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Ausgabe:

1934 Nr. 23

Spalte:

415-416

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Klausner, Joseph

Titel/Untertitel:

Jesus von Nazareth 1934

Rezensent:

Fiebig, Paul

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Seite 1

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415

Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 23.

4i<;

der Verfasser S. 19 Stoff aus einem der Apokryphen. Dort führt er
das Beispiel der Hasidim der Hasmonäerzeit an, die sich am Sabbath
von den syrischen'Soldaten, ohne sich zu wehren, hinmorden ließen, und
citiert dazu — übrigens falsch, es hätte heißen müssen: XII, 6, 2 —
Josephus, ohne zu ahnen, daß dieser seinen Stoff aus I. Makkabäer 2,
29 ff. hat. Wieviel Material zur Astrologie hätten namentlich die Pseu-
depigraphen geliefert! Hin und wieder macht sich auch eine unscharfe
exegetische Auffassung bemerkbar. Der fromme Beter bekennt z. B.
das Psalm 139, 6 Ausgesprochene nicht vom göttlichen Walten, wie
Vf. S. 15 sagt, sondern von der ihm unbegreiflichen und unvorstellbaren
Allwissenheit und Allgegenwart Gottes. Weiter ist das religionsgeschichtliche
Vergleichsmaterial dürftig. Und gerade zu diesem Thema ließe
sich Speziellstes beibringen. Ein Beispiel aus der griechischen „Theologie
" ! Zu dem S. 19 Ausgeführten über die Nötigung zum Sündigen,
die Gott über Menschen bringt, und dem ausgleichenden Gedanken, daß
VerStockungen und Verführungen durch Gott nur Strafen für begangene
Sünden seien vgl. Nägelsbach, Die nachhomerische Theologie S. 333 f.
Vollständigkeit im Material ist wohl nicht beabsichtigt gewesen. Jedenfalls
ließe sich sehr Bezeichnendes noch zur Ergänzung beibringen vgl.
z. B. zu S. 32 (Neujahrsfest) in Verbindung mit Kap. III, 3 (Traumorakel)
die Erzählung vom Neujahrstraum der R. Johanan b. Zakkaj Baba
bathra fol. 10a. — Das beigelegte Druckfehlerverzeichnis ist noch nicht
erschöpfend.

Goslar, Harz. Hugo Duensing.

Klausner, Professor Dr. Joseph: Jesus von Nazareth. Seine Zeit,
sein Leben und seine Lehre. Autor. Übers, a. d. Hebr. von Dr. Walter
Fischel. 2. erw. Aufl. Berlin: Jüdischer Verlag 1934. (611 S.) gr. 8°.

geb. RM 8 -.

1930 erschien die 1. Auflage dieses Buches in deutscher
Sprache. Schon nach 4 Jahren hat sich nun die

2. Auflage als nötig erwiesen. K. hat den Text des
Buches bis S. 574 wörtlich so belassen, wie ihn die
1. Auflage bietet. Er fügt aber in der 2. Auflage
S. 575 ff. 4 Beilagen hinzu und dann S. 584—593 Berichtigungen
und Ergänzungen. Die Beilagen behandeln
1. die Formgeschichte, 2. die Makkabäer und Herodes,

3. Pharisäer und Am haarez, 4. das Messiasbewußtsein
Jesu und seine Taufe durch Johannes. Im übrigen ergänzt
K. in dankenswerter Weise namentlich die Literaturangaben
und setzt sich vor allem auch mit seinen
jüdischen Kritikern auseinander.

Für die Beilage über die „Formgeschichte" müßte
K. in weiteren Auflagen seines Buches erwähnen und
verwerten: die 2., neu bearbeitete Auflage von Dibelius,
Die Formgeschichte des Evangeliums (Tüb.,Mohr, 1933),
ferner meine Kritik der bisherigen Formgeschichte in:
„Der Erzählungsstil der Evangelien" (Leipzig, Hinrichs,
1925, in Windisch, Untersuchungen zum N.T., Heft 11)
und: „Rabbinische Formgeschichte und Geschichtlichkeit
Jesu" (Leipzig, Gustav Engel, 1931). Was K. gegen die
bisherige Formgeschichte geltend macht, stimmt im wesentlichen
mit dem zusammen, was ich in den genannten
Schriften sage. K. hätte auch im Interesse der Formgeschichte
die großen wissenschaftlichen Kommentare
A. Schlatters zu Johannes, Matthäus und Lukas (Stuttgart
, Calwer Vereinsbuchhandlung 1930—1933) anführen
und verwerten sollen, schon deswegen, weil sie intime
Fühlung mit den Rabbinica zeigen.

Daß der Christ vielfach anders über Jesus urteilen
wird als K., ist selbstverständlich. Eine eingehende Auseinandersetzung
mit K. ist eine sehr anregende Arbeit.
K. hebt besonders hervor, daß Jesus nicht das genügende
Verständnis für die Erhaltung der Nation habe, ein
Problem, das ja heutzutage in Deutschland ganz besonders
interessiert. Derartige und andere Urteile von K.
über Jesus können aber die christliche neutestament-
liche Wissenschaft unmöglich daran hindern, zu sagen,
daß das Buch K.s für die christliche neutestamentliche
Wissenschaft schon allein infolge der historischen, wirtschaftlichen
, rabbinischen Nachweise und der zahlreichen
Literaturangaben, die es bietet, unentbehrlich ist. K. müßte
sich nun namentlich in Zukunft mit der „Formgeschichte
" weiter in Fühlung halten und seinerseits von
seinen rabbinischen Kenntnissen aus zu deren Weiterbildung
beitragen. Besonders käme da „ma'ase" inbe-
tracht, d. h. der Vergleich der rabbinischen Kleingeschichten
mit den Kleingeschichten der Evangelien, ferner
auch Art und Begriff des Midrasch. Den Weg zu
mancherlei Hellenistischem könnte K. durch die von
Lietzmann herausgegebenen Kommentare zu den Evangelien
finden, außerdem durch meine Schrift „Die Umwelt
des N.T.s" (Gött, Vand. u. Rupr.). Er müßte zur
Formgeschichte auch Bultmanns 2. Auflage seiner „Geschichte
der synoptischen Tradition" (Gött., Vand. u.
Rupr.) verwerten und anführen. Ich nenne K. hier mancherlei
Literatur, weil ihm ja das ohne Zweifel wertvoll
ist, da ihm in Jerusalem mancherlei davon leicht entgehen
kann.

Eine Einzelfrage sei noch erwähnt: S. 590 betont
K. mit Recht, daß es unmöglich ist, Jesu letztes Mahl
ohne den Seder-Abend richtig zu verstehen. Wenn er
S. 451f. dem Abendmahl das eigentlich Wesentliche,
d. h. die Worte Jesu von dem Fleisch und dem Blut,
i als unhistorisch abspricht, so stimme ich ihm darin nicht
! zu. Das aber sollte heutzutage so mancher Christ von
K. für die christlichen Abendmahlserörterungen lernen,
daß der Ausdruck „Brot" in den Abendmahlstexten gegen
die ursprüngliche Verbindung des Abendmahls mit
dem Seder-Abend ganz und gar nichts beweist. Man
muß ja doch bedenken und sich klarmachen: der hier
vorliegende Sprachgebrauch ist doch dieser: Jede Mazze
ist Brot, aber nicht jedes Brot ist Mazze. In der Passah-
Haggada wird mit: „Dieses ist das Brot des Elends"
die Mazze gemeint, ebenso wird über der Mazze die Brot-
berakha gesprochen, in der gesagt wird: „der hervor-
: gehen läßt das Brot aus der Erde". Es sollte daher
m. E. aus den Abendmahlserörterungen der Christen
; nun endlich der Irrtum verschwinden, daß der Ausdruck
| „Brot" in den Abendmahlstexten beweise, daß Jesus
beim ersten Abendmahl keine Mazze verwendet habe
j und mit seinen Jüngern nicht den Passahabend gefeiert
habe.

Leipzig. Paul Fiebig.

| Perels, Lic. Otto: Die Wunderüberlieferung der Synoptiker
in ihrem Verhältnis zur Wortüberlieferung. Stuttgart: W. Kohlhammer
1934. (VIII, 108 S.) gr. 8°. '= Beiträge z. Wiss. v. Alten u. Neuen
Testament. Begr. v. R. Kittel f. Hrsg. v. A. Alt. u. G. Kittel. 4. Folge,
H. 12. (Der ganz. Sammig. H. 64.) RM 6—.

Man pflegt in der formgeschkhtüchen Untersuchung
der Synoptiker „Worttradition" und „Geschichtentradition
" zu unterscheiden. Innerhalb der Geschichtentradition
kann man die „Wundergeschichten" als eine wichtige
Unterabteilung herausheben. Dieselbe Einteilung
in Worte, Aussprüche einerseits und Geschichten, Kleingeschichten
, Erzählungen anderseits — und innerhalb
der Geschichten: Wundergeschichten — läßt sich auch
für die rabbinische Literatur vollziehen. Die Untersuchung
kann dann so weitergeführt werden, daß man die
Formung und die Arten der „Worte" genau und umfassend
beschreibt und danach zu erklären versucht
und dasselbe für die „Geschichten", insbesondere etwa
die „Wundergeschichten", vollzieht. Sehr bald stößt
man dabei auch auf das Problem: Ist es denn überhaupt
, möglich, Wort- und Wunderüberlieferung, Wort- und
Geschichtenüberlieferung lediglich und nur von einander
zu isolieren? haben sie nicht Gemeinsames? muß nicht
jedes wirklich gesprochene Wort einen Rahmen gehabt
haben, also in einer Geschichte dringestanden haben?
kann es anderseits nicht sein, daß „Geschichten" —
auch Wundergeschichten — Aussprüche, Worte enthalten
, ja in ihnen gipfeln?

Das Problem: „Wort- und Wunderüberlieferung" bedeutet
auch ein historisches Problem; denn man kann ja
leicht meinen, Wortüberlieferung sei historisch zuverlässiger
als Wunderüberlieferung. Namentlich auf dem
Gebiet der Evangelien ist dieses historische Problem
wichtig.

Außerdem ist heutzutage selbstverständlich, daß man
alle diese Untersuchungen in genauer Fühlung mit der
Umwelt der Evangelien führen muß, sowohl der rabbinischen
, als der hellenistischen. Selbstverständlich ist