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Ausgabe:

1934

Spalte:

41-43

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Religiöse Volkskunde 1934

Rezensent:

Vorwahl, Heinrich

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Theologische Literaturzeitung

BEGRÜNDET VON EMIL SCHÜRER UND ADOLF VON HARNACK

unter Mitwirkung von Prof. D. HERMANN DÖRRIES und Prof. D. Dr. GEORG WOBRERMIN, beide in Göttingen

HERAUSGEGEBEN VON PROFESSOR D. WALTER BAUER, GÖTTINGEN

Mit Bibliographischem Beiblatt in Vierteljahrsheften. Bearbeitet von Lic. Dr. phil. REICH und Lic. H. SEESEMANN, beide in Göttingen.

Jährlich 26 Nrn. — Bezugspreis: halbjährlich RM 22.50

Manuskripte nnd gelehrte Mitteilungen »ind ausschließlich an Professor D. BAUER in Gottingen, Dauere Eichenweg 14. zu senden,
Resenaionaexemplare ausschließlich an den Verlag. Gewahr für Besprechung oder Rücksendung von unverlangt gesandten Rezensionsexemplaren
, besonders noch bei Zusendung nach Göttingen, wird nicht Übernommen.

VERLAG DER J. C HINRICHS'SCHEN BUCHHANDLUNG, LEIPZIG C 1

59. JAHRGANG, NR.3 3, FEBRUAR 1934

Spalte

Allgeier: Die altlateinischen Psaltcrien
(von Soden).................47

Born hak: Staatskirchliche Anschauungen u.
Handlungen am Hofe Kaiser Ludwigs des
Bayern (Würtenberg)............56

Churchill: CanterburyAdministration(Schian) 56

Eißfeldt: Baal Zaphon, Zeus Kasios und
der Durchzug der Israeliten durchs Meer
(Würtenberg)................43

Q o g a r t e n : Die Selbstverständlichkeiten unserer
Zeit u. der christliche Glaube (Schian) 59

Spalte

Kroll: Gott und Hölle (Bauer).......50

L i e r m a n n : Deutsches Evangelisches Kir-
chenrecht (Meyer)..............62

Mingana: Commentary of Theodore of.
Mopsuestia on the Nicene Creed (Bauer) .

— Commentary of Theodore of Mopsuestia I
on the Lord's Prayer (Ders.)........

Mowinckel: Die Chronologie der israelitischen
und jüdischen Könige (Rost) ... 43

Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte
(v. Campenhausen).............61

Spalte

Rumpf: Religiöse Volkskunde (Vorwahl) . . 41
Saupe: Einführung in die neuere Psychologie
(Neumann).............. 59

Schlingensiepen: Die Wunder des Neuen

Testamentes (Büchsei)............ 53

Rabbinische Texte (Bauer).......... 49

Ungern-Sternberg: Schleiermachers völkische
Botschaft (Wendland)........ 57

Volz: Jesaia II (Begrich).......... 44

Wieter: Das Ringen des Evangeliums um

die Seele Chinas (Witte).......... 60

Rumpf, Max: Religiöse Volkskunde. Stuttgart: w. Kohlhammer liehen Elementen dem Volke gerade recht. An Marien-
1933. (XVI, 475 S. m. Abb.) gr. 8°. = Das gemeine Volk. Ein und Heiligenverehrung, Gnadenstätten- und -mittein, dem
soziologisches u. volkskundliches Lebens- u. Kulturgemälde in drei Glauben an das Schicksal der Armen Seelen wird 'deut-
Bänden von M. Rumpf, 2. Bd. RM 12-. 1 ich, wie ungeheuer die geistigen Entfernungen zwischen
Religiöse Volkskunde meint hier eine christliche christlichem Hochglauben und der Art des gemeinen
Volkskunde und zwar des „gemeinen Volkes". Dar- Volkes sind. Wenn hier vorwiegend Bestandteile des
unter aber werden nicht die ungläubigen, rational einge- Katholizismus begegnen, liegt das daran, daß nur in
stellten Unterschichten der Großstadt verstanden, son- ihm einige Fühlung mit der Lebens- und Denkweise
dem die Mutterschicht unseres deutschen Volkes, die des gemeinen Volkes aufrechterhalten ist, des Volkes
durchaus als Kulturvolk angesprochen wird. Weder ist Art oft völlig unverfälscht zur Geltung kommt,
seine Religion dasselbe wie die Religion der Primitiven i Denn in ihrer religiösen Geistigkeit sind die prote-
(A. Bonus), noch handelt es sich dabei um „gesunkenes , stantischen Volksteile den katholischen im Durchschnitt
Kulturgut" (H. Naumann), so daß das Volk unbesehen i um ein Drittel oder die Hälfte eines Jahrhunderts vorempfangen
hätte, was die Kirche bot. Vielmehr hat j aus. Was dem Protestantismus an entscheidender Mit-
sich das Volk gegenüber der ausgebildeten Dogmatik Wirkung am Aufbau persönlich vertiefter Bildung
der Kirche eine ungeheure Reduktion erlaubt, jene so zukommt, hat seiner volkstümlichen Wesenheit Abtrag
verarbeitet, daß es damit etwas Neues schuf. Somit getan, durch seine einer Lebensrationalisierung entgegenkann
hier nicht von Kultureinflößung und Hinnahme 1 kommende Art den Zerfall des Brauchtums begünstigt,
die Rede sein, sondern es liegt ein höchst verwickelter Die von der Volksschule und andern Kräften bewirkte
Prozeß gegenseitigen Gebens und Nehmens zwischen Durchsäuerung auch der niederen Volksschichten mit
Kirche und Volk vor. den vergröberten Gedanken der Aufklärung hat in der
Rumpf stellt zunächst heraus, daß der rationale Epoche von 1848 bis 1914 den Gang der Verwelt-
Charakter der kirchlichen Dogmatik in seiner Begriff- lichung zum Abschluß gebracht. Daher hat heute das
lichkeit für das gemeine Volk unfaßbar ist. Das Volk gemeine Volk in Deutschland aufgehört zu existieren,
läßt sich immer nur ein klein wenig emporziehen; will ; Seit P. Drews programmatisch die R. V. als Aufgabe
daher die Kirche nicht verzichten, muß sie diese Un- der praktischen Theologie erklärt hat, waren kürzere
fügsamkeit hinnehmen und sich tief niederbeugen, will Arbeiten von dem Katholiken J. Weigert und dem Proteste
wahre Volkskirche sein und bleiben. Der Verfasser stauten W. Boette erschienen. Den Versuch einer umsieht
nun das Verhältnis des Bauern zu seinem Gott fassenden Darstellung hat zuerst Niebergall gemacht,
stark alttestamentlich-diesseitig gefärbt, wie schon Glaue, aber noch den Vorwurf reichlich novellistischer und sub-
Schian und Weigert betont haben. Gott soll vorerst ein- 1 jektiver Arbeit geerntet. Daher stellt Rumpfs Werk
mal helfen, den Kampf in dieser Zeitlichkeit recht zu j nicht nur eine Bereicherung, sondern eine wirkliche
bestehen, er soll Haus, Hof und Habe, seine Lieben Förderung des Gebiets dar, einen wichtigen Beitrag zu
in Haus und Stall beschützen und gedeihen lassen. der noch nicht geschriebenen Geschichte der Volks-
Frommsein ist weithin Ehrbarkeit und ürdentlichkeit des frömmigkeit, die für den kleinen Ausschnitt des antiken
Lebens und Gottesdienstes. Aber nur der Sonntag ge- | Erbgutes Trede und Zellinger in Angriff genommen
hört Gott, der Werktag hat seine eigenen Gesetze. Geist- ' haben. Rumpf wird seiner Aufgabe in seinem Rahmen
liehe Erhebung geht oft in weltliche Lust, Sonntagshei- durchaus gerecht. Die Einteilung in „Hauptstücke" ist
ligung in rohe Ausgelassenheit über. Der Dekalog : allerdings mißverständlich, die sich aufdrängenden reli-

ist die Summe der Sozialethik und steht im Einklang mit
den eigenen Ordnungsbedürfnissen des Volkes. Seine
ureigenen religiösen Gedanken sind immer mehr oder
weniger vollgesogen mit uraltem Aberglauben. Daher
ist das einer Vergeistigung sich plump widersetzende
Sakramentalienwesen mit seinen zauberhaften und ding-

gionsgeschichtlichen Parallelen verlangten öfter Berücksichtigung
, wie z. B. beim Brauch des Messens der
Länge Mariä (Mitt. z. jüd. Volksk. 1905,39) oder dem
Exorzismus, für den Hübners Deutung des Beowulf
und Siegfried als heroischer Exorzisten (Forschungen
IX, 26) wichtig ist. Zu allen Abschnitten des reich be-

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