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Ausgabe:

1936 Nr. 1

Spalte:

187-188

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hess, Sales

Titel/Untertitel:

Das religiöse Bedürfnis 1936

Rezensent:

Zeltner, Hermann

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Seite 1

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187

Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 10.

J88

die letzten weltanschaulichen und anthropologischen Kategorien
des Idealismus, die letztlich in einer mystischen
Einheitsschau von Gott und Mensch wurzeln, zu wenig
aufgehellt. Wäre das geschehen, so hätte deutlich werden
müssen, daß die Haltung der deutschen Idealisten
wohl eine christliche ist, daß sie aber ein Christentum
ganz besonderer Prägung darstellt, das sich von dem
paulinischen und lutherischen Christentum stark unterscheidet
. — Es wäre zu wünschen, daß diese in ihrer
Grundtendenz wertvolle Abhandlung in einer neuen Bearbeitung
die hier aufgezeigten offensichtlichen Mängel
überwinden würde.

Kiel. Werner Schultz.

Hess, Dr. P. Sales, O. S. B.: Das religiöse Bedürfnis. Eine kritische
Studie anhand der Religionstheorie Wilhelm Wundts. St. Gallen : Leobuchhandlung
1935. (VIII, 160 S.) er. 8°. Fr. 3.50.

Die Untersuchung gibt im ersten Teil eine ausführliche
und im ganzen sachliche Darstellung von
Wundts Religionstheorie. Im zweiten Teil folgt die
Kritik, die vor allem zwei Argumente benutzt: gegen
die völkerpsychologische Konstruktion der Religionsgeschichte
führt sie die „historisch orientierte Ethnologie
" des Paters Wilhelm Schmidt und seiner Mitarbeiter
ins Feld; gegen Wundts Religionspsychologie
im engeren Sinn wendet sie sich, indem sie das Unge-
nügen einer empiristischen und aktualistiscben Psychologie
behauptet und sich demgegenüber auf die tieferen
Einsichten der spekulativen Psychologie und Cytologie
katholischer Prägung beruft. Beide Teile dieser
Argumentation stützen sich gegenseitig. Darüber hinaus
bietet das Thema einen gern benutzten Anlaß zu
Seitenblicken und vor allem Seitenhieben auf die psycho-
logistische Religionsauffassung der modernen Philosophie
und evangelischen Theologie.

Man könnte die Polemik des Buches ein Stück weit
mitmachen. Man mag auch dem Katholiken das Recht
zugestehen, sich gegen verständnislose Bemerkungen
über den Katholizismus, wie sie bei Wundt gewiß festzustellen
sind, zur Wehr zu setzen: die dahinter stehende
Geisteshaltung aber ist für jeden, dessen Wissenstrieb
nicht „nach dogmatisch sicherem und unveränderlichem
Wissen" (148) sondern nach Wissenschaft geht, unvollziehbar
. Mag die katholische ethnologische Forschung
in Teilergebnissen auch manche brauchbare Korrektur
traditioneller Ansichten geliefert haben, ihre religionsgeschichtliche
Theorie, wonach der Monotheismus
die eigentliche Urreligion der Naturvölker wäre, ist zunächst
noch eine Hypothese, die sich erst bewähren
muß und die es in Einzelheiten heute noch immer schwer
genug hat, mit ihrer Interpretation durchzukommen.
Daß sie mit der katholischen Anthropologie so erstaunlich
gut zusammenstimmt, macht sie für den Historiker
um kein Haar beweiskräftiger. Die katholische
Wissenschaft freilich zieht eine umgekehrte Argumentation
vor: sie läßt sich von dem Axiom leiten, daß
der Verstand selbst als Kraft der Seele in jedem Menschen
wesentlich gleich ist (113), und darum gilt ihr
z. B. der Glaube an einen göttlichen Urheber der Welt
ohne weiteres als Beweis dafür, daß auch die Primitiven
ein wissenschaftliches Kausalbewußtsein haben
(97. 118). Wer aber wie die moderne Ethnologie umgekehrt
gerade die ganze Fremdheit des primitiven Bewußtseins
zu fassen und zu verstehen sucht, der geht
nach ihrem Urteil von bestimmten weitanschaulichen
Voraussetzungen aus und gilt darum von vornherein
als mit Vorurteilen belastet, die eine objektive Erfassung
des Tatbestandes ebenso unmöglich machen wie seine
adäquate Deutung. In einer wissenschaftlichen Diskussion
kehrt sich dieses Argument natürlich mit Notwendigkeit
gegen den Angreifer selbst, und so müßte
sich folgerichtig alle Diskussion mit der katholischen
Forschung in nichts auflösen, da sie ja dem Partner
nicht zubilligen kann, was die Voraussetzung jeder
Diskussion ist: nämlich die Chance der Wahrheitsfindung
auch bei anderem Ausgangspunkt. Vom katholischen
Standpunkt aus ist es dann freilich konsequent,
sich darauf zu beschränken, „Ganzheiten einander ge-
I genüberzustellen, die als solche Kompromisse ausschlie-
j ßen", und zu behaupten, daß es nur eine einzige Art
j gibt, die Grundirrtümer Wundts zu überwinden, und
daß allein ihre Argumente „auf dem wirklichen Sein"
auferbaut seien (84). Es ist dann auch erlaubt, was
unter anderen Voraussetzungen als unfair gelten muß:
dem Gegner, einem hervorragenden Gelehrten, der den
Forschungsergebnissen der katholischen Ethnologie nicht
durchweg zuzustimmen vermag, zu unterstellen, das verbiete
ihm seine eigene Weltanschauung (94). Und endlich
können dann auch die Schranken zwischen dogmatischer
und wissenschaftlicher Aussage ohne Not niedergelegt
werden, wie das in dem besprochenen Werk
mit besonderer Naivität geschieht: so gilt z. B. „die
Reformation, welche die Gegenreformation mit ihren
zahllosen Segnungen bedingte", als Beweisstück dafür,
daß auch in der Geschichte „schlechte Elemente eine
Zeitlang völlig überwucherten und destruktiv wirkten,
bis das in allem liegende Gute sich hervorwagte und
den Sieg eVrang" (115).

Das Buch liefert also zwar keinen wesentlichen
Beitrag zur religionspsychologischen Problematik, aber
es ist wertvoll als Schulbeispiel dafür, wohin es führt,
wenn man, wozu heute gewisse Neigung vorhanden
ist, die Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft, die
freilich keine einfache Tatsache, sondern ein hohes
Ideal ist, radikal verleugnen zu können meint.
Göttingen. Hermann Zeltner.

Till mann, Fritz: Die katholische Sittenlehre. Die Verwirklichung
der Nachfolge Christi. Die Pflichten gegen Gott. Düsseldorf:
L. Schwann 1935. (316 S.) gr. 8°. = Handbuch der kathol. Sittenlehre
. Unter Mitarbeit v. Prof. Dr. Steinbüchel u. Prof. Dr. Müncker
hrsg. v. Prof. Dr. Fritz Tillmann, Bd. IV, 1. RM 10—; geb. 12—.

Die beiden vorher erschienenen Bände von Tillmanns
Handbuch der katholischen Sittenlehre sind bereits
in Nr. 3 bzw. Nr. 5 des Jahrgangs 1935 der
„Theol. Lit. Ztg." besprochen worden. Der dritte Band
brachte den Aufbau des Lehrgebäudes, der zweite die
psychologischen Grundlagen. Im vierten Bande handelt
es sich nun um die Verwirklichung der Nachfolge
Christi und speziell im ersten Teile um die „Pflichten
gegen Gott', denen dann die „Pflichten gegen sich
selbst" und die „Pflichten gegen den Nächsten" folgen
sollen. Der Gedankengang ist folgender:

Die Idee der Nachfolge Christi verlangt Verwirklichung
. Gott ist Ursprung"und Ziel alles religiösen und
sittlichen Lebens, er schenkt und fordert. Daraus ergeben
sich direkte Pflichten gegen Gott. Aber „auch
die Pflichten gegen uns selbst und gegen den Nächsten,
gegen den Staat und gegen die Kirche sind zuletzt und
eigentlich Pflichten gegen Gott. — Die Verwirklichung
der Nachfolge Christi läßt sich so als Einheit in der
Mannigfaltigkeit erfassen."

Das erste Kapitel handelt von der Frömmigkeit
. T. würde gern mit Luther statt „Frömmigkeit"
das inhaltlich reichere Wort „Gottseligkeit" setzen und
definiert nun Frömmigkeit als Urhaltung des religiösen
Menschen gegenüber seinem Gott. Grundlegend
für die Frömmigkeit sind drei Erfahrungen, die an der
Hand der Psalmen dargestellt werden: Abhängigkeit
von Gott, Sündhaftigkeit, Gnade. Ihre Früchte, die

I nur bei lebensvoller Verbindung mit der Kirche ge-

j deinen, müssen „wie von selbst langsam zur Reife
kommen" und dürfen nicht mit „künstlichen Mitteln,

! wie aszetischen Techniken, gezüchtet" werden.

Im zweiten Kapitel ist von den drei göttlichen

| Tugenden die Rede. Katholischer Glaube ist freier
Willensentschluß, darum sittliche Tat des Menschen,
wenn auch „der entscheidende Schritt ins Heiligtum"
Gottes Gnade ist. Erfüllung des täglichen Lebens mit
dem Geist des Glaubens und Bekennen des Glaubens