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Ausgabe:

1934 Nr. 7

Spalte:

121-123

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Söder, Rosa

Titel/Untertitel:

Die apokryphen Apostelgeschichten und die romanhafte Literatur der Antike 1934

Rezensent:

Bauer, Walter

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Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 7.

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gen von Kranken und besonders von „Dämonischen"
von dem damaligen jüdischen wie hellenistischen Glauben
und Erleben garnicht zu trennen sind (S. 30. 24),
oder, daß die Theorie von dem verstockenden Zweck
der Parabelrede Mc. 4,12 und die Deutung des Gleichnisses
vom Säemann Mc. 4,13 ff. ebensowenig von Jesus
selbst herrühren dürften wie das v.ui 8of>vui xiv ^wny
aÜToü /.vrnov ävtl jioUüv Mc. 10,45 b. Sie lernen, daß
man mit" Dubletten rechnen muß, wie im Fall der
Speisung der Viertausend Mc. 8 neben der der Fünftausend
Mc. 61), oder im Fall der Nachtsätzung Mc. 14, 53ff.
neben der Morgensitzung Mc. 15,1 ff. Die Wiederholung
der Leidensweissagung von Mc. 8,31 ab scheint auch
Hauck auf einem Schematismus des Evangelisten zu
beruhen. Daß Mc. 10, 38 f. eine andere Tradition über
den Tod des Zebedaiden Johannes voraussetzt, als die
in der Kirche nochmals herrschend gewordene, steht
ihm ebenso fest, wie daß die Parusierende Mc. 13
Komposition auf Grund einer „Apokalypse" ist, oder
daß in der Leidensgeschichte der zu fuhrende Weissa-
gungsbeweis geradezu zur Produzierung einzelner Geschichtstatsachen
geführt hat (S. 187 f.).

Man wird den Ausführungen Haucks gewiß nicht
überall beipflichten. Das Wesentliche aber scheint doch
dies zu sein: Wenn man bedenkt, wie viele der oben
angeführten Feststellungen früheren Kommentatoren,
z. B. gerade auch mir, entrüstete Abwehr der ewig
Gestrigen eingetragen haben, und wenn man sieht, mit
welcher Selbstverständlichkeit Hauck sie heute vertreten
kann, so zeigt dies unzweifelhaft, daß die Ergebnisse
sich umso mehr nähern, als man von allen Seiten nur
auf das Eine aus ist, die gegebene Wirklichkeit wirklich
zu erfassen.

Halle a. S. Erich Klostermann.

1) Wohlenberg meinte gegen mich noch, „daß mit dieser Beurteilung
dem Schriftsteller unrecht geschieht" D. Evangelium d. Markus S.
219, während Hauck auch vor der Konsequenz nicht zurückschreckt,
daß dann das Gespräch vom Sauerteig Mc. 8, 11 ff- ebenfalls sekundär
sein muß.

Söder, Rosa: Die apokryphen Apostelgeschichten und die
romanhafte Literatur der Antike. Stuttgart: W. Kohlhammer
1932. (XII, 216 S.) gr. 8°. = Würzburger Stud. z. Altertumswiss.
3. H. RM 1 2—.

In den „Würzburger Studien zur Altertumswissenschaft
" ist aus Fr. Pfisters Schule ein Buch hervorgegangen
, in dem Rosa Söder das Verhältnis der apokryphen
Apostelgeschichten zu der romanhaften Literatur
der Antike untersucht. Es genügt die Namen E. v. Dobschütz
P. Wendland, R. Reitzenstein, endlich noch K. Kerenyi, Die griechisch
-orientalische Romanliteratur in religionsgeschichtlicher
Beleuchtung 1927 zu erwähnen, um zu beweisen, daß hier
eine wichtige und zeitgemäße Frage in Angriff genommen
worden ist.

Die Verfasserin bemüht sich zunächst um Klärung
der Hauptbegriffe. Sie hält sich streng an das, was
„Apostelgeschichte" heißt und läßt deshalb die ps.-
clementinischen Schriften beiseite. Andererseits soll sich
„Roman" nicht im Gefolge von E. Rohde und E. v.
Dobschütz zu „Liebesroman" verengern dürfen. Es gibt
noch allerlei andere Arten von Roman, und in ihnen sind
Motive verwendet, deren Gebrauch bis in den alten
Mythos zurückgeht. S. stellt fünf Grundmotive fest,
die sie in ebenso vielen Paragraphen des zweiten Kapitels
(„Die fünf Hauptelemente") behandelt, nachdem
das, der Einleitung folgende, erste Kapitel die „Überlieferung
der Texte" der apokryphen Apostelgeschichten
dargelegt hat.

Die fünf immer wiederkehrenden Hauptelemente
sind diese:

1. das der Wanderung, ein feststehender to.-toc seit
dem Homerischen Demeterhymnus und seit Dionysos
„als Wanderungsheros in den Ländern umherzieht, um
seinen Kult bei den Menschen einzuführen" (S. 34).

2. das aretalogische Element, „das sich gleichfalls

; von Anfang an in der romanhaften Literatur der Grie-

I chen findet" (S. 51). In beiden Abschnitten, wie auch
weiterhin, läßt S. es sich angelegen sein, den Unterschied
hervorzukehren, der zwischen der kanonischen

i Apostelgeschichte und ihren apokryphen Verwandten besteht
. Bezüglich der Wanderungen scheint sie mir dabei
in höherem Maße Recht zu haben, weil hier in den

i apokr. Akten alles in der Luft hängt, während die
biblische Apostelgeschichte weitgehend auf der Grund-

! läge der Erinnerung an wirklich ausgeführte Reisen
ruht. Was dagegen die Wunder betrifft, so ist wohl
die Vergröberung und Massierung bei den Späteren nicht

, zu verkennen. Die Sache selbst jedoch ist schon im NT.

i vorhanden, und zwar in einer Form, die einen q u a I i -

I tativen Unterschied kaum mehr festzustellen erlaubt:
Krankenheilungen, Dämonenaustreibungen, Totenerwek-
kungen — auch die eines aus dem Fenster Gestürzten —,
Straf- und Befreiungswunder, Öffnung der Kerkertüren
zeigen auch hier schon wohlbekannte Züge.

3. Das teratologische Element, sich auswirkend in
| der phantastischen Erzählung von fabelhaften Ländern,

Menschen, Tieren und Pflanzen, tritt dagegen in der ntl.
AG. nicht in Erscheinung, aus demselben Grunde, der
ihr auch dem Wandermotiv gegenüber eine gewisse
Sonderstellung eingeräumt hat.

4. Das tendenziöse Element wird besonders in dein
Reden spürbar und besteht in der Absicht einer bestimmten
Einwirkung auf religiös-sittlichem Gebiete.

5. Einen besonders großen Einfluß gewinnt das,
i was S. „das erotische Element" nennt. Um die Lehren
i und Lebensregeln, auf die es (nach 4) ankam, einzuschärfen
, gebrauchen die hellenistischen Romane gern
Begebenheiten, die dem Liebesleben entnommen sind.
Das tun nun auch die apokr. Apostelgeschichten in
zweierlei Richtung. Einmal steht für sie das Keuschheitsproblem
im Vordergrund und wird in immer neuen
Erzählungen beleuchtet. Daneben aber und oft eng
damit verbunden wuchern die aus dem Liebesroman
bekannten erotischen Motive in gleicher Weise wie dort.

Das dritte Kapitel stellt den „Hauptelementen" „weitere
typische Motive" zur Seite unter den Überschriften:
Sklavenverkaut (§ 6), Verfolgung (§ 7), die Volksmenge
(§ 8), Hilfe in höchster Not, Gottesschutz
(§ 9), Orakel, Träume, göttliche Befehle (§ 10). Auch
hier treten an einer Fülle von Beispielen die Beziehungen
zwischen den Apostelgeschichten und der Romanliteratur
zu Tage.

Einer kurzen „Zusammenfassung" der bisherigen Ergebnisse
, folgt schließlich noch ein Anhang über „die

| Erzählungstechnik der apokryphen Apostelgeschichten".
Die Tatsache, daß die meisten Elemente der Apostelgeschichten
auch im hellenistischen Roman vorkommen,
könnte diesen als das Vorbild für jene erscheinen lassen.
Doch da die Berührungen auch auf andere antike Literaturzweige
(die jonische Novelle, der griechische Mythenkreis
, die hellenistische Mystik) übergreifen, auch Volkssagen
Märchen, urwüchsiger Volkshumor, ja — wie
Reitzenstein meint — auch der Zauber ihre Einwirkung

! spüren lassen, geht es nicht an, den Einfluß des Romans
überstark oder gar ausschließlich zu betonen. War dieser
doch auf das gebildete Publikum berechnet, während die

1 Apostelgeschichten sich an das einfache Volk wenden.

i S. möchte sie daher verstehen „als die literarisch, und
zwar im christlichen Geiste fixierten Zeugen alter im
Volke lebender Erzählungen von den Abenteuern, Wundertaten
und Liebesaffären großen Männer, mögen diese
ihr wirkliches oder erdachtes Leben nun der Geschichte
oder dem Mythos oder auch lediglich der Phantasie
des Volkes verdanken. Ist dem aber so, dann gewinnen
die Apostelgeschichten für die Geschichte des Romans
überhaupt, wie des hellenistischen insonderheit,

: als Zeugen einer, weil nicht der Literatur angehörigen,
sonst für uns verschollenen Form, aus der alle die ähnlichen
Arten sich entwickeln konnten, erhöhte Bedeu-

I tung" (187).