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Ausgabe:

1934

Spalte:

131-133

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Eisenhuth, Heinz Erich

Titel/Untertitel:

Ontologie und Theologie 1934

Rezensent:

Traub, Friedrich

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Theologische Literaturzeitung: 1934 Nr. 7.

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Bei K.'s. lebhaftem dogmatischen Interesse, dessen
Bekundung seinen dogmenhistorischen Bericht zugleich
begleitet und oft auch spannend macht, hat er es sich
nicht durchweg auch angelegen sein lassen, die genetischen
Gründe wichtiger Veränderungen in den vorherrschenden
theologischen Anschauungen aufzuweisen.
Daß vor allem die durch die fortschreitende wissenschaftliche
Erforschung der biblischen Geschichte und Gedankenwelt
herbeigeführten Wandlungen in deren Auffassung
in der Regel auch die Entwicklung der Dogma-
tik beeinflussen, hat er mehr nur vorausgesetzt, als
auch überall ausdrücklich zur Geltung gebracht. So
hätte doch besonders Wellhausens starker Einfluß nicht
allein auf gleichgesinnte, sondern auch auf andersgerichtete
Theologen mindestens ebenso hervorgehoben werden
dürfen, wie die lediglich persönlichen Anregungen,
die Wrede, Gunkel und Greßmann dem höchst geistreichen
, aber auf Grund von oft überraschenden Analogien
seine Ideen meist nur konstruktiv begründenden 1
Eichhorn verdankten. Zu vermissen aber ist in K's.
Ausführungen auch der Hinweis auf den völligen Umschwung
, der durch die Schrift von Joh. Weiß über
die Predigt Jesu vom Reiche Gottes (1892) in der
Deutung dieses grundlegenden theologischen Begriffs
herbeigeführt worden ist. Denn erst seitdem ist trotz
Wredes scharfsinnigem, wenn auch sehr radikalem Widerspruch
die eschatologisierende Auffassung der eigentlichen
Absichten Jesu zur Vorherrschaft gelangt. Dadurch
aber ist der starken Betonung der Eschatologie
gerade auch in manchen neueren dogmatischen Arbeiten
in wirksamer Weise vorgearbeitet und wohl überhaupt
erst der Boden bereitet worden.

Die verschiedenen Ausstellungen, die nicht zu verschweigen
mich meine Rezensentenpflicht nötigen mußte,
betrafen teils bloß die äußere Gestaltung des Buchs, teils
Dinge, die K. zwar nicht berücksichtigt hat, wohl aber
ebenso oder noch besser kennt als ich. Im ganzen
jedoch stellt sich mir sein Werk als eine Leistung dar,
die, sowie dessen erster Teil sich seit mehr als vier
Jahrzehnten als unentbehrlich bewährt hat, nun auch in
seiner vervollständigten Gestalt als ein sicherer Führer
durch die gegenwärtigen theologischen Wirrungen erscheint
. Zuverlässig ist es nicht allein durch das reiche
und solide Wissen, das in ihm verarbeitet und mitgeteilt
ist, sondern auch durch das von jeder Überhebung
und Eitelkeit freie Streben, aus wesentlich sachlichen
Gründen den sehr verschiedenartigen dogmatischen Anschauungen
vor allem nur gerecht zu werden. Sich selbst
bekennt K. ausdrücklich als Lutheraner, nicht zwar im
konfessionellen Sinne, sondern in dem der Union (S. 3).
Indem er so aber nicht auf die bloß zeitgeschichtlich
bedingten und daher vielfach überholten theologischen,
sondern auf die noch immer unerschüttert lebenskräftigen
und nach seiner Ansicht noch keineswegs erschöpften
zugleich religiösen und theologisch fruchtbaren Elemente
in Luthers Gedankenwelt zurückgreift, erwartet
er vor allem von deren sorgsamer Pflege und gewissenhafter
Auswertung ein zukünftiges Gedeihen der evangelischen
Theologie.

1) In mehrjährigem nahen Umgang mit Eichhorn ist mir diese
Art seiner Gedankenbildung immer wieder als charakteristisch für ihn
entgegengetreten. Übrigens betrafen seine wenigen, wenn auch tüchtigen
literarischen Arbeiten andere Forschungsgebiete, als auf denen seine
dankbaren Verehrer sich auch durch originale eigne Leistungen rühmlich
hervorgetan haben.

Bonn. O. Ritschi.

Eisenhuth, Heinz Erich: Ontologie und Theologie. Döttingen:
Vandenhoeck u. Ruprecht 1933 (86 S.) 8°. = Studien z. systemat. Theologie
hrsg. von A. Titius u. O. Wobbermin, H. 13. RM 4 80.

Die Schrift ist Martin Heidegger gewidmet und
stellt sich in die Reihe der Versuche, die Philosophie
Heideggers für die Theologie auszuwerten. Sie will
zeigen, daß das Und in dem Thema: „Ontologie und
Theologie" nicht ein additives, sondern ein funktionales

ist, nicht bloße Nebeneinanderstellung, sondern notwendige
innere Zusammengehörigkeit. Ein funktionales Und
ist z. B. „Mutter und Kind", ein additives „Mann und
Roß und Wagen." Zunächst freilich muß das Und
als additives behandelt und die Doppelfrage gestellt
werden: „was ist Ontologie?" und „was ist Theologie?",
i Aber das Ziel ist, daß aus dem additiven Und das
funktionale wird. Die Antwort auf die erste Frage wird
| gegeben, indem eine knappe und konzentrierte Darstellung
der Heideggerschen Fundamentalontologie geboten
wird. Die Beantwortung der zweiten Frage nach dem
Wesen der Theologie geht aus von der Gleichsetzung
I der Gottes- und Nächstenliebe in Mt. 22,39. Diese
[ Gleichsetzung durch ouoüi könne nicht wieder ein Gebot
sein, wie Gottes- und Nächstenliebe Gebote seien;
in ihr komme der Evangeliumscharakter der Verkündigung
Jesu als das grundsätzlich Neue gegenüber dem
Forderungscharakter des Gesetzes zum Ausdruck. Fragt
man weiter, worin die Gleichsetzung der beiden Gebote
ihren Grund hat, so lautet die Antwort: „Dieser Grund
liegt für Matthäus in Jesus als dem Messias Gottes
I und zwar nicht in einer einzelnen Verkündigung, sondern
in dessen Leben und Sterben." In Jesu Liebe bis in den
I Tod offenbart sich das Sein Gottes und in diesem wurzelt
die evangelische Gemeinschaft, welche den Aus-
J gangspunkt protestantischer Theologie bildet. Indem
diese sich selbst zu verstehen sucht, steht sie vor der
I Aufgabe, die Bedingungen evangelischer Existenz soweit
zurückzuverfolgen, „daß in ihnen die apriorischen Bedingungen
eigentlicher Existenz im Zusammenhang mit
dem Sinn des Seins des Daseins erkannt werden."

Damit ist dann der Schritt vom additiven zum funktionalen
Und ermöglicht. Denn das existentiale Selbstverstehen
der Theologie ist letzlich nur in der Fundamentalontologie
erreichbar und umgekehrt kann diese
ihre letzte Frage nicht beantworten ohne die Wissenschaft
einer eigentlichen Existenzverwirklichung, wie sie
die Aufgabe der Theologie bildet. FundamentaTontologie
und Theologie stehen also in gegenseitigem funktionalen,
nicht bloß additivem Verhältnis. Und zwar ist es eben
die Heideggersche Philosophie, um die es sich handelt.

Eisenhuth hat das große Verdienst, mit eindringendem
Scharfsinn das Denken Heideggers erfaßt und in
seine letzten Tiefen verfolgt zu haben. Auf einzelnen
Punkten übt er an ihm Kritik, aber im Ganzen glaubt er
in ihm die Lösung des Problems „Ontologie und Theologie
" gefunden zu haben. Bei aller Anerkennung der
j wissenschaftlichen Leistung bleiben aber doch zwei
( Fragen zurück, die eine auf exegetischem, die andere auf
I systematischem Gebiet. Durch d 3S ouoi'a Mt. 22, 39
J soll das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zum
j Evangelium werden. Das ist exegetisch unmöglich.
I Wenn die Gottesliebe ein Gebot ist und die Nächstenliebe
ein Gebot ist, so wird auch, was durch ihre
Gleichsetzung entsteht, eben ein Gebot sein. Wie soll
aus den Geboten auf einmal Evangelium werden? Im
Text des Matthäus ist durch keine Silbe angedeutet,
daß er es anders meint. Auch die logische Analyse,
der das unterzogen wird, ändert daran nichts.

Sie ist zudem auch logisch anfechtbar. Rickerts in-
i struktiver Aufsatz: „Das Eine, die Einheit und die
Eins" hätte hinsichtlich des Verhältnisses von Gleichheit
und Identität den nötigen Aufschluß geben können.
Ebenso unhaltbar wie die Exegese von Mt. 22, 39 ist
die von Mt. 7,12. Jesus habe die „goldene Regel"
7,12 im Gegensatz zur Gottes- und Nächstenliebe 22, 39
abgelehnt. Er habe sie zwar als Zusammenfassung
des A.Test, anerkannt, aber eben als solche abgelehnt
. Der Text sagt das gerade Gegenteil. Nach
ihm hat Jesus die „goldene Regel" nicht verneint,
sondern bejaht. Auch die Exegese der Parabel vom
barmherzigen Samariter ist so gequält, daß man sich
unwillkürlich fragt: und das sollte Jesus gemeint haben?
Die vom Verfasser gebotene Exegese steht durchweg
nicht auf der Höhe der Systematik. Und auch diese