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1936 Nr. 10

Spalte:

183-184

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Die Sturmtruppen der Reformation 1936

Rezensent:

Stockhaus, Hermann

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183

Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 10.

184

gebern gebührend gewürdigt wurde; cod. 2 eine Isidor-
Hs. aus dem 9. Jhd.; cod. 5 Gregors Moralia aus dem
10. Jhd.; desselben Cura pastoralis im cod. 4 aus dem
10. Jhd.; seine Dialoge im cod. 10 aus dem 9./10.
Jhd.; cod. 12 eine Lex Langobardorum aus dem 12. Jhd.;
literarisch interessieren dürfte cod. 42 (s. XIV.), der
die — meist Hildebert v. Tours zugeschriebene — Vita
Mahumeti und die Disciplina clericalis des Petrus
Alphonsus enthält, bei der statt der Schmidtschen Ausgabe
die neue wissenschaftliche Edition von Alphons
Hilka hätte zitiert werden sollen. Für den Kunsthistoriker
bieten die illuminierten Handschriften z. T. recht
Interessantes; besonders erwähne ich den anscheinend
vorzüglichen cod. 15 a aus dem 11. Jh., der mit zahlreichen
Miniaturen, Zierbuchstaben und Vollbildern reich
geschmückt ist; auch die Schriftprobe aus dieser Handschrift
(S. 69) läßt die Kostbarkeit dieses Stückes
erkennen.

So klein an sich diese Sammlung ist, so Erlesenes
ist hier doch vereinigt. Die ausführliche Beschreibung
dieser älteren Codices befriedigt durchaus; sie ist von
den beiden Herausgebern gemeinsam erarbeitet, wie
die einführenden Worte besagen. Anscheinend ist dies
auch der Fall mit den begrüßenswerten Literaturnachweisen
und Anmerkungen, die sich auf S. 73 ff. finden.
Wir schulden den beiden Bearbeitern und dem Bischöflichen
Ordinariat für diese Publikation aufrichtigen
Dank.

Hildesheim. H. Walther.

Berger, Prof. D. Dr. Arnold E.: Die Sturmtruppen der Reformation
. Ausgew. Flugschriften der Jahre 1520 — 25. Leipzig: Ph.
Reclam jun. 19317(370 S.) 8°. = Deutsche Literatur. Sammig. lit.
Kunst- u. Kulturdenkmäler i. Entwicklungsreihen. In Gemeinschaft m.
W. Brecht u. D. Kralik hrsg. v. Heinz Kindermann. Reihe Reformation
7 Bde. Hrsg. v. Arnold E. Berger, Bd. 2.

KM 9-; Lw. 11-; Hldr. 15 — .

In dem Sammelwerke „Deutsche Literatur" bieten
die sieben Bände „Reformation" des bekannten Vfs.
die bedeutendsten zeitgenössischen Quellenwerke der
großen Bewegung. In Band 2 sind als ihre „Sturmtruppen
" elf Flugschriften (S. 65—305) mitgeteilt, denen
erläuternde. Anmerkungen und eine ausgiebige Worterklärung
folgen (306—69), während eine vorzüglich
orientierende Darlegung über den Einfluß der öffentlichen
Meinung (1—42) und eine ebensolche prägnante
Einführung zu den Einzelschriften vorausgeschickt ist.
Es wird gezeigt: Wenn der Reformation auch die politischen
Spannungen, Kaiser gegen Frankreich und Papst
einerseits, gegen die Territorialfürsten andrerseits, zu
Gute kamen, weit stärker wirkte „die mit klarstem
Bewußtsein unternommene Eroberung der Laienwelt
aller Schichten durch die Verkündigung des allgemeinen
Priestertums aller Gläubigen". Nebst Predigt und Kirchenlied
waren es die Flugschriften, welche die Gemüter
eroberten. Nach dem Vorgange Luthers, der
„nicht nur ein gewaltiger Theologe und Wahrheitskämpfer
, sondern auch ein Vo1ksschriftste 11 e r
ersten Ranges", der erste große Journalist war (5. 6.),
schrieben belebt von dem Humanismus, aber von den
Glaubensfragen und den sozialen Zeitproblemen gedrängt
, ganz in dem erwachten deutschen Gedanken
wurzelnd, meistens mit vorzüglicher Bibelkenntnis ausgestattet
, Geistliche und Laien, zwar selbst „aus gebildeten
, im schriftstellerischen Handwerk erfahrenen
Kreisen von gelehrter Bildung" stammend, doch ganz
volkstümlich, vielfach mit dem Anschein, dem Volk
anzugehören (33), ebenso für die neuentdeckte evangelische
Wahrheit begeisterte als gegen Mißbräuche,
Unbildung und Gewalttätigkeit in der römischen Kirche
erbitterte Schriften, die mit ihren scharfgeschliffenen
Gedanken und derbem Sarkasmus, ihrer „Lebendigkeit,
Hurtigkeit, erfinderischen Frische und fröhlichen Stoßkraft
" einen ungeheuren Leserkreis gewannen (35).
Diese Schriften gehören außer der warmherzigen Mah-

nung des Joh. Brentz von Milderung der Fürsten, die
schon in den Bauernkrieg hineinführt, alle der Zeit
vor 1525 an; denn als die 12 Artikel der Bauern die
I falsch verstandene Reformation verkündigten und die
I verheerenden Greuel im Gefolge hatten, „da war auclt
I für die Reformation das Ende ihrer Sturm- und Drangzeit
gekommen — und die evangelische Flugschriften-
| literatur verlor den stürmischen Angriffs- und Werbe-
I geist der enthusiastischen Frühzeit, indem sie mehr
und mehr der Pflege der konfessionellen Aufgaben
i sich zuwendete" (40). Als Form der Schriften ist der
Dialog bevorzugt, in welchem Leute verschiedenen Standes
, oft wie zufällig zusammengeführt, die Zeitfragen
[ besprechen, so im „Karsthans" und im „Neuen Karst-
I hans", der dem erwachten Selbstbewußtsein seines Stan-
j des gemäß als intelligenter Bauer auftritt. Erweitert
I erscheint der Dialog zu der köstlichen Szenenfolge
I Eccius dedolatus, wo dem Gegner Luthers mit Vor-
j würfen und chirurgischen Eingriffen übel mitgespielt
I wird. Hervorragende Bedeutung kommt einer Prosaschrift
, den als „15 Bundesgenossen" bezeichneten Re-
| formvorschlägen des schwäbischen Pfarrers Eberlin von
i Günzburg zu, von welchen Berger 1. 8. 10. 11 mit*
j teilt. Dieselben erstrecken sich auf alle Lebensgebiete
j und schießen deshalb bei der immer originalen Art
des Verfassers bisweilen über das Ziel, meistens aber
treffen sie in ihrer „verblüffenden Selbstverständlichkeit
J und erfrischenden Kürze" den Nagel auf den Kopf (54).
I So warnt er Karl V. vor dem Beichten seiner Regierungsgeheimnisse
(128), verficht mit Luther, Erasmus und
Hutten den Gebrauch der deutschen Sprache (140),
stellt eine geregelte Verseilung der Gemeinden mit
evangelischem Gottesdienst sicher (149), tritt dem Geldabfluß
ins Ausland entgegen nicht nur durch Unterbindung
der Gaben an die päpstliche Kasse, sondern
auch durch die, in unsern Tagen wiederkehrende, Forderung
möglichster Autarkie: „Kain wein, der in vnserm
land nit wechßt, soll härin gefürt werden. Kain tuch,
das in vnserm land nit gemacht wirt, soll härin ge-
| fürt werden. Kain frucht, die in vnserm land nit wechßt,
soll härin gefürt werden, man muß es denn zu grosser
lybs not haben" (154), und fordert eine maßvolle Einschränkung
von „juden und heiden". „Ob mißglötriiig
wollen under vnß wonen, soll man ihnen nich laidts
tun, sunder früntlich halten wie vnsere burger, doch
soll man sie zu keiner bürgerlichen eer brauchen oder
ampt, sie sollen auch vnsere gesatz und glauben nit
schmähen" (160). Auch die Höherschätzung der Ehre
I gegenüber dem Wohlleben wird temperamentvoll dem
Adel eingeschärft angesichts seiner neuerlichen Verbindungen
mit der Kaufmannschaft. „Dan setzt man
reichtumb für ehr, werden die gesch'lecht vermenget,
die edelleut under die saffernkremer" (Saffriankrämer,
S. 252 in der Schrift „Mich wundert, daß kain gelt ihm
land ist"). — Die von B. gebotenen fesselnden und
angenehm zu lesenden Proben der Flugschriften, aus
j denen wir noch die Verfasser Hans von Kettenhach,
Hanns Sachs und den Liederdichter Nikolaus Hermann
I nennen, letzteren mit der von einer durchdringenden
! Bibelkenntnis und Glaubenssicherheit zeugenden Schrift
! „Ein Mandat Christi", kennzeichnen die Veröffentlichung
i dieses Literaturzweiges als unentbehrliche Ergänzung
j der großen reformatorischen Schriften, um die mannig-
I faltigen Gegebenheiten zu verstehen, die den Sieg des
; Evangeliums errangen, deren Urheber jedoch bewußt
| ihre Abhängigkeit von dem Riesen Luther bekannten,
der „der erste große Publizist, den Deutschland erlebte,
| . . . . auch der geistige Generalstabschef zahlloser
Druckerpressen und Lesergemeinden" war (31).

Kassel. Herrn. Stockhaus.

Butler, Dom Cuthbert: The Vatican Council. The story told
from inside in Bishop Ullathorne's Letters. Vol. I. u. IL Witt Portraits.
London: Longmans, Green u. Co. 1930. (XIX, 300 u. VII, 309 S.)
gr. 8°. je 25 s.