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Ausgabe:

1934 Nr. 1

Spalte:

280

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Frischmuth, Gertrud

Titel/Untertitel:

Die paulinische Konzeption in der Frömmigkeit Bernhards von Clairvaux 1934

Rezensent:

Lempp, Eduard

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Seite 1

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279

Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 15/16.

280

stin angelegt war. Dort liegt sachlich gesehen der
Schwerpunkt der Abhandlung. Das Vorhergehende ist
aber deshalb nicht nur Prolegomena. Vielmehr behandelt
der längste Abschnitt Cyprian.

So ist ein dreigliedriges Buch entstanden. Der erste
Abschnitt (S. 11—43) ist betitelt „Der Kirchenbegriff
Tertullians". Der Verf. bestreitet, daß sich Tertullians
Kirchenbegriff entwickelt habe. Der montanistische Ter-
tullian denkt über das Wesen der Kirche nicht anders als
der katholische. Schon für diesen war die Kirche Geistkirche
nicht göttliche Institution oder Anstalt sondern
Gemeinde, die Priester schieden sich „prinzipiell, religiös
und dogmatisch" nicht von den Laien (S. 27). Zu
Tertullians Zeit hat sich vielmehr die Kirchenidee gewandelt
: „Die Kirche wird aus der Gemeinde der Heiligen
zur Heilsanstalt" (S. 43).

Im zweiten Abschnitt (S. 44—116) ist das Thema
„Der Kirchenbegriff Cyprians". Es werden zunächst
die Anschauungen Cyprians über Apostolat und Primat
Petri im Anschluß an H. Koch dargelegt: die rein katholische
Deutung Cyprians wird abgelehnt und der Zusammenhang
mit Tertullian und Urchristentum hervorgehoben
. Cyprian hat trotz seiner hierarchischen Einstellung
urchristliche Ideen bewahrt — das beweisen z. B.
seine Ausführungen über die plebs credentium — und
er hat die Folgezeit bestimmend beeinflußt — nicht nur
die kirchliche sondern auch die donatistische. Er forderte
die Heiligkeit der Priester wie die Donatisten
und faßte die Kirche als Heilsanstalt wie die ganze
spätere katholische Kirche. Beide Parteien haben sich
deshalb auf ihn berufen. Interessant ist in diesem Abschnitt
auch die Unterseuhung über Schrift und Kirche,
wo der Verf. die These aufstellt und begründet, daß
traditio dominica bei Cyprian immer das NT. und nie
eine außerbiblische Tradition bezeichnet.

Der dritte und letzte Abschnitt (S. 117—174) ist betitelt
„Der donatistische Kirchenbegriff und seine Überwindung
durch Optat und Augustin". Es wird hier
dargelegt, wie der ursprünglich persönliche und kirchenpolitische
Streit zum Streit über die Kirchenidee wird,
und wie dieser Streit nicht zum Abschluß kommt, ehe
ein ganz objektivierter Sakramentsbegriff den Ausschlag
gab. Von vornherein stand nämlich der kirchlichen
ebenso wie der donatistisehen Partei fest, daß man die
Heiligkeit der Priester fordern müsse. Die Kirchenidee
war anfänglich hier wie dort dieselbe. Primär hat sich
nicht die Kirchenidee sondern der Sakramentsbegriff
gewandelt und dieser hat dann den Kirchenbegriff mit
sich gezogen. Die große Bedeutung Augustins liegt
darin, daß er diesen objektiven Sakramentsbegriff zur
Geltung gebracht hat und die Konsequenzen für
die Kirchenidee rücksichtslos gezogen hat. Zur Ruhe
ist der Streit aber auch durch Augustin nicht gekommen
. Dieser hat die Kircheneinheit gerettet aber
die Kirchenidee gespaltet und zwei Kirchenideen —
eine äußerliche, institutionelle und eine innerliche,
sanetorum communio — kämpfen fortan um die Vorherrschaft
. Die innere Spannung, die schon von alters
her bestand, ist anerkannt, ist in den Tag getreten und
eben dadurch — vorläufig — bewältigt. Ein Blick auf
die spätere Entwicklung schließt das Buch ab.

Der Abhandlung fehlt es nicht an großen Linien
und Einheitlichkeit, wenn auch die Hauptgesichtspunkte
nicht neu sind. Die Entwicklung der Kirchenidee wird
als „Objektivierung" verstanden. Im Großen und Ganzen
kann man dem zustimmen. Man muß aber darauf
achten, was man mit „Objektivierung" versteht. Es
kann sich darunter eine Vorstellung verbergen, die das
Urchristentum modernisiert und subjektiviert. Der Verf.
äußert sich allerdings nicht direkt über das Urchristentum
. Aber einige Andeutungen scheinen zu zeigen, daß
er jener Gefahr nicht entgangen ist. Das Objektive
kommt ja nicht von außen in die Abendmahlsvorstellung
hinein sondern ist schon von Anfang da — es ist nur
nicht isoliert. So findet man auch hier und da schiefe

Behauptungen wie diese: „Die Heiligkeit der Kirche
durfte nicht mehr abhängig gemacht werden von der
Heiligkeit aller ihrer Glieder" (S. 107). Nicht mehr?
Wann wurde die Heiligkeit der Kirche je „abhängig
gemacht" von der Heiligkeit aller Christen?

Die Darstellung ist klar. Die Behauptungen des Verfassers
in Bezug auf die behandelten Kirchenväter werden
durchwegs gründlich dokumentiert und die Texte
erhalten immer eine gut begründete Deutung.

Upsala. Olof Li n ton.

Frisch muth, Gertrud: Die paulinische Konzeption in der
Frömmigkeit Bernhards von Clairvaux. Gütersloh: C. Bertelsmann
1933. (111 S.) 8°. = Beiträge z. Förderung christl. Theologie,
hrsg. v. A. Schlatter u. W. Lütgert. 37. Bd, 4. H. RM 3.20.

Die Licentiatendissertation will nachweisen, daß die
Christusmystik bei Bernhard nicht, wie Ritsehl und Har-
nack meinten, hauptsächlich auf Augustin und nur etwa
im Punkt der Rechtfertigung auf Paulus, sondern daß
sie ganz auf Paulus sich gründe und zurückgehe (S. 15).
Sie geht davon aus, daß Bernhards Frömmigkeit kontemplativ
praktisch und nicht spekulativ theologisch zu
begreifen sei (S. 31) und sie findet diese Frömmigkeit
ausgedrückt vor allem in dem Kultus, in dem Bernhard
als Mönch völlig lebt und worin er das Mysterium der
Erlösung in dem liturgischen Geschehen des Jahres,
des Tages und der Messe ständig vergegenwärtigt sieht
S. 39, das sei auch der Punkt, in dem er sich innigst
mit dem Erlebnis des Paulus berühre S. 42; in der
Berührung mit Paulus, bei der die Kräfte des Liturgischen
wirksam waren, müsse für Bernhard der Funke
aufgestrahlt sein, der seine ganz religiöse Persönlichkeit
in ihrer Totalität erfüllen mußte mit der Glut, von der
auch Paulus allein leben konnte, in der Christusinnigkeit
S. 44. Daher komme es, daß Bernhard in Gebet,
Predigt, Brief, Traktat ganz in paulinischen Gedanken
und Zitaten lebe, daß er auch Johannes, die Psalmen
und Propheten in paulinisehem Sinn auslege. Diese
paulinische „Christinnigkeit" Bernhards wird dann aufgezeigt
in dem dreifachen Kommen Christi in der Vergangenheit
, Zukunft und Gegenwart, das ihm das Thema
, der ganzen Bibel und für dessen Verständnis Paulus
der Mittler, und das analog auch in der Kirche zu
finden ist. Dieser Nachweis wird in einer überwältigenden
Fülle von Zitaten aus Bernhard mit fortwährendem
Hinweis auf die dabei zugrundeliegenden Gedanken
und Zitate des Paulus geführt. Ich glaube, daß der mit

! großer Sorgfalt und Literaturkenntnis geführte Nachweis
gelungen ist, aber das Lesen besonders dieser Abschnitte
ist deshalb nicht erfreulich, weil die Zitate im Texte

( alle lateinisch gegeben sind, so daß der deutsche Text
fortwährend unterbrochen ist. Es sollte doch, auch in
einer Dissertation; die Regel festgehalten werden, daß
der Text soviel irgend möglich deutsch gegeben wird
und die fremdsprachigen Zitate in die Anmerkungen
verwiesen werden.
Stuttgart. Ed. L e m p p.

Thomas von Aquin: Die Deutsche Thomas Ausgabe.

Vollst., ungekürzte deutsch-lateinische Ausg. d. Summa Theologica
Übers, von Dominikanern u. Benediktinern Deutschlands u. Österreichs
. Hrsg. vom kath. Akademikerverband. Bd. 1.: Gottes Dasein
und Wesen. 2. Aufl. Salzburg: A. Pustet [1933]. (22 u. 554 S.) 8°.

RM 9— ; geb. 10 - ; in Subskr. RM 6.90; geb. 8—.

Man wird zunächst den Mut bewundern müssen,
der es wagt in einer Zeit des höchsten Aktivismus ein
I Werk herauszubringen, das zur gründlichsten Durcharbeitung
bestimmt ist, und das nach dem vorläufigen
Plane nicht weniger als 36 Bände umfassen soll. Man
wird freilich auch nicht bestreiten können, daß in einer
Zeit erhöhten Interesses für Thomas, das Bedürfnis
nach einer neuen deutschen Übersetzung besteht. Für
den, der nicht mit scholastischer Philosophie vertraut
ist, ist der lateinische Text ohne Übersetzung trotz des
einfachen Stils fast unzugänglich. Das wird jeder wis-