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Ausgabe:

1934 Nr. 24

Spalte:

442-443

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grabmann, Martin

Titel/Untertitel:

Die Geschichte der katholischen Theologie seit dem Ausgang der Väterzeit 1934

Rezensent:

Koch, Hugo

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Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 24.

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Werfung unter die hl. Schrift. Doch in scharfer Differenz auf Kriegsfuß steht. Die Königin wird als Konvertitin und Abenteuerin

ist ihm die Bibel nicht Gesetzbuch, das einzelne Regeln der Übertritt, für den eine rechte Begründung fehlt, wird als eine be-

für das Verhältnis von Gott und Mensch aufstellt, son- sondere Leistung der Jesuiten gefeiert. Die Darstellung ist überschwäng-

dern zusammenhängende lebendige Einheit, dem Men- )'Fh' romanhaft, unsachlich; die Apologie der Person geht ins Uferlose,

sehen ein einheitliches Verständnis darbietend, nicht nur KJwiÄ'aÄ aus Chroniken und andren ähnlichen

Objekt des Glaubens vielmehr durch den hl. Geist ^StSÄÄ ÄS ÄSSSÄ

den Glauben erzeugend. Und wenn ihm Gottes Wege mMend und stöm dlIrch jm,ner ^ dick ^Sr^Sihe*

auch kontingent, Gott, gerade auch in der Wahl des Affektionen ab. K apologetische

Opfertodes Christi zur Erlösung und in der Vorherbe- BerIin
Stimmung der Menschen zu Seligkeit und Verdammnis

ein allen rationalen, Erwägungen sich entziehender^ver- Grabmann, Prof. Dr. Martin: Die Geschichte der katholischen
borgener Gott ist (S. 20), so bedeutet ■hm Kont.ngenz Theologie seit dem Ausgang der Väterzeit. K Z
jedoch die fortgesetzte Auswirkung der göttlichen per- von M. J. Scheebens Grundriss dargestellt. Freiburg i. Br.- Herder*
sonenhaften Vitalität. Diese Lebendigkeit ÜOttes HM Co. 1933. (XIII, 368 S.) 8°. = Herders Theologische Grundrisse

ihm aus dem N.T. und der Mystik zu (S. 15—17). Le- : rm 9.20; geb. 10.60.

bensvoll sind alle religiösen Begriffe des Reformators. I Ein Werk, das wirklich eine Lücke, sogar eine große
In dem Sündenbegriffe betont er weit mehr die Konku- Lücke, ausfüllt. Da es bisher keine zusammenfassende
piszenz als die carentia iustitiae debitae; die Erbsunde, j Gesamtdarstellung der katholischen Theologie gab so
eine Forterbung des niederen fleischlichen Sinnes als regte der nunmehr heimgegangene Kardinal Ehrle' an
der lebendigen Potenz zum Bosen (S. 19), duldet nicht es möge wenigstens M. J. Scheebens Grundriß (in sei-
Ockams freigewählte Akte zur Vollbringung des Willens „em Handbuch der katholischen Dogmatik I Freiburg
Gottes, das facere quod in se est (S. 21); alles gute 1879, S. 419—464) neu bearbeitet und gesondert heraus-
Wollen des Menschen fallt mit Oottes Unadenwirken gegeben werden. Der damit beauftragte Münchner Doo-
an und in uns zusammen. Seeberg verfolgt die Em« , matiker erkannte aber bald, daß namentlich die Geschich-
flüsse des Ockamismus und der Mystik m Luthers An- j te der Theologie des Mittelalters, zum Teil aber auch
schauungen von Gnade, Rechtfertigung, Erneuerung und , der der Neuzeit, angesichts der emsiaen und frucht-
dem Glauben mit seiner wundervollen Ine ms Setzung bar€n Forschung der letzten Jahrzehnte neu gestaltet
von Gott und Menschen „allein das trawen und glauben ; un(j m einem vjel größeren Umfang dargestellt werden
des hertzens das machet Beide, Gott und abe Gott, , müsse. Dazu wäre wohl kein Gelehrter geeister o-e-
entspiechend Eckarts „Sein Geben ist mein Nehmen" j we9en als gerade Grabmann, der selbe? seit lan^m
(S. 22-2S). Aber wenn Luther auch mit der Mystik ais Pfadfinder und Bahnbrecher in der mittelalterlichen
die Vitalität und den ganzen „religiösen Transzendentalis- > Scholastik und Mystik und ihrer Geschichte tätig ist und
mus" teilt, so hat er nicht nur die ekstatische Spitze auch ;n dem noch in Handschriften begrabenen Geiste -
der Mystik abgebrochen, sondern auch ihrem Ausgangs- gut wie kaum ein zweiter sich auskennt Die katholische
punkte einer unmittelbaren Schau göttlicher Wege die , Theologie war bis ins 17. und 18. Jahrhundert hinein
Ockamsche Idee von Gottes kontingentem Wirken und jm Wesentlichen Dogmatik, mit der noch nach dem Kon-
Erkenntnis aus Offenbarung entgegengesetzt es. 22). [ z\ von Trient Moraltheologie und Exegese verbunden
So kann man Luthers Beziehung zu Ockam und Mystik j waren, und so steht diese auch in der vorliegenden st-
nicht mit dem schulmeisternden Namen „Abhängigkeit j schichtlichen Darstellung im Mittelpunkt Doch sind
bezeichnen (S. 3), sondern wie immer regten ihn die jn der neuesten Zeit natürlich auch die andern theologi-
Anregungen wirklich an und führten ihn daher zu eig- I schen Fächer, die sich von ihr abgelöst oder neu <?e-
nen Beobachtungen und Gedanken (S. 32). - Wenn , bildet haben, entsprechend berücksichtigt. Nach einer
der Verfasser (b. 31) sagt: „Es ist eine apriorische , kurzen Einleitung über Quellen und Literatur der theonötigende
Anlage in dem Menschengeiste anzunehmen, [ logischen Literaturgeschichte und über die grundlegende
vermöge welcher er nur dann etwas empfangt wenn ; Bedeutung der Patristik für die mittelalterliche theoer
es selbst oder willentlich empfangt 'so liegt aller- iogie gliedert G. seine Darstellung in drei Abschnitte mit
dings die Frage nahe, ob das nicht dem Ockamschen der | verschiedenen Unterabteilungen. Der erste behandelt die
Gnadenwirkung vorausgehenden facere quod in se est j Theologie des Mittelalters: von Beda Venerabiiis bis zur
irgendwie Raum gibt; und die Kreuzestheologie S. 20) Hochscholastik, die Blütezeit in der Hochscholastik die
schließt neben der vorwiegenden irrationalen Kontingenz ! Spätscholastik des 14. und 15. Jahrhunderts Mvstik
doch auch die rationale ethische Idee des Opfers ein, < kanonistische Literatur, die byzantinische Theologe in

ihrer Beziehung zur abendländischen. Der zweite die
Theologie der Neuzeit: die Vorbereitungszeit bis zum
Schluß des Konzils von Trient, die Blütezeit der neuerwachten
scholastischen Theologie bis um 1600, mvsti-

wekhe selbstverständlich gegenüber der Forderung der
vergeltenden Gerechtigkeit selbst wieder^kontingent st.
dY/Rätsel des Zusammenwirkens des göttlichen und des
In -rh ichen Faktors werden eben nie eine theologisch

pinwandfreie Lösung finden. Aber in dem von I sehe Theologie des 16. und 17. Jahrhunderts, kasuisti
8, • t. ja Wherp- geschenkten Eidyllion erfahren unsre ; sehe Moral und Kirchenrecht, die Entstehung der histori-
£ei" r.po-^ns+anrlp reiche KHininor nnH I schen Theologie, der Niedergang der Scholastik 1660

bis 1760. Dann kommt die Theologie der Aufklärungszeit
und des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts.
Noch lebende Theologen stehen außer Betracht.

Eine solche Darstellung, die doch einigermaßen den
Stoff erschöpfen und nicht bloß die großen Leuchten
des Geistes, sondern auch kleinere Lichter zeigen und
würdigen muß, steht bei der andererseits gebotenen
Kürze leicht in Gefahr, in eine trockene Aufzählung von
Namen und Büchertiteln zu versanden. G. hat diese
Gefahr glücklich überwunden. Zwar muß auch er auf
manchen Seiten Namen und Werke aufführen, die ein
gewöhnlicher Sterblicher auch unter den Theologen noch
nie vernommen. Wo er aber von den bedeutenderen und
bedeutendsten Erscheinungen handelt oder Zeitabschnitte
würdigt, da hat seine Darstellung Farbe und Leben, und
man merkt, auch wenn er es nicht im Vorwort selbst
sagte, daß „die kurzen Charakterbilder, besonders mit-

Gedanken von dem Gegenstande reiche Klärung, und
unsre Freude an Luthers „kongenialer Übertragung der
Theologie des Paulus in die deutsche Denk- und Emp-
findun^sweise" (S. 34) sowie an unserm lebensvollen
evangelischen Glauben gewinnt den heute bitter nötigen
neuen Auftrieb.
Kassel-K. H. Stockhaus.

Marelle, Luise: Königin i|Christine von [Schweden. Ein

Lebensbild Nach historischen Quellen. Berlin: Bernard & Graefe
1933. (310 S. m. 5 Taf.) kl. 8°. geb. RM 5-.

Zu den zahlreichen vorhandenen Biographien der Königin Christine
von Schweden, die durchaus allen Bedürfnissen und Geschmacksrichtungen
genügen, kommt hier eine neue Darstellung auf den deutschen
Büchermarkt die sich dadurch von der Mehrzahl der neueren deutschen
Darstellungen unterscheidet, daß sie, im geschichtlichen Urteil recht unsicher
mit der deutschen Grammatik und auch mit der deutschen Orthographie
- was doch eigentlich Sache des Druckers gewesen wäre —