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Ausgabe:

1934 Nr. 18

Spalte:

329-335

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dilthey, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Der junge Dilthey 1934

Rezensent:

Niedermeyer, Hans

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Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 18.

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seits der Kirchenleitung gewidmet, so ist K. selbst genötigt
, z. B. zuzugeben: „Bei der Behandlung der überlieferten
Tugendgruppen verwickelt sich Bernhard in
unlösbare Widersprüche" S. 28 und zum Schluß heißt
es: „Es ist zu bedauern, daß er (Bernhard) nicht selbst
sein Werk zur Ausführung gebracht hat. Der Plan,
der zugrunde liegt, mußte aus der Form der Bausteine
erraten werden, die regellos durcheinander gewürfelt
und nicht selten mit fremdem Material verbunden in
seinen Schriften zerstreut liegen. Es darf nicht wundernehmen
, daß der Bau in seiner jetzigen Gestalt Mängel
und Lücken aufweist. . . Auch bleiben Zweifel und Bedenken
bestehen, ob jeder Stein den richtigen Platz gefunden
hat" S. 96. Ob die Meinung K.s zutrifft, daß
die Einheitlichkeit und Geschlossenheit des ganzen Tugendgebäudes
dafür bürge, daß die Ideen Bernhards im
wesentlichen richtig wiedergegeben seien, und daß deshalb
Bernhard in die Zahl der großen Systematiker der
Moral einzureihen sei, — das bleibt doch fraglich.
Stuttgart. Ed. Lempp.

IDilthey, Wilh.:] Der junge Dilthey. Ein Lebensbild in Briefen
u- Tagebüchern 1852—1870. Zusammengestellt von Clara Misch
geb. Dilthey. Mit 1 Jugendbild. Leipzig: B. O. Teubner 1933. (V,
318 S.) 8°. RM 5.60; geb. 6.80.

Das Buch „Der junge Dilthey" gibt ein Abbild der
Gedanken, die den Jüngling und den zur Reife kommenden
Mann bewegt haben. Das Material, das hier vorgelegt
wird, sind Briefe an Eltern, Geschwister, sonstige
Verwandte und Freunde. Aber auch einzelne Briefe an
Dilthey von der Mutter, dem Bruder Karl Dilthey, Heinrich
von Treitschke sind aufgenommen und ein Teil
eines Gutachtens (S. 251 ff.) von Usener über Dilthey
aus dem Jahre 1867, ferner ein Lebenslauf (S. 280 ff.),
den Dilthey Mai 1870 an Wilhelm Scherer in Wien in
Briefform richtete. Vor allem aber entfaltet sich in einer
Auswahl von Tagebuchnotizen, die er seit dem Abiturientenexamen
gemacht hat, und die bis in das Jahr
1865 reichen, ein Einblick in das Wesen Diltheys. All
das fesselt von der ersten Seite den Leser, der über den
inneren Reichtum und die Geschlossenheit der Persönlichkeit
Diltheys in Staunen gerät. Denn es liegen
Äußerungen von solchem Reiz an Feinheit und geistigem
Eindringen in Wesentlichkeiten vor, daß die Gehalte des
Tagebuchs, der Briefe usw. nach fast einem dreiviertel
Jahrhundert noch wie unmittelbar gesehen wirken, und
an dem Buch haftet von der ersten Seite an nichts Schülerhaftes
. Die Geschlossenheit von Diltheys Persönlichkeit
läßt ihn darin eben nur die Dinge aufnehmen, die seinem
Inneren auch wirklich entsprechen, und nur die Gedanken
, die eine kongeniale Seite in ihm anschlagen, legt
er schriftlich nieder. Das geht soweit, daß sich in Tagebuchaufzeichnungen
aus dem Jahre 1852 schon Ansätze
zur Konzeption einer Einheit von Kunst und Philosophie
finden (S. 5), soweit der letzte Gedankengehalt der
Poesie in Frage kommt. Dabei ist es gleichgültig, ob
solche Gedanken vielleicht auf ein Kolleg bei Fischer
zurückgehen, da diese Einheitsvorstellungen erst in Diltheys
Schaffen wirklich fruchtbar und in jedem Sinn
geisteswissenschaftlich und kulturhistorisch folgenreich
geworden sind.

Gesamtansichten sind überhaupt der eigentliche Erlebnisgrund
für den jungen Studenten und damit für die
in Diltheys Denken und wissenschaftlichem Forschen
vollzogene Begründung der Geisteswissenschaften. Denn
au8 der Auffassung der geistigen Dinge, wie er sie er- I
lebend sehen lernt, ist die ganze Richtung seiner Arbeit
hervorgegangen. Dem jungen Theologiestudenten, Pfar- !
rerssohn und Enkel eines Musikers mütterlicherseits, eint
sich darum in seinen Wurzeln religiöses Denken und
das höchste Element der Musik (S. 9, 13, 151). Diltheys
Denken ist eben durch ein aus innerer Haltung stammen- i
des überspringen von Fachkategorien gekennzeichnet.
So stehen seine frühen wissenschaftlichen Bestrebungen
auf dem Gebiet der Kirchengeschichte zugleich in der

: Mitte von rein geschichtlicher Auffassung (Brief an den
j Vater Mai 1856, S. 30, vgl. S. 77, 84) und Beschäftigung
mit den griechischen Philosophen (vor allem Lebenslauf
S. 280). Dann aber tritt das philosophische Element
in diesem Interessenkreis stärker hervor (vgl. Lebenslauf
j S. 284, Tagebuchnotizen von 1859 S. 79 f.), es bleibt
I aber die Arbeitsverbindung von Religion und Philosophie
, noch lange erhalten. Von hier aus wird die in der histo-
I rischen Gesamtentwicklung entfaltete Lösung beider Krei-
I se voneinander in folgender Weise als Problem erkannt
l (S. 80): „Die Geschichte der Ideen aber hat die Punkte
i zu finden, wo diese dunklen Bewegungstriebe der mensch-
; liehen Vernunft sich klar ans Licht gerungen haben, in
allen Formen ihr Wirken zu verfolgen. In diesen An-
i fängen des Philosophierens im menschlichen Gemüt lie-
' gen Religion und Philosophie noch ungeschieden, oder
wenigstens nirgends ist man ihrem gemeinsamen Ursprung
aus der menschlichen Geistesform so nah. Wer
über das Verhältnis von Religion und Philosophie, wie
i es Schleiermacher bestimmte, einen ordentlichen Schritt
hinaustun wollte, müßte dies untersuchen." Daneben
steht der Kreis der Geschichte. Darum faßt er noch im
Spätherbst 1860 (S. 140, vgl. S. 176) als wissenschaftliches
Lebensziel zusammen: „Mein Beruf ist, das Innerste
des religiösen Lebens in der Historie zu erfassen
und zur bewegenden Darstellung zu bringen." Aber grade
in dieser Zeit vollziehen sich im übrigen bei Dilthey
die entscheidenden Bewegungen in den philosophischen
Regionen seines Denkens und so entscheidet er sicli 1861
für die Philosophie, wenn er seinem Bruder Karl
schreibt: „alle meine Gedanken streben jetzt zur Philosophie
hin, in der mir, da ich mich ihr nach so langer
historischer Beschäftigung wieder nähere, überall weit
aussehende Ideen aufgehen" (S. 156). Auf die Darstellung
konkreter Probleme ist er dann durch die ihn
zur Sammlung bringende Arbeit an einer Preisaufgabe
hingezwungen worden. Die Aufgabe war von der Schleiermacherstiftung
gestellt und lautete: „das eigentümliche
Verdienst der Schleiermacherschen Hermeneutik ist durch
Vergleichung mit älteren Bearbeitungen dieser Wissenschaft
namentlich von Ernesti und Kant ins Licht zu
setzen." Innerlich ist der Übergang zur Philosophie in
dem Gefühl begründet, daß er dem frühen Christentum
nicht wahlverwandt genug ist, „daß zum zweiten Mal in
seiner Seele alle die Regungen, Gemütszustände, Strebungen
sich erheben, durch die jene Verhältnisse einst sich
gestalteten" (Tagebuch 1861, S. 152). Aber die Ein-
heitsvoistellungen von Religion, Philosophie und Geschichte
— von der Jugend her gehört dazu auch noch
die Kunst der Musik — führen nun dieTranszendental-
philosophie zu einer lebenserfüllten Richtung hin (vgl.
dafür vor allem die Tagebuchaufzeichnung vom 26 "3*
1859 S. 79): „Das Verhältnis der Philosophie zur Religion
ist darum so mangelhaft bestimmt, weil der Betriff
der Philosophie selbst nur noch formal gegeben ist...
I Es liegen dem Philosophieren tiefste Bedürfnisse der
menschlichen Natur zu Grunde, von denen man nicht
sagen kann, in welches Gebiet sie fallen. Die Kantische
Untersuchung der Kategorien und Fichtes Versuch der
Deduktion derselben würden in demjenigen einen Fortsetzer
finden, welcher die Bewegung des Geistes nach
Einheit der Welt, nach Notwendigkeit des inneren und
äußeren Geschehens, nach Gleichartigkeit des ursprünglich
gesetzten Zwecks usw. — lauter Dinge, welche gar
keine logische Notwendigkeit haben, noch aus einer solchen
stammen, sondern aus einem ernsten dunklen Trieb
der menschlichen Natur stammen — welche eben doch
das a priori Mitgebrachte sind, wenn man sie nur richtig
als innere Bewegung des Geistes, nicht als in demselben
vorhandene Gedankenformen, als die Beweguno-en
desselben, die eben das Wesen der menschlichen Vernunft
ausmachen, betrachtet." In dieser Hinwenduno-
der Ausgangspunkte der idealistischen Transzendental
Philosophie zu Lebensgrundlagen der menschlichen Natur
liegt aber eine Relativierung der historisch positiv ge-