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Ausgabe:

1934 Nr. 18

Spalte:

328-329

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kern, Emmanuel

Titel/Untertitel:

Das Tugendsystem des heiligen Bernhard von Clairvaux 1934

Rezensent:

Lempp, Eduard

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Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 18.

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scheitern müssen. B. verkennt nicht, daß im 1. Joh.
formale Widersprüche vorkommen und daß der Aufbau
locker ist, aber er meint — und das gewiß mit Recht
— durch seine Auslegung den Nachweis dafür erbracht
zu haben, daß beides zur Eigentümlichkeit des Vf.'s gehört
. Weiter stellt B. fest, daß alle drei Briefe von
einem Vf. stammen, daß der Vf. Augenzeuge der Geschichte
Jesu war und unter dem Namen „der Presbyter
" so lange gelebt hat, „daß er den Übergang der
Kirche von ihrer apostolisch-nachapostolischen zu ihrer
frühkatholischen Zeit in seinen Anfängen noch miterlebt
hat". B. hebt hervor, daß man dem Zeugnis des Johannes
nicht gerecht wird, wenn man — wie das in der
neueren Forschung geschehen ist — Jesus nur als einzigartige
, bedeutsame und geschichtlich wirksame religiöse
Persönlichkeit versteht, aber auch dann nicht, wenn
man sein Wort „unter Absehen von ihm selbst" als
Gottes Offenbarung würdigt. Er selbst ist wie sein
Wort Offenbarung Gottes. Bei der Frage „Johannes
und die Synoptiker" gesteht B. zu, daß Johannes der
Gemeindeüberlieferung frei gegenüber steht und den
Inhalt der Verkündigung „ganz von sich aus und damit
neu" formuliert. Die eigentümliche „Gebundenheit und
Freiheit in der Wahrung der Überlieferung von Jesus"
charakterisieren den 1. Joh.-Brief ebenso wie das Evangelium
.

B. nimmt die Anregungen und Ergebnisse der Schlat-
ter'schen Arbeiten auf, wenn er davon ausgeht, daß
der Vf. der Joh.-Briefe Aramäisch als Muttersprache
und Griechisch als zweite Sprache redete und daß ihn
vor allem ein nicht-griechisches Stil- und Sprachgefühl
leitete. Dieser Behauptung hat B. durch Einzelnachweise
Nachdruck und größte Wahrscheinlichkeit verschafft
. Über die Form des 1. Joh. urteilt B., daß es
sich nicht um einen Traktat in Briefform, sondern um
einen der Traktatform sich nähernden Brief handelt.

Der Kommentar von B. ist ein wertvoller Beitrag zum
Verständnis des joh. Schrifttums. Er geht, wie mir
scheint, von richtigen Voraussetzungen aus, gibt ein
klares Bild der historischen Situation, erschließt vor
allem den theologischen Gehalt der joh. Briefe und ist
in seinen exegetischen Urteilen wohl vorsichtig abwägend
, aber doch klar und bestimmt. B. hat mit seinem
ausgezeichneten Kommentar ein Werk geschaffen, das
wohl vom konservativen Standpunkt seinen Ausgang
nimmt, das aber doch in selbstständiger Durchdringung
der Probleme der Exegese klare Wege und neue Aufgaben
zeigt. Die Auslegung von B. macht die Forschung
von manchen allzu hypothetischen Belastungen
frei und lenkt sie auf den Weg, auf dem sie imstande
ist, den theologischen Gehalt der nt. Schriften ganz
sachgemäß zu erfassen und die geschichtliche Wirklichkeit
in ihrer schlichten, religionsgeschichtlich unkomplizierten
Größe unvoreingenommen zu sehen.

Berlin. Johannes Schneider.

Schlütz, Karl: Isaias 11, 2 (die sieben Gaben des Hl. Geistes) in
den ersten vier christlichen Jahrhunderten. Münster i. W.: Aschendorff
1932. (XX, 174 S.) gr. 8°. = Alttest. Abhanden., hrsg. v. A.
Schulze. XI. Bd., 4. H. RM 9—

Der Verfasser führt die Exegese der alten Kirchenväter
zu Is. 11,2 umsichtig an. Das Ergebnis ist folgendes
: Is. 11,2 ist ein Stück im traditionellen Schriftbeweis
, das von der Geistnatur Christi berichtet und verbunden
mit Is. 11,1 die Gottheit und Menschheit Christi
zum Ausdruck bringt. Der Sinn der vollkommenen Geistessalbung
Jesu ist dabei: die Fülle der Geistesgaben
in Christus ist die Quelle der Gaben für die Gläubigen.
Die Kirchenväter der ersten drei Jahrhunderte gehen
über diese Heranziehung von Is. 11,2 im wesentlichen
nicht hinaus; lediglich bei den Alexandrinern wird der
Schriftbeweis von Allegorie und Zahlenspekulation überwuchert
. Das vierte Jahrhundert bringt neue Gesichtspunkte
durch das verstärkte Interesse an den trini-
tarischen Dogmen und entnimmt Is. 11,2 Beweise für

die Gottheit des Hl. Geistes. Ebenfalls führt das vierte
' Jahrhundert die durch Irenäus eingeleitete psychologisch-

aszetische Wertung der 7 Gaben weiter, wobei das

Abendland in den Vordergrund tritt.

Wenngleich in dieser Schrift keine wesentlich neuen
j Gesichtspunkte zu Tage gefördert werden, so darf man

sie doch als willkommene Zusammenfassung der Väter-
i exegese von Is. 11,2 und damit als einen nützlichen

Beitrag zur alten Schriftauslegung begrüßen.
Göttingen. H. Seesemann.

I Wilhelm von Rubruk: Reise zu den Mongolen 1253-
1255. Übers, u. erl. von Dr. Friedrich Risch. Leipzig: A. Deichert
1934. (VIII, 336 S.) 8°. = Veröff. d. Forschgs.-Inst. f. Vergl. Reli-
gionsgesch. v. d. Univ. Leipzig. Hrsg. v. H. Haas. II. Reihe, 13. H.

RM 19—.

Als A. Batton 1921 in den franziskanischen Studien,
Beiheft 6, seine grundlegende Arbeit über W. v. Rubruk
i herausgab, konnte er nur von der durch Michel und
Wright 1839 besorgten vielfach fehlerhaften editio prin-
ceps des Reiseberichts ausgehen. Inzwischen ist 1929
! eine kritische Ausgabe des von den Kennern hochgeschätzten
Reiseberichts durch Van den Wyngaert erschienen
, die an vielen Stellen den Text richtig stellte,
I bzw. verbesserte. Mit Benützung dieser Ausgabe und
| zahlreichen weiteren eigenen Textverbesserungen hat nun
R. eine gut zu lesende deutsche Übersetzung des Be-
I richts gegeben und dazu in Anmerkungen einen ausführlichen
Kommentar geliefert, der mit erstaunlicher
| Belesenheit über alle Angaben des Textes Nachweise,
! Belege, Auskünfte gibt, so daß der Leser geschichtlich
! und geographisch wirklich vollkommen orientiert wird.
; Eine dem Bericht Rubruks vorausgeschickte „Vorgeschichte
" besteht lediglich in der Übersetzung von Ak-
j tenstücken, die auf die bevorstehende Reise Bezug hatten,
; nämlich eines Briefes des Kardinals Odo von Tusku-
; lum an Papst Innocenz IV. mit 2 Beilagen und zweier
Schreiben desselben Papstes an denselben Kardinal und
an Sartach den König der Tataren. R. hatte in Heft 11
derselben Haas'schen Veröffentlichungen eine Arbeit über
; Johann de Piano Carpini herausgegeben, und man sollte
eigentlich dieses Heft zur Hand haben, denn, offenbar
aus Ersparnisgründen, wurde das dort gegebene
Literaturverzeichnis in dem vorliegenden Heft nicht wieder
abgedruckt, wohl aber fortwährend zitiert, wie auch,
ebenfalls aus Ersparnisgründen, mehrere Anhänge, auf
die in den Anmerkungen verwiesen wird, nicht zum
Abdruck gekommen sind, was zu bedauern ist. Daß
Rubruks Reisebericht in Hinsicht auf Kirchengeschichte,
Religionsgeschichte, Kulturgeschichte sehr interessant
und verhältnismäßig recht zuverlässig ist, geht aus R.'s
Kommentar hervor.
Stuttgart. Ed. Lempp.

1 Kern, Prof. Dr. Emmanuel: Das Tugendsystem des heiligen Bernhard
von Clairvaux. Freiburg i. Br.: Herder & Co. 1934. (XVI,
98 S.) gr. 8°. RM 3.50.

Ohne auf das Lebenswerk und das Schrifttum Bernhards
näher einzugehen legt K. in schulmäßigem Aufbau
das Tugendsystem des Heiligen, wie er es sieht,
dar. Zuerst werden die psychologischen Grundlagen
(Verstand, Wille, Affekte) bei Bernhard aufgezeigt, dann
das Tugendsystem erst nach den überlieferten Tugendgruppen
(göttliche Tugenden und Kardinaltugenden),
dann nach psychologischer Ordnung (Verstandestugen-

j den, Willenstugenden, Affekttugenden) und endlich die
Vollendung der Tugenden in Unterscheidung, Beharrlichkeit
, Weisheit durchgesprochen. An fleißigem Durcharbeiten
der Schriften Bernhards hat es K. nicht fehlen
lassen, aber man muß m. E. grundsätzlichen Zweifel
erheben, ob es gut und überhaupt möglich ist, Bernhards
Ansichten in ein wissenschaftliches System zu bringen.
Die Schriften des Heiligen zeigen in ihrer aphoristi-
sehen Art wenig wissenschaftliche Systematik, sein Le-

; ben war einerseits ganz der Mystik und Askese, anderer-