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Ausgabe:

1934 Nr. 19

Spalte:

349-351

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Peisker, Martin

Titel/Untertitel:

Christliche Dogmatik oder christliche Glaubenswissenschaft von der Gottesherrschaft 1934

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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349

Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 19.

350

fassendes Kapitel, das nun aus dem Gebotenen das
Fazit bringt und aus dem geschichtlich Erarbeiteten und
Gewonnenen Richtlinien in die Gegenwart zieht und
uns sagt, was für die so notwendige Neuordnung des
Gottesdienstes aus der Geschichte zu lernen und zu
behalten oder zu verwerfen ist.
Bonn. J. Haun.

Peisker, Lic. Dr. Martin: Christliche Dogmatik oder Christi.
Glaubenswissenschaft von d. Gottesherrschaft. Dresden : C. L. Ungelenk
1932. (IV, 110 S.) 8°. RM 4.50.

Verfasser des kleinen Werks ist Superintendent, in
Glatz. Daß ein Theolog im praktischen Amte einen
Grundriß der Dogmatik herausgibt, ist eine große Seltenheit
. Ja, ich kenne kein einziges solches Pfarrerwerk
, mindestens keines aus neuerer Zeit. Und ich muß
sofort hinzufügen: Dieser „Grundriß" steht um nichts
zurück hinter den vielen, die Professoren der Theologie,
Systematiker von Fach, veröffentlicht haben, sei es,
um sie ihren Vorlesungen zum Grunde zu legen, sei es,
um sie am Schlüsse ihrer Wirksamkeit auf dem Katheder
noch einem weiteren Kreise, als dem ihrer „Hörer",
vorzulegen und ihren Gedanken zuletzt noch, wenn möglich
, einen Einfluß überhaupt auf die Entwicklung der
Dogmatik d. i. des christlichen (kirchlichen) Denkens
zu sichern. Wüßte ich es nicht, daß Sup. Peisker nie
Dozent an einer Universität war, so würde ich eher mutmaßen
, daß er ein solcher war oder sei, als daß er
schlicht als „Pfarrer" das Büchlein biete. Es ist den
landläufigen, auch den eigentlich wertvollen Kompendien
der Dogmatik kurzweg gleichwertig, hat sachlich
auch seine Eigen art. Peisker ist ein selbständiger theologischer
Denker. Natürlich rufen seine Thesen auch
Widerspruch hervor, aber keine ist voreilig, kenntnislos,
für den „Fachmann" wertlos. Es liegt in der Natur der
Sache, wenn ich hier in keine Auseinandersetzung über
sie eintrete. Eine kurze Skizze mit Andeutung von Einwendungen
die ich zu machen hätte, muß und kann
genügen; es ist zu wünschen, daß das Werkchen nicht
unbeachtet bleibt.

Zweierlei deutet der Nebentitel, das „Oder" in der
Themabezeichnung, an, was als die Sondernote im Denken
des Verfassers hervortritt. Zunächst schon der Ausdruck
„Christliche Glaubenswissenschaft". Im ersten Augenblick
meint man da vielleicht, Peisker sei besonders
an Schleiermacher methodisch orientiert. Davon ist keine
Rede. Mit Schleiermachers Idee von „Religion" beschäftigt
er sich überhaupt nicht, handelt nur vom
„Glauben", doch eben auch völlig anders als Schleiermacher
. Letzterer denkt in seinem großen Werke prinzipiell
an „den" Glauben, nach den Grundsätzen der
evangelischen Kirche, meint spezifisch als „Glauben s-
lehrer" Historiker zu sein (freilich „kritisch", die
historisch-evangelischen „Lehren" [Dogmen] auf
ihre Haltbarkeit als evangelische prüfend). Peisker
hat von Anfang an „das" christliche Glauben im
Sinne, will seine „Erkenntnisse" „wissenschaftlich" darstellen
und von ihrer spezifischen Quelle aus bis
auf den Punkt führen, wo Glaubens-„Erkennen" die
Grenze hat. Vielleicht hätte ihm mein Aufsatz „Glauben
und Denken" ZThK. 1931 (N.F., 12. Jahrg., S. 373—399)
Dienst tun können. Das christliche „Glauben" gilt
dem Gotte Jesu Christi, will sagen: der „Offenbarung"
Gottes, die an der Erscheinung Jesu Christi nicht einfach
ihren Abschluß, überhaupt ein „Ende" gefunden, wohl
aber diejenige Höhe erreicht habe, die nicht weiter überbietbar
sei, soviel „Glauben", es als solches (eine Emotion
des Gefühls und Willens), für sich gewiß werde.
Der Christ weiß und überzeugt sich immer wieder, daß
er auf die Bibel, das A. und N. T., als seinen dokumentarischen
Rückhalt hinsichtlich der Offenbarung
Gottes in der „Geschichte" angewiesen sei. Nur
daß das „glaubt" nicht bedeute, Gott trete „nur" in der
Bibel, gar in Einzelsprüchen, seinem „Worte" in Gestalt
von Bibel„worten", uns nahe. Peisker meint, daß
auch die Natur eine Offenbarung Gottes sei und bleibe.

Wir dürften den Gedanken der „Schöpfung" und der
„Regierung" alles Daseins, in dem wir uns vorfinden,
nicht bei Seite stellen für „christliches" Denken. Das
deutet im Titel der Zusatz („Christi. Glaubenswissenr-
schaft) von der Gottesherrschaft" an. Von
Gottes „Wesen" im ontischen Sinne redet P. nicht.
Er hält sich rein an seine Offenbarung nach dem Maße
; menschlicher „Verstehens" m ö g 1 i c h ke i t, (hätte m.E.
den Gedanken der Offenbarung, der „Glaubbarkeit"
eines „Gottes" freilich weiter untersuchen müssen,
als er tut). Ich sehe in P.'s Beschränkung des Glaubens
im Denken auf Gottes Verhalten in relativem
Sinne mit die Sondernote seiner „Dogmatik". P.
streitet kaum je mit einzelnen andern Dogmatikern unter
ausdrücklicher Namennennung. Aber man sieht oder
empfindet doch (meist schon in der ganz knappen Formulierung
des Inhalts der Paragraphen, den er nie
weitschichtig, dennoch aber deutlich und recht umsichtig
dann „ausführt", begründet), daß er im dogmatischen
„Getriebe" von heute heimisch ist. Er einbezieht die
Ethik in den „Begriff" der „Dogmatik", dies doch,
ohne mehr von ihr auszuführen, als andeutungsweise
, daß sie ihren Wegweiser für das „Leben" erst im
„Glauben" an „Herrschaft" Gottes über uns in allem
in der Welt finde.

Konkret ist P.'s Glaubensverständnis, das was der
Christ, aber auch nur er erkennt, beherrscht von den
Gedanken absoluter „Verderbtheit" der Welt und dennoch
waltender Gnade Gottes. Das ist — ich sage
: natürlich! — ein Gedankenkomplex, den keine
„Dogmatik" je aus dem Auge lassen darf. Und
doch erhebt sich für mich da in der Gegenwart
die Frage, ob es das richtige ist, ihn wie letztlich
das Ein und Alles auf das es ankomme, zu behandeln.
(Auf sich beruhen lasse ich hier die Idee vom „Satan",
die P. allzu „fraglos" denen des „Glaubens" eingliedert.)
Ich meine, die Dogmatik, zumal die, welche zurecht auf
die Ethik mit schaut, müsse es jedenfalls und mindestens
als „Problem" erkennen (anerkennen!), ob der Gedanke
des „Sündenfalls" in „biblischer" Fassung richtig ergriffen
werde, wenn dadurch alles geschichtliche Leben
der Menschheit nur als „Sünde", stehend unter Gottes
„Gericht" und im Grunde erst eschatologi scher
„Gnade", (die der Christ im Erdenleben „glaubend"
vorwegnehme), charakterisiert sein soll. Ich weiß,
wie vorsichtig hier gedacht werden muß. Ja, wir
sind allzumal Sünder. Und die Verderbtheit des
Menschentums ist grauenhaft! Aber es ist ein anderes,
zu glauben (innerlich emotional durch und durch ergriffen
davon zu sein), daß wir (jeder Einzelne, auch
unser „Sozialleben") des „Zornes" und des „Gerichtes"
Gottes wert seien, und einfach von solchem wie steter
„Tatsache", von Gnade in diesem Aeon als bloßer
„Verheißung" zu reden, das „Evangelium" wie in letztcrem
Begriff sich erschöpfend zu verkünden. Gewiß
handelt es sich beim Gedanken an Gottes Reich,
die „Gottesherrschaft" nicht um endogene „Entwicklung
" der Menschheit, des Menschentums, in der
Geschichte. Gott hat das Menschentum sich nicht
spontan „entfalten" lassen, „beherrscht" es nicht, wie die
Pflanzen oder das Tiertum. Entwicklung und existentielle
Überhöhung ist zweierlei. Sünde und Verständnis
1 o s i g ke it dem Guten (dem Wesen, Inhalt
des göttlichen Menschenschöpfungsgedankens, bzw.
-willens) gegenüber desgleichen. Gottes Gnade als
Geduld gegen „die Menschheit", seine Liebe als
Quell des Menschen„w e s en s", kommt in unserer
herkömmlichen, auch der Pe i sker'schen Dogmatik
zu kurz. Menschentum ist im Sonderwesen schlechthin
ein Neues in der „Welt": Einstiftung von nie
autonom Erreichbarem. Das Tier ist auch „Geschöpf
", wir sind, einzig unter den Erdenwesen, „Kinder
" vor Gott. Wir sind „geschaffen" zum „Bilde"
Gottes, sind bestimmt ihm zu „gleichen", wie Kinder
dem „Vater", haben in Christo spezifische Ein-