Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1934 Nr. 14

Spalte:

253-254

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rahe, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Johannes Lassenius (1636-92) 1934

Rezensent:

Uhlhorn, Friedrich

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

253

Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 14.

254

vollste erwies, ist M. in der Lage, einen wesentlich besseren
Text zu bieten. Angesichts der auseinandergehenden
Meinungen im germanistischen Lager bezüglich kritischer
Textgestaltung überhaupt freute es den Recensenten besonders
, hier ganz ähnlichen Grundsätzen zu begegnen,
wie sie auch für unser „Deutsches Bibel-Archiv" maßgebend
sind: bei aller Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse
der Sprachforschung, in erster Linie auf die
Lesbarkeit des literarischen Denkmals bedacht zu sein.

Das Gedicht von der „Erlösung" hat seine würdige
kritische Ausgabe gefunden. Nun müßte ein Kommentar
kommen, der die hier wie in einem Staubecken
zusammenfließenden einzelnen Ideen und Vorstellungen
in ihrer Entwicklung rückwärts und vorwärts verfolgte.
Aus Raummangel hat sich der Herausgeber auf wenige
Bemerkungen und Literaturangaben beschränken müssen.
Aber die „Erlösung" verdiente eine umfassendere Interpretation
. Ein paar Beiträge dazu mögen den Beschluß
dieser Anzeige bilden: 0

Zu den Epitheta der Maria sowohl wie zu der Betonung
des Wunderbaren bei Christi Menschwerdung
ist besonders auch Walthers Leich zu vergleichen:
swaz er noch wunders ie begie,
daz hat er überwundert hie.

Zu V. 115 f. „der himel ummeganc und der planeten
widervanc" lese man folgenden Satz des Isidor von
Sevilla: „Tanta celeritate caeli sphaera dicitur currere,
ut nisi adversus praecipitem eius cursum astra currerent]
quae eam remorarentur, mundi ruinam faoeret." —
Wolfram redet im „Wilehalm" vom „wider vähen" des
Himmels durch die Planeten. Die Vorstellung geht auf
die Antike zurück.

V. 797 ff. handeln von dem „mandelris . . . daz den
leiden appel druc", der die Menschheit verderbte, das
nun aber aufs neue süße Frucht tragen soll zu ihrem
Heil. Das spielt deutlichst auf die Kreuzholzlegende an.
Nach V. 2540 ff. scheint allerdings Verquickung mit
Aarons Staib (Num. 17) als Typus für Maria vorzuliegen.
Hamburg. Hans Vollmer.

Rahe, Lic. theol. Wilhelm: Johannes Lassenius (1636—92).

Ein Beitrag z. Gesch. d. lebendigen Luthertums im 17. jahrh. Gütersloh
: C. Bertelsmann 1Q33. (XI, 194 S.) gr. 8°. = Beiträge z.
Förderung christl. Theologie. Hrsg. von A. Schlatter u. W. Lütgert,
2. Reihe, Sammig. wiss. Monographien, 30. Bd. RM6 —; geb. 7.50.

Das abfällige Urteil, das Tholuck von seinem
pietistisch-unionistischen Standpunkt aus über das orthodoxe
Luthertum in der zweiten Hälfte des 17. Jahrh.
gefällt hat, hat bis in unsere Zeit nachgewirkt. In
fast allen Darstellungen der Kirchengeschichte wird es
wiederholt und selbst Hase und Lamprecht haben es
unbesehen übernommen. Es ist das Verdienst Laube's,
der als Erster diese Epoche gründlich wissenschaftlich
durchforscht hat, daß ein gerechteres Urteil über diese
Zeit möglich geworden ist. Dazu kann auch das Werk
von Rahe wichtige Dienste leisten. In Lassenius führt
es uns das Bild eines Wortführers und Vorkämpfers
lebendigen Luthertums in den genannten Zeitraum
vor Augen. Nach einem kurzen Überblick über das Leben
Lassenius' schildert er ihn als Theologen der lebendigen
Orthodoxie, als Mann der Praxis, als Erbauungs-
schriftsteller und als Führer zu einer Erneuerung der
lutherischen Kirche. Die Theologie L.'s, stellt Verf. m. E.
zu ausführlich dar. Sie unterscheidet sich in keiner
Weise von der anderer führender Männer seiner Zeit.
L. ist ganz vorwiegend ein Mann der Praxis und seine
Theologie ist von seinem praktischen Interesse — Erneuerung
der Kirche — beherrscht. In der eingehenden
Schilderung der praktischen Tätigkeit L.'s (3. u. 4. Kapitel
) liegt der Hauptwert des Buches von Rahe, das
mit dazu dient, ein richtigeres Bild von der lutherischen
Orthodoxie des 17. Jahrhunderts zu geben, als es bisher
unter dem Einfluß pietistischer Urteile bisher bestanden
hat.

Wir, die wir heute vor der großen Aufgabe der Erneuerung
unseres Volkes stehen, gewinnen wieder mehr
Verständnis und gerechte Würdigung, der Riesenarbeit,
welche die lutherische Orthodooxie in und nach dem
dreißigjährigen Kriege geleistet hat. Holl hat schon
eindringlich darauf hingewiesen. Eine Reihe von hervorragenden
Kirchenleitern haben schon während des
Krieges auf Grund eingehender Visitationen die Grundzüge
für eine Neuordnung der zerrütteten kirchlichen
Verhältnisse und religiöse Erneuerung des Volkes entworfen
und mit Hilfe des absoluten Fürstenregiments
durchzuführen gesucht. Und ein Blick in die Pfarrarchive
— die eine noch viel sorgfältigere Durchforschung
und Beachtung verdienen — zeigt, wie treu
viele einfache Pfarrer unter den größten Schwierigkeiten
an der religiösen und sittlichen Erneuerung ihrer Gemeinden
gearbeitet haben. Der Pietismus hat in vielen
Stücken diese Arbeit nur fortgesetzt und als sein Verdienst
in Anspruch genommen, was die lebendige Orthodoxie
geschaffen hat.

Hann.-Münden. Fr. Uhlhorn.

Schmidlin, Josef: Papstgeschichte der neuesten Zeit. l.Bd.:
Papsttum u. Päpste i. Zeitalter d. Restauration (1800 — 1846). München :
J. Kösel u. F Pustet 1933. (XXX, 708 S. u. 4 Bildn.) Lex. 8°.

RM 27— ; geb. 30- ; in Subskr. RM 24— : geb. 27—.
Der Verfasser bewegt sich bewußt und zielstrebig in
den Bahnen Ludwig von Pastors, dessen Geschichte der
Päpste von Paul III. bis Pius VI. mit dem Jahre 1799
abschließt. Schmidlin, der zu dem engsten Mitarbeiterkreise
Pastors gehörte, „weit entfernt, auch nur negativ
durch Verschweigen oder Beschönigen minder rühmlicher
Tatsachen apologetischen Tendenzen zu verfallen
", will bemüht sein, „unter objektivster Verteilung
von Licht und Schatten die Päpste unserer modernen
Zeit in die kirchliche wie allgemeine Gesamtentwicklung
hinein zu stellen". Der Verfasser ist sich dabei der
Kritik, die gegenüber Pastor laut geworden ist, bewußt
und man darf annehmen, daß er sie berücksichtigen
wird. —

Der vorliegende erste Band umfaßt die Pontifikate
Pius' VII (1800—1823), Leos XII (1823—1829), Pius'
VIII (1829/30) und Gregors XVI (1831 — 1846), er führt
also von den Tagen der napoleonischen Herrschaft bis
an die Schwelle der Märzrevolution. Das Werk zeichnet
sich aus durch lebendigen Fluß der Darstellung,
gründliche Verarbeitung von Quellen und Literatur und

— trotz Anhäufung zahlreicher Einzelheiten und Kleinigkeiten
— geschickte Herausarbeitung kirchengeschichtlicher
Höhepunkte von weltgeschichtlicher Bedeutung.
So sind die Kapitel, die die Beziehungen zwischen
Pius VII. und Napoleon I. schildern, die der Wiederankurbelung
der eingeschlafenen Weltmission gewidmet
sind, oder in denen die Versuche päpstlicher Anknüpfungen
in Rußland behandelt werden, von besonderem Reiz.

Wichtiger aber erscheinen uns jene Kapitel, in denen
die Beziehungen der Kurie zu den deutschen Staaten,
insbesondere zu Preußen geschildert werden, wo die
beiden wichtigsten Probleme: Mischehe und Konkordat
zur Erörterung stehen, etwa in den Seiten 206—270, besonders
239—247 und S. 567—585. Und da muß dann
leider gesagt werden, daß diese Abschnitte unsere Kenntnis
auf diesem Gebiete nicht erweitern, daß sie zwar
die Materien in aller Vollständigkeit heranziehen und
die Darstellung auch eines gewissen Reizes nicht entbehrt
, daß über die akatholischen Regierungen und ihre
Maßnahmen aber in einem Tone geschrieben wird, der
nach dem Ende der Zentrumsherrschaft in Deutschland

— zumal in deutscher Wissenschaft — nicht mehr erlaubt
sein darf. Protestantische Beamte werden a priori
intolerant genannt (239) und die höhere Beamtenlaufbahn
wird als den Katholiken in Preußen verschlossen
bezeichnet (ebenda). 1815 wurde „der chaotische
Wirrwarr noch gesteigert durch kirchenknechtende Er-

l lasse" (S. 240), „durch schamlose Vergewaltigung der