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Ausgabe:

1933 Nr. 6

Spalte:

105-106

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Steubing, Hans

Titel/Untertitel:

Naturrecht und natürliche Theologie im Protestantismus 1933

Rezensent:

Schian, Martin

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Seite 1

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105

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 6.

106

Kletler, Paul: Johannes Eriugena. Eine Untersuchung über d.
Entstehung d. mittelalterl. Geistigkeit. Leipzig: B. O. Teubner 1031.
(IV, 63 S.) gr. 8°. = Beitr. z. Kulturgesch. d. Mittelalters u. d. Renaissance
, hrsg. v. W. Qoetz, Bd. 49. RM 3.60.
Erigenas Verhältnis zu seinen Autoritäten ist schon
mehrfach dargestellt. Wenn aber hier den Beziehungen
des irischen Griechenschülers zu Gregor von Nazianz
und Maximus Confessor nachgegangen wird, so soll
damit zugleich eine geistige Bewegung in ihrem Lauf
aufgedeckt werden, die „die mittelalterliche Geistigkeit
in ihrer Eigenart begründet und bis in die Gegenwart
fortwirkt". Denn während die ausgehende Antike und
die mittelalterliche Scholastik von einer objektiv-dualistischen
, auf Weltverneinung gestimmten Welteinstellung
beherrscht war — so ist der Grundgedanke des Buches
—, hat Gregor von Nazianz den Weg zu einer subjektiven
Erfassung der Welt, zu dem aus der subjektiven
Einstellung erwachsenen Pantheismus und Symbolismus
des Mittelalters gewiesen. Die wichtigste Etappe auf
dem Siegeszug dieser Richtung, zugleich der Repräsentant
seines ganzen Zeitalters ist Erigena.

Nun wird man dem Verf. eine gewisse Vertrautheit mit
der Zeit Karls des Kahlen nicht absprechen dürfen und
hat hier für manche hübsche Schilderung und Anregung
zu danken; auch die Aufgabenstellung, den Elementen
der geistigen Welt Erigenas bei seinen Lehrmeistern
nachzuspüren, wird man auch dann nicht als verfehlt
ablehnen müssen, wenn sich herausstellt, daß keiner
der befragten Autoren die Besonderheit des selbstgewissen
Nachfahren schon erkennbar vorgebildet hat;
der behauptete positive Erfolg solchen Nachforschens aber
kann nicht in gleichem Maße anerkannt werden: das Resultat
scheint mir irrig. Gregor ist nicht mit seiner Gesamtleistung
gewürdigt, sondern auf isolierte Gedanken
und Sätze hin als Verkünder einer Weltanschauung in
Anspruch genommen worden, die ihm fremd ist. Wenn
der Festredner Motive des Feierns aus der Jahreszeit
hernimmt, um dann dem sichtbaren den geistigen Frühling
an die Seite zu stellen und eine Mahnung zu eigener
Erneuerung anzuschließen, so gibt der Glanz dieser
Rhetorik noch nicht das Recht, damit „jeden Zweifel
an der Richtigkeit der hier vorgetragenen Auffassung
von Gregors weltzugewandter Einstellung" niederzuschlagen
. Wo man die Nachwirkung Gregors wirklich
zu verfolgen imstande ist, führt sie in eine der von K.
behaupteten gerade entgegengesetzte Richtung. Makarius
nämlich, der als Vertreter der Gegenpartei genannt
ist, ist kein Neuplatoniker — ich muß damit einen
durch meine eigene Schrift über Erigena verschuldeten
Irrtum richtig stellen! —, gehört vielmehr als Schüler
des Euagrius Pontikus, der seinerseits den großen kappa-
dokischen Theologen zum Lehrer hatte, in den Umkreis
Gregors unzweifelhaft mit hinein!

Im übrigen verweise ich auf meine Besprechung des Kletler'schen
Buches in der Historischen Zeitschrift.

Göttingen. H. Dörries.

Steubing, Lic. Hans: Naturrecht und natürliche Theologie
im Protestantismus. Göttingen: Vandenhoeck 8z Ruprecht 1932.
(161 S.) gr. 8°. = Stud. z. systemat. Theologie, hrsg. v. A. Titius u.
G. Wobbermin, H.H. RM 7.50.

Das Verdienst dieser Arbeit besteht vor allem darin,
daß sie die Frage nach dem Naturrecht in dem Zusammenhang
behandelt, in dem sie allein richtig gesehen
werden kann: im Zusammenhang mit dem Recht der
natürlichen Theologie. So sind denn zwar die einleitenden
Abschnitte über die geschichtlichen Wurzeln des
Naturrechts, über Naturrecht und positives Recht, über
die Deduktion des Naturrechts (Untersuchung vom erkenntnistheoretischen
Standpunkt aus) sehr instruktiv
und nützlich; aber das Schwergewicht liegt auf der Erörterung
des Verhältnisses von Naturrecht und Evangelium
und namentlich auf der fast die Hälfte der Schrift
füllenden Untersuchung über Naturrecht und natürliche
Theologie. Hier kommt die Frage einer natürlichen
Theologie im Protestantismus mit allen ihren Verzweigungen
zu klarer umfassender Beleuchtung. Vf. weist
nach, daß im Protestantismus eine natürliche Theologie
nicht möglich ist. Naturrecht ist nur dort möglich, wo
die Vernunft als ausreichend für den Glauben gilt.
I Daher ist das Naturrecht zwar für die rationale Be-
I trachtungsweise des Katholizismus tragbar, nicht aber
j für den Protestantismus, der daran festhalten müsse,
daß weder seine Gotteserkenntnis noch die daraus sich
j ergebende Richtschnur seines Handelns rein rationaler
| Art sein können. Christlicher Glaube hat seinen einzigen
Grund in der geschichtlichen Gottesoffenbarung
durch Jesus. Räumt St. sonach mit dem Naturrecht
grundsätzlich auf, so gesteht er der natürlichen Theologie
und im Zusammenhang damit dem Naturrecht
doch ein gewisses „Wahrheitsmoment" zu: auch in Vernunft
, Gewissen, Natur und Geschichte sind Gottes
I Spuren zu finden; auch außerhalb der Schrift gibt es
Normen, die als göttliche Normen und ewige Gesetze
erscheinen. Aber diese Normen haben nur deshalb Geltung
, weil sie sich durch die Offenbarung in der Heilsgeschichte
als Gottes Willen bezeugen (S. 131ff). Die
sehr klar vorgehende Abhandlung ist mit reichen geschichtlichen
Nachweisungen und Einzelausführungen
durchsetzt; sie wird aber dadurch keineswegs unübersichtlich
, In diese geschichtlichen Darlegungen werden
ältere wie neuere Philosophen und Dogmatiker einbezogen
: von katholischer Seite namentlich Thomas, von
evangelischer Seite die Reformatoren, ganz besonders
die Aufklärung, von den Jüngsten Wünsch und Piper.
Ein Namenregister wäre unter diesen Umständen nützlich
gewesen. Die klar folgernde Arbeit stellt das Problem
so scharf, daß Niemand künftig an ihr vorübergehen
kann. Sie muß auch auf juristischer Seite Beachtung
finden.

Joh. Gerhard ist nicht mit dt zu schreiben (S. 30); der Verfasser
der Dogmatil« der ev.-luth. Kirche hieß Schrnid, nicht Schmidt (S. 78).
Breslau._M. Schi an.

Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung.

In Gemeinschaft m. O. Becker, M. Geiger, M. Heiddegger,
A. Pfänder hrsg. v. Edmund Husserl. Bd. 9. Halle a. S.: M.
Niemeyer 1928. (x, 498 S.) gr. 8°. RM 30-; geb. 37-.

Das vorliegende, umfangreiche Jahrbuch ist dem
Thema der Geschichtlichkeit und der Zeitlichkeit gewidmet
. Drei umfangreiche Arbeiten füllen den Band. Fritz
Kaufmann - Freiburg i. Br. behandelt „Die Philosophie
des Grafen Yorck von Wartenburg". Ludwig Land-
grebe-Freiburg i. Br. analysiert „Wilhelm Diltheys
Theorie der Geisteswissenschaften". Den Schluß bilden
Vorlesungen von Edmund Husserl zur Phänomenologie
des inneren Zeitbewußtseins.

Kaufmann beginnt mit einer kurzen Exposition
der „Faktoren und Fakten der Yorckschen Entwicklung".
Er skizziert die christliche Geschichtsphilosophie des
Schelling-Schülers B r a n i ß, der im Gewände idealistischer
Spekulation die Weltgeschichte dennoch als Tatsache
des Bewußtseins und vom Boden des Bewußtseins
aus verstehen will, der die „Heimkehr zu Gott" nicht
spekulativ ableitet, sondern als freie Tat der Gnade anerkennt
und der die Rückkehr zu Gott nicht als Erhebung
des Einzelindividuums über die Welt, sondern
als geschichtliches Hineinleben des menschlichen Geschlechts
in die universale Weltwirklichkeit deutet. Dieser
christlichen Geschichtsphilosophie zur Seite stellt
Verf. die einzig zu Lebzeiten Yorcks veröffentlichte
Jugendarbeit desselben über die Katharsis in der griechischen
Tragödie: „Die Katharsis tröstet ekstatisch den
antiken Menschen über seine Gottverlassenheit hinweg".
Damit ist der Gegensatz der griechischen und der christlichen
Welt zum Ausgangspunkt gemacht. Yorcks Denken
gilt fernerhin der geschichtlichen Grunderfahrung
des christlichen Lebenszusammenhangs. Mit ungemeiner
Eindringlichkeit zeigt der Verf., wie Yorck gerade mit
dieser konkret geschichtlichen Bindung die Weite des
geschichtlichen Umblicks, wie Dilthey ihn übte, verbindet
.