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Ausgabe:

1936 Nr. 12

Spalte:

211-212

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Niessen, Josef

Titel/Untertitel:

Die Pflanzen in der Sprache des Volkes 1936

Rezensent:

Vorwahl, Heinrich

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 12.

212

des Hieronymus Bock von 1546 nicht genügend die drastisch
-derbe Art der geschilderten Kräuterwirkungen zum
Ausdruck, wie es durch das Bild des Feigenbaums ge- I
schehen wäre, das der gleichen Holzschnittserie von j
David Kandel entstammt. Die Zurückführung des Sta-
chelkugel-Votivs auf die Kastanie ermangelt völlig eines
Zusammenhangs mit der gemeinten Gebärmutter. Hier
hat Höfler bereits auf die Ähnlichkeit des vorgefallenen
Uterus der Kühe mit seiner Decidua serotina mit einem I
Blutegel-Ansatz hingewiesen, der zum Vorbild für die |
menschliche Volksanatomie geworden ist (cf. G. Bu- i
schan, Münch, med. Wocb. 1935. S. 1288 f.). Endlich
ist die Mannigfaltigkeit der Votivformen wesentlich größer
als in den Bildern zum Ausdruck komimt, wofür auf j
F. Hermanns Darstellung von Silbervotiven (Volk und i
Volkstum 1936 S. 278) zu verweisen ist.

Im ganzen aber hat man das beglückende Gefühl,
hier mitten im Volke zu stehen und das reiche Leben [
mit all seinen Höhen — und Tiefen zu spüren. Selten
wird man beim Durchblättern eines Bilderwerkes aus j
dem Gebiete der deutschen Volkskunde von Seite zu
Seite immer wieder so überrascht werden, daß die Erscheinungsformen
, die man im wesentlichen zu kennen
glaubt, noch viel mannigfaltiger sind und von einer |
noch viel reicheren Schöpferkraft Zeugnis ablegen. Den
Schluß dieses so wertvollen Bandes bildet ein ausführliches
Register zu beiden Bänden, sowie das 2416 Titel
umfassende Verzeichnis volkskundlichen Schrifttums auf
85 Seiten, in dem nach einigen Stichproben nichts von
nur einiger Bedeutung vergessen worden ist. So hat
das schon beim Erscheinen des 1. Bandes begrüßte
Monumentalwerk seinen Abschluß gefunden, und es be- j
stätigt sich durch die Tatsache, daß der größte Teil des j
Textbandes bereits seinen Weg in das deutsche Haus
gefunden hat, unsere Erwartung, daß trotz der Wirt- |
schaftslage und des Preises für ein solches umfang- j
reiches Werk die hier geleistete Forscherarbeit ihre An- !
erkennung finden würde.
Quakenbrück. H. Vorwahl.

Nießen, Prof. J.: Rheinische Volksbotanik. Die Pflanzen in
Sprache, Glaube und Brauch des rheinischen Volkes. 1. Bd. Die
Pflanzen in der Sprache des Volkes. Berlin u. Bonn : Ferd. Dümm-
lers Vlg. 1936. (276 S.) gr. 8°. RM 9.80

Die Volksbotanik behandelt die Beziehungen zwischen
Volk und Pflanzenwelt; denn die volkstümlichen
Namen beleuchten den Landschafts- und Volkscharakter,
die Denk- und Lebensart im Lebensraum ihrer Entstehung
und gewähren so einen unverfälschten Einblick
in das Naturgefühl der breiten Volksschichten.
Marzell hat für die Herbstzeitlose über 400 deutsche
Namen gesammelt, an 2000 Pflanzennamen
hängen nach ihm mit Tiernamen zusammen. Die
ältesten deutschen Pflanzennamen finden sich in
den althochdeutschen Glossen, die durch Steinmeyer
und Sievers allgemein zugänglich gemacht sind. Nach
den alten Kräuterbüchern bietet erst gegen Ende des
18. Jahrhunderts Nemnichs Polyglottenlexikon viele tausend
Pflanzennamen, das umfassendste Werk war bisher
die Sammlung von Pritzel und Jessen, die an
24 000 Namen enthält. Aber ungezählte Tausende sind
in den letzten 60 Jahren in volks- und heimatkundlichen
Zeitschriften veröffentlicht, wo sie schwer zu erfassen
sind. Die Preuß. Akademie der Wissenschaften hat daher
jetzt Marzell, wohl den besten Sachkenner, mit der
Schaffung eines großen Wörterbuches beauftragt, für
das bereits 100 000 Namen vorliegen. Als Abschlagszahlung
ist daher Nießens ganz ausgezeichnete Sammlung
aus einem räumlich beschränkten Gebiet sehr
brauchbar, aus dem sie rund 10 000 Namen bietet.
Da weder nur die gedruckten Quellen, noch nur
durch Umfrage erfaßtes Material verwertet wurde, die
Namenherkunft gut belegt wird, der Vergleich mit den
Namen anderer germanischer Sprachen nicht fehlt, entspricht
Nießen den Anforderungen, die man an einen

wissenschaftlichen Sammler stellen muß. Wenn freilich
bei der Christrose nur eben vermerkt wird, daß im
Hortus sanitatis das zugehörige Bild die Adonis ver-
nalis gezeigt habe, fällt die für die Geschichte der Heilpflanzen
wichtige Tatsache unter den Tisch, daß aus
dieser Verwechslung des hippokratischen Helle-
borus mit der heimischen Adonis vernalis die zufällige
Entdeckung der letzteren als herzwirksamer Droge erfolgte
, als Hieronymus Bock um 1550 den Irrtum
klarstellte (Vgl. meine Arbeit darüber: Fortschritte der
Medizin 1936, 7). Möglich, daß diese für die Medizingeschichte
bedeutsame Seite im 2. Bd. Berücksichtigung
findet, der über die Pflanzen in Volksglauben und
Brauch handeln soll, so daß ein abschließendes Urteil
erst nach der Vollendung des Werkes gefällt werden
kann. Doch freuen wir uns über das durch hingebungsvolle
Mitarbeit der Lehrerschaft Erreichte, das mit der
ungeheuren Mannigfaltigkeit der gebotenen Namen auf
dem Gebiete der Rheinprovinz ihre Vielgestaltigkeit des
mundartlichen und kulturellen Lebens schön zur Darstellung
bringt.
Quakenbrück. H. Vorwahl.

Revue d'Histoire et de Philosophie religieuses. Publiee par la
Faculte de Theologie protestante de l'Universite de Strasbourg. XIV.
Jahrg. (1934) Nr. 4—6; XV. Jahrg. (1935) Nr. 1-5. Strasbourg:
Bureau de la Revue: 1 bis, Quai Saint-Thomas. Paris: Librairie
Felix Alcan. 8°. 40 ffr.; 60 ffr.

Die französische protestantisch-theologische Fakultät
der Universität Straßburg gibt seit dem Jahre 1921 die
angesehene ,Revue d'histoire et de philosophie religieuses
' durch die beiden Professoren A. Causse und Ch.
Hauter heraus. Im Lauf der Jahre ist eine ganze Reihe
wertvollster Aufsätze und Abhandlungen aus dem Gebiet
der Religionsgeschichte, des Urchristentums, der christlichen
Antike und des Mittelalters, der Reformationszeit
und der Neuzeit, der Religionsphilosophie und Religionssoziologie
erschienen, die neben französischen Forschern
auch zahlreiche andersstaatliche Fachgelehrte zu
Autoren haben. So veröffentlichte darin der holländische
Religionshistoriker G. van L e e u w die Abhandlungen
,La structure de la mentalite primitive' (Jahrg. VIII,
lff.); ,Phenomenologie de l'äme' (Jahrg. X, lff.); ,Sur
le nom et la personnalite des dieux dans les religion-s
I primitives' (Jahrg. XI, 241ff.). — Der norwegische
S Orientalist S. Mowinckel schrieb eine Untersuchung
I über ,L'origine du decalogue' (Jahrg. VI, 409 ff.) und
j der dänische Forscher über ,Le scepticisme juif (Jahrg.
'•■ X, 317 ff.). Aber auch die deutschen Theologen ü.
Bertram, R. Bultmann, E. Lohmeyer sind mit
wertvollen Beiträgen vertreten, so ersterer mit ,Le che-
min sur les eaux considere comme motif de salut dans
la piete chretienne primitive' (Jahrg. VII, 516ff.); R.
' Bultmann mit ,«Aimer son prochain», commandement
I de Dieu' (Jahrg. X, 222 ff.) und E. Lohmeyer mit ,L'idee
! de martyre dans le Judaisme et dans le Christianisme
| primitif (Jahrg. VII, 316 ff.).

Als neue Hefte liegen uns nun vor: Heft 4—6 des
14. Jahrgangs (1934) und Heft 1—6 des 15. Jahrg.
(1935), die wiederum eine große Anzahl beachtlicher
I Aufsätze aus den verschiedensten Gebieten theologischer
I Forschung enthalten. In den Schlußheften des Jahrg.
I 1934 greift A. Causse unter dem Titel: ,Du groupe
| ethnique ä la communaute religieuse' „le probleme so-
ciologique du Judaisme" auf, während Ch. S chee r sehr
aktuell ,Le probleme religieux de l'Etat' behandelt. Die
i eingehende Untersuchung über ,La metaphysique reli-
gieuse de Vladimir Soloviev' von A. Kojevnikoff
erstreckt sich auch in den Jahrg. 1935 hinein, der u.a.
I mit den grundlegenden .Etudes d'anthropologie bibli-
j que' von Sir James Frazer beginnt, die sich bemühen
j aufzuzeigen, wie gerade in Alt-Israel „beaucoup de leurs
croyances et ooutumes etaient tout ä fait analogues ä
celles de mainte peuplade arrieree, de celles que nous
appelons aujourd'hui sauvages ou Barbares et qu'on
I peut dire relativement primitives si on les compare aux