Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1933 Nr. 4

Spalte:

79-80

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Seeberg, Erich

Titel/Untertitel:

Staat und Religion 1933

Rezensent:

Usener, Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

79

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 4.

80

Die Stärke der kleinen Skizze ist die dialektische
Klarheit, mit der die geschichtliche Wirklichkeit zergliedert
wird. Das Anschauungsmaterial wird zumeist
der Schweizer insbesondere der Berner Geschichte entnommen
. Wenn es freilich heißt (S. 61), daß die Kirche
den Staat besser verstehen müsse, als er sich selbst versteht
, und daß sie ihn ernster — und das heißt in gewissen
Fällen weniger ernst — nehmen müsse, als er
sich selbst nimmt, so ist damit auch auf die Fülle von
Reibungsflächen hingewiesen und hier liegt zugleich auch
eine Grenze um nicht zu sagen Schwäche der Schrift.
Denn die praktische Frage, wie weit sich der Staat dieser
Verkündigung unterordnet und was zu geschehen hat,
wenn sich der Staat gegen den auctor legis empört,
liegt außerhalb des Gesichtskreises des Buches. Es
schließt mit dem an sich richtigen Satz: „Es wird nur
die Kirche den Staat zur Erkenntnis seines Auftrages
bringen können, um Wesen und Grenzen der Staatlichkeit
wissen, die ihrem Auftrage gemäß zu handeln wagt,
die nicht Religionsgesellschaft, sondern wieder Kirche
ist" und läßt damit allerhand Fragen zur Kirche insbesondere
auch nach ihrer Lehrautorität offen.
Wittenberge.____ Wilhelm Scholz.

Seeberg, Erich: Staat und Religion. Tübingen: J. C. B. Mohr
1932. (32 S.) gr. 8°. = Sammlung gemeinverständl. Vorträge und
Schriften a. d. Gebiet d. Theologie u. Religionsgesch., 159.

RM 1.90; in Subskr. 1.20.
Von dem uralten Gegensatz zwischen Königtum und
Priestertum ausgehend stellt S. die Frage, ob nicht der
Verlauf so sein wird, daß schließlich die Religion neutralisiert
und beseitigt wird, nachdem sie ihren vorbereiten^
den Dienst für das Wirken des Staates erfüllt hat. Nach
kurzem geschichtlichen Überblick über das Verhältnis der
beiden werden die Gedanken erörtert, die dahinter
stehen. „Denn zäher als das Geschehen ist der Gedanke
, er verbirgt sich in den Geschehnissen, um sie zu
bestimmen, er verschwindet, um wieder zu kommen, er
stirbt, um als Formel zu bleiben." Das Rückgrat der
katholischen Gesellschaftslehre, das Naturrecht, durchaus
wirklichkeitsnahe, hütet Gottes Autorität, die franziskanische
Metaphysik mit der Lehre von „den zweiten Ursachen
" konnte die Eigengesetzlichkeit der staatlichen
Ordnungen weiter fassen. Luthers soziologische Grundkategorie
ist nicht der Staat, sondern die Kirche, der
Staat bei ihm noch nicht geformtes Leben, sondern Repräsentant
der Obrigkeit. Ihr, die große kulturelle Aufgaben
hat, auch für die Kirche, gebührt der Gehorsam,
der immerhin seine Grenzen hat. Seit der französischen
Revolution Säkularisation, Emanzipation des Lebens,
nicht nur in bezug auf Religion und Kirche. Es scheint
so, als ob das europäische Bewußtsein, das in der Verarbeitung
der griechischen und christlichen Antike Selbstbewußtsein
geworden ist, mit der Tradition so weit fertig
geworden ist, daß nur das eigene punktförmige Ich
übrig geblieben ist, das die Tradition als etwas Fremdes |
empfindet und sie wieder abstoßen will. Aber andrer- I
seits kommt die allgemeine geistige Strömung im Gegen- |
satz zur politischen Wirklichkeit und der Ideenwelt der
Masse der Religion durchaus entgegen, auch durch Abstoßung
des Materialismus und Positivismus. Dazu
habe den Weg bereitet die Kulturkritik Nietzsches, die
Lebensphilosophie, von Dilthey begründet, die Renaissance
des Idealismus, die aber über den Idealismus hinausführt
und zur Metaphysik drängt, in diesem Zusammenhang
wird auch Heideggers Existenzialphilosophie
genannt, die wieder nach dem Sinn des Lebens fragt,
nicht nur nach dem So oder So Sein. In dieser Situation
hat der Katholizismus einen mächtigen Auftrieb
empfangen, nicht nur durch äußere geschichtliche Ursachen
, auch durch seine geistige und karitative Lebendigkeit
, durch die bezaubernde Wirkung seines Kirchengedankens
in einer Welt der Großstadtkultur, der Vereinzelung
des Menschen in der Masse. Und nun, was hat
die evangelische Kirche, die ihren Schatz in irdischen Gefäßen
trägt? 1. Die bürgerliche Sitte, deren Bestehen
als Wirkung subjektiver Arbeit S. sehr hoch schätzt, vielleicht
ein wenig überschätzt; 2. eine wirkliche Theologie,
die geschieden wird a) in die religionsgeschichtliche, b)
die an Luther anschließende mit Erneuerung des Rechtfertigungsgedankens
, die Verbindung mit der Philosophie
wahrend; 3. die dialektische Theologie, nach einer kulturfrohen
Epoche als Protest wertvoll, aber weil vielfach
die Korrelation von Wort und Glaube außer acht
lassend, zur Scholastik führend. Dann behandelt S. die
Frage: Wie soll das Verhältnis von Kirche und Staat
sein? Staat ist geformtes Volk, Kirche geformte Religion
. Die Kirche versteht man nicht nur von der soziologischen
Betrachtung aus. Drei theologische Pfeiler
hat der Kirchengedanke: 1. Die Kirche ist der Leib
Christi, in ihr setzt sich die Menschwerdung Christi
fort, nicht statisch, sondern dynamisch. 2. Die wahre
Kirche ist auch in der Kirche in der Minorität. 3. In der
Kirche offenbart sich Gott nicht in seinem Ansichsein,
sondern in seinem Wort. In den Abschnitten: was hat
der Staat für ein Interesse an der Religion und die Religion
am Staat, werden die Konsequenzen gezogen. Hier
wird der Kirchenvertrag besprochen, der mit Stutz für
die Kirche als sehr hoch bewertet wird, „dadurch ist
die Kirche über die Korporationen des öffentlichen
Rechts herausgehoben und als Kirche anerkannt". Die
Bedenken gegen das Einspruchsrecht der Kirche bei der
Besetzung der theologischen Professuren weist er m. E.
mit Recht zurück und nennt die Behauptung, auch die
theologischen Fakultäten seien kirchliche Behörden, „getarnte
Ideologie", während er m. E. den Bedenken gegen
die sogenannte politische Klausel nicht gerecht wird.
Pouch bei Bitterfeld. Wilhelm Usener.

ANTIKE

PORPHYRWERKE

Von Richard Delbrueck

Mit 122 Textabbild, und 112 Tafeln. Quart.
XXIX, 245 Seiten. 1932. Geb. RM 175.—

Studien zur spätantiken Kunstgeschichte, Bd. 6

Die vorliegende Veröffentlichung gibt in einer Einleitung
einen historischen Überblick über die Bedeutung und Verwendung
des Porphyrs, dieses symbolischen Gesteins der
Majestät, das im Altertum bei den Ptolemäern und römischen
Kaisern und später bei den Byzantinern und Staufern bis
zur Neuzeit häufig Verwendung gefunden hat. Ein Katalog
bezeichnet möglichst vollständig die bekannten antiken
Porphyrwerke, darunter Stücke von hohem Rang, wie die
beigegebenen Abbildungen zeigen. Das hier erstmalig
zusammengefaßte Material ist von großer Bedeutung
für Archäologen, Kunsthistoriker, Historiker und
— da der kaiserlich-römische Porphyrluxus später von der
christlichen Kirche übernommen worden ist — auch für
Kirchenhistoriker.

Verlag Walter de Gruyter & Co./Berlln W10

Genthlner Str. 38 V@/

Die nächste Nummer der ThLZ erscheint am 4. März 1933.

Verantwortlich: Prof. D.W. Bauer in Göttingen, Düstere Eichenweg 46.
Verlag der J. C. Hinrichs'schen Buchhandlung in Leipzig C 1, Scherlstraße 2. — Druckerei Bauer in Marburg.