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Ausgabe:

1934 Nr. 5

Spalte:

87-89

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Carpenter, Joseph Estlin

Titel/Untertitel:

The Johannine writings 1934

Rezensent:

Bultmann, Rudolf

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Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 5.

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mehr S. 255 „der in ihnen Lebende weiß, daß sie ihn
tragen, daß sie ihn erheben", „daß sie (S. 267) die
Religiosität sichern und den Alltag weihen." Das Mes-
sianische des Judentums ist „sein Zukunftsgedanke, sein
Zukunftswille." Durch ihn bekommt das Gesetz „die
Weite des Horizonts." Im letzten Jahrhundert ist der
Jude S. 257 aus seiner eigenen Exklusivität herausgetreten
und „wurde nun ein bürgerlicher Mensch, und
auch seine Religion schien mehr und mehr sich zu verbürgerlichen
, .... verdiesseitigt zu werden", „es blieb
die bloße Fähigkeit, die bloße Intelligenz, oft nur der
bloße Witz", der Religion wurde „ihr Raum beengt".
Aber es hat eine Renaissance eingesetzt S. 258, „dieses
Sichbesinnen in anderer Welt, dieses Sichentdecken in
anderer Zeit, dieses Sichzurückholen in neuen Tagen."
Der Jude blieb S. 261 „jedenfalls aus einem Religiösen
hervor oder eines Religiösen wegen Jude." S. 262 „Die
jüdische Religion ist nie . . . eine Staatsreligion gewesen
." „Am Judentum wird . . . die unpolitische Reh>
gion erkennbar", „dieses Recht, das Religiöse allein
sprechen zu lassen und nicht staatliche Wünsche oder
Gebote mitsprechen lassen zu müssen, hat dem Religiösen
zugleich eine größere Reichweite gegeben" S.
263. Der „undogmatische Charakter des Judentums"
fordert die bestimmte Tat, will aber dafür den Gedanken
nicht festlegen vgl. auch S. 265 f. Wegen seines unpolitischen
Charakters haben im „an sich so konservativen
Judentum fortschreitende Forderungen, zumal sozialer
Art, oft sehr bald ihre Menschen gefunden."
Das Judentum besitzt „eine wurzelhafte Kraft in der
Familie." Trotz „dem mannigfachen Sondertümlichen,
ja Partikularistischen in ihm" ist dem Judentum „der

Charakter einer Weltreligion oder____der messianische

Charakter stets eigen geblieben." Trotz eines stark die
Gedanken modernisierenden Zuges, trotzdem vieles ins
Abstrakte, Philosophische hinaufdestilliert wird, schreibt
der Verfasser S. 312: „Eine zeitgemäße Religion, ein
zeitgemäßes Judentum, das wäre ein Widerspruch in
sich" und S. 313: „Juden sind immer die Unzeitgemäßen
." Jedenfalls hat in diesen Aufsätzen einer ehrlich
gerungen mit der Umwelt und in solchem Selbstbehauptungskampf
sein Bestes gegeben. Als solches
Selbstzeugnis einer jüdischen Mannesseele wird das Buch
auch für uns Wert behalten.
Goslar/Harz. Hugo Du en sing.

Carpenter, J. Estlin: The Johannine Writings. A Study
of the Apocalypse and the Fourth Oospel. London : Constable & Co.
1927. (XII, 493 S.) gr. 8°.

Der erste Teil des Buches handelt über die Joh.-
Apokalypse. Die Einleitung gibt eine Übersicht über
die apokalyptische Literatur, ihre leitenden Motive und
Gedanken und deren verschiedene Herkunft aus der
alttestamentlich-jüdischen, der weiteren orientalischen
und der griechischen Tradition. Der erste Abschnitt behandelt
sodann Ursprung und Charakter der Apk. Sie
gilt als einheitliche Komposition, gestaltet aus dem von
der Tradition gebotenen Material. Auf eine genaue
literarkritische Analyse verzichtet der Verf., z. T. wegen
der Unmöglichkeit sicherer Ergebnisse, vor allem
aber, weil ihm daran liegt, den das Ganze beherrschenden
Grundgedanken zur Anschauung zu bringen. Dieser
ist: der Kampf des gerechten Gottes gegen den
Satan, dessen Macht in Rom verkörpert ist. In diesem
weltgeschichtlichen Kampf gilt das Christentum als universale
Größe. Das jüdische Gesetz ist für den Apo-
kalyptiker kein Problem mehr. Als Verfasser kann
weder der Zebedaide gelten noch der rteeafWtepos Johannes
, wenigstens wenn dieser der Verf. des Evangeliums
und der Briefe ist, sondern ein sonst unbekannter
Prophet Johannes.

Die Abschnitte 2—6 bringen dann in großen Zügen
eine fortlaufende Erklärung der einzelnen großen Teile
der Apk. Dabei wird auf die durch die abwechselnde
Benutzung des Traditionsmaterials entstandenen Unstimmigkeiten
hingewiesen, und gelegentlich werden Glossen
ausgeschieden. Einzelne Begriffe werden ausführlicher
auf ihrem religionsgeschichtlichen Hintergrund erklärt
und oft durch lehrreiche Parallelen, namentlich aus der
indischen Literatur, erläutert. Leitend ist dabei die Absicht
, die Bilder der Apk. aus der Situation der christlichen
Gemeinden heraus zu verstehen, als Ausdruck
ihres Wissens um den Kampf zwischen Gott und Satan,
in den sie gestellt sind, und als Zeugnis ihrer Hoffnung
auf den Sieg Gottes.

Der zweite größere Teil behandelt das Joh.-Evg.
Die Einleitung uniersucht die Tradition mit dem später
bestätigten Ergebnis, daß vermutlich der ephesinische
jtoeorßVueoos Johannes, den Papias fälschlich zu einem
Jünger Jesu gemacht, und den Irenäus dann mit dem
Zebedaiden verwechselt hat, der Verf. ist. Was lehrt
das Evgl. selbst?

Auch hier handelt der erste Abschnitt über Ursprung
und Charakter. Das Evg. verrät die charakteristische
Sprache einer bestimmten Schule; in ihm redet denn
auch eine Gruppe von Gläubigen, deren Repräsentant
der Evangelist ist. Ist das Evg. als Ganzes auch eine
Einheit, komponiert aus dem in dieser Schule gesammelten
und gestalteten Material, so ist es doch offenbar
nachträglich aus der Schule heraus um dieses und
jenes Stück erweitert worden. Dazu gehören — von
kleineren Zusätzen abgesehen — c. 6; 12,44—50; c. 15
—17; c. 21, aber auch der Prolog. Eine genaue Quel-

[ lenanalyse hält der Verf. hier so gut wie bei der Apk.

! nicht für aussichtsreich, wie er denn auch in den folgenden
Abschnitten kritische Beobachtungen — manchmal
in Anmerkungen — mit großer Zurückhaltung
äußert. Das Wichtigste ist ihm auch hier, die religiöse
Grundhaltung des Buches und seine Absicht in seiner
Zeit zu verstehen und von da aus seine Formgebung
zu würdigen. Von der Erzählungsweise der Synoptiker
, die der Evglist wenigstens z. T. kennt, steht er
weit ab. Er kann nicht der Zebedaide bzw. der „Lieblingsjünger
" sein. Er will die Wahrheiten des Glaubens
, so wie sie seiner Zeit sich darstellen, in der Form
eines historischen Berichtes lehren.

Welches diese Wahrheiten sind, wird in den Abschnitten
2—6 dargelegt. Der zweite Abschnitt — das
Evg. und seine Umwelt — zeichnet zunächst den Unterschied
des joh. Jesus vom synoptischen und den Unterschied
des Evg. vom ebionitischen Christentum wie von
Paulus, dessen Kampf gegen das Gesetz verklungen ist,
und dessen Christologie der Evglist überbietet. Für
ihn bestand die Aufgabe, das Evangelium in der Atmosphäre
zu verkündigen, deren Frömmigkeit durch den

i Dualismus von Gott und Welt, Licht und Finsternis
bestimmt war, die von der Sehnsucht nach Erkenntnis
und Leben umgetrieben wurde. So wird Jesu Leben
und Lehre in der Begrifflichkeit jenes Dualismus dargestellt
, und es entsteht eine gewisse Verwandtschaft mit
der Gnosis, deren doketische Christologie freilich vom
Evglisten bekämpft wird, über die Bedeutung der man-
däischen Schriften für die Interpretation des Joh. äußert
sich der Verf. in einem Anhang mit großer Zurückhaltung
.

Der dritte und vierte Abschnitt — der Prolog;
die Person — geben eine Erklärung des Prologs (mit
einer Skizze der jüdischen Weisheits- und der hellenistischen
Logos-Spekulation) und eine Darstellung der
joh. Christologie. Der später hinzugefügte Prolog macht
das Evg. für seine Aufgabe in der hellenistischen Welt

■ erst recht brauchbar, indem er Jesus mit dem Logos
der hellenistischen religionsphilosophischen Spekulation
gleichsetzt. Zeigt sich freilich auch im Evg. selbst,

! in seiner Vorstellung von Gott wie vom Gottessohn,
der Einfluß der hellenistischen Gedankenwelt, so ist
hier doch Jesus nicht wie im Prolog als kosmische
Potenz verstanden, sondern als der Offenbarer der Liebe
des Vaters. Das jüdische Messiasbild tritt, trotz der
dorther stammenden Titel des Messias, des Königs