberts. Manchester: The Manchester Uni-
versity Press 1935. (34 S., 1 Taf.). 2.50 sh.

Im Jahre 1920 erwarb B. P. Grenfell in Ägypten
eine Sammlung von Papyrusschriften für die John Ry-
lands-Bibliothek. Zu ihr gehört das nunmehr veröffentlichte
Bruchstück aus dem vierten Evangelium, das die
;, Bezeichnung P. Ryl. Gk. 457 trägt. Der Umstand, daß
I es gerade jetzt ans Licht tritt, reiht es in die stattliche
i Zahl jener Papyri ein, durch die gerade in den letzten
Jahren unsere Kenntnis der ältesten Geschichte des
i Christentums bereichert worden ist. Und das schon wür-
j de ihm erhöhte Anteilnahme sichern. Doch auch für sich
! genommen, darf es solche beanspruchen. Haben wir
j in ihm doch die ältesten Zeilen zu verehren, die, von
i einem Christen geschrieben, in unserem Besitze sind.
I Und diese Zeilen betreffen ein neutestamentliches Buch
(Joh. 18,31—33).

Über die Heimat des Papyrus ist mit Sicherheit nur
zu sagen, daß es eine sehr alte christliche Gemeinde
von Mittelägypten gewesen sein muß. Besser scheinen
wir über das Alter unterrichtet zu sein. Roberts meint
mit einiger Zuversicht noch die erste Hälfte des zweiten
! Jahrhunderts in Anspruch nehmen zu dürfen; und Sach-
| kenner wie F. Kenyon, W. Schubart und H. I. Bell
stimmen ihm hierin zu. Die Gründe für diesen Ansatz
ergeben paläographische Beobachtungen, der Vergleich
mit anderen Papyri aus dieser Zeit sowie die Wahrscheinlichkeit
, daß es in der Handschrift noch keine Abkürzungen
der Nomina sacra gegeben hat.

R. vermutet aus Gründen, die sich hören lassen kön-
! nen, daß das vollständige Buch — es handelt sich um
1 einen Codex und keine Rolle — lediglich das vierte
Evangelium enthalten habe, nicht mehr. Aber die Möglichkeit
, die er daneben hält, ist nur die, daß die vier
: kanonischen Evangelien sonst hätten zusammen den In-
i halt bilden müssen. Die angesichts des immer wieder
zum Vergleich herangeholten Unbekannten Evangeliums
des Britischen Museums (P. Egerton 2) — vgl. Th.
LZ. 61, 1936, Sp. 47—49 — doch gar nicht so fern
hegende Vermutung, daß nur ein Teil des vierten Evan-
j gehums, etwa eine Vorstufe desselben, hier zu lesen gewesen
se;, bleibt ganz beiseite. Aber die Brücke, die das
charakteristisch-johanneische m\udvto von 18,32 über
: 12,33 hinweg nach 3,14 schlagen könnte, reicht doch
wohl nicht aus, das Evangelium in seinem ganzen Umfang
für unsere Handschrift in Anspruch zu nehmen.
Die Erwägungen, die so manchen Forscher an ein allmähliches
Entstehen des Johannesevangeliums glauben
, lassen, bleiben nach wie vor in Geltung. Vorschlagsweise
wenigstens sollte man mit ihnen auch da einmal Ernst
machen, wo es sich nicht um eine Analyse des vierten
Evangeliums handelt.

Ich meine überhaupt, jetzt, wo unverhofft neue
Quellen zu sprudeln beginnen, täten wir gut, zunächst
1 einmal alles beiseite zu lassen, was nicht wirklich feststeht
, sondern nur mehr oder weniger geheiligte gelehrte
Überlieferung ist. Wir müssen uns bemühen, mit ganz