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Ausgabe:

1934 Nr. 8

Spalte:

140-141

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zscheuschner, Ernst Friedrich

Titel/Untertitel:

Mönchsideale des Islams 1934

Rezensent:

Witte, J.

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Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 8.

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„welche empirisch-erlebnismäßig an Dingen oder Personen
konstatiert wird, und kraft derer sie zu wirken
vermögen"; darum beginnt v. d. Leeuw sein Werk
mit der Analyse dieses Machtbegriffs (,Theoretisierte
Macht'; .Ding und Macht'; .Mächtigkeit, Scheu, Tabu').
Wenn er auf S. 18 die traditionelle Erklärung des Wortes
Fetischismus, als sei dasselbe „von de Brosses
1760 (eigentlich 1757) als wissenschaftlicher Terminus
geprägt worden", übernimmt, so möge daran erinnert
werden, daß dieser Terminus bereits in der ältesten
holländ. Religionsgeschichte von Godefridus Carolinus
(Amsterdam, 1661) vorkommt, wie ich das in .Nieuw
Theol. Tijdschr'. 1933 S. 217 ff. aufgezeigt habe. Objekte
solcher Mächtigkeit sind .heiliger Stein und Baum',
,heiliges Wasser und Feuer', ,heilige Oberwelt', .heilige
Mitwelt: Tiere', woraus dann der Totemismus hervorging
(S. 60 ff.). In dem Abschnitt ,Wille und Gestalt' wird
aufschlußreich das Verhältnis des Animismus zum Dyna-
mismus zu deuten unternommen, wobei letzterer „das
Erlebnis der Umwelt in ihrer Mächtigkeit zu verstehen
sucht", während ersterer „es als eine Begegnung zweier
Welten, Seelen oder Geister, des Menschen und der Umwelt
", interpretieren will. Wenn für die Ausführungen
über die Heilbringer die Arbeiten K. Breysigs und P.
Ehrenreichs zitiert werden (S. 84ff.), so hätte die von mir
inThLZ.1932No.20 besprochene Untersuchung des Holländers
A. van Deursen ,Der Heilbringer. Eine ethnologische
Studie über den Heilbringer bei den Nordamerikanern
' (1931) nicht übersehen werden sollen.

Ein in jüngster Zeit vielumstrittenes Gebiet berührt
der Verfasser in dem Abschnitt: ,Die heilige Hinterwelt
. Macht und Wille im Hintergrund', wenn er S. 145
P. W. Schmidts Theorien vom Ursprung der Gottesidee
gegenüber darauf „hinweist, daß die Vorstellung des
höchsten Wesens überall verquickt ist mit animistischen
und dynamistischen Anschauungen, daß ein wirklicher
Monotheismus nirgends erwiesen und daß die Chronologie
der Kulturkreise heute strittig sei". Probleme der
psychoanalytisch-orientierten Religionspsychologie werden
in dem Abschnitt: .Der Vater' gestreift und wäre
vielleicht die Verwertung der Untersuchung von H. und
Kr. Schjelderup ,Über drei Haupttypen der religiösen
Erlebnisformen und ihre psychologische Grundlage'
(1932) (s. dazu ThLZ. 1933 Nr. 11) nützlich gewesen,
falls darüber überhaupt gehandelt werden sollte. Immerhin
ist für den Religionshistoriker die Bemerkung auf
S. 164 sehr beachtenswert: „Der Ausdruck ,Vater' bedeutet
bei vielen primitiven und antiken Völkern nicht
dasselbe wie bei uns. Der Vater ist der Vertreter einer
Altersstufe, der Ältere dem Jüngeren gegenüber. Der
Ausdruck ist eben älter als unsere Familie und setzt
eine soziale Organisation voraus, in der eine Gruppe der
Seniores einer solche der Juniores gegenübersteht". Hier
müßte auch die Kritik an der Übertragung psyehoana-
lytiseh-moderner Theorien auf die Religionsgeschichte
einsetzen. ,Der heilige Mensch', .die heilige Gemeinschaft
', .das Heilige am Menschen: die Seele' werden
im zweiten Teil beschrieben, der verschiedentlich in die
Ethnologie und Theologie überzugreifen sucht (zu der
auf S. 195 Anm. genannten Literatur über Hockerbestattung
wäre noch zu erwähnen: J. von Trauwitz-Hell-
wig .Urmensch und Totenglaube' (1929) S. 114 ff. sowie
zu S. 198 das leider vergessene Werk von A.
Horneffer , Der Priester' 2 Bde.); durch genaue
Kenntnis der niederländisch-indischen Literatur sind die
Ausführungen des Verfassers über das Wesen der primitiven
Seelenvorstellungen überaus aufschlußreich. Die
äußeren Begehungen oder Erscheinungsformen sowie die
inneren Reflexe in ihrer gegenseitigen Wesensbe-
zogenheit werden in einem weiteren Teil beschrieben,
wobei der Verfasser mit Recht an die grenznahe Unterscheidung
zwischen dem introvertierten und dem extravertierten
Typus erinnert. Treffend sind seine Bemerkungen
über das Opfer, dessen „Hauptsache nicht sei,
daß jemand etwas bekommt, sondern daß der Strom

j des Lebens weiterfließt. Das Opfer wahrt den Kreislauf
! der Macht, denn der Gaben-(Macht-)strom sichert nicht
! bloß die Gemeinschaft zwischen Mensch und Mensch",
i sondern auch zwischen Gott und Mensch. Unter diesem
j Gesichtspunkt betrachtet er auch das Gebet: „Der Strom
der Gabe ist vom Strom der Rede ersetzt"; es ist eine
i Begehung der Macht in gewandelter Form. Von zartester
I Einfühlung in das Wesen der Religion zeugen die Ab-
i schnitte über ,Mystik'und,Gottesliebe' und sind in her-
! vorragender Weise geeignet, das alte theologische Vor-
} urteil zu zerstreuen, als relativiere die religionsgeschichtliche
Betrachtung die höchsten Werte religiösen Erlebens
. .Gestalten' ist der letzte Abschnitt überschrieben
und enthält teilweise im Anschluß an Hch. Fricks .Vergleichende
Religionswissenschaft' (1928) eine ausführliche
Typologie der Religionen wie .Religion der Entfernung
' (Konfuzianismus, Deismus); .Religion des
Kampfes' (Zarathustrismus); .Religion des Dranges und
der Gestalt' (Griechenland); .Religion der Unendlichkeit
und der Askese' (Brahmanismus und Bhakti); .Religion
des Nichts und des Mitleids' (Buddhismus); .Religion
des Willens und des Gehorsams' (Mosaismus);
.Religion der Majestät und der Demut' (Islam); .Religion
der Liebe' (Christentum). Wie menschliche Persönlichkeiten
bei dieser historischen Gestaltung der einzelnen
Religionen beteiligt sind und als .Stifter', .Reformatoren
', ,Lehrer', .Vorbild', .Mittler' eingreifen, das in
Kürze aufzeigen, bildet den Abschluß des für lange Zeit
grundlegenden Werks, dem eine größere Zahl von Vorstudien
des Verfassers vorausging wie .Goden en
Menschen in Hellas'; ,La Structure de la MentaLite primitive
'; ,Do-ut-des-Formel'; .Pia fraus'; .Achnaton'; ,In
dem Himmel ist ein Tanz'; .Wegen en Grenzen' u. a.
vorausgingen. Nur nebenbei sei angemerkt, daß die
Zitierung der angeführten Literatur einheitlicher durchgeführt
sein dürfte, so wird z. B. die neue Auflage von
A. Bertholet's .Religionsgeschichtl. Lesebuch' fast durchgehend
mit: Bertholet... nebst Seitenzahl angeführt; das
sollte nicht üblich werden; da man doch daran gewöhnt
ist, den Autor des Heftes zugleich mitzubenennen.
München._______R. F. Merkel.

Zscheuschner, Ernst Friedrich: Mönchsideale des Islams

nach Qhazalis Abhandlung über Armut und Weltentsagung. Gütersloh
: C. Bertelsmann 1933. (56 S.) gr. 8°. RM 2—.

Der berühmte, vielleicht berühmteste Theologe des
Islams, al Ghazali (1058—1111), zuerst hochangesehener
Professor an der Nizam-Hochschule in Bagdad, dann
seit 1095 Sufi und Asket, aus freiem Entschluß und
ohne sichtbaren Grund, ist wohl des Studiums wert.
Was Zscheuschner hier gibt, ist leider nur auf 56 Seiten
ein kurzer Abriß des 34. Kapitels von Ghazalis
Werk „Wiederbelebung der Wissenschaften"; das 34. Kapitel
trägt den Titel: „Von der Armut und Weltentsagung
". Zscheuschner hat uns eine gute Untersuchung
dieser Askese gegeben. Er spricht von Ghazalis Denkerpersönlichkeit
, vom sittlichen Charakter seiner Weltentsagung
, von der Gesinnungsethik Ghazalis, von der
Begründung der Askese bei Ghazali, ihrer Beziehung
zum Koran und von ihrer Praxis (Gegenstände, Ergebnisse
und Ziele, Übungen, Bewertung des Kulturlebens
). Zscheuschner hat gut herausgearbeitet, wie Ghazali
in genialer Überlegenheit alle im Islam damals
auseinanderstrebenden Strömungen zu einer höheren Einheit
zusammengefaßt hat. So hat er auch das Sufi-
tum davor bewahrt, in Pantheismus und weltferne Unfruchtbarkeit
zu verfallen und hat zugleich die lehrstarre
Orthodoxie, die zugleich recht weltfreudig war,
durch die Innigkeit der Mystik und den Ernst seiner
Askese befruchtet. Mit Recht sagt Zscheuschner: „Ghazali
muß von christlichen Lehren tief beeinflußt gewesen
sein." Aber der ganze Islam ist ja nicht nur
unter starkem, christlichen Einfluß, wenn auch verzerrtem
, auf Mohammed entstanden, sondern hat sein Bestes
erst nach Mohammeds Zeit aus dem Christentum
empfangen. Hier fehlen uns noch gründliche Studien