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Ausgabe:

1934 Nr. 1

Spalte:

286-287

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Zeitschrift für bayrische Kirchengeschichte ; VIII (3 u. 4) 1934

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 15/16.

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öffentlich verbrannt worden sind, ganz zu schweigen
von dem, was von katholischer Seite in der Gegenreformation
geschehen ist. Wenn man das in Betracht zieht,
dann muß man sagen, daß die Art, wie man in Zwickau
'die Franziskaner behandelt hat, im Sinn jener Zeit
durchaus nicht unduldsam war. Gewiß hat Luther nicht
sogleich die ganze Klarheit in diesem Punkt gefunden,
wobei übrigens doch nicht einer seiner starken Ausfälle
in den Tischreden als Beweis angezogen werden sollte,
wie D. tut (S. 158), aber der Standpunkt, den Luther
und die Visitatoreninstruktion 1527 eingenommen haben
, daß zwar in einem Land nicht zweierlei Kirchen
und Glauben nebeneinander sein können, aber die Andersgläubigen
nur des Landes verwiesen werden sollen,
ist weder im Augsburger Religionsfrieden noch im westfälischen
Frieden überholt worden. Und jedenfalls ist
zu Luthers Lebzeiten, soweit sein Einfluß reichte, niemand
wegen seines Glaubens hingerichtet worden. So
sind auch die Franziskaner in Altenburg und Zwickau
sieben Jahre lang wohl dringend ermahnt, bearbeitet,
bedroht, schikaniert worden, aber als sie nicht nachgaben,
durften sie frei abziehen und der Rat der Stadt reichte
ihnen noch einen Abschiedstrunk (S. 117), und daß sie
vorher nicht Mangel gelitten haben konnten, das beweist
ihre Hinterlassenschaft im Kloster, nämlich 6 Faß Bier,
Seiten Speck, 1' i geräucherte Ochsen, 1 Tonne
Butter, 2' = Tonnen Käs, 48 Betten, 64 Kissen, 19 Pfühle
, 15 Bettücher, 16 kleine Tischtücher, 10 Handtücher,
dazu 3 Bettücher voll Tischtücher, Handtücher und Betttücher
37 lange Tafeltücher, 2 Schock Tellertücher,
10 Handtücher, 60 Pelzdecken und noch vieles andere
(S. 118). Von den 18 Franziskanern, die 1525 Zwickau
verlassen mußten, traten einige, darunter der Guardian,
zum Luthertum über, die andern wurden mit Geld abgefunden
. Ob man da von „erbarmungsloser Unduldsamkeit
" (S. 168), die ganz auf Luthers Schuldkonto geschrieben
wird, reden kann?
Stuttgart. Ed. Lempp.

Zwingliarta. Mitteilungen z. Geschichte Zwingiis u. d. Reformation.

Hrsg. v. Zwingliverein in Zürich. 1933. Nr. 1 u. 2. (Bd. V Nr. 9 u.

10.) Zürich: Berichthaus 1933. (96 S. m. 2 Taf.) gr. 8°. je Fr. 1.50.
Seit 35 Jahren erscheinen die Zwingliana. Das gab
H. E s c h e r Anlaß zu seinem Vortrag über „Entstehung
und Entwicklung des Zwinglivereins". Von 1934 ab
ändert sich der Untertitel um in „Beiträge zur Geschichte
Zwinglis, der Reformation und des schweizerischen
Protestantismus". Diese Erweiterung des Arbeits-

febiets darf man mit Freuden begrüßen. Tr. Schieß
erichtet über den umfangreichen „Briefwechsel Heinrich
Bullingers" mit ca. 12 000 Nummern aus der Zeit von
1531 bis 1575, dessen Ausgabe er vorbereitet. Vorgesehen
sind ca. 30 Bände und ein Kostenaufwand von
ca. 3—400 000 fr. Möge das geplante Werk, das eine
reiche Ausbeute reformationsgeschichtlichen Stoffs verspricht
, glücklich erscheinen dürfen! L. von Muralt
gibt einen Protokollauszug über „das Gespräch mit den
Wiedertäufern am 22. Januar 1528 zu Bern", der die
seither allein bekannte Quelle aus der Feder des Kom-
thurs K. Schmid von Küsnacht in einigen Punkten berichtigt
. A n t.-E. Cherbuliez bespricht „das Gesangbuch
Ambrosius Blaurers und die Chronologie der in
der Schweiz gedruckten reformierten Gesangbücher des
16. Jahrhunderts". Das in Zürich auf der Zentralbibliothek
sich befindende Gesangbuch zählt 182 Lieder und
ist vermutlich Anfang der fünfziger Jahre des 16. Jh.s
bei Froschauer in Zürich veröffentlicht worden. Es enthält
Lieder von Schweizern, Oberdeutschen, Konstanzern,
Straßburgern und Norddeutschen, darunter von Blarer
9, von Luther 25. Es ist vielleicht der Vorläufer des
Züricher Gesangbuchs von 1570. Das Titelblatt trägt
die Notiz: „Mit einer kurtzen vorred Am. B.". Möglicherweise
ist es von Blarer in Biel zusammengestellt worden.

Horb. G. Boss er t.

Blätter für württembergische Kirchengeschichte. Im Auftrag d.

Vereins f. württ. Kirchengesch. hrsg. v. D. Dr. J. R a u s ch er. N. F.

37. Jahrg. 1933. Stuttgart: Chr. Scheufeie 1933. (260 S.) 8°.
Fr. Fritz setzt seine „Ulmische Kirchengeschichte
vom Interim bis zum 30 jährigen Krieg" fort und schildert
die oberdeutsch-schweizerischen Einflüsse und ihre
Bekämpfung durch Rabus und die Einführung einer
bürgerlichen Sittenzucht durch K. Dietrich nach dem Vorbild
von dessen hessischer Heimat, weiter die Opposition
der Schwärmer, der Wiedertäufer und Schwenck-
felder und spricht in einem besonderen Exkurs über Ulm
als Todesort Schwenckfelds. G. Bossert weist „Zur
Einfühlung der Tauf- und Ehebücher in Altwürttemberg
1558" nach, daß vor 1558 nur wenige Pfarrer teils im
Kampf gegen die Wiedertäufer, teils zur Kontrolle der
Eheordnung nach außerwürttembergischem Vorbild von
Straßburg und Nürnberg-Ansbach schon Kirchenbücher
führten, Herzog Christoph aber unter dem Einfluß der
sächsischen Generalartikel von 1557 und der Arbeit
an der Großen württ. Kirchenordnung den Befehl zur
Anlegung der Kirchenbücher zuerst in Böblingen, dann
um üeorgii 1558 fürs ganze Land gab. K. Endriß
zeigt, daß die Ulmer zu Unrecht die „Erstgebornen
Gustav Adolfs" heißen, da sie erst am 10. Okt. 1631
die politischen Beziehungen mit Gustav Adolf aufnahmen
, und daß Gustav Adolf nie in Ulm war. H. R o o s
schildert „Herzog Karl Eugen und seine Zeit im Urteil
M. J. Fr. Flattichs" auf Grund von Brief- und Tage-
buchnotizen; Flattich ist Seelsorger und Pädagoge mit
pietistischen und rationalistischem Einschlag, f O.
Leuze, der verdiente Stuttgarter Oberbibliothekar, hat
uns einen Bericht hinterlassen über „Eine Sammlung von
Swedenborg-Literatur in der Württ. Landesbibliothek in
Stuttgart", die aus dem Besitz eines nach Amerika aus
gewanderten Württembergers stammt, der schon in seiner
Kindheit von Swedenborg hörte, in Amerika ihn bekannt
machte, dort und in Deutschland um den Druck und
die Ausbreitung seiner Gedanken und Schriften sich bemühte
und gedruckte und uiigedruckte Werke Swedenborgs
, Biographien und Schriften über ihn sammelte.
O. Planck gibt einen Überblick über den „Sinn der
evangelischen Trauung im Wandel der Jahrhunderte mit
besonderer Berücksichtigung Württembergs" und fordert
für das neue Kirchenbuch eine Sinndeutung der
Ehe vom Evangelium her. O. Schuster berichtet „Aus
Gottlob Immanuel Brastbergers Nürtinger Amtszeit 1756
bis 1764" von seiner Predigtweise, der Stellung zum
Pietismus und Herrnhut, zu den ihm unterstellten Pfarrern
und Schulmeistern nach Synodalakten und örtlichen
Quellen. E. Schmid erzählt „Aus dem Leben einer
württ. Kleinstadt (Herrenberg) um das Jahr 1700" nach
den Kirchenkonventsprotokollen vom Gottesdienst, vier
Sittlichkeit, dem Aberglauben, der Schule, der Armenpflege
, dem Pietismus. Ein wenig glückliches Pfarrersleben
zeichnet f E. Baß ler in „Pfarrer Daniel Schmid,
1707—29 in Hirsau". Auch W. Gonser bestätigt
in seinem Aufsatz über „Gottlieb Andrea — ein Epigonenschicksal
" nur das Goethewort: „Weh dir, daß du
ein Enkel bist". T h. Wot schke gibt zur Geschichte
des Pietismus 9 Briefe, die „der Separatist Andreas
Groß in Eßlingen" an Francke geschrieben hat.
Horb. G. Bossert.

Zeitschrift für bayrische Kirchengeschichte. Im Auftrag d. Vereins
für bayr. Kirchengeschichte hrsg. von D. Dr. Karl Schornbaum.
VIII Jahrg. 3. u. 4. Heft. München: Chr. Kaiser 1933. (S. 129-
252) 8°.

K. Braun bringt den Aufsatz über den „Socinianis-
mus in Altdorf 1616" zum Abschluß. Er zeigt, mit
welcher Strenge der Nürnberger Rat die Socinianer zu
zwingen suchte, wie aber seine Maßnahmen der Zeit entsprechen
. Unter den Beilagen sind die Aphorismi contra
Photinianismum der Nürnberger Prediger und das Gutachten
der Universität Altdorf zu beachten. K.Münze 1
berichtet in Fortsetzung über „Mittelhochdeutsche Klo-