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Ausgabe:

1933 Nr. 5

Spalte:

89-90

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pallis, Alex

Titel/Untertitel:

Notes on St. Mark and St. Matthew. New Edition 1933

Rezensent:

Schütz, Roland

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89

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 5.

90

durch das religiöse Denken erst ein klares I
Gotteswort ergibt".5 Ebenso S. 109, daß „die |
Deutung selbst als Spruch oder Wort Jahwes ins Bewußtsein
tritt". Die „Zusammenfassung" am Schluß j
bringt das alles (S. 127) noch einmal zu kurzem, klarem '
Ausdruck.

Das aber klingt doch, da eine Deutung nur bewußt
vollzogen werden kann, als wenn nach Haeussermann's
Meinung bei jedem „Wort Jahwes" der Prophet bewußt j
beteiligt wäre, als wenn jedem Worte Jahwes ein „inneres
Erlebnis" — Antrieb zu einer Handlung, Bild, Vision
— vorausgegangen sein müßte und zu Grunde läge,
das nun in diesem Gotteswort seine Deutung durch den
Propheten und damit seinen klaren Ausdruck fände. In- i
dertat wird in dem langen Verzeichnis auf S. 112 f. jeder
„Jahwespruch", der sich an ein solches „Erlebnis" anschließt
, als dessen „Deutung" gebucht. Daraus muß
man doch wohl folgern, daß H. in den zahllosen Fällen,
wo ein Jahwewort nur als solches, ohne ein derartiges
Erlebnis, auftritt,als seine Grundlage dies Erlebnis postuliert
, das der Prophet für sich behalten hätte. Das sagt
er nirgends; aber ist es nicht seine Meinung, so hätte I
er doch dieser ziemlich unumgänglichen Folgerung ausdrücklich
vorbeugen sollen. Jedenfalls hat bei ihm, nach
seinen psychologischen Anschauungen, das „Visuelle"
vor dem Auditionellen, Symbol und Vision vor dem
Worte, bei weitem den Vorrang, und darus erklärt sich
dann vollends der Aufbau seines Buches vom ersten
Anfang an. Nun ist aber doch, wenn H. S. 78 f. in
Jesajas Berufungsvision die Reden der Sarafe und Jahwes
als Audition in die Ekstase anerkennt, nicht zu
verstehen, warum die Audition als solche, auch ohne begleitende
Vision, nicht gelten soll. Dafür, daß dem
Worte in dem Offenbarungsempfang eine so sekundäre
Stelle eingeräumt, der bewußten Mitwirkung des Propheten
eine so starke Beteiligung daran zugewiesen wird,
würde man gern eingehende Gründe und Beweise hören.

Ich komme zum Schluß. Die entscheidende Frage ist
doch für uns Theologen, ob der Prophet wirklich
Offenbarungen von Gott erhalten hat, oder ob dieses
sein Bewußtsein auf Selbsttäuschung beruht und alles,
was er bietet, seiner eigenen Seele entstammt. Diese
Frage fällt füglich zusammen mit der nach einem lebendigen
und persönlichen Gott: gibt es den, so kann
er sich auch mitteilen und offenbaren, und daß er sich
dafür seine Boten in den Propheten erwählte, kann
nicht Wunder nehmen. Da sich die Mitteilung in der
menschlichen Seele vollziehen mußte, versteht sich Beteiligung
der menschlichen Persönlichkeit von selbst.
Damit ergibt sich zweifellos eine vielfache Abstufung j
der Gottesnähe, auch bis zur vollen Selbsttäuschung, bis .
zu dem, was Haeussermann (S. 105 ff.) „Falschdeutung"
nennt, bis zu den prophetischen Gegnern eines Jeremia j
und Hesekiel. Für die Unterscheidung zwischen echter |
und falscher Prophetie müssen Deuteronomium und Jeremia
Anweisung geben, und für uns gilt einfach unsres
Herrn Wort: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen."
Sehr habe ich mich gefreut, als ich ganz vor kurzem
dieser sehr einfachen, wenn man will kindlichen Auffassung
auch bei Ludwig Köhler begegnete (Theol.
Rundschau IV. 4, S. 208): „Die Propheten sind die
Boten Gottes. Sie haben seinen Auftrag erhalten, seine
Worte auszurichten. Wie man sich dies psychologisch I
erklären und vermittelt denken will, wenn man es über- I
haupt will, ist eine Frage für sich."

Auch Haeussermann weiß, daß er ein „Geheimnis" !
übrig lassen muß (S. 41), „den eigentlichen Ursprung
des Wortes, welcher der Psychologie unzugänglich ist,
den aber der Prophet meint, wenn er sagt: ,Und Jahwe
sprach zu mir'" (S. 128). Für das aber, was er uns
bietet, sind wir großen Dank schuldig, auch da, wo es j
zu neuen Fragen Anlaß gibt.

Marburg.____Karl Budde.

Pallls, ~Mex.: Notes on SfMark and St MatthewTNew Edition. !
London: Oxford University Press 1932. (XII, 109 S.) 8°. 3 sh.

Der Verfasser gibt eine große Reihe von Noten im

Stile Wellhausens zu den beiden ersten Evangelien
. Er will zeigen, daß die Texte genuin griechisch
sind und sich keinesfalls als Übersetzungen von aramäischen
oder lateinischen Urtexten verstehen lassen. Die
Beobachtungen sind eine willkommene Ergänzung zu
unseren Kommentaren. Denn der Verf. ist durch klassische
Studien geschult. Daß unter vieles Interessante
auch Zweifelhaftes untergelaufen ist, nimmt man in
Kauf. Z. B. Mk. 10, 20 statt ryäm)OEv dnep die suspect
reading f)Ydf>uvev uüxm wie Dan. 6, 23. Ob wirklich hinter
üx(höuc Mark. 1, 6 yu;u? steckt, woraus durch frühes Verlesen
oi'oac geworden sei, und ob die ägyptische Pflanze
xoXoxarüx gemeint ist, deren Wurzeln und Bohnenfrüchte
eßbar waren?

Unangenehm für das Auge ist die falsche Schreibweise
'iEoouoodVr'ni mit Spiritus asper statt Ieoovae&Tjn =
Dbvj-rr s. m. Aufsatz in ZNW. XI 1910 S. 109 ff.
IeQovoakTiM und IeooroXtii1«. Ferner A. T. Robertson
(Louisville) - H. Stocks: Kurzgefaßte Grammat. des
N.T. Griechisch Lpz. 1911 S. XV.

Kiel. Roland Schütz.

1. [Müntzer, Thomas:] Thomas Müntzers Briefwechsel. Auf
Grund d. Handschriften u. ältesten Vorlagen hrsg. V. Heinrich Böhm er t
u. Paul Kirn. Leipzig: B. G. Teubner 1931. (XI, 107 S.) gr. 8°.
= Schriften d. Sachs. Komm. f. Gesch. Bd. 34. RM 9— ; geb. 11—.

2. Bossert, Pfr. i. R. D. Dr. Gustav: Quellen zur Geschichte der
Wiedertäufer. I. Bd.: Herzogtum Württemberg, hrsg. v. seinem
Sohne G. Bossert. Leipzig: M. Heinsius Nachf. Eger 8t Sievers 1930.
XVI, 11* u. 1199S.) gr. 8°. = Quellen u. Forschgn. z. Reformations-
gesch. hrsg v. Verein f. Reformationsgesch. Bd. XIII. RM 80—.

3. Loserth,j.: Quellen und Forschungen zur Geschichte der
oberdeutschen Taufgesinnten im 16. Jahrhundert. Pilgram
Marbecks Antwort a. Kaspar Schwcnckfelds Beurteilung d. Buches d.
Bundesbezeugung v. 1542. Wien: C. Fromme in Komm. 1929. (XI,
592 S.) gr. 8°. RM 25—.

1. Deutlicher noch als seine Bücher lassen die Briefe
Müntzers erkennen, welche seiner Gedanken dem gedankenreichsten
unter den Schwärmern des Reformationszeitalters
besonders nahe gelegen haben. Ihr Wirksamwerden
bis hin zum schaurigen Ende tritt in scharfen
Augenblicksbildern daraus hervor. Daß die Briefe erhalten
geblieben sind, ist zunächst Müntzer selbst zu danken
, der sie sorgfältig verwahrte und aus dessen Nachlaß
die hier vereinigten zumeist stammen. Sind die einzelnen
Stücke zum großen Teil schon früher gedruckt, so besteht
das Verdienst der neuen Ausgabe doch nicht nur
in der Sammlung von verstreuten Blättern, sondern auch
in der sorgfältigen Revision, und in der Beigabe von Erläuterungen
. So sehr bedürfen die Texte weithin eines
Kommentars, daß man nur selten einmal einer Auskunft
auch entraten könnte, wie bei „an" = ohne, oder
„straffen" = tadeln, daß gelegentlich aber der Wunsch
nach weiterer Erklärung sich regt. Für manche Stellen
werden auch andere Leser genötigt sein, sich bei einem
Germanisten Belehrung zu erbitten, wie ich sie E. Schröder
verdanke. Was ist z. B. der „allerhulzeister" oder
„hunrotusse" babst, der „in der kolkarm" geboten hat?
Andernorts ist die vorgeschlagene Deutung anfechtbar.
„Ich will sie erwuchsen" (S. 63), wird statt als „erwischen
" als „erwürgen" erklärt; „zu vorn thunen" (S.
149), das ein „Vorstrecken" der Nase bedeuten wird,
ist vom Herausgeber als ein „vorthumen" ( verurteilen)
aufgefaßt. Auf Seite 62 gibt nur die Wendung: „geringes
Herz solt yr nicht scheppen", einen Sinn, nicht der
Komparativ „geringer"; es wird heißen: „Leichtfertigkeit
schöpfen", leichtsinnig werden. Ob in der Adresse
des ersten Briefes das „peken" nach Thome in „pecu-
niarii" aufzulösen ist und also das gewöhnlichere „mone-
tarii" (Müntzer) vertreten soll?

Nur ganz gelegentlich macht sich geltend, daß ein
Nichttheologe die Ausgabe fertiggestellt hat. So wurde
in Müntzers interessantem Prager Anschlag ein Zitat
aus der Theologia Deutsch nicht als solches erkannt, und
deshalb eine Falsche Lesung aufgenommen. Es muß
auf S. 143 statt das „unvolkomene"' vielmehr das „vol-
komene" heißen, wie denn auch die lateinische Fassung
bestätigt: „totum vel perfectum, quod unicum est metrum