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Ausgabe:

1934 Nr. 13

Spalte:

229-232

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Otto, Rudolf

Titel/Untertitel:

Reich Gottes und Menschensohn 1934

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 13.

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A. T.'s (eine Sammlung verschiedener Teile und Para- Johannes vor dem des Markus und Matthäus zu be-

graphen von Kennetts Schriften unter besonderer Be- Vorzügen, wie er ja auch seine Übereinstimmung mit

mutzung des Kapitels „Einige hebr. Idiome im A. u. Bultmann gerne einmal eingesteht

N.J." (in „In unsern Sprachen'' London 1907] und des I Niemand wird sich wundern, daß Otto in den Reli-

Aufsatzes „Frühe Ideale der Gerechtigkeit" [ im Aus- , gionSgeschichtlichen Abschnitten sehr weit aufEinze

feger« Edingburgh 1907] ; 5. Alttest. Parallelen zu : jjes ht; in diesen mü™; f die listen LeSer

Christus und den Evangelien (aus einem Artikel ,m < wie aucg ich sich schlechthin ^ FüLTia überlassen'

Hibbert Journal Okt. 1906) ; 6. Das letzte Abendessen Es dürfte ihm gelungen sein, Analogien be "dem Reichs-

(zuerst veröffentlicht 1921 Cambridge). Diese Themen b iff in der%iten arischen TheoLgie au Wesen

können so arrangiert werden: a) die Auslegung der , Id£ die an Jesus durch die spätjüXhe oShTsam-

b.bl.schen Sprache mit besonderer Beziehung auf Me- ■ keit v'ermittelt sein werden. Bei dem Namen MensS

tapher und Symbolik sowie auf die Ideen des Opfers; 1
b) die verschiedenen und wechselnden Haltungen des
A. T.'s gegenüber dem Opfer, ihr historischer Hintergrund
und die Rekonstruktion der Geschichte mit ein
geschlossen; c) die innere Verbindung beider Testamente
hinsichtlich der Gegenstände, Grundsätze der Auslegung
und die Bedeutung der Propheten, kulminierend in Jesus
von Nazareth. Das Buch enthält nichts, das von deutscher
Seite nicht schon längst gründlicher und überzeugender
dargelegt wäre. Es vermag auch nicht den
Wunsch nach der Drucklegung des noch unveröffentlichten
, in der Bibliothek des Queen's College in Cambridge
aufbewahrten Materials aus der Feder Kennetts, darunter
seine Studien des hebr. Textes der Psalmen, Hiobs usw.,
anzuregen.

Scrock (Polen). F. K. J o n a t.

Otto, Rudolf: Reich Gottes und Menschensohn. Ein religionsgeschichtlicher
Versuch. München: C. H. Beck 1934. (VII, 348 S.)
gr. 8°. RM 9—; geb. 12.50.

Das jüngste Buch von Otto verdient es meines Er-
achtens, so hoch eingeschätzt zu werden, wie das über
das Heilige, dem er sein unbestrittenes Ansehen als
Religionsgeschichtler verdankt. Hier erweist er sich als
einen Meister auf dem Gebiete der N.T.lichen Wissenschaft
; ich wage es, diese meine letzte Rezension mit
dem Wunsch zu begleiten, daß die reichen Güter, die
uns Otto's Gelehrsamkeit und Schauungskraft hier bietet
, sich ebenso durchsetzen wie seinerzeit die Thesen
über das Heilige.

Es ist zwar nicht leicht, den literarischen Typus
zu finden, von dem dieses Werk ein Exemplar darstellt.
Der Titel sagt über seinen Inhalt zu wenig aus —
wir empfangen hier viel mehr als die umfassende Darstellung
von Abstammung und Ausgestaltung zweier
Hauptbegriffe des Evangeliums — Leben Jesu oder
Lehre Jesu besagen zu viel; vielleicht würde „Persönlichkeit
und Lebenswerk Jesu" am besten andeuten,
worin die neue Stellung dieses Buches zu suchen ist.
Es sind das nicht die zahlreichen Einzelheiten, die in
den 3 ersten Abschnitten (A, B, C) mitgeteilt werden,
so bedeutsam sie sein mögen, noch weniger natürlich
die 5 Beilagen (S. 331—48), meist Nachträge zu
Teil B, sondern die in Teil D zusammengefaßten Gedanken
über Gottesreich und Charisma, bzw. Jesus als
Charismatiker. Otto stellt sich hier in entschiedenen
Gegensatz gegen die zur Zeit herrschende Richtung
der Leben-Jesu-Forschung, er kämpft, zuweilen sogar
scharf, gegen die Eschatologisten (Joh. Weiß, Alb.
Schweitzer) und gegen den Skeptiker Bultmann, der
das Meiste von der evangelischen Überlieferung als
Produkt der Gemeindetheologie ansehen zu müssen
meint. Großen Raum füllt bei ihm der Nachweis des
bei dem Charismatiker Jesus Möglichen; er läßt es
nicht an glaubhaften und lehrreichen Beispielen ähnlicher
Wundertaten aus anderen Gegenden fehlen, z. B.
Sufis und Blumhardt-Bad Boll. Daß zusammen mit
den richtig gewürdigten charismatischen Taten die angezweifelten
Worte Jesu eine vortreffliche Einheit bilden
, wie beide unter sich ein ausgezeichnet einheitliches
Bild ergeben, bringt Otto als Hauptbeweis für
seine überwiegend positive Stellung zu der synoptischen
Überlieferung bei; übrigens scheut er sich nicht, z. B.
S. 319 ff. in der Seewandel-Perikope, den Text des

söhn hält er die persische Vorlage (Zarathusfra) für
unverkennbar; die spätjüdische Henochapokalypse arbeitet
mit diesen persischen Begriffen ebenso zweifellos
wie Jesus wieder ihre Vorstellungen sich zum guten
Teile angeeignet hat. Otto glaubt sogar, daß Jesus
das Henochbuch selber gelesen hat (S. 331 ff.), und
warum sollte denn nicht, wenn auch ein leises Vorurteil
in uns gegen solche Thesen streitet, Jesu die Lektüre
anderer religiöser Bücher neben den heiligen des A.T.
zugetraut werden. Wie wenig O. Jesus damit zu einem
Abschreiber stempelt, geht aus jedem Satz hervor, mit
dem er seine Hauptthese verteidigt, daß das eigentlich
bzw. großartig Neue in Jesu Evangelium an dieser
Stelle die Verbindung zwischen Henoch und Dt.-Jes;ija
ist, die Herausarbeitung eines eigenen Messiasbegriffs
aus den beiden Begriffen des parsistischen Henoch -
Menschensohns und des prophetischen „leidenden
Knechts Jahves". Für den Messias, den die Juden
erwarteten, hat sich Jesus nicht von seinem ersten Auftreten
an gehalten oder gar ausgegeben; im Evangelium
haben wir in der Scene von Cäsarea, dem Bekenntnis
des Petrus zu Jesus als den Christus, den Sohn des
lebendigen Gottes (Mth. 16,15 ff.) die Grenze zwischen
der ersten größeren Hälfte von Jesu Wirksamkeit, der
des bloßen Charismatikers, von der des Messias, der
das verheißene Himmelreich in seinem „Schon-Anbruch"
auf die Erde bringt, und damit eine neue Zeit, die letzte,
einleitet. Vortrefflich wird der Unterschied zwischen
Jesus und dem Täufer Johannes dargestellt; von Übertreibungen
bezüglich der messianischen Ansprüche Jesu
an das Volk hält Otto sich und seine Leser frei. Seine
Stellung zu den Pharisäern charakterisiert er durch den
Satz S. 93: „Jesu Predigt ist, zeitgeschichtlich angesehen
, eine Reaktion gegen die emporkommende Richtung
und vordringende geistige Methode der Farisäer.
Sie ist Antifarisäismus." Otto weiß sie nicht besser
zu verdeutlichen, als durch die Auslegung von Marc.
10,15 c. parall., ein Meisterstück von Exegese, wie solche
gerade bei Jesus Worten in Otto's Buch häufig begegnen
. Ich rechne dahin, außer einigen Stellen in der
Abendmahlsperikope, die meisten der Gleichnisse, die O.
zur Verdeutlichung des Reichsbegriffes bei Jesus heranzieht
. Ich kann ihm zwar hier nicht durchweg beistimmen
, z. B. nicht bei der so verführerischen Auslegung
von Marc. 4, 26—29 als ursprünglicher Fortsetzung von
4,3—8: auf das olwi; in v. 26 dürfte Otto da doch zu
viel bauen. Ist die griechische Überlieferung dieses
Wortes sicher genug, um daraus so starke Schlüsse zu
ziehen? Und gilt das gleiche Bedenken nicht an Stellen,
wo ein ydo über den Sinn entscheiden soll? Oder gar,
wo wie Luc. 22, 29 ein xa( in xwyw den ursprünglichen
Zusammenhang mit v. 19 a sichert? Immerhin bekenne
ich gern, auch auf diesem meinem Spezialgebiet mancherlei
und freudig von O. gelernt zu haben. Nur eins
muß ich unbedingt bestreiten, die Möglichkeit nämlich,
daß Jesus, da wo er über die Gleichnisse als Lehrmittel
zu seinen Jüngern zu reden gezwungen ist, das Wort
in verschiedenem Sinne gebraucht hat, als aufklärendes
Gleichnis und als Rätsel (S. 71 f.), jenes
in Marc. 4,33, dieses in der Urform von 4, IIb:
„den andern aber (nämlich denen, die stumpfen Sinnes
und blöden Auges sind) bleibt alles (was ich vom
Himmelreich sage) ein Rätsel, ein Unverstandenes und
Unbegriffenes." Bei mir regt sich ein natürlicher Wider-