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Ausgabe:

1934 Nr. 11

Spalte:

206-207

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Theologicae Dogmaticae Manuale ; 2 1934

Rezensent:

Jelke, Robert

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Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 11.

206

an dem betonten Ziele dieser Lese, einen ersten Hinweis
auf die Gestalt des Sprachmeisters Luther zu geben.
Damit ist das scheinbar Auseinanderstrebende ineinandergefügt
und die Möglichkeit gegeben, daß die Durcharbeitung
des vorgelegten Materials über das Impressionistische
hinaus zum Ein-Druck führt.

Die Stücke sind größtenteils geschickt aus der Masse
herausgegriffen und zum Ganzen gefügt. Vor allem
nötig für die sprachliche Behandlung Luthers war die
Bereitstellung einer brauchbaren Reihe von Übersetzungsstücken
. Hier ist auch das Vergleichsmaterial aus der
vorlutherischen Bibel (bezw. Steinhöuel) und eine für
die Hand des Lehrers nicht überflüssige Einführung
in das gegenwärtige wissenschaftliche Gespräch über
„Luther als Übersetzer" hinzugefügt. Überhaupt können
die knappen Einleitungen und Noten zu den ausgewählten
Stellen als Erleichterung der Schularbeit gelten.

Im Einzelnen wird diese wie jede Auswahl Anlaß zu
Ergänzungs- oder Streichungswünschen bieten. Ungern
vermisse ich etwa (trotz des beigegebenen „Sendbriefs
vom Dolmetschen") unter den Übersetzungsproben Paulus
ganz, ungern unter den Liedern „Erhalt uns Herr..",
während man die tagesgeschichtliche Märtyrerballade
hier wohl hätte entbehren können. Und ebenso sollte
vielleicht gerade unter dem Gesichtspunkt der ja im
letzten immer theologisch bedingten Innerlichkeit, der
Zartheit, Kraft und Leidenschaft der Luthersprache die
eine oder andere Stelle aus den theologischen Schriften
nicht fehlen, die die inneren Gedanken und Kämpfe
<les Reformators aussprechen. Ich denke etwa an den
„Sermon v. d. gut. Werk.", an „Von der Freiheit eines
Christenmenschen" oder das „Magnificat".
Göttingen. Werner Kohlschmidt.

Günther, Hans R. Q.: Jung-Stilling. Ein Beitrag zur Psychologie
d. Deutschen Pietismus. München: E.Reinhardt 1928. (186 S.) gr. 8°.

RM 6.50; geb. 8.50.

Es ist ein erfreuliches Zeichen des Interesses, wenn
von philosophischer Seite religiöse und theologische Probleme
erörtert werden. So ist auch die gründliche und
gelehrte Arbeit Günthers über Jung-Stilling und den
Pietismus dankbar zu begrüßen. Sie stellt den Pietismus
in den großen geistesgeschichtlichen Zusammenhang
des religiösen Lebens hinein. Zur Erhellung der
Problemlage dient die methodologische Untersuchung,
die die von Dilthey hervorgehobene Tatsache zum Ausgangspunkt
nimmt, daß alles geistige Leben in zwei
parallel laufenden Linien sich vollzieht, einerseits der
psychologisch-subjektiven des persönlichen Erlebens und
andrerseits der sachlich objektiven, welche die überpersönlichen
geistigen Zusammenhänge aufweist. Auf
das Gebiet der Religion angewendet, ergibt sich ein
frömmigkeitsgeschichtliches und ein dogmengeschichtliches
Verstehen der religiösen Erscheinungen. Der Verfasser
macht darauf aufmerksam, daß die Theologie in
ihrer Arbeit fast ausschließlich die objektiv-sachliche
Seite habe zur Geltung kommen lassen, während die
Geschichte der eigentlichen Frömmigkeit in den Hintergrund
gestellt worden sei. Um diesem Mangel abzuhelfen
und „einen ersten Grundstein zu einer künftigen
Gesamtpsychologie des pietistischen Typus zu legen",
hat der Verfasser sein Buch geschrieben.

Er stellt sich die Aufgabe, mit den Mitteln der auf
philosophischer Seite von Dilthey und Spranger, auf
theologischer von Wobbermin zur Anerkennung gebrachten
Strukturpsychologie, welche die geistigen Objektiva-
tionen nach ihrer psychologischen und sachlichen Struktur
zu verstehen lehrt, die Frömmigkeit Stillings zu
untersuchen und auf ihren Gehalt und Wert zu prüfen.

An der Hand von St.s Selbstbiographie macht er den
Leser mit St.s Jugendentwicklung bekannt, wobei der
Vf. dessen sogenanntes Büß- und Bekehrungserlebnis in
Anlehnung an das Franckesche eingehend analysiert
als dessen Ergebnis sich in ethischer Beziehung die
Selbstauslösung des eigenen Willens und in religiöser

Beziehung die völlige Hingabe an den Willen Gottes
kundgegeben habe. Diese letztere habe bei St. dazu
geführt, daß ihm äußere, ich-fremde Zeichen und Momente
, von St. als göttliche Hinweise gedeutet, ihm zum
Anlaß z. B. der Erlernung der griechischen Sprache
und zur Ergreifung des medicinischen Studiums geworden
seien, wobei die Zwecklosigkeit des Unternehmens
die Göttlichkeit dieser mystischen Eingebungen bestätigt
habe. Der Vf. sieht darin den Ausdruck seelischer
Gebrochenheit und innerer Gespaltenheit, eines
tiefen Sündenbewußtseins, in dem sich die Unsicherheit
des pietistischen Lebensgefühls offenbare. Diesem
Sündenbewußtsein stehe andrerseits ein übertrieben starkes
Selbstbewußtsein gegenüber, das seinen bewußten
Ausdruck in den Aussagen und Erklärungen des „Grauen
Mannes" finde, einer allegorischen Gestalt, die St. in
seiner religiösen Zeitschritt als Repräsentant autoritativen
christlichen Wahrheitszeugnisses auftreten läßt und
die er zum Träger seiner eigenen prophetischen Ansprüche
mache. In der Untersuchung über die Frage, ob
St. eine wahre Liebesnatur gewesen sei oder sich von
egoistischen Motiven habe leiten lassen, kommt Vf. zu
dem Ergebnis, daß letzteres der Fall sei. Er sieht in
der Eitelkeit den Kernpunkt der Seele St.s, aus der sein
ganzes Wesen und Handeln zu verstehen sei. Sein
Dienst am Nächsten sei kein reines Opfer gewesen, sondern
durCh ehrgeizige Hoffnung auf Lohn verfälscht.
St. habe sein Selbst nicht opfern können, da er es nicht
gehabt habe; er habe sich von seinem Selbst abgewendet
und es gehaßt; darum habe er sich aus eigener
Not den anderen Menschen zugewendet.

Wir können uns dieser Beurteilung St.s nicht ohne
Vorbehalt anschließen. Gewiß soll nicht bestritten werden
, daß bei einem Mann, der aus den einfachsten Verhältnissen
stammend, bis in die höchsten Gesellschaftskreise
aufstieg und dessen Lebensarbeit von beispiellosem
Erfolge gekrönt war, die Versuchung zur Selbstgefälligkeit
nahe lag und St. dieser Schwäche seinen
Tribut gezahlt hat. Aber es geht nicht an, sie zum
Zentrum seiner Seelenstruktur zu machen und sowohl
sein religiöses Selbstbewußtsein, wie seine unermüdlich
und selbstlos geübte augenärztliche Praxis und sein
evangelistisches Wirken aus dieser Schwäche abzuleiten.
Auch den Äußerungen der Frömmigkeit St.s ist der Vf.
nicht ganz gerecht geworden. Es ist gewiß wunderlich,
wenn St. auch in scheinbar unbedeutenden Ereignissen
die leitende Hand Gottes sucht und findet. Aber wo
soll man die Grenze ziehen, bis zu der es St. erlaubt
sein soll, die göttliche Führung anzuerkennen?

Vf. erschwert sich das Verständnis der Frömmigkeit
St.s dadurch, daß er sie von seinem philosophischen
Standpunkt religiöser und sittlicher Autonomie aus beurteilt
und den von Wobbermin geltend gemachten Gesichtspunkt
außer acht läßt, daß man fremdes religiöses
Leben nur von der eigenen religiösen Erfahrung aus
verstehen kann, wenn man nicht zu einseitigen Urteilen
kommen will. Das ist angesichts der im übrigen sehr
gründlichen und an Anregungen äußerst reichen Arbeit
des Vf.s zu bedauern.

Bärwalde N. M. P. Knothe.

Theologicae Dogmaticae Manuale. Quod secundum prineipia
S. Thomae Aquinatis exaravit Franciscus D i e k a m p. Juxta editionem
sextam versionem latinam curavit Adolphus M. Hoff mann O. P.
Vol. II • De deo Creatore, de redemptione per Jesum Christum.
Tournai': Desclee & Cie. 1933. (IX. 454 S.) 8°. Fr. 7—; geb. 9.80.
Die Übersetzung von Diekamps großem Werk
„Katholische Dogmatik" aus der deutschen Sprache in
die lateinische Sprache, d. h. in die offizielle Sprache
der Kirche nimmt rüstig ihren Fortgang. Auf den ersten
Band, der die Einführung in die Dogmatik und die Lehre
von Gott enthielt, ist der zweite gefolgt, der die Lehre
von Gott und dem Schöpfer und die Lehre von der
Versöhnung durch Jesum Christum bringt. Wer das
Werk, das in der übersichtlichen Anordnung, in der
i die einzelnen Paragraphen erscheinen, vor sich sieht,