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1936 Nr. 14

Spalte:

258-259

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Jakob Böhme Brevier 1936

Rezensent:

Buddecke, Werner

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 14.

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sehen Rechtfertigungslehre gibt" (S. 104 f.). So liegen
die Dinge für C, vom Menschen aus gesehen. Von Gott
aus „erscheinen sie in Gottes Gnade geeint" (104),
ja sie „sind geradezu eins" (S. 87).

Davon mögen alle die Notiz nehmen, die jetzt die
H. gegenüber der Rechtfertigung beiseite schieben, wiewohl
sie auf C.'s Schultern zu stehen meinen. Auf
diese Richtung in der derzeitigen Theologie hat es
der Verf. offenbar abgesehen, wenn er erklärt, „daß es
uns in unserer gegenwärtigen Geisteslage dringend nottut
, das uns deutend zu vergegenwärtigen, was Calvin
über die Heiligung zu sagen hat" (S. 10). Sie ist für ihn
„das sicherste Kennzeichen" der Berufung und Erwählung
des Menschen (S. 100 f.).

Mir persönlich ist es wichtig, daß der meditatio
futurae vitae vom Verf. eine „große Bedeutung für die
Lehre C.'s von der H." zugeschrieben, ja daß sie wie von
mir „als ein wesentliches Element seiner Theologie"
bezeichnet wird. (S. 60 vgl. 39 ff.).

Zusammenfassend möchte ich sagen, daß wir es hier
mit einer sehr sorgfältigen und eindringenden, auch
durch reichliche und treffende Zitate nicht nur aus der
Institutio, sondern auch aus den Kommentaren und
Predigten belegten Untersuchung zu tun haben, die in
der Hauptsache das Richtige trifft.

Königsberg i. Pr. M. Schulze.

Leube, Hans: Der Jesuitenorden u. d. Anfänge nationaler
Kultur in Frankreich. Tübingen: J. C. B. Mohr 1935. (35 S.)
gr. 8°. = Slg. gemeinverst. Vorträge u. Schriften. H. 181.

RM 1.50 ; in Subskr. 1.20.
Die Jesuiten ließen sich im Jahre 1551 zum ersten
Male in Paris nieder. Im Jahre 1773 setzte eine päpstliche
Bulle ihrem Orden ein vorläufiges Ende. Von
der ereignisreichen Geschichte, welche diese beiden Daten
umschließen, faßt Leube in der Hauptsache die
ersten hundert Jahre ins Auge. Bis um die Mitte des
17. Jahrhunderts widersetzen sich starke Kräfte dem
Vordringen der Gesellschaft Jesu. Den Abwehrkampf
führen vornehmlich Universität und Parlament. Advokaten
, Staatstheoretiker, Pamphletisten, akademische
Lehrer und Historiographen wenden sich gegen die
neuen Staatsfeinde, als die sie die „spanischen" Jesuiten
betrachten. Sie wecken und stärken auf diese
Weise das französische Nationalgefühl. Der Gallika-
nismus bekommt, nicht unwesentlich durch diese Kämpfe
beeinflußt, eine politische Note und bereitet dem monarchischen
Absolutismus den Weg.

Die zweite Phase der Jesuitenbekämpfung stellt
theologische Gesichtspunkte in den Vordergrund. Jetzt
gilt der Angriff in erster Linie der verderblichen Moral
der vermine Espagriolle. In vorderster Kampfreihe steht
der Kreis von Port-Royal. Weil ihm eine restlose
Durchchristlichung des Lebens oberstes Anliegen ist, muß
ihm das jesuitische Paktieren mit der Welt und Gesellschaft
als ein Greuel erscheinen. Umso merkwürdiger
berührt es, daß die Jesuitenbriefe Pascals, der
für seinen jansenistischen Freund Arnauld hervortritt,
bald nach ihrem Erscheinen als wesentlich sprachlich-
literarische Leistung bewundert werden. Die Gesellschaft
Frankreichs ist für die Möglichkeit eines christlichen
Rigorismus nicht mehr geschaffen. Das Bündnis
zwischen Universität und den jungen Theologen
von Port-Royal ist zu Ende. Der Jesuitenorden ist allmählich
positiver und anerkannter Bestandteil der französischen
Kultur geworden. Um nur einen Fingerzeig zu
geben: Das College de Clermont darf sich seit 1682
College Louis le Grand nennen.

Das sind die Grundgedanken, die Leube in seinem
Vortrag freskoartig darstellt. Es ist erstaunlich, welche
Fülle von geistesgeschichtlichen Perspektiven sich auf
wenigen Seiten auftut. Erstaunlich auch, wie allgemeine
Gesichtspunkte und Einzeltatsachen in ein schönes
Gleichgewicht gebracht worden sind. Wenn hier und da
eine übertrieben generalisierende Formel stört (— war

das erste Jahrhundert französischer Jesuitengeschichte
wirklich „Angelegenheit eines ganzen Volkes"?, S. 4),
j so tut das dem Wert des Ganzen ebensowenig Abbruch
i wie die Nichtberücksichtigung etwa der folgenden Fra-
| gen: welche Ansätze und Formen eines Nationalgefühles
lagen bei Beginn der Jesuitenkämpfe bereits vor, welche
Umstände begünstigten das erfolgreiche Vordringen der
Gesellschaft Jesu in Frankreich, an welche älteren und
i zeitgenössischen staatstheoretischen Erörterungen konnten
die Führer des Abwehrkampfes anknüpfen? Viel-
i leicht hätte Leube stärker soziologische Gesichtspunkte
I an seinen Gegenstand herantragen sollen; mir scheint,
sein Thema hätte sich dafür außerordentlich gut geeignet
. (In den willkommenen Anmerkungen muß die
Schreibweise der Namen Bremond und Brunschvicg
j berichtigt werden).

Marburg a. L. W. Kalt hoff.

Jakob Böhme-Brevier. Hrsg. von Heinrich Bornkamm. Frankfurt
i a. M.: M. Diesterweg 1936. (71 S.) gr. 8". RM 2.40.

„In Erkenntnis des Geistes im Wallen Gottes mit
i Fleiß gestellet durch Jacob Böhmen". So heißt es im
Titel der Aurora, und es gilt zugleich für das gesamte
Schaffen des Theosophen und Schuhmachers von Görlitz
. Denn auch seine übrigen Selbstzeugnisse lehren,
daß er nie anders als im Zustande gottergriffener Schau
oder inbrünstiger Glaubenshingabe geschrieben hat. Von
planmäßigem Erkennen, von bewußter Gedankenführung
, von methodischer Darstellung ist in seinen Schriften
nur wenig zu finden. Vielmehr, wenn der Geist
ihn treibt, muß er schreiben, daß die Feder kaum nachkommen
kann; es bricht über ihn herein „als ein
Platzregen — was der trifft, das trifft er". So wird
manches in der Tiefe bleiben, manches nur dunkel
j und bruchstückhaft zu Tage treten; manches aber wird
aus dem Chaos des geistigen Erlebens unmittelbar und
mit dem Glanz des Unvergänglichen erstehen.

Die ungleiche Beschaffenheit des Werkes Böhmes,
das da und dort Zugänge besitzt und doch nicht ohne
weiteres zu durchdringen ist, hat Viele veranlaßt, eine
Auswahl herzustellen. Da hat man den ganzen Böhme
planmäßig durchgepflügt oder die Auslese auf bestimmte
Schriften oder eine einzige beschränkt; da
gibt es Auszüge, die sein Gedankengut in systematischer
Ordnung darbieten, und solche, die den Stoff in großen
: Gruppen oder unter besonderen Schlagworten oder nur
i lose zusammenfassen; einige haben die Gestalt zusam-
j menhängender Texte, andere sind in Frage- und Ant-
l wortform verfaßt; vom kunstvollen Mosaik bis zur an-
| spruchslosen Blütenlese sind alle Stile vertreten. Aber
: auch in der Auffassung und Richtung unterscheiden
I sich die Sammlungen. Die umfassenden wollen Böhme
in seiner geistigen Mannigfaltigkeit zeigen; die andern
sehen in ihm den erwählten Gottesmann mit dem demütigen
Herzen voll Glaubenskraft oder den Theo-
; sophen, der zu den Quellen der Dinge dringt und die
i Tiefe der Gottheit schaut; wieder andere stellen den
Seher und Propheten heraus oder den Alehymisten,
der den Stein der Weisen gefunden hat; Vertreter der
verschiedensten Weltanschauungen nehmen ihn für sich
! in Anspruch: Christen und Deutschgläuibige, Philosophen
und Mystiker, Anthroposophen und Okkultisten.
Schon früh sind solche Auszüge entstanden, 1634 zuerst
in holländischer Sprache, um 1650 der erste deutsche;
und im Lauf der Zeit ist ihre Zahl so angewachsen,
daß sie einen großen Teil aller Böhmeausgaben über-
! haupt bilden. Mehr als hundert Stück sind dem Re-
| ferenten bekannt geworden, aber damit ist ihre Menge
| gewiß nicht erschöpft.

Nur besondere Gründe und besondere Qualität können
noch eine neue Böhme-Auswahl rechtfertigen. Beides
aber trifft für B.s Brevier zu. Die Unruhe unserer
j Zeit, die Not der deutschen Seele insbesondere haben
i die tiefen Fragen der Menschheit aufgeregt und for-
| dem für sie wieder eine ursprüngliche Antwort. Es