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Ausgabe:

1934 Nr. 13

Spalte:

228-229

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kennett, Robert H.

Titel/Untertitel:

The Church of Israel 1934

Rezensent:

Jonat, Friedrich Karl

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Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 13.

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sätzlich ist zu sagen: es ist natürlich durchaus möglich
, auf solche Weise Vermutungen aufzustellen und
Traditionen zu erschließen, die in einem früheren Stadium
vorhanden gewesen sein können. Die Sache wird
aber mit dem Augenblick bedenklich, wo nach diesen Gesichtspunkten
Texte durcheinandergewirbelt und neu hergestellt
sowie Konjekturen, Glossen und Streichungen
nach Gutdünken vorgenommen werden. Das geht über
das Maß des Zulässigen und Möglichen hinaus. So
verlockend derartige Textbildungen, richtiger eine derartige
Neuschreibung des AT, für einen geistreichen
Kopf — und den hat der Verf. — auch immer sein
mögen: hier sind die Grenzen der Wissenschaft überschritten
. Was so als „ursprünglicher Text" ermittelt
wird, ist bestenfalls eine von zahllosen anderen
Möglichkeiten.

Aber sehen wir einmal von der Wiederherstellung
der „ursprünglichen Texte" im einzelnen ab, so bleibt
doch noch das „Ergebnis" übrig, was ja nicht notwendig
und in allen Dingen von jener Einzelanalyse abhängig
zu sein braucht. Für das sich hier ergebende
Bild von Samuel wird der theokratische Grundcharakter
der Tradition als entscheidend hingestellt, der auch
in der späteren Entwicklung der Überlieferung der
gleiche geblieben ist. In der älteren Schicht tritt Samuel
als der Jahwe-Eiferer hervor. Die zweite Schicht
erweitert das zu dem Bilde des Richters, der orakelkundig
und mit priesterhaften Zügen ausgestattet gedacht
ist. Der dritten (in dem Mizpa Gedaljas zu lokalisierenden
!) Schicht ist allerlei Stoff zugewachsen, z. B.
die Kindheitsgeschichte. Samuel wird hier zum Führer
und Prediger. Mit der vierten Schicht ist dann im wesentlichen
das Zusammenwachsen zum heutigen Text
bezeichnet. Durchgehend bleibt der „religiöse Grundgedanke
", der nur in den verschiedenartigen Charakterisierungen
des Gottesmannes verschieden gespiegelt
wird. Bei alledem erkennt H. die priesterliche Art
Samuels als hauptsächlich hervortretend; Samuel ist ihm
der Vertreter des „echten levitischen Typus". Dieser
Gedanke ist beachtlich, besonders auch für die Diskussion
über die Geschichte des Levitentums. Man wird
zugeben können, daß H. hier — wenn auch die exakte
und exegetische Begründung nicht als gelungen anzusehen
ist, wohl auch nicht gelingen kann — instinktsicher
und mit historischem Takt ein eindrucksvolles
Verständnis der frühen Samueltradition vermittelt hat.
Durchaus für fraglich ist indessen die zeitliche AnSetzung
seiner Schichten zu halten. Hier wie überall
wünschte man dem Verf. mehr Vertrauen in die Überlieferung
und — mehr Kritik an den eigenen Erkenntnissen
.

Sehr viel undeutlicher ist das Bild, das sich aus
H.s Methode von Saul ergibt. „Es hieße ein vergebliches
Unterfangen, eine vita Sauli zeichnen zu wollen" (S.
252). Der Stoff ist durch Sondertraditionen verdrängt
und entstellt: eine jerusalemische über Jonathan, der
(in 1. Sam. 13f.) den Vater an die Seite gedrückt hat,
die Jabeserzählung, eine Einzelsage mit mythischer Vorgeschichte
— hier kommt auch noch ein Teil der jetzt
um Jephta gruppierten gileaditischen Heldensage mit
hinein —, die benjaminitische Samueltradition sowie eine
in nur spärlichen Resten erhaltene danitische Sondertradition
haben hier gestaltend gewirkt. Innerhalb
dieser letzteren wird, durch Seitensprünge nach Jud.
17 f. und 2. Sam. 20, erschlossen, daß die israelitische
Stadt Abel Beth Maaka sich der Urheberschaft der
nationalen Befreiung durch Saul rühmen darf (1. Sam. 11
wird kein historischer Wert beigemessen). In sprunghaften
Kombinationen wird von Sela' auf Sor'a, von
Saela1 harimmon auf den rimmon bei Geba' übergegriffen
, Danitisches und Benjaminitisches zusammengebracht
; in der von den Daniten neugegründeten Kolonie
Abel Beth Maaka (der Levit von Jud. 17 f. ist „der
danitische Samuel", S. 265) wird die „Verschwörung"
gegen die Philister Tatsache und Saul der charismatische
Führer, der von dort aus die Philister besiegt;
dann erfolgt die Übersiedlung nach Gibea.

In der Tat hat H. recht, wenn er im Anschluß daran
sagt, daß „uns die Art und Entwicklung der Traditionen
über die Grundzüge der Geschichte Sauls kein
eindeutiges Bild zu geben" vermag!! Es dient zur
Beruhigung des Lesers, wenn er alsdann den Verf.
in das solide Fahrwasser Alfs einmünden und ihn sich
dessen grundlegende Bemerkungen über den charismatischen
Ursprung des Königtums Sauls zu eigen machen
sieht. Daran schließen sich Ausführungen, die ,die

; israelitische Staatenbildung der saulidischen Epoche vom
Gesichtspunkt der religiösen oder kultgeschichtlichen In-

j teressen aus zu beleuchten versuchen". Hier möchte ich
besonders auf den Gedanken von der „Reaktion der
alten Stammesheiligtümer" (S. 271) aufmerksam machen.
Die Gesamtentwickelung der Traditionsgeschichte sieht
H. so, daß weder der Held Saul noch der fromme Samuel
, vielmehr die Jerusalemer Lade schließlich die
erste Stelle eingenommen hat. Diese stammt übrigens,
wie in einem sehr wenig einleuchtenden Sonderabschnitt
ausgeführt wird, aus dem philistäischen Gat; erst durch
David wird der ursprünglich philistäische aron haelohim

[ zum aron jahwae. Silo hat demgemäß nichts mit der
Lade zu tun, vielmehr liegt hier ein Zusammenwachsen
mit dem zum ephraimitiscnen Stammesheiligtum Sichem-

j Silo gehörenden aron des Joseph vor.

Der Schlußabschnitt schildert den Werdegang des
literarischen Komplexes. Der traditionsgeschichtliche
Weg beginnt mit den außerjerusalemischen Sondertraditionen
. Anatot (der Kreis um Ebjatar) ist für die
weitere Tradierung der Hauptort gewesen. Das ist die
„jahwistische" Schicht. Die „elohistische" setzt nach
722 ein, als die Traditionen aus dem zerstörten Nordreich
nach Süden kamen und sich hier mit den deuterono-
mischen Reformideen vereinigten. So entstand die „deu-
tero-elohistische" Richtung (S. 307), aus der heraus
dann das Deuteronomium als Reichsgesetz in Mizpa
von Gedalja proklamiert worden ist.

Wie man sieht, mangelt es dem Buch nicht an anregenden
Gedanken! Der Verf. hat dazu mit großem
Fleiß und einer im allgemeinen umfassenden Belesenheit
die Quellen und die Literatur verarbeitet. Trotzdem
man seinen kühnen Gängen immer wieder mit
Kopfschütteln zusehen muß, wird man sein Buch doch
als eine beachtliche Erscheinung der alttestamentlichen
Literatur bewerten dürfen. Es ist nur schade, daß die
Originalität und der Schwung der Ideen des Verf.s
in der Haltlosigkeit und Willkür seines Experimentierens
ihr Gegenstück haben. Dadurch bringt er sich selbst
weithin um die Wirkung, die ihm sein Fleiß und Scharfsinn
sonst wohl verschaffen könnten.

Caldern (Marburg). H. W. Hertzberg.

Ken nett, Robert Hatch, D.D.: The Church of Israel. Edited
with an Introduction by S. A. Cook. London: Cambridge University
Press 1933. (LVI, 249 S. mit 1 Bildn.) 8°. 12 sh. 6 d.

Wer etwa von K. L. Schmidt, Die Kirche des Ur-

i Christentums (1Q32), oder von Erich Förster, Kirche
wider Kirche (Theol. Rundsch. 1932, S. 130ff.), herkommt
, wird mit gierigen Händen nach Kennetts Buch

; greifen und es — enttäuscht weglegen. Über das Wesen
der Kirche Israels erfahren wir schlechterdings nichts.
Zunächst folgt auf die 7 Seiten lange Vorrede des Her-

I ausgebers eine 39 Seiten lange Einführung in das Leben
und in die Theologie des 1932 verstorbenen Professors

i des Hebräischen an der Universität in Cambridge Robert
Hatsch Kennett, den wir in der R. G. G. vergeblich
suchen. An eine Auswahlliste der Werke Kennetts reihen
sich dann folgende Essays Kennetts: 1. Israel (zuerst
erschienen 1914 in Hastings Enyclopaedia of Religion
and Ethik); 2. Der Ursprung des Deuteronomiums (zuerst
dargelegt 1905, veröffentlicht 1906); 3. Opfer (ver-

j öffentlicht 1924 als Nr. 5 des Handbuchs der Kirche

i von England); 4. Die Grammatik des Studiums des