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Ausgabe:

1936 Nr. 17

Spalte:

303-304

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Die griechische Literatur in der Zeit der attischen Hegemonie vor dem Eingreifen der Sophistik 1936

Rezensent:

Bultmann, Rudolf

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Seite 1

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303

Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 17.

304

das Wasser aderartig an Klüfte gebunden ist, ist es werden müssen. So enthält der vorliegende Band von
geologisch grundfalsch, von Wasseradern zu reden. den großen Tragikern nur Aischylos und Sophokles;
(J. Behr, Deutsche med. Woch. 1935/Nr. 3). Wir ver- j die Geschichte der Komödie macht vor Aristophanes
mögen daher in diesen Forschungen keineswegs einen i Halt, die der Geschichtsschreibung vor Thukydides.
„unwiderlegbaren Beweis für die Größe des Dritten ! Der Leser kann nur wünschen, daß der folgende Band,
Reiches" zu sehen, sondern zweifeln sehr ernsthaft von dem die Darstellung jenes Geisteskampfes zu er-
daran, daß die geistige Haltung, die hinter ihnen deut- warten ist, in Bälde erscheinen möge,
lieh wird, unserm Volke voranhelfen kann. Im Mittelpunkt dieses Bandes steht die Tragödie,

Quakenbrück. H. Vorwahl. deren Geschichte zunächst bis zu den großen Tragikern

nach ihrer äußeren formalen Seite wie nach ihrer geschichtlichen
Bedeutung gezeichnet wird. Die folgenden
Abschnitte über Aischylos und Sophokles sind geradezu
Monographien; sie bringen ausführliche Analysen
der einzelnen Werke und charakterisieren diese, wie auch
die Dichter in ihrer Gesamterscheinung, nach der Seite
der ästhetischen Form wie nach ihrem geistesgeschichtlichen
Gehalt. Die Wirkung der Tragödie, in der die
Motive der attischen Frömmigkeit und ihres Daseinsverständnisses
geläutert und vertieft geformt sind, wird
anschaulich gemacht, insbesondere auch an dem Werk
des Herodot, das gleichfalls mit viel Liebe sehr aus-

Schmid, Wilhelm, und Otto Stähl in: Geschichte der griechischen
Literatur. 1. Teil: Die klassische Periode der griechischen
Literatur von Wilhelm Schmid. 2. Bd.: Die griechische Literatur

1. d. Zeit d. attischen Hegemonie vor d. Eingreifen d. Sophistik.
München: C. H. Beck 1934. (XII, 781 S.) gr. 8°. = Handbuch der
Altertumswiss. Begr. v. J. v. Müller. Hrsg. v. W. Otto. VII. Abt. 1. Tl.

2. Bd. RM 28—; geb. 32—

Die Charakteristik, die ich hier 1932 Sp. 291 vom
ersten Bande dieses Werkes gegeben habe, gilt ebenso
auch vom zweiten Bande, der die griechische Literatur
in der Zeit der attischen Hegemonie vor dem Eingreifen

der Sophistik behandelt, also die Zeit der attischen führlich charakterisiert wird.
Literatur von etwa 510 bis 450, dazu den Ausgang Es versteht sich von selbst, daß da, wo die Auf-

der ionischen Eigenentwicklung und ihre Ausstrahlun- i gäbe der Literaturgeschichte in so umfassendem geistes-

gen in den Westen, endlich den Übergang der ionischen j geschichtlichem Sinne angefaßt ist, das Urteil des Le-

Philosophie und Wissenschaft nach Attika. Der große , sers nicht stets mit dem des Verf. übereinstimmt, zumal

Umfang des Bandes, der also eine relativ kurze Zeit- | dieser stets seine bestimmte und manchmal eigenwillige

spanne umfaßt, ist nicht nur darauf zurückzuführen
daß die Darstellung von einer Fülle von Quellennachweisen
und Auseinandersetzungen mit der überreichen

Meinung hat. Indessen wird es der Leser dem Verf.
danken, daß er ihn nicht nur über den Stand der wissenschaftlichen
Forschung informiert, sondern ihn zur

wissenschaftlichen Literatur begleitet ist, die das Buch j Auseinandersetzung zwingt und sein Urteil herausfor-

zu einem unentbehrlichen Nachschlagewerk machen, son
dem vor allem darauf, daß der Verf. dem sachlichen
Gehalt der Literatur dieser Epoche in einem Maße gerecht
zu werden bestrebt ist, wie es fast den Umfang
eines Handbuches überschreitet. Es ist doch die Epoche,
an die Jac. Burckhardt in erster Linie dachte, wenn
er in den „weltgeschichtlichen Betrachtungen" von
Athen sagte: „Welch eine unermeßliche geschichtliche
Erkenntnis geht von dieser Stadt aus! Jeder muß bei
seinen Studien irgendwie dort einkehren und das einzelne
auf dieses Zentrum zu beziehen wissen." Ich
glaube, es ist das höchste Lob des vorliegenden Werkes
, daß es dem Leser die Wahrheit dieses Urteils bestätigt
, indem es ihm den Reichtum und die Tiefe des
attischen Lebens, wie es in seiner Literatur Gestalt gewonnen
hat, zum Bewußtsein bringt.

dert. Für den theologischen Leser gewinnt diese Literaturgeschichte
dadurch ihr besonderes Interesse, daß
der religiöse Faktor des attischen Geistes und seiner
Literatur — wie es die Sache in der Tat forderte —
so deutlich herausgearbeitet ist. Symptomatisch dafür
ist der „Rückblick" am Schluß, der eine zusammenfassende
Charakteristik der in der alten Tragödie zu Worte
kommenden Frömmigkeit ist.
Marburg. R. B u 11 m a n n.

Will, Prof. Dr. Robert: Le Culte. Etüde d'Histoire et de Philosophie
religicuscs. Tome III: Les el^ments sociaux du Culte. Paris:
F&ix Alcan 1935. (VIII, 536 S.) gr. 8°. = Etudes d'Histoire et de
Philosophie Religieuses publ. par la Faculte' de Theologie protest. de
l'Univ. de Strasbourg. Fase. 29. Fr. 60—

Mit dem vorliegenden Band beschließt Robert Will
Freilich hatte Burckhardt ohne Zweifel auch die j sein großes Werk, dessen frühere 2 Bände von Baumfolgende
Epoche, die in der Politik durch den Pelopon- I gartner und dem Unterzeichneten in dieser Zeitung
nesischen Krieg und die Zersetzung der attischen Demo- ! (1926, Sp. 49f. und 1934, 113 ff.) besprochen worden
kratie, in der Literatur durch Euripides und Aristopha- j sind. Er gilt der eingehenden Untersuchung der Sozio-
nes, durch Thukydides und Piaton charakterisiert wird, logie des Kultes. Über den Plan des Bandes lasse ich
im Sinne. Es ist nun für den Verf. bezeichnend, daß er J am besten Will selber das Wort: „Nous etudierons
diese beiden Epochen der attischen Geschichte in schar- d'abord les prineipes qui sont d la base de la societe
fem Gegensatz zu einander sieht. Mit großer Liebe ! cultuelle — prineipes de sociologie generale et prineipes
ist der Charakter Athens in seiner ersten großen Zeit } de sociologie religieuse. Ensuite les milieux — profanes
gezeichnet, jener Zeit der noch unverwilderten Demo- j et religieux — qui l'enveloppent et qui en determinent la
kratie, die — in der Tradition der solonischen Er- formation. Enfin, rtsultante des donnees principielles
ziehung — sich in Privatleben und Politik in der gött- j et des enveloppes concretes, sa strueture dont il conlichen
Macht begründet und durch die sittliche Ordnung j viendra de mettre en evidence les facteurs constitutijs et
normiert weiß; jene Zeit „des gut demokratischen Gei- ! mediateurs" (S. 2).

stes des Gemeinsinns, der ernsten und mannhaften So handelt also Teil I (S. 5—105) von den Prin-

Pflichterfüllung und Verantwortlichkeit gegenüber dem i zipien. W.'s Ausgangspunkt ist die Ablehnung der tota-

Staat"; jene Zeit des unerschütterten Götterglaubens, j listischen Auffassung der Gesellschaft als „Systeme

der „Theonomie", da sich die attische Eigenart gegen I existant par lui-meme et pour lui-meme, ayant tine con-

die eindringende ionische Wissenschaft und Sophistik ! science propre (vgl. S. 219. 294) et annullant l'iden-

verteidigt, und da erst am Rande die Schatten einer I tlte de Vetre individuel" (S. 8 vgl. 20). Im Gegensatz

neuen Geistesart sichtbar werden, die mit dem Angriff j dazu ist er der Überzeugung, „que la personnaliie indi-

auf den Götterglauben, mit der Naturwissenschaft und 1 vidaelle est la seale grandeur douee d'une conscience

der rationalen Welterklärung den „großen Kampf der de soi et que, par suite, cette conscience du moi est la

Geister, der die zweite Hälfte des fünften Jahrhunderts seule source de toute vie spirituelle" (S. 62). Aber das

erfüllt", heraufbeschwört. Die Folge der geschichtlichen i verleitet ihn nicht zu einer atomistischen Auffassung,

Gliederung des Verf. ist es natürlich, daß Erscheinungen, I als wäre die Gesellschaft nur ein Aggregat persönlicher

die unter formal-literarischen Gesichtspunkten zusam- 1 Atome (S. 9); auch gegenüber dualistischer Trennung

men gehören würden, auf verschiedene Bände verteilt des Individuellen und des Kollektiven hebt er die vitale