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Ausgabe:

1936 Nr. 19

Spalte:

347-348

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmidlin, Joseph

Titel/Untertitel:

Die katholische Restauration im Elsass 1936

Rezensent:

Lerche, Otto

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Seite 1

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347

Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 19.

348

Sch midiin, Prof. Dr. Josef: Die katholische Restauration im
Elsaß am Vorabend des 30jährigen Krieges. Freiburg i. Br..-
Herder & Co. 1934. (XV, 330 S.) gr. 8°. RM 3.80.

Der Verfasser hat für diese Arbeit eingehende Studien
und Materialsammlungen in römischen Archiven
und Bibliotheken gemacht; er hat vor allen Dingen auch
elsässische Archive, die Bezirksarchive in Straßburg und
Kolmar, die Stadtarchive von Hagenau, Kolmar, Ober-
ehnheim und Straßburg und schließlich das jetzt im
Berner Staatsarchive befindliche bischöfliche Archiv von
Basel verarbeitet. Ebenso sorgfältig hat der Verfasser
eine umfangreiche Literatur, soweit sie bis etwa 1910
erschienen war, — von neueren Werken wird nur die
evangelische Kirchengeschichte Straßburgs und des El-
saßes von J. Adam zitiert — herangezogen. Und für
den letzten Abschnitt, der die konfessionelle Polemik
zumal im Anschluß an das Lutherjubiläum von 1617
behandelt, nennt Schmkllin eine Reihe von nicht überall
bekannten Streitschriften mit sehr ausführlichen, freilich
nicht sehr korrekten, Titeln.

Den Ausgangspunkt bildet der Straßburger Bischofsstreit
(1583—1603), der durchaus als eine Parallelerscheinung
zum Kölner Bistumsstreit zu werten ist.
Wie dort mit Gebhard Truchseß von Waldburg der
Protestantismus unterlag, so siegte hier mit dem Kardinal
von Lothringen der Katholizismus. Der Sieg des
Kardinals und der Friede von Hagenau (22. XI. 1604)
öffneten der Rekatholisierung des Landes weithin die
Tore. Der Verfasser behandelt zunächst die Lage in
Straßburg, im Bistum und im reichsstädtischen Territorium
, sodann die Rekatholisierung in Hagenau und
Kolmar. Anschließend daran gibt er Zeitbilder aus überwiegend
katholischen und aus mehr protestantischen
Städten des Reichs im Elsaß, etwa aus Kaysersberg,
Mülhausen, Münster, Oberehnheim, Türkheim und Weis-
senburg. Auf die Reichsstädte folgt eine Schilderung
der Lage und der Auseinandersetzungen in den herrschaftlichen
Gebieten und dann in den protestantischen
Gemeinden des Unterelsaß. Zum Schluße folgt eine
Darstellung der konfessionellen Polemik, die die Rekatholisierung
, namentlich die Arbeit der Molsheimer und
der Schlettstadter Jesuiten auslöste oder begleitete.

Es ist eine Fülle interessanten, aufschlußreichen
Materials, das hier verarbeitet und dargeboten wird: und
für diese Darbietung dürfen wir dem Verfasser immerhin
dankbar sein, auch wenn Form und Ton durchweg nicht
zu billigen sind und wenn die Schlüsse und Urteile
durchaus nicht einwandfrei erscheinen. Diese Art von
Schwarzweißmalerei, wie sie Sehmidlin hier betreibt,
ist heute keineswegs mehr erträglich. Aus dem Vorwort
ergibt sich denn auch, daß die Arbeit schon vor 25
Jahren abgeschlossen war; sie sollte als ein Beitrag zu
den „Erläuterungen und Ergänzungen zu Janssens
Geschichte des deutschen Volkes" erscheinen. Aber seit
dem damaligen Abschluß der Arbeit hat sich unsere
Kenntnis auf dem Gebiete der Geschichte der Gegenreformation
bedeutend vertieft und ausgeweitet. Wer
heute einigermaßen die Verhältnisse überblickt, wer die
Religionsstreitigkeiten auf beiden Seiten verfolgt, wer
die Gravamina in ihrer Fülle und in ihren offenbaren
Berechtigungen von beiden Seiten her an Hand der
neuen reichlichen Publikationen kritisch betrachtet, der
wird sich hüten, eine solche Schwarzweißmalerei, wie
sie hier in dem ganzen Buche geboten wird, gutzuheißen
. Alles Licht ist nach Sehmidlin auf Seiten der
katholischen Kirche, alles Dunkel auf Seiten der Protestanten
. Die katholische Kirche, ewig und immer
ecclesia pressa (S. 109), leistet Unerhörtes an Demut,
Geduld und stiller Zuversicht; die evangelische Kirche
geht mit brutaler Gewalt vor. Die katholische Kirche
ist der Hort der Freiheit, die evangelische Kirche hängt
sich an die weltliche Gewalt und nützt deren Mittel hemmungslos
aus (S. 103). Sehmidlin hat seine Arbeit abgeschlossen
, ehe E. Schillers Buch über Goslar 1912
(vgl. Theol. Lit. Zeitung 1913 Nr. 18) die Reihe der

Darstellungen über das Verhältnis von Bürgerschaft und
Geistlichkeit in den deutschen Städten des Mittelalters
eröffnete und das weitschichtige Gebiet erschloß, das
sich an sozialpolitischen Spannungen in der Reformationszeit
zeigte und das allen denen unverständlich geblieben
war, die sich die Städte des Mittelalters nur
durchtönt von prunkvollen Gottesdiensten und durchwallt
von einheitlich gläubiger und geschlossen betender
, dem Klerus widerspruchslos gehorsamer Bevölkerung
vorstellen können (so kommt Sehmidlin zu der
ganz schiefen Grundlegung auf S. 63).

Die Rekatholisierung des Elsasses war im Wesentlichen
das Werk von Jesuiten; der Verfasser bemüht
sich immer wieder und wieder darzustellen, wie geschickt
, taktvoll, vornehm, zartfühlend, gelehrt, beredt,
nachsichtig und liebevoll die Jesuiten in diesem schweren
Werke vorgegangen sind. Wie überall so sei auch hier
die Gegenreformation ohne jeden Zwang, ohne jede
Gewalt, ohne jede Bedrückung in die Wege geleitet
und durchgeführt. Nach Sehmidlin hat die Bevölkerung
des ganzen Landes die Rückkehr zur Mutterkirche, zum
Glauben der Väter geradezu ersehnt und mit tiefer Befriedigung
begrüßt. Wir vermuten, daß bei gleichen
Mitteln und Methoden Vorgänge und Erfolge hier ähnlich
gewesen sein werden wie in Österreich und zumal
in der Steiermark wenige Jahrzehnte zuvor.

Ganz sinnlos ist die Schwarzweißmalerei zumal im
Anfange: hier das schwarze Scheusal, der brutale Egoist
und Afterbischof, der Markgraf Johann Georg von
Brandenburg (= Jägerndorf, der „Generalfeldoberst"),
dort als Nachfolger des Kardinals von Lothringen der
edle fromme Erzherzog Leopold von Österreich. Dabei
dürfte feststehen, daß weder der eine noch der andre
eine wirklich bischöfliche Persönlichkeit war: beide waren
nicht mehr als Schachbrettfiguren in der konfessionell
bestimmten Machtpolitik ihrer Familien und verbündeter
Fürsten. Die schmähenden Epitheta, mit denen
Sehmidlin den Brandenburger reichlich belegt, könnten
vom andern Lager aus gern auch dem Erzherzog beigelegt
werden. Aber Leopold war Jesuitenzögling und
fanatischer Protestantenfresser: das deckt alle Unzulänglichkeiten
, soweit sie nicht durch päpstlichen Dispens
schon gedeckt waren. Sehmidlin ist im Ganzen mit
der Entwicklung, die er schildert recht zufrieden: „Ein
providentieller Gang der Dinge hat an der fanatischen
Rücksichtslosigkeit des straßburgischen Protestantismus
im 17. Jahrhundert reiche Vergeltung geübt" (S. 102).

Der Ton, dessen sich Sehmidlin bedient, ist heute
in der gelehrten Welt beider Konfessionen auf deutschem
Boden nicht mehr üblich: wir wissen, was wir
gemeinsam zu vertreten haben. Darum setzt man im
katholischen Lager nicht Reformation, reine Lehre, Evangelium
in Gänsefüßchen und damit herab; man spricht
nicht von .sogenannter Reformation' (S. 63, 101, 172f.),
von protestantischen Afterbischöfen, von Pastorensippe
(S. 86), von prädikantistischen Päpsten (S. 97) usw.
Es ist unklug, den Satz ,cuius regio eius religio' nach
Bedarf für die Protestanten hart abzulehnen, für die
Katholiken aber als eine Gabe der Vorsehung anzuerkennen
. Es ist unklug, den Jesuiten eine Sonderstellung
zuzubilligen, die man der „Pastorensippe" glatt verweigert
. Ganz unerträglich ist der Ton des Abschnittes über
die Polemik zumal im Anschluß an das Lutherjubiläum
von 1617: was je an Schmutz über Luther in derbsten
Zeiten ausgegossen ist, das wird hier breit, behaglich
und fast durchweg zustimmend referiert.

Ganz sonderbar sind die blühende romantische Ausdrucksweise
, die Verstiegenheit der Emphase, die schiefen
Bilder und die grotesken Vergleiche. Sehmidlin verwechselt
etwa geistig und geistlich, mäßig und maßvoll
und leistet sich in der Orthographie, sonderlich der der
Fremdwörter, Erstaunliches. Das Buch wimmelt von
Druckfehlern. Es ist jedenfalls mit größter Vorsicht zu
benutzen.

Berlin. Otto Lerche.